Geschichte:
»Meine vegetarischen Erfahrungen zu DDR-Zeiten«
Erinnerungen von Wolfram Löschke (Beitrag zur ´natürlich
vegetarisch 6/99, S. 17+18)
1950 in Berlin-Ost geboren und in einem Vorort Berlins aufgewachsen, wurde
mir der Konsum von mehr oder weniger direkten Schlachtprodukten als etwas
Normales dargestellt. Unser Großvater mütterlicherseits »schlachtete«
sogar manchmal ein Huhn oder Karnickel. Irgendwann begegneten mir Leute von
einer Evangelischen Kirche, die zwar sehr fromm zu sein vorgaben, von denen
ich jedoch niemanden zu diesen Fragen Stellung nehmen hörte. Und es
wunderte mich insgeheim, dass ich nach dem pflichtschuldigsten Verzehr von
Fleisch oft so müde und geistig noch träger wurde, als ich es eh'
schon war. Auch neigte ich zu ärztlich bescheinigten »Kreislaufstörungen«
und häufigen Katarrhen der oberen Atemwege und kalten Füßen,
Ohren und Händen, auf deren Ursache niemand wirklich zu sprechen kam,
obwohl unsere sonst fürsorgliche Großmutter uns etliche Male mit
Kräutertees, Inhalationsbädern und Umschlägen kurierte. Aber
wer redete von den wahren Ursachen? So kam mir manches Fragezeichen in den
Sinn, und verschiedene philosophische, auch christliche Lehren
wurden mir bekannt, die mich bewogen, alles
kritischer zu bedenken und nach Alternativen zu suchen. Mein damaliger Kirchenfreund
und guter Ratgeber, Erich Marquardt, riet mir damals wegen meiner damaligen
Lebenskrise, auf Pflanzenkost überzugehen und begründete es mit
C.G. Jung, von dem er sagte, jener hätte an der Berliner Charité
seine Patienten gewöhnlich auf vegetarische Diät ´gesetzt´
und damit gute Heilerfolge erzielt. Das ließ mich aufmerken, und bald
begann ich, die Schlachtprodukte zu meiden, trotzdem diese Ernährung
damals von keinem meiner sonstigen Bekannten und Verwandten praktiziert wurde.
Aber zunehmend fand ich Kontakte zu anderen Vegetarierinnen (z. B. einer
Pharmazieingenieurin, Frau S. Schimmel im Stadtteil Wilhelmshagen, und Herrn
und Frau Hanf, die Betreiber einer Blumenhandlung am »Waldfriedhof«
zu Berlin-Oberschöneweide, die nebst Familie ca.
seit dem Jahre 1965 Lakto-Vegetarier gewesen sind, und die zum »2.Advent«,
am letzten Tag ihrer Ladensaison gewöhnlich ein kleines Fest veranstalteten
mit Verteilung vegetarischer Kosthappen und diverser Info-Schriften zu diesem
Thema, an dem sie mir gestatteten, mich aktiv zu beteiligen.), die wir zueinander
noch mehr oder weniger oft Kontakt halten. Leider war der Kirchenkreis in
meinem Umfeld kaum eine vegetarische Lobby, denn gerade der Gemeindepfarrer
sah keinen Grund, auf seinen Schweineschinken-Aufschnitt zu verzichten. Es
war auch mehr meine persönliche Gewissensfreiheit, auf die es mir vorrangig
ankam. Die in der DDR staatlich geführte H(andels)O(rganisation) und
die Konsumgenossenschaft boten wenig Abwechslung für Pflanzenköstler;
von solchen Begriffen wie Trennkost, Ayurveda und Veganismus ganz zu schweigen.
Naturheilpraktiker waren fast »out«, und die Gastronomie war
überreich auf das billigere Schweinefleisch eingestellt. Der allgemeine
Krankenstand der Werktätigen war (sogar laut DDR-Presse) entsprechend
hoch, weshalb die Gastronomieleitung wohl, der Not gehorchend, eines Tags
anwies, den Rohkostanteil der Gerichte zu erhöhen, was jedoch nur halbherzig
realisiert wurde. Es gab hie und da Gemüse- oder Obst-Importe, meist
in Konserven (Angesichts der häufigen Pressemeldungen über Kriegsgefahren
setzten die Verwaltungen anscheinend sehr auf Konserven, weil diese eher
dekontaminierbar wären.) aus den RGW-Staaten, besonders aus Ungarn,
Polen und Bulgarien, sogar Sojamehl in Papiertüten, das in Ost-Berlin
meines Wissens nur in den wenigen Reformhäusern erhältlich war.
