>>Die Indische
Gottesliebe<<
Verfasser:
Walther Eidlitz
Verlag
OTTO WALTHER,
OLTEN
und FREIBURG im BREISGAU
Inhaltsverzeichnis
Vorwort......................................................................
Erster
Teil
Der
Lebensstrom des Unvergänglichen
I Das
Unvergängliche...................................................
II Die
Mannigfaltigkeit im Unvergänglichen...................
III Das
Spiel im Unvergänglichen.................................
IV Die Verzückung
im Unvergänglichen.......................
V Fünf
Wogen des Unvergänglichen............................
Zweiter
Teil
Das Geliebteste Buch der Hindus
VI Das Bhagavata-Purana...............................................
VII Vyasa,
der Weltenlehrer empfängt das Bhagavata-Purana.......
Dritter
Teil
M
A Y A
VIII Die Drei
Ketten der Maya................................................
IV Das Land
jenseits der Ketten..........................................
Vierter
Teil
KRISHNA
X Krishna‘s
Lächeln..........................................................
XI Krishna‘s
Avatare ............................................................
XII Christus
und die Avatare.....................................................
XIII Die Namen
Krishnas ..........................................................
XIV Das Singen
des Gottesnamens............................................
Fünfter
Teil
SZENEN AUS DEM GÖTTLICHEN SPIEL
[nach
dem Bhagavata-Purana und Padma-Purana]
XV Krishna
unterweist seinen Freund Uddhava.......................
XVI Krishna
und die jungen Kuhhirten..................................
XVII Krishna
und die jungen Kuhhirtinnen................................
XVIII Der
Rasatanz....................................................................
.
XIX Krishna
und Radha, das göttliche Paar................................
XX Zuflucht
bei dem göttlichen Paar......................................
Sechster
Teil
DAS AUFLEUCHTEN DER
GOTTESLIEBE
XXI Der Weihekreis
von Vrindavan .....................................
Siebenter
Teil
DAS NEUE SPIEL
XXII Krishna
Chaitanya..........................................................
ANHANG
Anmerkungen..........................................................................
Literaturnachweis...................................................................
GOTT IST IMMERDAR
Und ÜBERALL gegenwärtig. Gottes Gestalt ist ganz Fülle und Seligkeit. Durch
Seine immerdar und überall gegenwärtige Kraft erkennt und erlebt Er sich selbst. Wenn Er oder
einer Seiner Ewig-Beigesellten den Gottgeweihten erwählt, dann ergreift diese
Kraft dessen Herz, dessen ewiges Selbst. Diese Kraft ist Gottesliebe. Sie
ist die Kraft Gottes, Ihn zu erkennen, Ihn zu erleben und sich selbst - wo
immer es sei - in ewig wachsender Verzückung von Ewigkeit zu Ewigkeit zu
Gottes Freude hinzuschenken. Und der aus Ihm selbst stammenden selbstlosen
Liebe ganz zu erliegen, eben das ist Gottes größte Seligkeit.
>> Priti-Sandarbha<< von Jiva Gosvami [etwa1513-1597]
Vorwort
Bekanntlich ist
erst in den Jahren 1801 und 1802 im Abendland die erste Übersetzung der Upanishaden
erschienen. Vorher war die große, wunderbare Welt der indischen Erfahrung
des Unvergänglichen im Westen noch fast unbekannt. Auch die weite Welt des
Buddhismus war noch verborgen. Seither haben sich eine große Anzahl europäischer
und amerikanischer Gelehrter emsig bemüht, die alten indischen Urkunden zu
erforschen, zu zergliedern, textkritisch zu analysieren und zu datieren.
Ihr Werk füllt ganze Bibliotheken. Insbesonere mit der Advaita-Lehre des
großen indischen Philosophen, Shankar-acharya, [etwa 800 Jahre nach Jesus
Christus] hat sich die abendländische Indologie in solchem Ausmaß befaßt,
daß die Mehrzahl der Menschen im Westen, die sich für indische Geistigkeit
interessieren, bewußt oder unbewußt, Shankar-acharya‘s System, seine Deutung
der Upanishaden für die indische Philosophie ansehen.
In den letzten
Jahrzehnten hat man auch begonnen, sich mit den bedeutenden Lehrsystemen
zu beschäftigen, die im Mittelalter der Philosophie Shankar-acharyas entgegengestellt
wurden, mit der Verkündigung einiger Meister der indischen Gottesliebe [Bhakti],
zum Beispiel Ramanuja [geboren:1027], Madhva [1199-1278] und so weiter. Doch
eine der wesentlichsten Strömungen des uralten indischen Theismus, die Traditionsfolge
der Gottesliebe, mit der sich Krishna Chaitanya [1486-1533] verband, ist
seltsamerweise trotz einiger verdienstlicher Hinweise im Abendland bisher
noch fast unbekannt geblieben. Nur ein ganz geringer Bruchteil der ungeahnt
reichen Literatur dieser Bewegung ward bisher übersetzt.
Der Autor hatte
sich ursprünglich die Aufgabe gestellt, auf Grund der zahlreichen Originalquellen
in Sanskrit und Altbengalí eine Lebensgeschichte Krishna Chaitanyas zu schreiben,
des Mannes, dessen Leben und Verkündigung in seinem Heimatland seit über
vier Jahrhunderten >>der geheime Schatz Indiens<< genannt
wird.
Doch als der
Verfasser nach gründlicher Vorbereitung ans Werk ging, merkte er, daß es
unmöglich ist, diesen erstaunlichen Lebenslauf einem abendländischen Leserkreis
darzustellen, wenn nicht zuerst der geistige Raum anschaulich gemacht wird,
in dem sich das Leben Krishna Chaitanyas und seiner Jünger abspielt. Es ergab
sich die Notwendigkeit, die Gottesoffenbarung aufzuzeigen, die das Herz dieser
Gottgeweihten bewegt und die Ströme der mehrtausendjährigen Tradition, in
denen sie stehen und aus denen sie schöpfen.
So kam
es zu dem vorliegenden Buch, das von der Indischen Gottesliebe im
Sinne Krishna Chaitanyas handelt.
Dem Verfasser
war vergönnt, sich nicht nur auf Buchwissen und Studium der Originaltexte
und der mittelalterlichen Kommentare zum Bhagavata-Purana und anderer heiliger
Schriften der Bhakti beschränken zu müssen; er durfte auch während seines
vieljährigen wiederholten Aufenthaltes in Indien einigen hervorragenden Vertretern
der Gottesliebe aus der Strömung Krishna Chaitanyas freundschaftlich nahekommen.
In seinem Buche >>Bhakta, eine Indische Odyssee<<, Claaßen, Hamburg
1951, hat er über das menschliche Erleben dieser Jahre in Indien berichtet.
Das Wort Bhakta bedeutet Gottgeweihter.
In der vorliegenden
Schrift wird der Versuch unternommen, darzulegen, wie die Angehörigen der
Strömung Krishna Chaitanyas seit Alters her das Unvergängliche erleben
und wie sie den Inhalt der Veden und Upanishaden, der Bhagavadgita und Puranas,
vor allem des Bhagavata-Puranas und anderer indischer heiliger Schriften
auffassen.
Es handelt sich
um eine der streng theistischen Traditionsfolgen [sampradaya] innerhalb der
uralten, weitverzweigten religiösen Strömung der indischen Vaishnavas.
Das Sanskritwort
vaishnava bedeutet: dem Vishnu [Vishnu] zugehörig, dem >>Allschauenden<<,
>>Alltragenden<<, der als >>stiller Zeuge<<, in
jedem Herzen weilt und der sich als Krishna offenbarte.
Das für Traditionsfolge
angewendete Wort sam-pra-daaya kann folgendermaßen übersetzt werden: Unverfälscht,
treu [sam] weiter [pra] geben [daaya]. Die indische Definition
für eine derartige Traditionsfolge oder Sampradaaya lautet: >>Weitergeben
wir jene Offenbarung, die einstmals von Gott selbst erteilt wurde. Und diejenigen,
die in nie abreißender Kette die Offenbarung weiterleiten, sind große Meister,
die nicht nur die treue Überlieferung der Wahrheit von ihrem Guru empfingen,
sondern in ihrer eigenen Seele selbst immer wieder von neuem die Erfahrung
der ewigen Wahrheit gemacht haben.<<
Der bedeutendste
Vertreter dieser Strömung der indischen Gottesliebe, die im Lande "Gauda",
dem heutigen Bengalen, zur größten Blüte gelangte, ist Krishna Chaitanya.
Was der Verfasser
in langen Jahren des Lernens und Lauschens unter kundiger Führung von seinem
Guru Swami Sadananda und dessen Freunden erfahren hat und was er sehr
lückenhaft wiederzugeben versucht, weicht oftmals beträchtlich von den derzeitigen
Anschauungen der modernen Religionswissenschaft ab.
Unter anderem wird zum Beispiel die übliche unter dem Einfluß Shankaracaryas
entstandene Einteilung der Upanishaden in klassische und sektiererische innerhalb
dieser Strömung keineswegs anerkannt +1 , ebensowenig die derzeit
im Westen herrschenden Annahmen über die Entstehung und Datierung des sogenannten
>>vedischen Schrifttums<<.
Die Inder sind
kein Volk der Schrift. Obwohl die Kunst des Schreibens im indischen
Kulturkreis sehr alt ist, wurde diese Fertigkeit durch viele Jahrhunderte,
ja wahrscheinlich durch Jahrtausende, bloß für Handelsgeschäfte, Rechtsangelegenheiten
und andere profane Zwecke angewendet. Doch die Geheimlehre vom Unvergänglichen
wurde in Indien durch unübersehbare Zeit nicht schriftlich fixiert, sondern
in mündlicher Überlieferung vom Mund des Gurus, des Geisteslehrers,
zum lauschenden Ohr des Schülers weitergegeben.
Die
Upanishaden und Puranas sind voll von Berichten, wie ein sehnsüchtig Strebender
einen Guru aufsucht, von diesem in mannigfaltiger Weise geprüft wird und
erst nach bestandener Erprobung als Schüler angenommen wird.
So wie die Bibel,
das Alte und Neue Testament, durchrankt ist von der Aufzählung physischer
Geschlechterfolgen, die von Adam bis zu Jesus von Nazareth führen, so sind
die indischen heiligen Texte durchrankt von den Aufzählungen geistiger Geschlechterfolgen,
von den langen Namenreihen aufeinanderfolgender Gurus und ihrer Schüler,
die dann selbst wieder zu Gurus werden und das geheime Geistesgut ihrem vertrauten
Schüler weitergeben..
Die am Schluß
der Brihad-Aranyaka-Upanishad, der im Wald erteilten großen geheimen Unterweisung,
angeführte Namenreihe zählt nicht weniger als zweiundfünfzig Namen aufeinanderfolgender
Gurus auf.
An anderer Stelle
derselben Upanishad wird der Schüler angewiesen, er möge nach dem Singen
des Gayatri-Mantras die Namen der aufeinanderfolgenden Lehrer in der Gurufolge
andächtig vor sich hinmurmeln ... So wichtig erscheint dem upanishadischen
Seher, daß sich der Schüler jeweils mit der Macht der lebendigen Tradition
verbindet, daß er in fünfmaliger feierlicher Wiederholung dort ausspricht:
>>Sogar an einem trockenen Holzstumpf würden dadurch Zweige entstehen
und Blätter daraus hervorsprossen<< [Brihad-Aranyaka Upanishad 6,3;
7-12].
Die Gurureihe
dieser Upanishad, von denen eine aus frühester Vorzeit durch weite Zeiträume
bis zu dem kastenlosen Jungen Satyakama Jabala führt, der dann selbst ein
großer Guru wird, ist mit diesem nicht zu Ende. Sie verzweigt sich und führt
durch weitere Jahtausende bis in unsere Tage. Auch die verschwisterten Gurureihen,
deren Anfangsglieder in der Bhagavadgita und in den Puranas angeführt werden,
leiten lückenlos weiter bis in unsere Zeit. Es wird behauptet, daß es in
Indien seit dem vedischen Zeitalter niemals eine Generation gegeben habe,
da nicht einige Gurus das Unvergängliche in all seiner Realität erlebten
und ihren Schülern eröffneten.
Indien befindet
sich heute in einem großen Umbruch. Seit der Verfasser im Frühjahr 1938 zum
ersten Mal den Boden Indiens betrat, hat sich dort unerwartet viel verändert.
Eine scheinbar unerschütterlich gegründete Ordnung, die noch an die Lebensweise
des Mittelalters gemahnte, ist im Verlauf weniger Jahre in weiten Kreisen
in die hektische Lebensart einer chaotisierten modernen Welt übergegangen
mit all unserer Unruhe und Ratlosigkeit. Entwurzelt stürzen sich aufgeschreckte
Menschenmassen in die Arme eines mißverstandenen Materialismus, Atheismus,
Kommunismus. Andere werfen sich in die Arme wilden Aberglaubens. Ein Gott
wird gesucht, der Brot gibt und Lippenstifte und freien Kinobesuch.
Auch über die
Traditionsströme des uralten indischen Theismus türmt sich ein Schutt des
Umbruchs, aber einzelne große Gurus leben und wirken noch. Deshalb wird hier
der Versuch gewagt, ehe es vielleicht zu spät ist, einiges aus dem Leben
der mündlichen Überlieferung darzustellen; doch nicht wie es üblich ist,
von außen her kritisch und analysierend betrachtet; es wird vielmehr angestrebt,
ein bisher wenig bekanntes Gebiet indischer Mystik derart darzustellen, wie
es mit den Augen der indischen Seele gesehen wird.
Hie und da wird
auf verschwisterte Stellen aus den Evangelien und aus dem Alten Testament
und auf Worte von christlichen Mystikern hingedeutet. Es wird auch aufgezeigt,
wie der indische Gottgeweihte auf die Evangelien hinblickt. Das geschieht
aber keineswegs, um indische und christliche Mystiker gegeneinander auszuspielen
und auch nicht, um die Unterschiede zu verwischen und die viel verbreitete
Meinung zu bestärken, die mystische Erfahrung des Unvergänglichen sei überall
die gleiche. - Die Gottschauung der indischen Bhakti kennt Erfahrungen, die
der abendländischen Mystik fremd sind. -
Die angewendeten
Assoziationen aus unserem Kulturkreis sollen bloß dazu helfen, dem Leser
den Zugang zu dem ungewohnten Erleben der indischen Gottesmystik zu eröffnen.
