Eduard Baltzer (1814-1887)
Woher
er kam und wohin
er ging (von Dr.
Reinhold Braun)
Napoleon saß auf Elba, und der Wiener Kongreß
tanzte. Zu dieser Zeit kam am 24. Okt.1814 im protestantischen Pfarrhaus
zu Hohenleina, einem kleinen Dorf unweit von Leipzig, Eduard Baltzer zur
Welt. Goethe stand damals auf dem Gipfel seines Ruhmes, Schopenhauer hatte
gerade promoviert und Darwin war ganze fünf Jahre alt. Man bewegte sich zu
Fuß oder mit dem Pferde fort, es schnaufte noch keine Eisenbahn durchs Land.
Das ist in aller Kürze der geschichtlich-kulturelle Rahmen, in den Baltzer
hineingeboen wurde. Er war das fünfte Kind des Pfarrers von Hohenleina. Wer
in seinen ERINNERUNGEN liest, sieht den Pfarrhof vor sich: den Ententeich,
die zwei Pferde, die Kühe, den Knecht und die Mägde, die die Landwirtschaft
besorgten. "Ein Blick durch die Südfenster aber fiel ins Grüne", schreibt
er, "und da genossen und ernteten die dankbaren Enkel, was der sinnige Großvater
gesät hatte. Köstliche Trauben umrahmten die Fenster, goldige Aprikosen und
saftige Birnen reiften im Garten." In dieser beneidenswerten Idylle verbrachte
Eduard Baltzer seine frühen Jahre.Und dann mit dreizehn
Schulpforta! Das millitärisch strenge Bildungsreglement der alten Klosterschule!
- Nebenbei: Genau dreißig Jahre später schlossen sich die gleichen Tore hinter
einem anderen Zögling aus evangelischem Pfarrhaus: Friedrich Nitzsche. Diese
Tatsache sei erwähnt der umfassenden humanistischen Bildung wegen, die dieser
Ort vermittelte. Auch der Freund und Mitschüler Nitzsches, nämlich Paul Deussen,
muß aus gleichem Grunde genannt werden. Er hat später die Upanischaden aus
dem Sanskrit ins Deutsche übersetzt und gründete die Schopenhauer-Gesellschaft!
Kein Zweifel, Schulpforta hat Bedeutung im deutschen Geistesleben. Unvergleichbar
damit die Gymnasialbildung unserer Zeit.. Hier, in der berühmtesten der drei
sächsischen Klosterschulen, empfing Eduard Baltzer von 1828-1834 die Grundlagen
seiner humanistischen Bildung, und zeitlebens hat er dieser Schule mit Dankbarkeit
gedacht: "Wir lebten in der Tat in einem modernen Kloster. Die Welt draußen
existierte für uns nicht. ( ...) Die Abgeschiedenheit von der zerstreuenden,
verführerischen Außenwelt war allerdings geeignet, das Leben der Innerlichkeit
zu nähren und zu stärken", schreibt er ein halbes Jahrhundert später. -
1834 wurde Baltzer Studiosus in Leipzig und belegte die Fächer Theologie
und Philosophie. Es war der Wunsch des Vaters, daß er Theologe werde. Mit
der Philosophie hielt er sich aber noch die Tor zur Mathematik offen, zu
der er sich damals stark hingezogen fühlte. Verständlich: Das unabhängige,
freie Studentenleben brachte ihm, dem in der Abgeschiedenheit Herangewachsenen,
viele neue Eindrücke. Eines mochte er jedoch nicht: den feucht-fröhlichen
Kommers. Bald schon hatte er üble Erfahrungen dabei gemacht und war "geheilt
für immer". - Von Vegetarismus bei Baltzer aber noch keine Spur. - 1836 entschied
er sich endgültig für die Theologie und ging nach Halle, um sein Studium
an einer preußischen Universität fortzusetzen. Mit Fleiß verfolgte er dort
sein Ziel. Zuzeiten aber brach er aus, sattelte und ritt zum Bruder nach
Zwochen oder sprengte gar bis nach Hohenleina zu kurzem Besuch im Vaterhaus.