Dort gab es z. B. auch guten ankeimfähigen ´Tafelweizen´
zu 50 Alu-Pf. / 500 g. Samenhandlungen gab es allerdings, die mir teilweise
für die Herstellung von Keimlingen wichtig waren. Es bedurfte aber eines
regen Unternehmungsgeistes, um von der größtenteils kollektiven
Landwirtschaft etwas direkt zu kaufen. Da jene Landwirtschaft offenbar unfähig
war, den gesamten Bevölkerungsbedarf an pflanzlichen Lebensmitteln zu
decken und der Außenhandel wegen Devisenmangel zu wenig einführen
konnten, nahm der damalige »Verband der Kleingärtner, Siedler
und Kleintierzüchter« dahingehend Einfluss, dass von den Laubenpiepern
(Kleingärtnern) Obst und Gemüse staatlich subventioniert (für
die Kleingärtner lukrativ) aufgekauft und dem Einzelhandel zugeführt
werden konnte, was zugleich weite Transportwege ersparte. Jedoch Mitte der
80er Jahre, als ich zunehmend Kontakt zu Kreisen (u.a.) der Evang. Kirche
Berlin-Brandenburg bekam, nahm ich an manchen ´INKOTA´-Herbst-
oder Frühjahrs-Tagungen der »Aktionsgemeinschaft für die
Hungernden, (ein Ausschuss des Bundes Evangelischer Kirchen) teil, wo auch
über den Vegetarismus als Folge christlicher Pietät ernsthaft diskutiert
wurde. Dabei wurde von einigen jugendlichen Gliedern nordostdeutscher kirchlicher
Gemeinden erzählt, dass bei ihnen der Handel sehr wenig frisches Obst
und Gemüse angeboten hätte, was es jedem Umdenker sehr schwer machte,
vegetarisch zu leben. Und Ähnliches wurde auch aus anderen DDR-Bezirken
geschildert. Und das betraf sogar Agrargebiete, wo es eigentlich hätte
da sein können, doch wo es leider zentral abgeführt und ungerecht
verteilt worden sei. In der Tat bot einem da der Handel in Ost-Berlin manche
Abwechslung, denn die Hauptstadt wurde ja als ein Staatsfunktionärs-
und SED-Mitglieder-Ballungsgebiet - auch zugunsten der übrigen Ost-Berliner
- bevorzugt versorgt, so dass wir in unseren Nischen die Nöte der ´Umländer´
leicht übersahen, sofern keine privaten Infoquellen da waren, doch bestimmt
nicht durch die staatlich zensierte Inlandpresse. In diesen Jahren erschienen
dann sogar -allerdings nur ´zum innerkirchlichen Dienstgebrauch´
nacheinander Auflagen eines kleinen vegetarischen Kochbuches (Broschüre),
herausgegeben von einem »Evangelischen Forschungsinstitut« in
Lutherstadt-Wittenberg, und zwar mit realistisch an die DDR-Bedingungen angepassten
Rezepten, vor allem im Hinblick auf Kräuter und Wildgemüse, für
die keine »Devisen« nötig waren. Ende der 80er Jahre, also
seit der Gorbatschow-Initiative, gab es dann in Ost-Berlin sogar schon zwei
oder drei Fachhandlungen für den Vertrieb von importierten Gewürzen.
Bis zur »Wende« ist mir weder durch irgendein Massenmedium, noch
sonstwoher von der Existenz eines Deutschen Vegetarier-Bundes erzählt
worden. Und selbst Anfang der 80er Jahre, während meiner Teilnahme an
Versammlungen der Berliner »Aktion Sühnezeichen« (Fachverband
des Bundes Evangelischer Kirchen) in Germendorf, von wo aus wir uns gelegentlich
auch im Nachbarort ´Oranienburg-Eden´ bei einer christlichen
Familie gesellig versammelten, wurde mir mit keiner Silbe die wichtige Bedeutung
dieses Oranienburg-Eden für die deutsche Vegetarierbewegung
erwähnt, die es wohl nur noch historisch oder symbolisch
hat. Mehr vegetarischen Einfluss auf Ostdeutsche schienen noch vor der Wende
einige Freunde der »Internationalen Gesellschaft für Krischna-Bewusstsein«
gehabt zu haben, die hier bereits das eine oder andere kleine vedische Kulturzentrum
ins Leben riefen.
Erst lange nach dem Ende der DDR erfuhr ich als Mitglied des Vegetarierbund
Dt. e.V. von anderen beispielhaften Aktionen zur Förderung der vegetarischen
Lebensweise in der DDR, wie auch durch Johannes
Starke.