Schon Betty Heimann
hat in ihrem Werk >>Studien zur Eigenart des indischen Denkens<<
+2 betont: >>Indien stellt
den Indologen all und überall vor die verzweifelt schwere Aufgabe, sich von
den geläufigen westlichen Denknormen zu lösen... Der übliche Forscherweg
des Intellekts und der Logik führt nicht in das Herz der indischen Erfahrung
und in die Erkenntnis des unvergänglichen Seins hinein, so wie es in den
Berichten der Veden und Upanishaden geschildert wird.<<
Das Blickfeld
des vorliegenden Werkes beschränkt sich auf die Krishna-Bhakti, die Gottesliebe,
wie sie vorzugsweise im Bhagavata-Purana und in der Strömung Krishna Chaitanyas
zu Tage tritt. Wenn von Gottgeweihten, von Bhaktas die Rede ist, werden fast
ausschließlich Gottgeweihte in der Nachfolge Krishna Chaitanyas gemeint.
Andere große Bereiche der Krishna-Bhakti und die Gottesliebe der vielen,
die in Indien den EINEN, den Höchsten, als Rama, Shiva, als große Mutter
und so weiter verehren, liegen fast jenseits des Horizonts.
In den Anfangskapiteln
kommen manche ungewohnten Namen und Begriffe vor. Aber die Andeutung der
Vielschichtigkeit einzelner Schlüsselworte der Sanskritsprache erwies sich
als notwendig, um die Tiefe der später wiedergegebenen Texte aus der indischen
Gottesliebe einigermaßen ahnen zu lassen.
Bei den Übersetzungen
aus den Upanishaden habe ich bestehende Übertragungen zu Rate gezogen und
nach Vergleichung mit dem Urtext teilweise angewendet +3. Die übrigen Übersetzungen
aus der Bhagavadgita, dem Bhagavata-Purana und anderen Schriften der indischen
Gottesliebe, vor allem der Literatur der Chaitanya-Bewegung, sind vom Verfasser.
Nur jemand, der
selbst einmal sich bemüht hat, Sanskrittexte aus dem indischen Mittelalter
in eine europäische Sprache zu übertragen, kann die Schwierigkeiten ermessen,
die sich aus der Vieldeutigkeit des Ausdrucks ergeben. Zuweilen wurden zur
Aufhellung des Sinns Stellen aus alten Kommentaren in Klammern eingefügt.
Die Entstehung dieses Buches wäre nie möglich gewesen ohne die unschätzbare
Hilfe und Mitarbeit meine Freundes und Lehrers, Swami Sadananda [Dr.phil.Ernst
Georg Schulze]. Auch in den Jahren, da der Lehrer und Schüler räumlich getrennt
waren, hat diese Hilfe nie ausgesetzt. Ungezählte Luftpostsendungen mit wertvollem
Material sind in dieser Zeit aus Bengalen, Orissa und Benares zu mir nach
Schweden gekommen. Sadananda sei hier von ganzem Herzen Dank gesagt. Und
ebenso meiner Frau, die mir in all den Jahren unermüdlich und aufopferungsvoll
als Mitarbeiterin beistand.
Diese Arbeit
verdankt ihre Entstehung auch der stetigen Ermunterung und dem Vertrauen
von Professor, Ernst Arbman, Stockholm. Auch ihm sei an dieser Stelle warmer
Dank ausgesprochen.
Mein Dank gilt
auch den vielen hilfreichen Menschen in den indischen Staaten Westbengalen,
Orissa und Uttar-Pradesh, die mir während meines letzten Studienaufenthalts
in Indien in mannigfaltiger Weise beistanden.
Bergslund, Schweden,
Sommer 1955 W.E.
Erster Teil
Der Lebensstrom des Unvergänglichen
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
sind Schlüssel aller Kreaturen,
wenn die, so singen oder küssen,
mehr als die Tiefgelehrten wissen,
wenn sich die Welt ins freie Leben
und in die Welt wird zurückbegeben,
wenn dann sich wieder Licht und Schatten
zu echter Klarhet werden gatten,
und man in Märchen und Gedichten
erkennt die ewgen Weltgeschichten,
dann fliegt vor einem geheimen Wort
das ganze verkehrte Wesen fort.
NOVALIS
I.
Das Unvergängliche
Die meisten Indologen
und Religionswissenschaftler des Abendlandes sehen die upanishadische Lehre
vom Unvergänglichen, vom Atman, wie sie auch in der Bhagavadgita und zahllosen
indischen Urkunden zum Ausdruck kommt, als eine bloße Theorie und Spekulation
an. Für die altindischen Seher aber, ebenso wie für manche hervorragende
indische Philosophen unserer Tage, ist das Unvergängliche, der Atman, das
Brahman keineswegs eine Theorie oder Spekulation. Auch wenn diese indischen
Gelehrten in Oxford und Cambridge studiert und sich alle westliche Bildung
unserer Zeit angeeignet haben, sehen sie doch in dem ewigen Atman eine lebendige
Wirklichkeit, das Gewisseste des Gewissen, die Realität aller Realität, das
SEIN alles Seins, die Wahrheit der Wahrheit [satyasya satya]. An allem und
jedem mögen diese Denker zweifeln, aber gewiß nicht an der Existenz des ewigen
Atman. Das Unvergängliche, der Atman, das Brahman ist für sie keine Theorie,
sondern eine Erfahrung.
>>Nicht
durch Reden, nicht durch Denken,
nicht
durch Sehen erfaßt man Ihn.
“Er
ist!” Durch dieses Wort wird Er
und nicht
auf andere Art erkannt.<<
[Katha-Upanishad 6,12]
Die mit dem
Verstand unbegreifliche Erfahrung des Atman zu machen, war zu jeder Zeit,
zumindestens während der letzten drei Jahrtausende, und ist noch heute die
drängende Sehnsucht zahlloser suchender Menschen in Indien. Noch imer beten
und meditieren täglich Millionen Hindus voll Andacht die Worte des upanishadischen
Sehers, die an das Unvergängliche gerichtet sind:
>>Aus
dem Unwirklichen führe uns in die Wirklichkeit.
Aus
Dunkelheit führe uns ins Licht.
Vom
Tode führe uns zur Unsterblichkeit.<<
[Brihad-Aranyaka Upanishad 1,3,28]
In derselben
Upanishad heißt es: >>Weil sie Ihn, den Atman, als ihre Heimat begehren,
verlassen sie die Welt.<< [Brihad-Aranyaka Upanishad 4,4,22]. Weil
ihnen die Erlangung des Atman wichtiger ist als alles Irdische, verlassen
sie alles, was sich nur auf irdische Maßstäbe bezieht, verlassen sie Besitz,
Heim, Familie ... Es ist ergreifend, in dem indischen Schrifttum aus Jahrtausenden
das Ringen um das Unvergängliche zu verfolgen. Entsagung war stets der Weg
der sehnsüchtigen Seelen. Das innerliche Loslassen alles dessen, was die
Menschen auf der Erde lieben und was sie an die Erde bindet. >>Diejenigen,
die aufgehört haben zu dürsten<< oder >>diejenigen, die nicht
mehr irgend etwas für sich haben wollen<<, werden diese Sucher genannt.
Auch das Wort >>Sannyasi<<, das heißt Verzichter, eine andere
Bezeichnung für den hauslos schweifenden indischen Mönch, der sogar außerhalb
des alle anderen bergenden religiös-sozialen Gesetzes steht, ist im Einklang
damit. Die upanishadischen Worte:
>>Ohne Verlangen,
frei von Verlangen,
mit gestilltem Verlangen,
Atman sein Verlangen<<,
[Brihad-Aranyaka Upanishad 4,4;6]
bezeichnen Wegstufen
ihrer Wanderung, dem Unvergänglichen zu. Es sind Stadien eines sich sacht
aus den Bindungen des Irdischen herauslösenden und zur ewigen Wirklichkeit
erwachenden Bewußtseins.
Die Sucher wandten
ihren Blick nach innen. Sie blickten in tiefer Versenkung in den Grund ihrer
eigenen Seele. Und da fanden sie Ihn, den >>Selbstleuchtenden<<,
den >>Ewigwachen<<, >>den das Auge nicht sieht, aber der
das Auge ds Auges ist<< und ohne den das Auge nimmer sehen könnte.
Sie fanden Ihn, >> den das Ohr nicht hört, aber der das Ohr des Ohres
ist<< und ohne den das Ohr nimmer hören könnte. Sie fanden Ihn, den
der Menschengeist nicht erkennt, aber welcher der Geist des Geistes ist<<
und ohne den der Geist nimmer erkennen könnte. Sie fanden den >>unerkannten
Erkenner<<, den >>inneren Anschauer von allem<<. Sie fanden
das SELBST, die ewige Selbstheit, die frei von aller Selbstsucht ist,den
ATMAN.
Einer, der vor
Jahrtausenden diesen inneren Weg zu Ende gegangen war, brach in die Worte
aus:
>>
Der ATMAN ist das von aller Unwissenheit und
Finsternis und Verblendung völlig befreite ICH.<<
(Nrisinha
- Uttara - Tapaniya - Upanishad)
Als der Seher
dann aus tiefer Versenkung auftauchend, den Blick nach außen wandte und um
sich schaute, da erkannte er - mit der Kraft des Atman schauend - daß auch
in der Außenwelt alles vom unvergänglichen Atman umhüllt und durchdrungen
war. Das Unzerstörbare war der innerste unvergängliche Grund jedes Dings
und jedes Wesens, jedes Staubkorns und jeder Sonne. >>Der ganze Weltraum
ist darein eingewoben und verwoben<< sagt der Seher seiner Schülerin
Gargi in der 'Brihad-Aranyaka Upanishad' [3,8;11].
Da die Sucher
nach der ewigen Wirklichkeit das Unvergängliche im Grund ihres eigenen Selbstes
fanden, nannten sie es das [wahre] Selbst [aatman]. Da sie das Unvergängliche
auch als ein das ganze Weltall umfassendes Großes fanden, nannten sie es
das Große das Brahman +4 .
Die in vielen
Jahrhunderten indischer Geistesgeschichte immer wiederkehrende klassische
Definition für das Brahman lautet: >>Weil es groß ist und weil
es groß macht, wissen sie es als das höchste Brahman<<
[brihat-tvaad
brihangatvaat ca tad brahma paramang viduhu. -
Vishnu Puraana
1, 12,57].
In knappen Sätzen,
die man zuweilen die >> großen Worte<< [mahaa vaakyam] der Upanishad
nennt, haben einzelne Meister der altindischen Geheimlehre versucht, die
Beziehung des Unvergänglichen in der eigenen Seele zu dem großen Unvergänglichen,
welches das ganze Weltall umhüllt und durchdringt, auszudrücken:
>>tat tvam
asi<< : >>Das bist du!<< [jenes Unvergängliche, das bist
du, das ist dein innerstes Selbst].
Ein Seher hat
die gewaltige Gleichung aufgestellt:>>brahma-aatma-aikyam<<,
das heißt: >>Das Brahman und der ATMAN sind eins.<<
Ein Seher verkündete:
>>aham brahmaasmi<< - >>Ich bin - das Brahman.<<
Sowohl die Wissenssucher,
die Jnanis, als auch die Gottgeweihten, die Bhaktas,
sehen in den Aussagen der Upanishad nicht bloßes Menschenwort, sondern Offenbarung
ewiger Wahrheit. Und doch scheidet die Deutung des vorgenannten und anderer
grundlegender Worte der Upanishad den Strom der indischen Geistigkeit in
zwei verschiedene Strombetten, so wie ein ins Wasser ragender gewaltiger
Felsen eines Gebirges die Flut eines brausenden Stroms in zwei Arme teilt.
Diejenigen Yogis, die gleich ihrem Meister Shankara-charya den Pfad des Wissens
[jñaana] gehen, nehmen den vorgenannten Satz der Upanishad: >>aham
brahmaasmi<< in seiner erschütternden buchstäblichen Bedeutung: >>Ich
bin das Brahman<<. Sie sagen: >>Das wahre Ich-selbst [aatman]
jedes Wesens ist vollkommen identisch mit dem Brahman<<. Als Aufgabe
ihres Lebens sehen sie es an, sich der immerwährenden Identität ihres ewigen
Selbstes mit dem allumfassenden Brahman, >>außer dem es nichts zweites
gibt<< bewußt zu werden. Diese Jnanis erleben das Brahman als grenzenloses
reines Bewußtsein, und sie betonen, daß das Brahman gestaltlos, eigenschaftslos,
kraftlos, wirkenslos +5 ist.
Ihre Lehre beruft
sich auf den Satz der Upanishad: >>Nicht gibt es Vielheit irgendwo<<.
Sie sagen: Alle Vielheit von Dingen und Wesen, alle Vielheit von verschiedenen
Seelen ist Täuschung. Die ganze Welt ist Täuschung. Auch die Zweiheit Mensch-Gott
ist im Sinne Shankaracaryas eine erhabene Illusion.
Diese Jnanis
streben danach, in das gestaltlose eigenschaftslose Brahman einzugehen und
mit ihrem eigenen begrenzten Bewußtsein in das grenzenlose Bewußtsein, das
Brahman genannt wird, zu versinken. Dieses Versinken bedeutet für sie Befreiung
[mukti] von der Unruhe und der Wirrsal der Welt; die erstrebte Befreiung
von dem brennenden Leid des endlosen Kreislaufs der Geburten und Tode.
Kennzeichnend
für den Pfad und für das Ziel der Jnanis ist die folgende Upanishadenstrophe:
>>Wie Ströme rinnen und im Ozean
- aufgebend Namen und Gestalt - verschwinden,
so geht, erlöst von Name und Gestalt,
der Weise ein zum göttlich höchsten Geiste.<<
[Mundaka-Upanishad 3 ,2 ;28]
Shankaracarya
betont: Ein Jnani, der das Ziel erreicht hat, er hat nicht Wissen, er ist
Wissen.
Die Bhaktas,
diejenigen, die sich Gott geweiht haben und deren Weg und Ziel Gottesliebe
ist, erleben den vorhin zitierten Satz der Upanishad >>aham brahmasmi<<
in grundlegend anderer Weise. Ihre Erfahrung ist:
>>Ich bin
von der Natur des Brahman. Ich gehöre zum Brahman, zu dem Unvergänglichen,
sowie der Sonnenstrahl zu der Sonne gehört.<<
Derartige Gleichnisse,
wie Sonnenstrahl und Sonne, Funken und Feuer, Früchte und Fruchtbaum, die
oft in der indischen Mystik vorkommen, aber durchaus nicht auf die indische
Mystik beschränkt sind [vergleiche >>Ich bin der Weinstock, ihr seid
die Reben<< Joh.15,5], weisen auf ein Mysterium hin, das für die Chaitanya-Bhaktas
von zentraler Bedeutung ist.
Innerhalb der
Kathegorie ATMAN offenbart sich ihnen eine ungeahnte Vielfalt:
>>Wahrlich auch im ATMAN ist wundersame
Mannigfaltigkeit<<
[aatmani eva caiva vicitrashca hi].