Das bedeutete zehn Stunden Ritt, wenn er noch am gleichen Tag in Halle sein
wollte! Was für eine Zeit! Und doch schon so nah der unseren, der zerschundenen,
der hastigen, ruhelosen!Nach dem Examen (1838)
wünschte der Vater ihn zu sich als Vikar. Es kam nicht dazu. Der Vater starb
plötzlich, und die Ereignisse überstürzten sich. Der Pfarrhof von Hohenleina
ging verloren. 80 Jahre hatte er zur Familie gehört. - 1841 sehen wir Eduard
Baltzer als Diakonus und Hofprediger in Delitzsch wieder. Er heiratet, seine
Frau schenkt ihm eine Tochter und stirbt am Kindbettfieber. Verzweiflung
und Melancholie suchen seine Seele heim. Noch im Jahr darauf ist er in so
schlechter Verfassung, daß seine Delitzscher Kollegen ihn zu einer Erholungsreise
drängen. "Es geschah - am 11.Juni reiste ich ab nach Rügen", heißt es in
seinen ERINNERUNGEN. "Zum ersten Mal sah ich Berlin ... In Stettin sah ich
zum ersten Mal eine Hafenstadt, besuchte die Jakobikirche ... Es war gerade
Millitärgottesdienst, und der Prediger bewies dem gläubigen Publikum haarscharf,
daß die Liebe Gottes uns auch nötige, uns im Kriege totzuschießen. Ich hatte
genug und ging ... "Auf Rügen begegnete
er den Königen von Preußen und Dänemark, die - wie er erst bei seiner Ankunft
erfuhr - in Puttbus ein Treffen vereinbart hatten. Bei dieser Gelegenheit
sah er auch Alexander von Humboldt. Warum das hier erwähnt wird? Weil so
etwas damals ein großes Ereignis war! Und weil Baltzer seine Ankunft auf
Rügen dessen ungeachtet so beschreibt: "Der freundliche Hafen von Puttbus
nahm mich auf in seinen Schoß. Im Parkhaus sah ich das erste Mal die Victoria
regia blühen und wanderte nun durch die berühmte Insel ... Dies einsame Majestät
der Natur war mir wahlverwandt ... Der Küstensaum an der Wassergrenze war
so weich, die kleinen Wellen zischten so flach hin auf dem festen, feinen
Sand, da zog ich die Schuhe und Strümpfe aus..." Er kehrt nach Delitzsch
zurück und fühlt, daß ihm diese Reise wohlgetan hat.1844 heiratet er Luise
Reil. "So war denn meine Häuslichkeit neu begründet, das Gemüt beruhigt und
meine Kraft einem Amte von neuem gewidmet, das meinem Ideale entsprach..."
- Baltzer wurde jedoch in den sogenannten Agende-Streit verwickelt, der insbesondere
in Preußen seinerzeit den protestantischen Geistlichen schwer zusetzte. Es
ging um die Einengung der liturgischen Freiheit. Baltzer ließ sich die Freiheit,
unter der er angetreten und Pastor geworden war, nicht nehmen. Schließlich
erklärte er dem Konsistorium noch im gleichen Jahr, daß er in der evangelischen,
preußischen Landeskirche nicht mehr die Kanzel besteigen werde. Er zog nach
Nordhausen, wo er Prediger der dort neugegründeten freien, also von der Landeskirche
und Staatsgewalt unabhängigen Gemeinde wurde. Hinter diesen wenigen, nur
skizzierenden Worten steckt ein reichhaltiges Geflecht persönlicher Schicksalslinien,
wie der Leser sich denken kann. Resümierend beschreibt Baltzer: " Mir persönlich
war über alle Zweifel erhaben, daß das oberste Prinzip des Christentums und
des Protestantismus' nur ein ethisches ist, immer gewesen ist und immer sein
wird.Welche sonstigen dogmatischen
Ansichten der Mensch oder die künftige Gemeinde haben mögen, diese müßten
der Ethik untergeordnet sein; denn ohne diese ist kein Heil, kein Friede,
keine Ewigkeit und kein Evangelium möglich ..." - Von Vegetarismus aber bei
Baltzer noch immer keine Spur. Sein Wirken in Nordhausen wird getragen von seiner tiefen christlichen
Gläubigkeit. Der Leser muß sich dabei immer wieder die Zeit vorstellen! Die