[Brahma-Sutras 2,1,28]
Innerhalb der
Ruhe und des tiefen Schweigens des Atman, erleben die Bhaktas Spannung und
Bewegung, erleben sie ein tief verborgenes, dramatisches Wechselspiel. Die
Chaitanya-Bhaktas und auch andere Bhaktas sprechen von dem Mysterium acintya-bhedaa-bheda
[bheda-abheda]. Das bedeutet: Ein unausdenkbares [acintya] Getrenntsein [bheda]
und gleichzeitiges Nichtgetrenntsein [abheda] des individuellen Atmas vom
ATMAN aller Atmas, des Strahls von der Sonne, der liebenden Seele vom geliebten
Gott.
Große Lehrer
des Vedanta haben im Lauf der Zeit in den blühenden Urwald der Upanishaden
Schneisen und Straßen geschlagen und die vielen verschiedenen Aussagen über
das Unvergängliche zu Systemen geordnet. Der philosophische Genius Shankaracarya
hat derart ein mächtiges Lehrgebäude der Zweitlosigkeit [advaita-vaada] errichtet.
Jene Aussagen
der upanishadischen Seher, die mit seiner Anschauung im Widerspruch standen,
hat Shankaracarya vernachlässigt oder umgedeutet oder kurzerhand als >>vorläufige<<
Unterweisung für die geistig Minderbemittelten hingestellt. Der Bhakta Madhva
hat auf Grund derselben Upanishaden ein streng dualistisches System aufgestellt,
die Upanishadenstellen mit dualistischer Tendenz hervorgehoben und die entgegengesetzten
Aussagen umgedeutet, oder vernachlässigt. Der Bhakta Ramanuja hat die Vielfalt
in der Einheit gesehen. Noch stärker als er hat Krishna Chaitanya den heimlichen
Pulsschlag alles göttlichen vernommen und verkündet, die lebende Beziehung
zwischen Vielheit und Einheit, die weder vollkommene Identität noch vollkommene
Verschiedenheit ist. Es handelt sich hier nicht um ein System im gleichen
Sinn wie bei den dualistischen oder monistischen Anschauungen, heben die
Chaitanya-Bhaktas hervor, sondern um ein rückhaltloes >>ja<<
zu der uns widerspruchsvoll erscheinenden Natur des Unvergänglichen, in dessen
Fülle weder statische Identität, noch statische Dualität herrscht. Krishna
Chaitanya, der es nicht ertrug, philosphische Darstellungen anzuhören, die
das Reich des Unvergänglichen in starr monistischer oder starr dualistischer
Weise einengten, hat die Dynamik [die dynamische Identität] innerhalb der
wundersamen Mannigfaltigkeit des Atman offenbart.
Die folgende
unergründlich tiefe Upanishadenstrophe, die von der göttlichen Fülle kündet
und die der Guru in Indien oftmals singt, bevor er seinem Schüler eine der
Upanishaden zu erklären beginnt, mögen als Leitmotiv auch für die Ausführungen
des vorliegenden Buches dienen:
A U M
puurnam adaha puurnam idam puurnaat puurnam udacyate.
puurnasya puurnam aadaaya puurnam evaavashishyate.
>>Jenes ist die Fülle, dieses ist die Fülle.
aus der [unendlichen] Fülle ward
die [unendliche] Fülle hervorgebracht.
Auch wenn die Fülle die Fülle entläßt,
bleibt doch die [ursprüngliche] Fülle
[unvermindert] voll.<<
[Brihad-Aranyaka Upanishad 5 ,1,1]
Die Realität
der Erfahrung jener, die wahrhaft den Pfad des Ynana-Yoga gehen, wird von
den Gurus der indischen Gottesliebe in der Strömung Krishna Chaitanyas keineswegs
geleugnet. Der Unterschied liegt darin, daß die ewige Wirklichkeit von
den Jnanis gleichsam statisch und von den Bhaktas dynamisch
erlebt wird.
II. Die Mannigfaltigkeit im Unvergänglichen
Die Upanishaden
werden immer wieder durchhallt von dem Schrei: neti neti [na-iti na-iti],
>>nicht so und nicht so!<< Weder dieses, noch dieses in der Sinnenwelt
und in der Welt der menschlichen Gedanken ist der Atman, das Unvergängliche.
- Auch in den Reden des Buddha kehrt die gleiche Feststellung zahllose Male
wieder.
Der upanishadische
Seher klagt: >>Die Worte weichen zurück vor Ihm und ebenso der Menschengeist,
ohne Ihn erlangt zu haben<< [Taittiriya-Upanishad 2, 9]. Meistens haben
sich die Seher damit begnügt, ihre Erfahrung des Unvergänglichen durch Negation
anzudeuten, durch Ausscheidung alles dessen, was der Atman nicht ist. In
den immer wiederkehrenden Kennzeichnungen: un-vergänglich, un-aussprechlich,
un-ausdenkbar, un-befleckbar, liegt bereits die negative Formulierung, Abstoßen
von allem Sinnenhaften, Abstoßen von allem, was mit Verstand und Vernunft
und Logik erfaßbar ist. So sagt zum Beispiel die Brihad-Aranyaka Upanishad
[3,8,8]: >>Das, was die Weisen das Un-vergängliche nennen, ist nicht
grob, und nicht fein, nicht kurz und nicht lang, ohne Raum ... ohne Tod,
ohne Furcht, ohne Inneres und ohne Äußeres.<<
Die Bhagavadgita,
welche die Essenz der Upanishaden wiedergibt und die unter anderem eine große
Belehrung über die verschiedenen Yogawege darstellt, die zum Un-vergänglichen
führen, sagt in ähnlicher Weise über den Atman:
>>Er ist
unzerstörbar. Niemand hat die Macht, diesen Unzerstörbaren zu vernichten.
Das Schwert schneidet Ihn nicht. Das Feuer brennt Ihn nicht,
das Wasser netzt Ihn nicht. Der Wind trocknet Ihn nicht aus.
Nicht wird Er jemals geboren, noch stirbt Er jemals... Er ist immer
Er selbst ... unausdenkbar.<<
[Bhagavadgita
2; 17,20 ,23 ,25].
Aber die in den
Upanishaden und in der Bhagavadgita und den anderen Urkunden immer wiederkehrende
Negation bedeutet keineswegs, daß die Erfahrung des Unvergänglichen (des
Atman) nicht gemacht wurde. >>Diese Negation ist kein Bekenntnis der
Unwissenheit, sondern nur ein Zusammenbruch aller Menschensprache vor der
überwältigenden Erfahrung des Unvergänglichen.<< +6 Wenn der Atman sich offenbart,
leuchtet Er mit einem solchen überweltlichen Lichte auf, daß alle Sinnenschau
daneben erlischt.
Was ist der Atman?
Bevor wir weitergehen,
ist es notwendig, das Wort Atman rein sprachlich klar zu erfassen. Fast jede
esoterische Erklärung des Guru beginnt mit einer nüchternen sprachlichen
Analyse der Schlüsselworte eines Textes, im Einklang mit der Einsicht der
indischen Sprachgelehrten.
Schon eine sprachliche
Betrachtung des Wortes Atman anhand der Wörterbücher läßt die Mannigfaltigkeit
und Vielschichtigkeit dieses Ausdrucks erkennen. Seine Bedeutungsschichten
reichen aus der Unendlichkeit des Unvergänglichen gleichsam im Schattenbild
seiner zentralen Bedeutung bis tief in die Vergänglichkeit von Zeit und Raum
hinein.
Die >>Wurzel<<
+7 des Sanskritwortes 'aatman'
ist die Silbe at, schreiten.
In dem Worte
aatman liegt die Bedeutung: Alldurchschreiten, allerfüllen. Atman bedeutet
selbst, das Selbst, auch das rückbezügliche Fürwort sich, mit dem der Mensch
sich auf sich selbst bezieht. Atman ist in all seinen Bedeutungsschichten
eine Bezeichnung für etwas, das jedem Menschen ganz nah und überaus lieb
ist. Aber was sehen die Menschen als ihr Nächstes und Liebstes an?
Atman bedeutet
im Bereich des Physischen unter anderem
a] den physischen
Leib
b] die Lebenskraft
[praana],
c] Gefühls- und
Willens- und Gedankenleben,
auf sanskrit
manas, auf englisch mind
Im Bereich des
Unvergänglichen bedeutet das Wort Atman:
d] die individuelle
Seele. Gemeint ist nicht das, was der Erdenmensch für
seine Seele
hält, sondern das reine Ich oder Selbst, das der Erkenntnis
von Sinnen
und Vernunft unerreichbar ist.
e] das Selbst
des ganzen Weltalls, der Atman aller
Atmas, der
höchste Atman [paramaatman].
f] das gestaltlose,
eigenschaftslose Brahman [niraa-kaara-
nirvishesha-brahma].
g] Bhagavan,
den überweltlichen persönlichen Gott.
Allen vier letztgenannten
Schichten des Wortes Atman im Bereich des Unvergänglichen wohnt die Bedeutung
inne: Der Atman ist reine Erkenntnis [cit]. Je nach seiner Wesensart wird
der Mensch in Indien seinen physischen Leib oder sein Leben oder sein Manas
oder seine individuelle Seele oder das Selbst des ganzen Weltalls, den Paramatman,
oder das gestaltlose Brahman oder den gestalthaften personhaften Gott Bhagavan,
als sein Nächstes und Liebstes, als sein Selbst, als das Selbst seines Selbstes
ansehen..
Bhagavan [Krishna]
spricht in der Bhagavadgita:
>>Ein
Teil von mir
ward in der Welt der Lebewesen
zur Seele, zur ewigen.<<
[Bhagavadgita 15, 7]
In der Bhagavadgita
wird der Vorgang gleichsam von Gott her angesehen, der sich selbst im Verlauf
seiner ewigen Selbstentfaltung durch alle Stoffesverhüllungen, durch alle
Wesen hindurch immer neu erkennt. Von den Menschenwesen aus könnte man die
gleiche Erfahrung im Sinne der Bhakti etwa folgendermaßen aussprechen:
Wenn eine individuelle
Seele - durch die Gnade Gottes - die Kraft erlangt, sich selbst anzuschauen,
da erkennt sie sich nicht nur als ewigen Atman, sie erkennt auch, daß sie
dem großen ATMAN [Gott] als ein unverlierbarer Teil zugehört. +8
Dieser große
ATMAN ist nach der kühnen Formulierung der altindischen Grammatiker der Ablativ
und Instrumental und Lokativ des Weltalls. Die Upanishad sagt über Ihn
aus:
>>Aus
dem diese Wesen geboren werden +9
durch
das sie leben, wenn sie geboren sind +10
und in
das sie nach dem Dahinscheiden wieder eingehen...<< +11
[Taittiriya-Upanishad Bhrigu-Valli 1]
Dieses große
Unvergängliche wird von den Vaishnavas zunächst erlebt als der göttliche
Weltengrund, als der väterlich der Welt zugekehrte Gott, als Vishnu, der
im Urbeginn durch die bloße Kraft seines Blickes den ersten Anstoß zur Weltschöpfung
gab. Die Strahlenkraft seines Blickes ward zur Gesamtheit der in die Welt
hinabgesandten Seelen. Gemeinsam mit diesen Seelen, so wird berichtet, ist
der große Vishnu [Mahaavishnu] selbst in den Bereich des Räumlichen und des
Zeitlichen eingetreten. - Das Wort Vishnu wird abgeleitet von den beiden
Sanskritwurzeln vish und vish, eintreten, durchdringen; aktiv sein. So ward
Vishnu zum Alltragenden, Allschauenden, Allseitsantlitz, Allseits-Auge-Seienden,
und er trägt und hält und behütet das Weltall und weilt in jedem Herzen als
der innere Anschauer, als der stille Zeuge des leisesten Gedankens.
Vishnu, der Alldurchdringende,wird
verehrt als der göttliche Herrscher des Weltalls [Jagannaatha, isha, ishvara].
Doch das unendliche Raumesweltall ist keineswegs Vishnus>>höchstes
Reich<<.
Schon im Rigveda
wird Vishnu als der >>Weithinschreitende<< gepriesen und wird
als jener besungen, der wie ein springender Löwe in der Wildnis die >>drei
gewaltigen Schritte<< tut. Die moderne westliche Religionswissenschaft
deutet die drei gewaltigen Schritte Vishnus als drei Phasen des Sonnenlaufs.
Die uralte Tradition der indischen Bhaktas weiß anderes zu berichten. Gemäß
dieser Tradition handelt es sich bei den drei mächtigen Schritten Vishnus
um ein Schreiten vom Bewußtseinszustand zu Bewußtseinszustand, aus dem Bewußtsein
des sinnlich sichtbaren Erdumkreises in ein Bewußtsein des Kosmischen und
noch weit darüber hinaus, in das reine Bewußtsein des Unvergänglichen hinein.
Es ist auch ein Schreiten durch alle früher aufgezählten Bedeutungen des
vielschichtigen Wortes Atman: von der irdischen Materie und dem irdischen
Leben zum kosmischen Leben und zum kosmischen Denken und zum Paramatman und
zum gestaltlosen Brahman und zu Bhagavan.
Den letzten Schritt
Vishnus im Sinne der indischen Geheimlehre zu bedenken, darüber zu meditieren
ist atemraubend. Es gilt, aus der Erfahrung des weltbezogenen Gottes in eine
noch tiefere Schicht einzutreten, wo es keine vergängliche Welt mehr gibt.
Ein alter, sehr
heiliger Mantra +12 des Rig Veda kündet von Vishnu‘s höchstem Schritt und von
Vishnus höchstem Reich. Das ist ein Mantra, der seit etwa viertausend Jahren
in Indien täglich von andächtigen Menschen vor jeder Mahlzeit, vor jeder
Waschung, vor jedem Bad, ja vor jedem Trinken eines Schluckes Wasser meditiert,
gemurmelt oder gesungen wird.
>>Jenes
ist des Vishnu höchster Schritt.
[Jenes
ist des Vishnu höchstes Reich.]
Immerdar
schauen es die Weisen +13
wie
ein im Himmel ausgebreitetes Auge.<<
[Rigveda 1, 22, 20]
In der vorstehenden
Rigvedastrophe wurden die Sanskritworte paramam padam einmal mit höchster
Schritt und einmal mit höchstes Reich übersetzt. Sie bedeuten beides. Auch
in der indischen Gottschauung ist >>der Weg und die Wahrheit und das
[göttliche] Leben<< eins
[vergleiche Joh.
14, 6].
Der indische
Seher kann >>Vishnus höchstes Reich<<, zu dem der vorstehende
Mantra die Pforte ist, in verschiedenartiger Weise erleben. Je nach dem Yogapfad,
den der Strebende geht, je nach der Wegstrecke, von der er Ausschau hält,
je nach dem Grad seiner Hingabe an das Unvergängliche, ist die Offenbarung
der unendlichen göttlichen Fülle, die ihm zuteil wird. Betont muß werden,
daß, gemäß indischer Vorstellung, nicht etwa der irdische Mensch das höchste
Reich erschaut. Nein, der ATMAN schaut. Der ATMAN schaut durch jedes schauende
Wesen hindurch sich selber an. Der ATMAN wird nicht erkannt, Er erkennt sich
selbst. Der ATMAN ist wie ein göttliches Auge, das gleichsam in sich selbst
hineinblickt und die unermeßlichen Tiefen der Mannigfaltigkeit Seiner Selbst
erschaut.
>>Mit diesem
deinem [menschlichen] Auge kannst du Mich nicht sehen [wie Ich wirklich bin]<<,
spricht Krishna In der Bhagavadgita zu seinem Schüler Aryuna [11,8]; >>Ich
verleihe dir Mein göttliches Auge<<. Wenn man die vielen Zeugnisse
vom Reiche Gottes in den indischen Offenbarungsurkunden betrachtet, ist einem
zumut, als ob man in die Flut eines unergründlich tiefen Brunnens hinabblickte.
Immer klarer wird die Offenbarung. Die Bhaktas sagen: Je nach dem Grade des
sich Hingebens, des sich noch nicht rückhaltlos oder völlig rückhaltlos Hingebens
an das Unvergängliche, taucht das aus sich selbst leuchtende ewige Reich
auf, oder gar Er, indem das Reich gründet. Je nach der inneren Veranlagung
der verschiedenen Gottsucher zieht gleichsam die Kraft ihrer übersinnlichen
Liebe und Hingabe aus der Fülle der unendlichen Möglichkeiten der Gottheit
jene Offenbarung hervor, nach der sich die einzelne Seele besonders sehnt:
Gottes Gestaltlosigkeit oder Gottes Gestalt. In drei Upanishaden
findet man die gleichlautende Strophe, die das Reich des Unvergänglichen
zu beschreiben versucht; es ist das Reich dessen, von dem alles Schauen ausgeht
und das im Rig Veda einem im Himmel ausgebreiteten Auge verglichen wird:
>>Dort
leuchtet nicht die Sonne, noch Mond, noch Sternenglanz,
noch jene
Blitze, geschweige irdisch Feuer,
IHM, der
allein glänzt, nachglänzt alles andre;
die ganze
Welt erglänzt von seinem Glanze.<<
[Katha-Upanishad 5, 15
Mundaka-Upanishad 2, 2;10
Shvetashvatara-Upanishad 6, 14]
Ein anderer Seher,
der Seher der Isha-Upanishad, fleht, der Sonne zugewendet, hinter deren physischem
Glanz er eine geistige Ursonne ahnt:
>>Mit
einer goldenen Schale
ist das
Antlitz der Wirklichkeit bedeckt;
o du Allernährer,
zieh die
Schale weg vor der Schauung des Wahrheitssuchers,
der nach
der heiligen Ordnung der Wirklichkeit strebt.
O
du Einziger, der schaut...
schiebe
Deine Strahlen fort.
Halte
Deinen Lichtglanz zurück,
daß
ich Deine lieblichste Gestalt schauen kann,
die
göttliche Person...<<
[Brihad-Aranyaka Upanishad 5,15]
[Isha-Upanishad 15 und 16]
In der Bhagavadgita,
derjenigen altindischen Offenbarungsurkunde, die von den Hindus aller noch
so verschiedenen philosophischen und religiösen Strömungen als Gottes Wort
betrachtet wird, tritt der höchste ATMAN, der Selbstleuchtende, dem alles
andere nachleuchtet, gestalthaft hervor. Nicht ein upanishadischer
Seher spricht nun. Er selber spricht, der Einzige, der wahrhaft zu schauen
vermag. Es spricht der große Atman Bhagavan. Er selbst kündet von
dem unvergänglichen Sein, wo die Sonne nicht leuchtet, noch der Mond, noch
die Sterne, und Er nennt dieses Sein: Mein Reich.
Bhagavan spricht:
>>Ich bin die Grundlage des Brahman,
des Unsterblichen, Unvergänglichen,
der ewig dauernden heiligen Ordnung,
der vollkommenen, göttlichen Wonne.<<
[Bhagavadgita 14, 27]
Er, der in der
Bhagavadgita singt, daß Er die Grundlage des Brahman ist, wird von den Bhaktas
nicht als formlos erlebt, auch wenn er über alle irdischen Formen erhaben
ist; nicht attributlos, auch wenn er über alle irdischen Eigenschaften erhaben
ist; nicht kraftlos, sondern mit unendlicher Kraft [shakti] begabt, von der
ein kleiner Teil das ganze Weltall trägt. Er hat Gestalt, eine Gestalt, die
aus ewigem SEIN und reiner ERKENNTNIS und göttlicher WONNE [sat-cit-aananda]
gebildet ist.
Ein indischer
Seher namens Shridhar - ein Weiser, der von den indischen Jnanis und den
indischen Bhaktas in gleicher Weise als einer der ihren angesehen wird -,
erläutert in seinem altberühmten Kommentar zur Bhagavadgita die vorhin zitierten
Worte Bhagavans: >> Ich bin die Grundlage des Brahman<<, und
sagt:
>>Das Brahman
ist Wonne [aananda], aber [Bhagavan] Krishna -so nennt er den personenhaften
Gott-, Er ist dichte göttliche Wonne, Er ist Wonnegestalt [aananda-ghana]
+14 .<<Das Begehren nach
Befreiung, die Grundbedingung alles Strebens der Jnanis, der Wissenssucher,
welche die ewige Wahrheit wissen wollen, ist für den Bhakta nicht das höchste
Begehren. Die Erlangung des Brahman, des höchsten Zieles auf dem Ynanapfad,
ist für ihn noch nicht der letzte Schritt.
Wer selbst hier
noch nicht stehenbleibt, sondern noch weiter dringt, voll Sehnsucht zu lieben,
zu dienen und sich liebend Gott hinzugeben, der erlangt höchste Bhakti, höchste
Liebe zu Bhagavan. Am Schlusse der Bhagavadgita beantwortet Bhagavan Krishna
die drängende Frage seines Schülers Aryuna, wie man Ihn wahrhaft klar erkennt
und wie man zu Ihm und in Sein Reich gelangt:
>>Durch
Bhakti kennt er Mich dem Wesen nach,
weiß wie
Ich bin und wer ich bin.
Und wenn
er Mich dem Wesen nach erkannt hat,
sogleich
geht er dann in Mich ein.<<
[Bhagavadgita 18, 55]
Die letze Zeile
der Strophe kann auch übersetzt werden:
>>Er
geht ein in das Reich, das keine Raum- und Zeit-
scheidung
kennt [tad anantaram]<<.
So wie ein Pilger
von einem Vorberg aus, über vielen Waldkämmen höher und höher sich auftürmend,
die von ewigem Schnee bedeckten Grate eines ungeheuren Gebirges zum ersten
Mal erschaut und staunend vorerst mit den Blicken die weitere Wanderung vorwegnimmt,
bevor sich wieder Wolken über das Gesichtsfeld senken, so haben wir in einer
allerersten Vorschau einen flüchtigen Blick auf mehrere Aspekte der >>wundersamen
Mannigfaltigket des Atman<<, getan, zuletzt einen schwindelnden
Blick in das reich der göttlichen Liebe, der wahren Bhakti, durch die, wie
die Bhagavadgita aussagt, erst das letzte Geheimnis des Atman klar erkannt
wird: wie Gott ist und wer Er ist.
Es gibt ein anderes
sehr wichtiges Quellenwerk der indischen Gottesliebe, genauer gesprochen,
der Krishna-Bhakti, das uns im Verlauf der Schrift noch viel beschäftigen
wird, und aus dem mehrere Kapitel und eine große Anzahl Schlüsselstrophen
in Übersetzung gebracht werden. Der Titel dieser Bhakti-Urkunde lautet: Shrimad
Bhagavatam und bedeutet: Das vom Reichtum heiliger Liebe [shrii] erfüllte
und gänzlich Bhagavan hingegebene [Buch]. Im folgenden Text wird dieses Werk
zumeist bloß das Bhagavatam genannt werden.
In einer der
Schlüsselstrophen des Bhagavatam werden drei verschiedene Erfahrungen aus
der Unendlichkeit und Mannigfaltigkeit des Atman zusammengefaßt:
1. Die Erfahrung
jener Wahrheitssucher, die den Pfad des Ynana-Yoga gehen
- das Brahman,
2. die Erfahrung
jener Yogis, die den Pfad des Raya-Yoga gehen,
der Paramatman,
3. die Erfahrung,
das Ziel und die Zuflucht jener Gottgeweihten,
die von der
göttlichen Liebe, der Bhakti, ergriffen worden sind -
Bhagavan,
der überweltliche, personenhafte, geliebte Gott.
Die Strophe lautet:
>>Die Wahrheitssucher
benennen die ewige Wahrheit
[tattvam],
die zweiheitsloses Wissen ist,
[mit den drei
Namen]:
BRAHMAN
PARAMATMAN
BHAGAVAN<< +15
[Bhagavatam 1, 2, 11]
III. Das Spiel im Unvergänglichen
Lila
Das Wort BHAGAVAN
[bhagavaan, Stammform bhagavat] wird abgeleitet von der Sanskritwurzel bhaj;
diese bedeutet unter anderem lieben, liebend dienen und sich liebend hingeben,
Anteil an etwas haben, Erfahrung von etwas haben, sich freuen. Bhagavan,
dem Zentrum alles Seins, strömt alle Liebe derer, die sich ihm geweiht haben,
zu. Die Nachsilbe van [vat] bedeutet: Er besitzt diese Liebe. Und die, die
an Gott zärtlichen Anteil haben, die Ihn in dem verborgenen göttlichen Spiel
durch die Anmut und Schönheit ihrer liebenden Hingabe erfreuen dürfen, sie
besitzen Ihn. Die Worte bhakta oder Bhagavata +16,der Gottgeweihte oder Bhagavatam,
das Bhagavan geweihte Buch, oder Bhagavadgita, der Gesang Bhagavans, vor
allem das Wort Bhakti +17, die liebende Hingabe,
die Bhagavans eigene herrliche Kraft ist, all diese Worte stammen aus der
gleichen Wurzel bhaj. Die üblichen Übersetzungsversuche für das Sanskritwort
Bhagavan: zum Beispiel der Erhabene, der Herr, the Lord, wirken matt und
unzulänglich, wenn man sie mit den lebendigen Kraftquellen der Liebe in dem
Wurzelworte bhaj zusammenhält. Auch die vielen Bedeutungen des Wortes bhaga,
das ebenfalls aus der Wurzel baj stammt und in dem Worte Bhagavan enthalten
ist, zum Beispiel Heil, Schönheit, Allmacht, Lieblichkeit, Liebe, liebende
Umarmung, sie sind alle Entfaltungen der Wurzel bhaj. Manchmal wird auch
anderen höheren Wesen, die Diener Bhagavans sind, in denen die Liebe Bhagavans
wirkt, wie zum Beispiel Brahma, dem Weltschöpfer, in den Texten der Beiname
Bhagavan vorangesetzt. In dem Werke Bhagavatam wird ein Ausspruch Bhagavans
über seine Bhaktas wiedergegeben, aus dem die Innigkeit der Beziehung zwischen
dem personenhaften Gott und denen, die sich Ihm geweiht haben, hervorgeht.
Bhagavan spricht:
>>Die Bhaktas sind Mein Herz
und Ich bin das Herz der Bhaktas.
sie kennen nichts anderes als Mich
und Ich kenne nichts anderes als sie.<<
[Bhagavatam 9, 4, 68]
In dieser Strophe
sehen die Gurus der Gottesliebe einen der vielen Hinweise auf das verborgene
göttliche Spiel Bhagavans mit den Seinen, das in der Philosophie der Bhakti
die Lila Bhagavans oder das >>Spiel in Gott<< genannt
wird. Das Wort liilaa, das hier ganz vorläufig und unzureichend mit >>Spiel
in Gott<< wiedergegeben wurde, ist ein fast unübersetzbares Sanskritwort,
das wir aber in den folgenden Ausführungen über die indische Gottesliebe
nicht entbehren können.
In den Sanskritwörterbüchern
findet man für Lila unter anderem: Spiel, Sport, Liebesspiel ...
Schwebende Leichtigkeit
und Beweglichkeit und Biegsamkeit und Spontaneität ist in diesem >>Spiel<<
der göttlichen Liebe eigen. Es ist ein spontanes Wechselspiel, das frei ist
von jeder irdischen Zweckgebundenheit.Es ist völlig frei vom zweckversklavten
Denken der Erdenmenschen. Nur die ganz jungen Kinder zeigen auf Erden ein
wenig vom Glanz der Spielfreude der Lila. Und die Bhaktas haben manchmal,
um den Außenstehenden das unbegreifliche Wesen der Lila anzudeuten, diese
mit dem spontanen Spielreigen unschuldiger heiterer Kinder verglichen.
>>Wie bloßes
Tanzen ... ohne Abzielen auf einen Zweck+18.<<
heißt es in einem
berühmten Kommentar über die Lila.
Dort wo der christliche
Mystiker Eckhart über das Wesen Gottes aussagt:
>>Gott
ist ohne warum<< ["sunder varumbe"] läßt er ein wenig vom Geheimnis
der Lila ahnen.
Das >>Spiel
in Gott<< geht nach der Überzeugung der Bhaktas in jenem Reich der
Fülle vor sich, von dem die Upanishad sagt: >>Die Fülle ist oben, die
Fülle ist unten.. Die Fülle ist im Westen, die Fülle ist im Osten. Die Fülle
ist im Norden, die Fülle ist im Süden. Fülle ist diese ganze Welt<<
[Chandogia-Upanishad 7, 25, 1]. Unmittelbar an diese Zeilen von der Fülle
folgt in der Upanishad in völlig gleichem Wortlaut die Unterweisung über
den Atman, den der Bhakta als Bhagavan, Gott erlebt:
>>Atman
ist oben. Atman ist unten. Atman ist im Westen. Atman ist im Westen. Atman
ist im Norden. Atman ist im Süden. Atman ist deine ganze Welt. Wahrlich,
wer dieses sieht, dieses denkt, dieses erkennt, wer seine Freude im Atman
hat, sein Entzücken im Atman hat, Wonne im Atman hat, der strahlt im SELBST,
der hat unbegrenzte Freiheit in allen Welten ...<<
[Chandogya-Upanishad
7, 25, 2].