Zwänge dieser Zeit und ihre gnadenlosen gesellschaftlichen Klammern! Baltzer
mußte für seine Familie sorgen, für sein Kind und dessen neue Mutter, und
er entschied sich dennoch für diesen Weg! Ein Weg, der voller Unsicherheiten
und Risiken steckte. Seine heißgeliebte junge Frau Luise schrieb ihm nach
diesem Entschluß in sein Tagebuch: "Ich folge Dir in die Wüste, durch Stürme
folg' ich Dir nach, Ich folge dir zur Küste des Meeres in dunkle Nacht, Ich
folge Dir Verbanntem, ich folge Dir zur Schmach, Ja selbst wenn Engel mich
riefen, so folgt' ich doch einzig Dir nach." Unmöglich hier
jetzt ins Einzelne zu gehen. Eduard Baltzer gibt der freien protestantischen
Gemeinde stärkste Impulse und wird trotz privater und öffentlicher Anfeindungen
bald Stadtverordneter. Dem Kern der Bürgerschaft imponiert sein furchtloses
Auftreten und seine wahrhaftige, tiefe Frömmigkeit. - 1848, im Jahr der
europäischen Revolutionen, sitzt er im Vorparlament in der Frankfurter Paulskirche!
Kurze Zeit darauf schickt ihn der Kreis Nordhausen in freier Wahl als Abgeordneten
zur konstituierenden Nationalversammlung nach Berlin. Es geht um die "Vereinbarung
einer Verfassung für Preußen mit der Krone Preußens". Hier Baltzer's politisches
Ziel: "Meinen Wählern hatte ich vor der Wahl öffentlich erklärt, daß ich
grundsätzlich Republikaner sei, und daß ich, wenn sie mich wählten, dahin
wirken würde, die Vorzüge republikanischer Staatsverfassung, so weit möglich,
mit der konstitutionellen Monarchie zu vereinen." Auf
einem kurzfristigen Urlaub daheim wird er anläßlich eines politischen Vortrages
im nahen Ellrich von verhetzten und betrunkenen Gegnern so brutal zusammengeschlagen,
daß er bis ins hohe Alter an den Folgen seiner Verletzungen zu leiden hat.
Seine Ziele und sein tapferer Einsatz dafür bleiben natürlich davon unberührt.
Dennoch, die parlamentarische Arena befriedigte Baltzer nicht, obwohl er
immer wieder von Freunden gedrängt wurde, in dieser Sphäre seinen eigentlichen
Beruf zu suchen. Seine Erfahrungen rieten ihm jedoch das Gegenteil: "Ich
hatte nicht nur hinter die Kulissen geblickt und gesehen, wie die Regisseure
das politische Schauspiel arrangierten, ich hatte auch beobachtet, wie auf
diesem Felde fast alle und jede Identität verloren ging an niedere menschliche
Eigenschaften; das stieß mich ab, das begann mich aufzureiben. (...) Mein
ursprünglicher Beruf dagegen war ganz der idealen Seite des Lebens zugewendet,
der Religion, allerdings nicht dem zelotischen Dogmatismus, der die Kirche
beherrschte, sondern derjenigen, die dem Gemütsleben ethische Kraft und Reinheit
verlieh." - Halten wir fest, dieser Mann stemmte sich gegen die Diktatur
von Kirche und Staat und pochte auf das Recht, unter dem er als Priester
angetreten war. Er ließ sich nicht in vorgestanzte Schablonen zwingen und
vertrat seine christlichen Ansichten von Freiheit und Brüderlichkeit furchtlos
bis in höchste politische Gremien. Baltzer blieb
Priester und zog sich schließlich wieder ganz in dieses Amt zurück. Trotz
despotischer Verhältnisse in Kirche und Staat war sein Wirken in Nordhausen
außerordentlich segensreich. So wurde dort u.a. mit seiner Tatkraft der erste
Kindergarten Preußens ins Leben gerufen, auch eine Schule der freien Gemeinde
entstand. - Und nun, verehrte(r) Leser(in), nachdem Eduard Baltzer ein Alter
von 53 Jahren erreicht hatte, sind wir endlich an jenem Punkt seiner Lebenslinie
angelangt, der ihn für uns so bedeutsam werden ließ: Baltzer wurde Vegetarier!