Nun wird in
der Upanishad das Leben des Befreiten im Reich der Fülle angedeutet:
>>In
solcher Weise erhebt sich der Vollberuhigte +19,
.....[der Begnadete]
aus diesem
[irdischen] Leibe..
Und,
das höchste Licht erlangend,
tritt
er hervor in seiner eigenen Gestalt +20
Und
er wandelt dort umher,
essend,
spielend, sich ergötzend.<<
(Chandogya-Upanishad 8, 12, 2)
Der upanishadische
Guru fügt hinzu:
>>Dem Atman,
dem Alterslosen, dem Todlosen, dem Gramlosen,
der ohne
Hunger [nach den Dingen dieser Welt] ist,
der ohne
Durst nach den Dingen dieser Welt ist,
dessen Begehren
nur nach der ewigen Realität geht,
dem soll
man nachforschen.<<
( Chandogya-Upanishad 8, 7, 1)
Die Aufforderung
des Gurus der Chandogya-Upanishad, nachzuforschen, wie das Dasein des Befreiten,
des Begnadeten nach der Ablegung seines irdischen Leibes verläuft, wird in
jenen Upanishaden (die Shankaracarya auswählte und im Sinne seiner Erkenntnis
interpretierte und die man, ihm folgend, nun im Abendland die klassischen
Upanishaden nennt, nur unvollkommn erfüllt. Aber das, was in den Hauptupanishaden
nur angedeutet ist, das wird in anderen Upanishaden ausführlich dargestellt,
zum Beispiel in der Sama-Rahasya-Upanishad. Es ist das Dasein des Befreiten,
der zwar ohne Hunger und ohne Durst nach Irdischem ist, und dennoch im unvergänglichen
Lichte begehrt, ewige Realität begehrt [satya-kaama] und der, wie es wörtlich
heißt: >>umherwandelt und ißt und sich ergötzt und spielt<<
- >>der Liebesspiel mit dem Atman hat<< +21.
Noch erschöpfender
behandeln die Puranas, vor allem das große Bhagavata-Purana, dieses geheimnisvolle
Thema. Am ausführlichsten wird in der unübersehbaren >>Rasa-Literatur<<
der Chaitanya-Bewegung, die im Westen noch (relativ) unbekannt ist, von der
Lila, dem göttlichen Spiele Bhagavans und der freien Seelen, vom Liebesspiel
des ATMAN mit den Atmas berichtet.
Leider gibt es
noch keine wissenschaftlichen Ausgaben dieser letztgenannten Sanskrittexte.
Sie liegen nur in mit Bengalílettern gedruckten, schwer erhältlichen Folianten
vor, die von Druckfehlern wimmeln und die selbst in Indien, außerhalb Bengalens
erstaunlich wenig bekannt sind.
In diesen Urkunden
der Chaitanya-Bhakti wird von großen Sehern und Dichtern die Lila von Bhagavan
Krishna beschrieben:
Das Spiel in
Bhagavans innerem Reich oder -wie es in den Texten heißt- das Spiel in
Bhagavans zahllosen unendlichen Reichen ist tief verborgen. Der Vorhang,
der das Mysterium der Lila dicht verhüllt, ist ein Vorhang aus blendendem
Bewußtseinslicht, gestaltloses Brahman genannt.
Die Gurus
in der Traditionsfolge der Chaitanya-Bhakti sehen das gestaltlose Brahman
nicht als das Letzte an, sondern nur als eine Vorhalle Bhagavans. >>Halte
dich nicht in diesen Vorhallen auf<<, mahnt der Bhakti-Guru ernst seinen
Schüler. >>Denn dort erlischt das Köstlichste, die Gottesliebe. Und
der wahre Krishna, Bhagavan in seiner ganzen Fülle, betritt diese Stätte
nie.<< Das göttliche Spiel, die Lila, geht gemäß der Andeutungen des
Bhagavata-Purana und Padma-Purana und gemäß den Schilderungen der Rasa-Schriften
von Ewigkeit zu Ewigkeit vor sich. Es ist immer jung und frisch und neu.
Es hat zahllose Aufzüge. Es wird gleichsam auf zahllosen Bühnen des bühnenreichen
Gottes gleichzeitig gespielt, in Reichen überwältigender göttlicher Majestät
und in Reichen süßester göttlicher Lieblichkeit. Der einzige Held des unendlichen
Dramas der göttlichen Liebe auf allen Schauplätzen ist Gott, Bhagavan Krishna.
Die dramatische
Spannung der Lila steigert sich ständig, weil selbst Gott der aus dem Brunnen
seiner noch ungestalteten Unendlichkeit schöpft und schöpft, die Tiefe seiner
Liebe und die Tiefe der Liebe der Ihm ewig Beigesellten nie ausschöpfen kann
- obwohl Er, der EINE, in unendlich vielen Formen seiner Eigengestalt und
ebenso seiner Mitspieler in allen seinen Reichen gleichzeitig da ist und
spielt.
Doch es gehört
zur Spontaneität des göttlichen Spiels der Selbstentfaltung Gottes, daß
die Lila hie und da auch ins Reich des Meßbaren hinausflutet und für eine
Weile nun im Umkreis von Zeit und Raum gespielt wird. Gott steigt zuweilen
mit den Seinen zur Erde hinab. In den Urkunden wird dann berichtet: Einer
der Avatare Bhagavans oder gar Bhagavan selbst in Seiner ganzen Fülle sei
in der Welt der Sterblichen erschienen und über die Erde geschritten.
Die Geschichten
vom Spiele Gottes im Erdenland dünken dem unkundigen Leser oder Hörer oftmals,
irdischen Geschichten zu gleichen. Doch bedeutsam weisen die berühmten Brahma-Sutras
des Badarayana-Vyasa, die von allen verschiedenen Richtungen der Vedanta-Philosophie
als Autorität anerkannt werden, auf das Mysterium hin:
>>Wie in
der Welt, aber nur lila.<<
[lokavattu
liilaakaivalyam]
[Brahma-Sutras
2,1,13]
Kaivalyam, das
Nur, ist eine oft vorkommende Bezeichnung für das unvergängliche statische
Sein derer, die Befreiung gefunden haben, für das Brahman das jenseits aller
Gestalt und Eigenschaft ist. Lila-kaivalyam jedoch ist im Sinne der Bhakti
die Bezeichnung für das lebendig bewegte ewige Spiel liebender Seelen und
des geliebten Gottes in der Dynamik der Lila. Es ist ein Reich ewiger Gestaltenfülle,
doch ebenfalls über aller irdischer Gestalt.
Unermüdlich macht
der Bhaktiguru darauf aufmerksam: >>Nur weil die irdischen Worte versagen,
scheinen die Erzählungen von Gottes spielendem Tun mit Devas und Dämonen
und Menschen und am Grund des Meeres und in der Totenwelt und in vergänglichen
Himmelswelten und in Seinem eigenen unvergänglichen Reich oftmals irdischen
Berichten zu gleichen.<< Doch der Guru hebt hervor: >>Wo immer
Bhagavan auch spielt, dort ist Sein ewiges Reich, dort ist der Mittelpunkt
alles Seins.<< Der Guru erläutert auch: >>Nur auf der Unzulänglichkeit
der irdischen Sprache und der Relativität der Begriffe im Vergänglichen beruht
es, daß man sagt: “Bhagavan steigt herab" oder “Bhagavan kehrt in Sein eigenes
Reich zurück"; Bhagavan ist ja jener, “der kein Vorher und nachher hat, kein
Oben und Unten; der aber das Oben und Unten und das Vorher und Nachher des
Weltalls ist”. Bhagavan vereinigt in sich in wunderbarer Weise Gestalt und
Gestaltlosigkeit, Ruhe und Bewegung.<< Das Vernehmen der Geschichten
von Gottes Lila, wo sie sich auch immer begeben mag, >>wäscht Herz
und Ohr und löscht alles Karma aus<<; so verkünden das Bhagavatam und
andere Offenbarungsurkunden der Bhakti.
Von dem Reich,
in dem sich das >>innere Spiel<< [antaranga-liilaa] begibt, wird
später noch viel mehr berichtet werden. Der größte Teil des vorliegenden
Buches handelt davon. Der Schauplatz dieses Spiels ist das >>höchste
Reich<< zu dessen Pforte Vishnus letzter Schritt hinführt.
Dieses >>höchste
Reich<<, in dem sich die innere Lila begibt, erstreckt sich durch alles
Sein. Es erstreckt sich durch das Unvergängliche, aber auch, ungesehen, durch
alles Vergängliche. >>Was unten ist, ist oben; und was oben ist ist
unten<<, sagt bedeutsam die Katha-Upanishad.
Außer der in
dem >>höchsten Reich<< vor sich gehenden inneren Lila,
sprechen die Urkunden der Bhakti auch von einer äußeren Lila [bahiranga-liilaa].
Der >>vorletzte Schritt<< Vishnus, der alles kosmische Sein durchdringt,
alles was im Bereich von Raum und Zeit ist, bis zu den fernsten Lichtnebeln
noch unentdeckter Milchstraßen hin, führt zum Schauplatz dieses >>äußeren<<
göttlichen Spiels.
Nach der Anschauung
der Chaitanya-Bhakti sind es bloß die äußeren Aspekte Bhagavans, die als
Brahma, der Weltenbildner, als Vishnu, der Welterhalter, als Shiva, der Weltzerstörer,
diese äußere Lila beherrschen.
Alle diese drei
genannten Gottesaspekte sind vereint in der majestätischen Offenbarung des
persönlichen Gottes als Íshvara oder Ísha. >>Er ist der Herr des Alls,
Er ist der Allwissende, Er ist der innere Lenker, Er ist die Wiege des Weltalls
... denn Er ist Schöpfung und Vergang der Wesen<< [Nrisinha-Uttara-Taapaniiya-Upanishad,
erstes Khanda].
Die Isha-Upanishad,
jene Upanishad, mit welcher der Guru in Indien seit Jahrtausenden traditionsgemäß
die Unterweisung in die upanishadische Geheimlehre beginnt, hebt an: >>Von
Isha, dem göttlichen Weltenherrscher, ist dieses ganze Weltall, alles, was
sich bewegt und nicht bewegt, umhüllt, erfüllt, bewohnt, durchduftet...<<
Doch bei noch
innigerer Versenkung wird, gemäß den Worten der Nrisinha-Uttara-Tapaniya-Upanishad,
dieser allmächtige göttliche Weltenherrscher >>verschlungen<<.
Er entschwindet im Bewußtsein eines noch tieferen göttlichen Lebens, das
keinen Bezug zur Welt mehr hat. >>Gott Eigentlich<< offenbart
sich. Er wird in der Upanishad: >>der Holde, der Tod des Tods<<,
und von den Chaitanya-Bhaktas: >>Bhagavan in seiner ganzen Fülle<<
genannt.
Die großen kosmischen
Prozesse nie endender Weltauflösung, nie endenden Welterschaffens und Weltbehütens,
das Schicksal der Welten, das Schicksal der Völker und Einzelwesen, dünken
diesen Bhaktas nur ein Rahmen um das zentrale Geschehen des Innenlebens
Gottes zu sein, vergleichbar mit dem schmalen Gürtel aufgeregter Meeresbrandung,
die längs der Ufer die Unendlichkeit des Meeres umsäumt.
Die Auffassung,
die sich in der Bhakti kundgibt und versucht, alles vom Bewußtsein Gottes
aus anzusehen, ist extrem theozentrisch.
Der abendländische
Mensch erschrickt. Denn der Gläubige im Westen ist zumeist gewohnt, Gott
auf sich, auf die Welt zu beziehen. Von sich aus, vom Standpunkt seines eigenen
Wohls und Wehs oder seiner nächsten Umgebung oder seines Volkes oder der
“Menschheit” blickt er auf Gott hin, betet er zu dem Weltschöpfer und Weltenherrscher
und Weltenrichter und Allerbarmer, ohne dessen Willen kein Sperling zu Boden
fällt, zu Ihm, >>welcher die Welt so sehr geliebt hat, daß er Seinen
einzigen Sohn herabsandte<< um sie zu erlösen.
Der Gedanke,
daß Gott -ganz jenseits der Welt- auch ein Eigenleben führen könne, und daß
es der Sinn wahrer Religion sein könne, Gott ohne Rücksicht auf eigenes Wohl
oder Weh zu erfreuen, das kommt dem religiösen Menschen im Abendland
kaum in den Sinn. Die hier angedeuteten Gedankengänge dünken ihm unziemlich,
anstößig und phantastisch zu sein.
Und doch hat
schon der christliche Mystiker Angelus Silesius [1624-1677] von einem Spiel
der Gottheit gesprochen. Freilich meinte er vorzugsweise >>das äußere
Spiel<<, das im Reich der vergänglichen Schöpfung und der Kreaturen
vor sich geht, nicht das Spiel im >>Unerschaffenen<<.
Silesius sagt:
>>Dies
alles ist ein Spiel, das sich die Gottheit macht.
Sie hat die
Kreatur um ihretwill‘n erdacht.<<
[Cherubimischer Wandersmann]
Meister Eckhart
[1260-1327] sprach von der >>nackten Wüste der Gottheit<<, von
der unentfalteten Gottheit, die sich so hoch über dem weltbezogenen Gott
erhebt, wie sich der Himmel über der Erde erhebt. Er ahnte etwas vom Wesen
des gestaltlosen, eigenschaftslosen Brahman, von dem manche Upanishaden und
Shankaracarya kündeten.
Jakob Böhme [1575-1624],
der ungelehrte Mann, ahnte, wie in der Tiefe eines Bergwerks schwer nach
Worten für das Unaussprechliche ringend: >>[So wie] die Kinder zusammenlaufen,
so eins ein Spiel anhebt - Das ist noch ein Stück vom Paradies<< [Vierzig
Fragen von der Seele, 10].
Und Nícolaus
Cusanus [1404-1464], der nicht nur einer der tiefsten Mystiker der Christenheit,
sondern auch einer der ersten Bahnbrecher unserer modernen Naturwissenschaft
war, hat in dem holdseligen Lächeln und in dem zwecklosen spontanen Spiel
unschuldiger Kinder einen Abglanz des inneren Lebens der Gottheit gesehen.
IV. DIE VERZÜCKUNG IM UNVERGÄNGLICHEN
Rasa
IN DEM FRÜHEREN
Kapitel wurde eine Schilderung aus der Chandogya-Upanishad wiedergegeben,
worin das Leben einer befreiten Seele beschrieben wurde, die alles Süchten
nach Irdischem aufgegeben hat, in das unvergängliche Licht eingegangen ist,
und von der doch gesagt wird, daß sie >>umherwandelt und sich ergötzt
und ißt.<<
Was ißt der Befreite?
- Ein Chaitanya-Bhakta wird ohne Zögern antworten: Der Befreite, der von
Hüllen und Überdeckungen, Süchten und Bindungen befreite individuelle Atman
ißt den Rasa des göttlichen Spiels, der Lila.
Um mit der dem
Abendland ungewohnten Erfahrungs- und Vorstellungswelt vertraut zu werden,
die mit dem Worte Rasa verbunden ist, müssen wir uns aufmerksam mit dem Ausdruck
Rasa beschäftigen, so wie wir es früher mit den Worten Atman und Lila getan
haben.
Auch Rasa ist
ein fast unübersetzbares Sanskritwort. In den Wörterbüchern findet man dafür
unter anderem folgende Übersetzungsversuche: Geschmack, Duft, Würze, Essenz,
Flüssigkeit, Saft, der steigende Lebenssaft in den Bäumen, Fühlen, Liebe,
Freude, Anmut, Schönheit, Entrückung, Verzückung, Extase...Rasa ist auch
die Grundstimmung einer Dichtung, vor allem einer dramatischen Szene. Aber
um zum Zentrum des vieldeutigen Wortes Rasa zu gelangen, müssen wir zur Wurzel
dieses Wortes vordringen. Das Sanskritwort Rasa wird abgeleitet von der Wurzel
ras: schmecken, erleben, fühlen, wahrnehmen. Die indischen Gammatiker erklären
das Wort Rasa folgendermaßen:
a] Das, was geschmeckt,
gefühlt, erlebt, wahrgenommen wird, ist Rasa
[rasyate =
aasvaadyate iti Rasa].
b] [kausativisch]
Das, was das Schmecken und so weiter verursacht, also
schmecken,
fühlen, erleben, wahrnehmen macht, auch das ist Rasa;
[rasayati
= asvadayati iti Rasa].
Ein weiteres
Kennzeichen kommt noch hinzu:
c] >>Rasa
ist Erstaunen<< und
d] Rasa verursacht
Erstaunen, als ob etwas derart Wunderbares noch nie
vorher
erlebt worden wäre, und
e] >>Rasa
beinhaltet ein solches auf den Rasa-Konzentriert-Werden aller
Sinnes-
und Geistesfunktionen, daß für andere Dinge ganz und gar
kein Interesse
mehr übrig bleibt.<<
Es gibt eine
sehr subtile Rasalehre der indischen weltlichen Poesie, die seit Kalidasa
[etwa 500 nach Christus] die Kunst des indischen klassischen Dramas beherrscht.
Wenn zum Beispiel
der König in Kalidasas Drama Shakuntala am Beginn des Stücks leidenschaftlich
ein Reh verfolgt, da erleben die Zuschauer, so sagt die Rasalehre der indischen
Poetik aus, den Rasa des Schreckens:
Wird es dem Reh
gelingen, dem grausamen Jäger zu entgehen? Auf diesen Rasa sind alle Sinnes-
und Geistesfunktionen konzentriert, alles andere Interesse ist ausgelöscht.
- Das flüchtende Reh findet im Schoß des schönen Mädchens Shakuntala Zuflucht.
Die Zuschauer sind Zeuge, wie beim unvermuteten Anblick der Holdseligen staunende
Liebe im Herzen des Jägers erwacht, wie seine Sucht des Hetzens und Jagens
ganz entschwindet. Die zutiefst anteilnehmenden Zuschauer erleben den Rasa
eines die Seele weitenden fassungslosen Staunens und sie erleben auch
den zauberischen Rasa des Erotischen. Im vierten Akt desselben Stücks
ist Shakuntala genötigt den Frieden des heimatlichen Waldes zu verlassen.
Schmerzlich nimmt sie Abschied von dem großen Weisen, der ihr Pflegevater
ist, und von den Gespielinnen und von allen Bäumen und Sträuchern, um in
die ferne Stadt zu gehen, um dem grausamen Jäger nachzufolgen, dem sie in
der Heiligkeit der Waldeinsiedelei angetraut worden war, dessen Kind sie
trägt und der sie draußen in der Welt vergessen hat.
Die Zuschauer
erleben den Rasa des Mitleidens, den Rasa des >>gemeinsam mit
einem anderen Weinens<< [anukrosha].
Derart spricht
die indische [weltliche] Rasalehre noch von dem Rasa des Abscheus und
dem Rasa des Zorns und dem Rasa des Heroischen und dem Rasa
des Humoristischen, das heißt >>einer aufblühenden Heiterkeit,
die das Herz öffnet<<.
Als Goethe das
Drama >>Shakuntala<<, das oftmals als Schulbeispiel für die Rasas
der weltlichen Poesie angewendet wird, im Jahre 1791 kennenlernte, da schrieb
er die folgenden Verse nieder:
>>Willst
du die Blüten des frühen, die Früchte des späten Jahres,
willst
du was reizt und entzückt, willst du was sättigt und nährt,
willst
du den Himmel, die Erde mit einem Namen begreifen,
nenn ich
Shakuntala dich, und so ist alles gesagt.<<
Mit diesen Worten,
>>reizt und entzückt, sättigt und nährt<<, hat Goethe ohne etwas
von der indischen Rasalehre zu wissen, mit der Sicherheit des großen Dichters
einige wesentliche Kennzeichen der Rasas in der indischen weltlichen Dichtung
aufgezeigt.
Der deutsche
Indologe Helmut von Glasenapp erklärt nach indischen Quellen den Rasa der
weltlichen Poesie folgendermaßen: >>Der Rasa eines Gedichtes ist die
Stimmung, die es in dem Hörer hervorruft. Die Gefühle, die ein Dichter darstellen
will, finden gleichsam einen Widerhall in der Seele des Lesers, der sich
für Augenblicke gewissermaßen mit dem Helden identifiziert und dadurch allen
selbstischen Wünschen entrückt wird, ohne doch an dem, was jener erlebt und
empfindet, direkt teilzuhaben. Es ist eine reine überpersönliche, unirdische
Lust, die hier gekostet wird, vergleichbar dem Innewerden der Einheit des
Ich mit dem Allgeist, das der Yogi auf dem Höhepunkt seiner religiösen Kontemplation
erreicht. Nicht mit Unrecht sehen daher indische Philosophen in dem Rasa,
der wenigstens für einen Augenblick das Denken über die Grenzen des eigenen
Ich heraushebt, einen Widerschein des Göttlichen, und finden diese ihre Auffassung
wieder in der heiligen Schrift, im Veda...<< +22
Der vedische
Text, auf den hier angespielt wird, ist eine Stelle aus der Taittiriya-Upanishad,
die ein berühmtes Zeugnis dafür darstellt, daß man schon in vedischer Zeit
den überweltlichen Rasa kannte. In dieser Upanishad ist der Rasa die höchste
Erfahrung eines langen mühsamen Yogawegs.
Die Upanishad
berichtet, daß - wie so viele male vorher und nachher - ein suchender Mensch
einen Guru aufsucht und diesen bittet, ihm den Weg zum Unvergänglichen zu
weisen. Vor jedem Schritt, von Stufe zu Stufe läßt der Lehrer den Schüler
immer erneut strenge Askese und Entsagung üben, ehe er Hüllen um Hüllen der
Welt hinweghebt. Zuerst weist der Guru dem Schüler die weit ausgebreitete
Sinnenwelt, welche die unwissenden Menschen für die einzige Wirklichkeit
halten. Der Lehrer läßt den Schüler in der Meditation erfahren, daß die Stoffeswelt
des ganzen Weltalls, einschließlich des eigenen Leibes, nichts als eine äußere
Hülle ist, und zeigt ihm unter dieser vergänglichen Hülle die majestätische
Sphäre des Lebens [praana]. Auf einer neuen Stufe läßt der Lehrer ihn dann
in der Meditation erfahren, daß auch die mächtige Sphäre des Lebens nichts
als eine Hülle ist. Und als auch diese Hülle weggehoben ist, zeigt er ihm
die große Welt des menschlichen und des kosmischen Geistes [manas]. Dann
führt er den Schüler, der immer wieder die Kunst des Verzichtens, des Loslassens
üben mußte, noch weiter aufwärts und weiter nach innen, noch über die wunderbare
Welt alles Denkens hinaus: zu einer Sphäre der unmittelbaren Erfahrung unendlicher
Weisheit [vijñaana], die alle sichtbare Welt heimlich durchwebt und deren
Grund ist.
In Bildern, die
mehr als bloße Bilder sind, beschreibt der Guru der Taittiriya-Upanishad
dem Schüler das Wesen des Menschen, das von dreifachen Hüllen befreit, gleichsam
zu einem geflügelten Weisheitswesen geworden ist:
>>Gläubiges
Vertrauen [shraddhaa] ist sein Haupt.
Die heilige
Ordnung [rita] ist sein rechter Flügel.
Wahrheit
[satya] ist sein linker Flügel.
Yoga ist
sein Leib.
Sein Grund,
sein Schwanz ist das große Bewußtsein [mahat].<<
[Taittiriya-Upanishad 2,4]
Manche Sucher,
die so weit kommen, verweilen hier und glauben nun das letzte Ziel erlangt
zu haben. Aber die Unterweisung der Upanishad ist mit diesem Schritt noch
nicht zu Ende. Nachdem der Guru auch alle ewige Weisheit als einen Schleier
erkannt und ihn losgelassen hat, offenbart ihm der Lehrer, daß als Grund
unendlicher Weisheit ein noch tieferes Sein verborgen ist, das Reich der
göttlichen Wonne und Liebe. Der Guru beschreibt dem Schüler das nun erschaute
Wesen des Menschen und alles Seins. Abermals wählt er das Bild eines wunderbaren
Vogels, der endlich sämtlichen Hüllen entfliegt:
>>Liebe
[priyam] ist sein Haupt.
Freude [moda]
ist sein rechter Flügel.
Große Freude
[pramoda] ist sein linker Flügel.
Göttliche
Wonne [aananda] ist sein Leib.
Sein Grund,
sein Schwanz ist das Brahman.<<
[Taittiriya-Upanishad 2,5]
Der Guru fügt
hinzu:
>>Wer
vermöchte zu leben,
wer vermöchte
zu atmen,
wenn dieses
innere Leuchten
[dieser
innere Himmel] der Wonne nicht wäre?<<
[Taittiriya-Upanishad 2,7]
Hier hält der
Seher inne. Er hat ja auf dem Stufenweg mehrmals betont, daß vor dem letzen
Grund alles Seins die Worte zurückweichen. Doch eins hat er noch über das
Wesen des unvergänglichen Atman auszusagen vermocht:
>>Er
[der Atman] ist Rasa.
Wahrlich,
wer diesen Rasa erlangt hat,
ist einer,
der göttliche Wonne hat.<<
[Taittiriya-Upanishad 2,7]
Schon in der
weltlichen, also nicht einzig auf die Gottheit bezogenen Poesie, da wo die
Kraft des Dichters und des Schauspielers die Rasas in dem Zuschauer hervorruft,
sehen die Inder einen Abglanz des Göttlichen. Aber etwas noch viel Tieferes,
eine völlig neue Dimension, nicht mehr bloß Abglanz, sondern die Fülle der
Gottheit selbst wird von den Bhaktas in den Rasas des göttlichen Spiels
und in den Rasadichtungen erlebt, die von diesem Spiele handeln.
Nun ruft nicht
mehr die Kraft des Dichters und Schauspielers die Erschütterungen des Rasas
hervor, sondern die Liebe des Bhakta, die aus Gott stammende Kraft der Liebe
[prema-bhakti], bewirkt die Offenbarung Bhagavans. Die reale Begegnung läßt
die Liebe des Bhaktas noch mehr aufflammen und zum Rasa werden. >>So
steigert in wechselseitigem mannigfaltigem Spiel Liebe die Liebe und den
Rasa.<<
Das, was in der
Taittiriya-Upanishad als ein letzter Hochgipfel erscheint, zu dem ein zögernder
Schritt emporgeführt hat, bevor dann der Weg abbricht und die Worte endgültig
versagen, dort beginnt erst die eigentliche Lebenswelt der >>unverhüllten
Bhakti<<, das unendliche Reich der Rasas des >>göttlichen
Spiels<<. Die Philosophie der indischen Gottesliebe betont: Dieses
Verborgene ist nie und nimmer erlangbar auf einem emporsteigenden Pfad [aaroha],
nicht erlangbar auf Grund der eigenen Kraft der Meditation und Askese. Das
innere Reich Gottes, so lehrt der Guru nachdrücklich, erschließt sich nur
auf dem herabsteigenden Pfad [avaroha], dem Pfad der herabsteigenden
göttlichen Gnade +23. Die gnadenvoll herabsteigende Freudenkraft [Hlaadinii-shakti],
in der die Wonne der göttlichen Liebe mit göttlicher Erkenntnis vereint ist,
ergreift von der sich sehnsüchtig mühenden Seele Besitz und trägt sie zu
Gott empor.
Einer der häufigsten
Sanskritausdrücke für göttliche Gnade lautet bezeichnender Weise anugraha,
das bedeutet wörtlich: Ergreifen und immer wieder Ergreifen. Die esotherische
Rasalehre der Bhakti beschreibt das zarte überweltliche Geschehen, das sich
in den Tiefen der Seele vollzieht, folgendemaßen:
>>Wenn
das Herz im Ansturm der Gegenwart Gottes geschmolzen ist, wenn das Gemüt
[citta] [bis in die tiefsten Schichten des Unterbewußtseins] feucht geworden
ist, dann wird die im Herzen des Bhaktas immer vorhandene Liebe zu Bhagavan
in die Natur eines Rasas übergeführt, eines Rasas, der Gott, den Geliebten
erfreut<<; so schildert Rupa-Gosvami im >>Bhakti-Rasamrita-Sindhu<<
das Erwachen des Rasas.