Vegetarier mit Leib und Seele! Doch hören wir ihn selbst: "Es war zur Zeit des Böhmischen Krieges, als ein anscheinend unbedeutendes
Ereignis eintrat, welches mein Verhältnis zur Gemeinde einen Augenblick zu
stören drohte, meinem ganzen Leben und Streben aber eine neue Richtung, ein
harmonisches Kolorit verlieh - Bereits im Frankfurter Vorparlament hatte
ich Gustav Struve kennengelernt, von dem ich wußte, daß er grundsätzlich
kein Fleisch aß. Die politische Erregtheit jener Tage ließ es nicht zu, ihn
über solche Frage zu interpellieren. Jetzt besuchte mich ein mir unbekannter
Herr Neuhaus, der sein Herenhuter Predigeramt in Neudietendorf niedergelegt
hatte, weil er sich in dogmatischer Differenz mit der Gemeinde befand und
suchte Rat über seinen weiteren Lebensweg. Ich lud ihn zu Tisch ein; er lehnte
das aber ab; er wollte lieber, wenn meine Zeit es gestattete, nach Tisch
wiederkommen. Auf mein umso dringlicheres Zureden entschuldigte er sich damit,
daß er Vegetarianer sei und kein Freund von Verlegenheiten. Das bestimmte
mich, ihn nun erst recht festzuhalten, um über diese 'wunderlichen' Leute
näheres zu erfahren. Er ließ sich indeß auf diesen Gegenstand durchaus nicht
ein, und alles, was ich erreichen konnte, war, daß er ein Buch nannte, durch
welches man sich über diese Angelegenheit unterrichten könnte. Er nannte
mir die Schrift von Theodor Hahn. Herr Neuhaus wurde übrigens Photograph,
Mitglied unserer Gemeinde und lebte jahrelang in Nordhausen. Das Hahn'sche
Buch enthielt soviel historischen Stoff, daß mir für diese Frage jetzt Tür
und Tor aufgetan war. Ich las und ordnete mir die chaotisch hingeworfenen
Notizen zum System, in steter Berücksichtigung meiner eigenen Lebenserfahrungen.
Längst gewohnt, alle Grundsätze auf ihre Konsequenzen zu prüfen, machte ich
mir klar, welche ungeheuren Umwälzungen im Leben der Menschheit aus dem Vegetariansmus
fließen mußten, wenn die Welt ihn aufnahm. Eine neue materielle und geistige
Welt trat wie eine Offenbarung vor mein Auge. Aber ich sah auch, wenn ich
dieses neue Leben beginnen wollte, ich würde in schwere Konflikte kommen
mit der eigenen Familie, mit der Gemeinde, mit der Welt. Sie würde mich für
einen Narren halten, für einen Sektierer usw. Ich kam aber zu dem Resultate:
Da dies neue Leben; so wie ich es auffaßte, in allen Beziehungen vernünftig
ist, so mußt du es beginnen und durchführen, was auch geschehen werde. Nur
die Art und Weise war mir zweifelhaft und bedurfte eines ruhigen Überlegens.