An anderer Stelle
des gleichen Werkes heißt es:
>>Die wonnevolle
Liebe zu Bhagavan leuchtet hell im Herzen, weil der Bhakta schon in einem
früheren Leben ein Gottgeweihter, ein Liebender war und weil die Kraft der
Bhakti alle seine Mängel hinweggespült hat. Ganz still ist das Herz geworden,
ganz frei von allem Begehren nach den Dingen der Welt, aber sehnsüchtig leuchtet
es Gott entgegen und es ist voll leidenschaftlichem Begehren nach der Gemeinschaft
mit anderen rasakundigen Bhaktas. Die Schönheit und der Reichtum eines solchen
Bhaktas und sein einziges Leben ist nun seine Liebe [bhakti] zu den Füßen
Bhagavans.Wenn die unverhüllte Liebe den Zustand von voll aufgeblühter Wonne
erlangt hat, die so wundersam ist, daß sie den Bhakta in unfaßbar tiefes
Erstaunen versetzt, dann wird diese Liebe rasahaft genannt.<<
Rasa wird also
bewirkt durch die unmittelbare Erfahrung Gottes. Und Gott allein ist die
höchste Erfahrung aller überweltlicher Rasas. Der Atman, die wahre Wesensgestalt
des Bhakta, wird ganz und gar zu Rasa. Die Kraft der Gottesliebe die aus
Bhagavan stammt, von ihm zum Bhakta strömt und von diesem in Verzückung zu
Bhagavan zurückströmt, wechselseitig sich steigernd, ist ihrer Natur nach
Rasa. Und Bhagavan selbst >>der Ursprung und das Ziel, die Zuflucht
und Erfüllung aller Rasas<<, wird in der Chaitanya-Bhakti >>die
Nektargestalt aller Rasas<< genannt. Mit dieser Benennung Gottes
als Nektargestalt aller Rasas [akhila-rasaamrita-muurti] beginnt die erste
Strophe der eben genannten umfangreichen Rasakunde von Rupa Gosvami, der
>>Bhakti-Rasamrita-Sindhu<<.
Mit der sehr
interessanten Rasalehre der indischen Poetik haben sich einige eurpäische
Indologen bereits beschäftigt. Doch die das Leben des unvergänglichen Seins
erhellende metaphysische Rasalehre der indischen Bhakti, die in der Chaitanya-Bewegung
im sechzehnten Jahrhundert in Bengalen, Orissa und Vrindavan zur Hochblüte
gelangte, ist meines Wissens im Abendland noch fast unbekannt geblieben.
Aber so wie man
die Notenschrift und die Tonarten und die Grundzüge der Harmonielehre kennen
muß, um mit Verständnis die Partitur einer Synfonie lesen zu können, muß
man die Grundzüge der Rasalehre der Bhaktas kennen, um die Rasaliteratur
der indischen Gottesliebe einigermaßen zu verstehen.
Ganz nebenbei
wird in dieser Rasakunde auch eine Dramaturgie des Bhaktidramas gegeben,
das ein Mysteriendrama im tiefsten Sinne ist, da es ausschließlich Szenen
und Szenenfolgen aus dem göttlichen Spiel [liilaa] auf die Bühne bringt.
Die Offenbarungsdramen
der Chaitanya-Bewegung waren nicht für Außenstehende bestimmt. Die Zuschauermenge
bestand aus Bhaktas, aus Rasakundigen, die auch die leisesten Anspielungen
des Stückes verstanden und deren Gottesliebe durch das Teilnehmen an den
Begebenheiten der Lila zu mannigfaltigem Rasa entflammt wurde. Der Dichter
des Stücks war ein Bhakta. Der Spielleiter war ein Bhakta, die Darsteller
waren Bhaktas. In der Rasalehre der indischen weltlichen Dichtung wird aus
künstlerischen Gründen streng gefordert, der Schauspieler dürfe auf der Bühne
von keinem der früher genannten sieben Rasas der weltlichen Poesie, Schrecken
und so weiter ergriffen werden, jedoch sollte er den Rasa kunstvoll imitieren.
Der Schauspieler in einem Bhaktidrama, der ein Gottgeweihter ist, läßt sich
hingegen in der Vergegenwärtigung Gottes und des göttlichen Spiels freudig
vom überweltlichen Rasa überschwemmen und inspirieren.
Es wird berichtet,
daß ein Bhakta-Schauspieler, der in einem Stück aus der Lila des göttlichen
Avatars Rama dessen Vater darstellte, der den göttlichen Sohn ins Exil schickt,
bei der Darstellung des in reuevoller Verzweiflung sterbenden Vaters wirklich
starb.
Die ersten Dramen,
die jemals in der wohllautenden Bengalisprache gespielt wurden - es ist eine
Sprache, die heute von etwa siebzig Millionen Menschen gesprochen wird, wuchsen
aus solchen Aufführungen der Lila Krishnas hervor. Krishna Chaitanya improvisierte
in seiner Jugend mit seinen Freunden in seiner Geburtsstadt Nabadvip diese
Stücke. Es gab keinerlei Manuskript, bloß die Rollen wurden von Chaitanya
verteilt, die Handlung aus der inneren Lila war ja den Mitwirkenden wohl
bekannt. Und die Kraft des Meisters, der oft die Hauptrolle spielte, beseelte
die Mitwirkenden.
Die Zuschauer
waren derart hingerissen, daß man in Bengalen noch heute, nach vierhundertfünfzig
Jahren, von diesen Aufführungen spricht. Rabîndranâth Tagore und andere bedeutende
bengalische Dramatiker aus unserer Zeit schöpfen aus der Bühnentradition,
die damals mit Chaitanya anhob.
Ein junger Schüler
Krishna Chaitanya, der später berühmt gewordene Dichter Kavi Karnapura schrieb
in Form des zehnaktigen Sanskritdramas >>Chaitanya Chandrodaya<<,
zu deutsch >>Der Mondaufgang Chaitanyas<<, eine der ersten zeitgenössischen
Biographien seines Meisters. Darin wird im dritten Akt eine solche von Chaitanya
und seinen Freunden freudig vorgenomene Improvisation eines Krishna-Dramas
als ein Stück im Stück höchst lebendig auf die Bühne gebracht.
Einmal stand
ich in Indien mit einem Bhakta am Strand des Puri, wo Chaitanya die zweite
Hälfte seines Lebens verbrachte. Das offene Meer schäumte donnernd in hohen
Wogenkämmen unablässig heran. Sinnend schaute mein Begleiter auf die sich
wälzenden Wassergebirge; plötzlich sagte er: >>Die Wellen dieses Meeres
sind nichts gegen die hohen Wogen des Rasameeres der Gottesliebe.<<
Alle Spielarten
der Wogen im Ozeane der göttlichen Liebe zu beschreiben, würde die Kraft
auch des größten Eingeweihten übersteigen. Der Philosoph und Dichter Rupa
Gosvami hat es vermocht, im >>Bhakti-Rasamrita-Sindhu<< aus der
Unendlichkeit des Rasa-Ozeans fünf verschiedenartige Wogenformen der Rasas
in das innere Blickfeld zu rücken. Auch die Schilderung dieser fünf Hauptrasas,
die immer gewaltiger aufsteigenden Wogengebirgen gleichen, sprengt schon
fast das umfangreiche Werk. Um die letzte und höchste Rasawoge der indischen
Gottesliebe klarer sichtbar zu machen, war Rupa Gosvami genötigt, ein neues
Werk zu verfassen, >>Ujjvala-Nilamani<< [ujjvala-niilamani].
Dieses Wort bedeutet: der dunkelblau leuchtende Edelstein. Das ist eine Bezeichnung
Bhagavan Krishnas.
Die früher aufgezählten
Rasas der indischen weltlichen Poesie, die einem verfeinerten ästhetischen
Genuß dienen: Schrecken, Staunen, Humor, Ekel, Heroismus, Mitleid ... fehlen
in der esoterischen Rasalehre Rupas nicht, aber nun sind sie alle Gott zugeordnet
und sind wie mitströmende oder entgegenströmende Wellen, die das Spiel der
Hauptwogen begleiten, fördern oder hemmen.. Bei jeder Offenbarung Gottes
kann Schrecken, Schaudern vor der göttlichen Majestät, im vertraulichen Spiel
auch Heiterkeit und so weiter, mit aufwogen. Diese Rasas tragen zur >>Nahrung<<
der Hauptrasas der Gottesliebe bei.
>>Alle
Rasas sind wie Wellen in einem Ozean, die aufsteigen und wieder versinken.
Der Ozean ist die Unendlichkeit der unverhüllten Gottesliebe. Die Rasas sind
einzelne Aspekte der Wonne innerhalb des Meeres der göttlichen Liebe<<
[Vorspiel zum dritten Akt des vorhingenannten Dramas >>Chaitanya-Chandrodaya<<].
Auch Rupa Gosvami war ein vertrauter Schüler Krishna Chaitanyas. Er hat,
wie schon erwähnt, auf Geheiß seines Meisters, und wie der Autor in seinem
Vorspruch betont, mit der Kraft, die Chaitanya in sein Herz gelegt hatte,
die große Rasalehre >>Bhakti Rasamrita-Sindhu<< geschrieben und
darin die verborgenen Gesetze des Rhythmus innerhalb des freien Spiels der
Rasas aufgezeigt. Denn auch der Wogengang des spontanen Spiels Bhagavans
und der Seinen im Reich des Unbegrenzten folgt geheimen rhythmischen Gesetzen.
Man könnte von Harmoniegesetzen sprechen, die der überweltlichen ewigen Synfonie
der Lila Gottes innewohnen, etwa so, wie ja auch in irdischer Kunst, etwa
in freien Strömen einer Mozartsonate, Harmoniegesetze leben und das Anschlagen
eines falschen Tones Schmerzen bereitet.
Der Titel von
Rupas einzigartigem Werk, das in sieben Jahren hingebungsvoller Arbeit in
der Waldeinsamkeit von Vrindavan verfaßt und im Jahre 1541 abgeschlossen
wurde, ist kennzeichnend für die Unendlichkeit des Themas. Der Name des Buches
bedeutet auf deutsch: >>Nektar-Ozean der Rasas der Gottesliebe<<
[Bhakti-rasaamrita-sindhu].
Die vier Teile
des Buches heißen: >>Ostteil, Südteil, Westteil, Nordteil<<.
Die einzelnen Abschnitte der vier Teile des Buches werden nicht Kapítel genannt,
sondern der Autor nennt sie charakteristischerweise: Wogen; also erste
Woge des Ostteils im Rasameer der Gottesliebe, zweite Woge... und so weiter.
Auch in den zahllosen Liedern der Gottgeweihten, die vielfach bereits zu
Lebzeiten Krishna Chaitanyas entstanden sind und die noch heute vom Volke
in Bengalen gesungen werden, ist oft von den >>Wogen des Ozeans der
Rasas<< die Rede:
Da heißt es zum
Beispiel:
>>Zuerst
nur ein sanftes Wellenkräuseln -
und da gibt
es noch ein Spiel
von irdischem
Hoffen und Furcht und Zweifeln
und Sorgen.
Langsam werden
es hohe Wellen.
Sie bedecken
beide Ufer
und der Strömung
kann man nicht mehr widerstehen.
Geheimnisvoll
wahrlich sind die Wogen der Rasas
im Ozeane der
Gottesliebe.<<
V.
FÜNF WOGEN DES UNVERGÄNGLICHEN
DIE FÜNF Hauptrasas
im Sinne Rupa Gosvamis sind:
1.
DER RASA DES FRIEDENS
[shaanti-Rasa]
Das Meer der
Liebe ist nicht immer in Wogen aufgewühlt. Es ist zuweilen spiegelglatt und
klar. Der Shanti-Rasa erwächst aus der Erfahrung des unsäglichen göttlichen
Friedens, der durch die untrügliche Gewissheit der Gegenwart Gottes entsteht.
Im Shanti-Rasa wird die Wonne erlebt, Objekt der Gnade Gottes zu sein. Schon
daraus geht hervor, daß es sich um den persönlichen Gott um Bhagavan,
handelt und nicht um das gestaltlose Brahman. Denn das gestaltlose, wirkenslose
Brahman, in dem es keine Subjekt-Objektbeziehung gibt, erweist keine Gnade.
Aber die starke dynamische Ich-Du-Beziehung der übrigen überweltlichen Rasas
fehlt noch im Shanti-Rasa. Neutralität und Gelassenheit ist diesem Rasa eigen.
Und doch durchzieht der Rasa des Friedens als ein Grundgefühl heimlich die
Wogen aller anderen Rasas, als die untrügliche Gewißheit, auch in der Nacht
scheinbarer Gottferne im tiefsten Grund unverlierbar mit Gott verbunden zu
sein. Der Shanti-Rasa erhält von innen her alle anderen Rasas des göttlichen
Dramas der Liebe und bewirkt, daß der Bhakta sich auch in den Wogentälern
tiefen Leids, welches in der Dramatik der Lila keineswegs mangelt, doch immerdar
in Gott gegründet fühlt.
2.
Der RASA DES DIENENS
[daasya-rasa]
Wenn die Gottesliebe
anwächst und unwiderstehlich auf den geliebten Gott zuströmt, wird die Seele
sich ihrer Ich-Du-Beziehung mit Ihm bewußt. Und dann, wenn sie Ihn in dem
Reich, das nicht von dieser Welt ist, als ihren ewigen Herrn erkennt und
sich selbst als den unermüdlichen freudigen Diener, dann erlebt die Seele
die Verzückung des enthusiastischen Dienens, den Dasya-Rasa.
In ihren Hymnen
flehen die Bhaktas zu Bhagavan: >>Gib mir Dienertum!<< >>Nimm
mein Dienen [sevaa] an!<<
Auf die Frage nach dem wirklichen Sinn des Lebens, antwortet der
Krishna-Bhakta in der Strömung Chaitanyas:
>>Es
ist das Wesensgesetz jeder Seele,
Krishnas
ewiger Diener zu sein.<<
[Chaitanya-Charitamritam, Madhya-Lila,20,108]
Noch mehr als
der Rasa des Friedens ist auch die Wonne des Dienens, die Wonne, Ihn, den
Einen, den Geliebten, durch hingebungsvollen Dienst erfreuen zu
dürfen, der Unterton aller weiteren Rasas der Gottesliebe.
3.
DER RASA DER VERTRAULICHEN GOTTESFREUNDSCHAFT
[sakhya-rasa]
Der göttliche
Frieden und das Glück, Gott voll Enthusiasmus dienen zu dürfen, ist in Fülle
enthalten in der noch höheren Rasawoge der vertraulichen Freundschaft mit
Bhagavan. Der vertraute Freund ist Bhagavan noch viel näher als der ergebene
Diener. Die Ich-Du-Beziehung ist noch lebhafter. Der Bhakta, der den Rasa
der Freundschaft mit Bhagavan gekostet hat und der Gott als Freund erlebt,
den er erfreuen darf, er weiß, daß alles, was man auf Erden Freundschaft
nennt, bloß ein ärmliches verzerrtes Schattenbild des Rasas der Gottesfreundschaft
ist. >>Bhagavan ist der einzige wahre Freund, den es gibt<<,
sagt der Guru.
4.
Der RASA Der ELTERLICHEN LIEBE
[vaatsalya-rasa]
Eine noch höher
strömende Rasawoge, in der wieder der Rasa des unendlichen göttlichen Friedens
und der Rasa des enthusiastischen Gottdienens und der Rasa der vertraulichen
Gottesfreundschaft in ihrer Essenz mitfluten, ist der Rasa einer sich verschenkenden
sorgenden Liebe, der man auf Erden die zärtliche Liebe einer hingebungsvollen
Mutter zu ihrem Kind vergleichen kann. Aber wie schwach ist dieses Gleichnis.