Ich kam zu folgendem Ergebnis: Vor der Hand, und bis eine sichere eigene
Erfahrung mir die Richtigkeit des Systems bezeugen würde, wollte ich allein
durch mein Beispiel auf andere einwirken, nicht durch Wort und Schrift. In
der Familie sollte bezüglich der Diät nichts geändert werden; was ich bedurfte,
fand ich ja; was ich etwa Besonderes wünschen würde, wollte ich meiner Frau
sagen. In der Gemeinde, d.h. in den Vorträgen und im Jugendunterricht, kommt
die Sache nicht zur Erörterung. So legte ich den 26.Nov.1866 die Zigarette
für immer beiseite, aß nichts mehr, was von geschlachteten Tieren kommt,
ordnete mein physisches Leben nach den Regeln des Systems, soweit sie mir
zur Zeit klar waren, und kündigte das meiner Frau und Kindern an mit dem
Bemerken: Wenn sie wissen wollten, weshalb ich das täte, sollten sie mich
fragen oder vor der Hand das Buch von Th. Hahn lesen. Vier Wochen später
waren sie alle Vegetarianer. Es konnte nicht fehlen, daß die Sache aber doch 'auskam'. Meine nächsten
Freunde, L. Belitski und Selmar Müller, bemerkten und erfuhren die Sache
und fielen ihr alsbald zu. Durch meine Vorträge 'über die Arbeit' war damals
ein Männerbildungsverein zustande gekommen, der alle Wochen eine öffentliche
Sitzung mit Vortrag hielt. Eines Abends kam ich zu spät und setzte mich fern
vom Vorstandstisch an die Tür hin, um nicht zu stören. Als zum Schluß der
Versammlung die üblichen 'Fragekastenzettel' vorgelesen wurden, fand sich
einer mit der Frage: ob es wahr sei, daß es in Nordhausen Leute gäbe, die
grundsätzlich kein Fleisch äßen. Herr Belitzki saß am Vorstandstisch, aber
er schwieg, weil er wußte, daß ich z.Zt. noch nicht über die Sache sprechen
und gesprochen wissen wollte. Vor mir aber saß Dr.med. Riecke, der bat ums
Wort und verkündete den zahlreich versammelten: Als Arzt würde er davon wohl
gehört haben, wenn es wahr wäre; es würde wohl ein Mißverständnis und an
Leute gedacht sein, die armutshalber kein Fleisch äßen, weil sie keins hätten.
Da erhob sich der um den Verein hochverdiente Belitski und sagte, soviel
verdiene er wohl, daß er und seine Familie Fleisch kaufen könnten, aber er
müsse doch der Wahrheit die Ehre geben und bekennen, daß er zu den Leuten
gehöre, die grundsätzlich kein Fleisch äßen. Eine allgemeine Verwunderung
rauschte durch den Saal. Da konnte ich meinen Freund doch nicht im Stiche
lassen, bat ums Wort und sagte: "Auch ich gehöre zu den Leuten, die grundsätzlich
kein Fleisch essen." "Auch Sie?", rief Dr.Riecke mir entsetzt zu. "Ja, auch
ich." Heute sei es zu spät, wenn aber der Verein es wünschen sollte, zu wissen,
weshalb wir grundsätzlich kein Fleisch äßen, so sei ich bereit, in der nächsten
Versammlung darüber Vortrag zu halten. Mit großer Erregung nahm man den Vorschlag
an. So kam die Sache ganz gegen meine Absicht in die Öffentlichkeit, ehe
ich noch Zeit gehabt, sie gründlich zu bearbeiten. Es ist nicht hier der
Ort, den Fortgang der Sache ausführlich zu schildern. Das ist in der vegetarischen
Literatur ausgiebig zu finden. Hier ist nur am Platze zu sagen, welchen Einfluß
die Sache auf mein eigenes Leben gehabt hat. Gegenüber
der Gesellschaft aller Klassen galt es zunächst, uns selbst zu helfen, uns
selbst zu verteidigen. Zu diesem Zweck gründeten wir einen kleinen 'Verein
für natürliche Lebensweise' Ostern 1867, der sich alsbald nach Außen hin
erweiterte und sich zum 'Deutschen Verein für natürliche Lebensweise' umgestaltete.
Er hielt Jahresversammlungen und veranstaltete in den größten Städten zugleich
Propagandaversammlungen, in denen ich meistens den Vortrag übernahm. Das
periodische Blatt, 'Vereinsblatt für Freunde der natürlichen Lebensweise'
wurde das Vereinsorgan. Die vegetarische Literatur des Altertums mußte sozusagen
neu entdeckt werden; denn daß der Vegetarismus Grundlage der Bibel ist, wissen
ja heute noch nur verhältnismäßig wenige Menschen, geschweige, daß sie von
den Lehren des römisch-griechischen oder gar indischen Altertums oder der
englisch-amerikanischen Reform neuester Zeit Notiz genommen hätten. Ich wandte
nun alle Zeit und Kraft, die mein Amt mir ließ, jetzt diesen Dingen zu; denn
für mich selbst war diese Sache nicht nur Religion, sondern eine der Vorbedingungen
zur Lebenserneuerung der Gegenwart und aller Zukunft.Der Vegetarismus war
fortan ein fester Bestandteil von Baltzers Leben, und er widmete ihm jede
erdenkliche Aufmerksamkeit. Furchtlos, unbeirrt und überzeugend setzte er
sich für diese große Idee ein. Er zwang sie niemand auf und wirkte allein
durch sein Beispiel. Zahlreiche Bücher, Schriften und Aufsätze entstanden,
die Organisation Gleichgesinnter brachte dem Ideal neue Impulse, neue Gedanken,
neue Freunde. In seinem letzten Lebensabschnitt trafen ihn aber auch wieder
schwere Schicksalsschläge: Tod einer Tochter, Tod eines Sohnes. Zunehmend
litt er auch selbst unter körperlichen Schmerzen; eine späte Folge der inneren
Verletzungen aus dem Ellricher überfall. Schweren Herzens sah er sich daher
1881 gezwungen, sein Predigeramt in Nordhausen aufzugeben. Dreiunddreißig
Jahre hatte er diesem Ort sein Bestes gegeben. Nun zog er mit Frau Luise
nach Grötzingen bei Karlsruhe ins Haus der Tochterfamilie. Er nahm den nächtlichen
Schnellzug! Eine neue Epoche war längst angebrochen. Raum und Zeit hatten
zu schrumpfen begonnen. Freilich ahnte noch keiner, wohin das bald führen
sollte ... Auch im neuen Heim arbeitet Baltzer noch publizistisch für den
Vegetarismus: "Eine Art Trost war es mir, daß ich von meinem Berufe wenigstens
noch einige Rudera besaß, die ich mir nun für meinen Beruf zusammenstellte.
Das war die Leitung des Deutschen Vegetariervereins, die Herausgabe des Vereinsblattes
und meine schriftstellerische Tätigkeit, teils für die Nordhäuser Zeitung,
teils für den Vegetarierverein. Noch im Jahre 1883 wagte ich eine Reise nach
Zürich, um auf dem daselbst stattfindenden 14. Vereinstage den Vortrag zu
halten. Es ist der letzte gewesen, der mir vergönnt war."Am 24. September 1884
wird Baltzer zu einem Monat Festungshaft verurteilt, weil er in einem Leitartikel
der "Nordhäuser-Zeitung" den Kronprinzen indirekt angegriffen hat. Es ging
um die Hetzjagd, die darin unverblümt der Barbarei bezichtigt wird. Als Beispiel
dafür, wie groß die Macht der Gewohnheit sei, führte Baltzer den deutschen
Kronprinzen an, der "ohne Herzpochen" an solchen Jagden teilnehme. Das wurde
von der Strafkammer des königlichen Landgerichtes als Beleidigung seiner
Kaiserlichen Hoheit ausgelegt und brachte Baltzer noch einmal in arge Bedrängnis.
Eine Revision des Urteils war nicht möglich. Schließlich wurde ihm auf dem
Gnadenwege durch 'Kaiserliche Cabinetsordre' nach fast einem Jahr bedrückender
Ungewißheit 'voller Straf- und Kostenerlaß zuteil'. Baltzers Leben war
gelebt und begann auszubrennen. Am 24.Juni 1887 schloß er für immer die Augen.
In Durlach liegt er begraben.
[Auszug aus der Zeitschrift
"Der Vegetarier" Jan.87]
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