Das Sanskritwort vatsa in Vatsalya-Rasa bedeutet Kälbchen, Kind, auch Mutterbrust.
So wie der Milchstrom, der sich in liebender Zärtlichkeit ergießen will,
sobald der Blick der jungen Mutter auf ihr Kind fällt, so strömt die Liebe
des Bhaktas dem göttlichen Kinde zu.
Dem Bhakta, dem
die holde Offenbarung Gottes in Gestalt eines Kindes zuteil wird, dünkt das
Gotteskind, das sein Ein und Alles ist, tausendmal herzerfreuener und liebebedürftiger
als sein eigenes geliebtes Kind zu sein. Der Bhakta sieht in dem Gotteskind
das einzige, wahre Kind, das Urbild alles Kindseins in der Welt.
Ein Schein der
Erfahrung des Vatsalya-Rasas liegt in den Worten des abendländischen Dichters
Novalis:
>>Er
ist der Stern, er ist die Sonn;
er ist
des ewigen Lebens Bronn,
aus
Kraut und Stein und Meer und Licht
schimmert
sein kindlich Angesicht.
In allen
Dingen sein kindlich Tun,
seine
heiße Liebe wird nimmer ruhn,
er schmiegt
sich selber unbewußt
unendlich
fest an jede Brust.
Ein
Gott für uns, ein Kind für sich,
liebt
er uns all herzinniglich.
[Novalis, Geistliche Gedichte]
5.
DER HÖCHSTE DER RASAS
[shringaara-rasa]
In der folgenden
sehnsüchtigen Strophe eines Bhakta kann man den Übergang vom Vatsalya-Rasa
zum höchsten der Rasas, zum Shringara-Rasa wahrnehmen:
>>Wie noch
nicht flügge Vögel nach der Mutter rufen,
wie junge Kälber
nach der Muttermlch verlangen,
wie die Geliebte,
die Verlassene, nach dem Geliebeten,
der in der
Ferne weilt, sich sehnt,
so begehrt
meine Seele, o Lotusäugiger,
Dich zu sehen.<<
[Bhagavatam 6, 11, 26]
In den-Rasaschriften
der Chaitanya-Bhakti liest man: Es ist geboten, den fünften und höchsten
der Rasas, den Shringara-Rasa, als ein großes Geheimnis sorgfältig verborgen
zu halten. Bhakti-Vinoda [1838 bis 1918], ein Bhaktiguru aus unserer Zeit,
schreibt in seinem in Bengalisprache verfaßten Werk >>Jaiva-Dharma<<
[das Wesensgesetz der Seele]: Es ist äußerst schwer, Adepten zu finden, die
fähig sind, die reine überweltliche Extase des Shringara-Rasa zu erfahren.
Auch der Shringara-Rasa hat eine ferne Entsprechung im groben Schattenbild
der irdischen Beziehungen, und zwar in der Hingabe eines keuschen, treuen
Eheweibs an den geliebten Gatten oder gar in der, alle irdische Gesetzesschranken
überschreitenden ehebrecherischen Hingabe einer Liebenden zum Geliebten [parakiiiya-rasa].
Die Verletzung der Gattentreue galt im alten Indien und auch im Indien des
Mittelalters als die allergrößte Schmach, und dennoch haben hervorragende
Gurus der Bhakti kein anderes irdisches Gleichnis für die Intensität und
Macht und Intimität dieses überweltlichen höchsten Rasas gefunden, als die
Liebe eines Weibes, das sich in der Sehnsucht, den Geliebten zu beglücken,
über alle Schranken der weltlichen Pflichten, Gebundenheit und Konvention
achtlos hinwegsetzt. Es ist eine Liebe, die so stark ist, daß sie gern alle
Schande der Welt auf sich nimmt.
Der Abstand zwischen
dem groben und oftmals gar trüben Bild im Vergänglichen und dem Leuchten
des Urbilds dieser Gottesliebe im Unvergänglichen ist fast unerträglich groß.
Es ist, als ob das Licht des höchsten Himmels sich zu tiefst im schlammigen
Algengrund eines Tümpels spiegelte.
Aufs nachdrücklichste
wird in den Rasaschriften oftmals betont und vom Guru wird es eingeschärft,
daß das primäre Kennzeichen eines jeden Rasas der unverhüllten Gottesliebe,
aber ganz besonders des Shringara-Rasas, darin bestehe, daß die liebende
Seele niemals Eigengenuß begehre. >>Ihre eigene Freude erlebt sie
einzig im Glück des Geliebten +24 .<<
Leise verhüllte
Andeutungen über die Offenbarung jener Liebe in dem unvergänglichen Reich,
worin alle menschlichen Beziehungen zum Herrn, zum Freund, zum Kind und zum
Geliebten urständen, finden die Bhaktas in den Upanishaden. Da wird alle
Liebe zum Zentrum alles Seins, zum großen Atman zurückgeführt, wobei
die Bhaktas in dem großen Atman dessen Offenbarung als Bhagavan sehen.
In der Upanishad
belehrt ein Gatte seine Gattin über das Wesen der wahren Liebe:
>>Wahrlich
nicht um des Gatten willen hat man den Gatten lieb, sondern um des Atman
willen hat man den Gatten lieb. Wahrlich nicht um der Gattin willen hat man
die Gattin lieb, sondern um des Atman willen hat man die Gattin lieb.
Wahrlich nicht um der Söhne willen sind einem die Söhne lieb, sondern um
des Atman willen hat man die Söhne lieb... Wahrlich nicht um des Weltalls
willen hat man das Weltall lieb, sondern um des Atman willen hat man
das Weltall lieb. Diesen Atman soll man sehen, soll man hören, soll
man verstehen, soll man überdenken ... Fürwahr, wer den Atman gesehen,
gehört, verstanden und erkannt hat, von dem wird diese ganze Welt gewußt
[Brihad-Aranyaka Upanishad 2,4,5].<<
In der gleichen
Upanishad wird bereits die Innewerdung des individuellen Atman, die noch
nichts mit dem Shringara-Rasa zu tun hat, in einem bestürzend erotischen
Bild geschildert:
>>So wie
ein Mann in der Umarmung eines geliebten Weibes nicht mehr weiß, was innen
und was außen ist, so ist dieser Mensch in der Umarmung des aus reiner Erkenntnis
bestehenden Atman [Brihad-Aranyaka Upanishad 4,3,21]<<.
Der abendländische
Leser erschrickt über die Sinnlichkeit solcher Gleichnisse. Er ist dazu erzogen
worden, derartige Vergleiche aus dem sexuellen Gebiet in religiösen Schriften
als in höchstem Grad unziemlich und ehrfurchtverletzend zu empfinden. Viele
moderne Leser werden wahrscheinlich, um ihr Unbehagen abzulenken, diese Bilder
nach psychoanalytischen Methoden zu deuten versuchen. Doch man kann, wenn
man unbefangen ist, die kühnen erotischen Bilder aus den Upanishaden und
den Rasaschriften auch anders ansehen, nämlich als schlichtes Zeugnis für
die Realistik, mit der große indische Weise und Gottgeweihte -soweit es mit
Hilfe irdischer Sprache überhaupt möglich ist- in Demut ihre übersinnlichen
Erfahrungen des tief vertraulichen Umgangs der Seele mit Gott ihren auserwählten,
vielfach erprobten Schülern mitteilten. - Auch bei Johannes vom Kreuz, Bernhard
von Clairvaux und anderen christlichen Mystikern finden sich ähnliche Bilder.
Die Vorbedingung
solcher Mitteilung war gemäß der alten Urkunden -was man im Westen allzu
leicht vergißt- eine entspechende Seelenhaltung des Adepten, eine immer erneute
Bewährung, eine innerliche Keuschheit bis in die Tiefen des Traumlebens hinein.
Nicht umsonst findet man am Schluß der Bhagavadgita, welche Karma-Yoga, Jnana-Yoga
und vor allem Bhakti-Yoga lehrt, die strenge Mahnung an den Schüler:
>>Du
darfst es niemandem sagen,
der
nicht ein Bhakta ist,
der
nicht Askese übt
und
der nicht zu dienen begehrt.<<
[Bhagavadgita 18,67]
Auch in jener
Upanishad, unter allen noch erhaltenen Urkunden+25 das Wort Bhakti zum erstenmal
voll und klar ertönt, finden wir eine ähnliche Mahnung, verbunden mit dem
deutlichen Hinweis auf die Bhakti in einem früheren Weltalter. In der Shveta-shvatara-Upanishad,
dort,wo am Schluß der ganzen Belehrung die Essenz der Unterweisung nochmals
zusammengefaßt wir, mahnt der Guru seinen Schüler:
>>Das
höchste Geheimnis des Vedanta
das in einem
früheren Weltalter verkündet wurde,
darf niemand
gelehrt werden,
der nicht
inneren Frieden erlangt hat
und der kein
würdiger Sohn,
und kein
würdiger Schüler ist.
Denn die Reichtümer
der ewigen Wirklichkeit,
die ausgesprochen
wurden,
leuchten nur
auf in einer großen Seele,
die höchste
Bhakti zu Gott hat
und ebenso
wie zu Gott auch zum Guru.
Nur in einer
solchen großen Seele
leuchten sie
auf.<<
[Shvetashvatara-Upanishad
6, 22, 23]
So wie in einem
funkelnden Tautropfen die Sonne aufleuchtet, so leuchtet für einen Chaitanya-Bhakta
die Fülle der Gottheit und der von ihr stammenden und auf sie bezogenen Gottesliebe
in dem Worte Rasa auf, von dem die Taittiriya-Upanishad sagt, was schon im
vorhergehenden Kapitel ausgeführt wurde:
>>Wer
vermöchte zu leben,
wer vermöchte
zu atmen,
wenn dieses
innere Leuchten
[dieser
innere Himmel]
der Wonne
nicht wäre.<<
[Taittiriya-Upanishad 2,7]
>>Ohne
Rasa vermag der Mensch nicht zu leben<<, bemerkte mein Lehrer Sadananda
einmal in Indien. >>Aber weil der Mensch den Rasa dieses göttlichen
Spiels kaum jemals findet, sucht er den Rasa im Irdischen, in irdischer Lust
- und findet ihn doch letztlich nie.<< Sadananda verwies auf den schmerzlichen
Aufschrei Nietzsches:
...Denn alle
Lust will Ewigkeit,
will tiefe,
tiefe Ewigkeit...
Und er fügte
hinzu: >>Wo Lust ist, kann nie Ewigkeit gefunden werden; nur dort wo
Liebe zum Ewigen ist, Liebe, die nichts weiß und nichts wissen will
vom eigenen Glück, dort findet sich -der Intensität und Extensität nach-
stetig bis ins Unendliche sich steigernd, Ewigkeit. Bhagavan als
Diener oder als Freund oder als Liebenden zu erfreuen, SEINE Wonne steigern,
auch wenn es eigenes Leid mit sich bringt, ist des Bhaktas einzige Freude.
Und diese Freude ist so, daß sie nichts an ihrer Seite duldet und ganz und
gar kein Interesse für irgend etwas anderes übrig bleibt.<<
Zweiter
Teil
DAS GELIEBTESTE BUCH DER HINDUS
VI.
DAS BHAGAVATA-PURANA
WENN DIE BHAGAVAD-GITA,
EINE OFFENBAHRUNGSURKUNDE DER Krishna-Bhakti, im Abendland bekannt wurde,
durch die englische Übersetzung von Wilkins [1785] und vor allem durch die
lateinische Übertragung August Wilhelm Schlegels [1823], hat sie bei einer
Reihe großer Geister staunenden Jubel hervorgerufen. Oftmals sind die Worte
des deutschen Staatsmannes, Wilhelm von Humboldt zitiert worden: >>Es
ist wohl das Tiefste und Erhabenste, das die Welt aufzuweisen hat. Ich las
das indische Gedicht und mein beständiges Gefühl dabei war Dank gegen das
Geschick, daß es mich habe leben lassen, um dieses Werk noch kennen zu lernen.<<
Seiher ist die
Bhagavadgita in alle Kultursprachen der Welt übersetzt worden, und immer
wieder haben große Persönlichkeiten der westlichen Hemisphäre in dem >>Gesang
Bhagavans<<, eine geistige Heimat gefunden und geahnt, daß die Bhagavadgita
mehr als eine große Dichtung sei. Ergreifend ist es, die erst kürzlich bekannt
gewordenen Worte Simone Weils über die Bhagavadgita zu lesen. Für diese große
französische Mystikerin, die einer der gedankenklarsten Menschen unserer
Zeit war, bedeutete das Kennenlernen der Gita eines der wichtigsten Ereignisse
ihres Lebens. In ihrer spirituellen Selbstbiographie schrieb sie etwa ein
Jahr vor ihrem Tod:
>>Im Frühjahr
1940 las ich die Bhagavadgita. Seltsam. Als ich diese wunderbaren Worte von
einem derartigen christlichen Klange las, die einer Inkarnation Gottes in
den Mund gelegt werden, da geschah es, daß mich das kräftige Gefühl überkam,
daß wir der religiösen Wahrheit sehr viel mehr schulden, als die Zustimmung,
die man einer schönen Dichtung gewährt, eine Zustimmung von sehr viel kathegorischerer
Art.<< +26
Ein Mann aus
dem modernen Indien, dessen Namen jeder kennt und der sich gleich Simone
Weil mühte, die Lebensnot der Mühseligen und Beladenen seines Volkes restlos
zu teilen, Mahatma Gandhi, pflegte ein zerlesenes Exemplar der Bhagavadgita
als eines seiner wenigen Besitztümer immer mit sich zu führen und auch stets
mitzunehmen, wenn er aus politischen Gründen verhaftet und ins Gefängnis
abgeführt wurde. Im Jahre 1925 schrieb Ghandi:
>>Ich finde
einen Trost in der Bhagavadgita, den ich selbst in der Bergpredigt nicht
erhalte. Wenn Enttäuschung mir ins Gesicht starrt und ich keinen einzigen
Lichtstrahl mehr wahrnehmen kann, dann wende ich mich zur Bhagavadgita. Ich
finde einen Vers hier und einen Vers dort und sogleich beginne ich zu lächeln
inmitten von überwältigenden Tragödien -und mein Leben ist äußerlich voll
von Tragödien gewesen-, und wenn diese keine sichtbaren, keine unauslöschlichen
Narben hinterlassen haben, so danke ich das der Unterweisung der Bhagavadgita<<
+27.
Zu meiner Betroffenheit
sagte mir mein Lehrer Sadananda in Indien: >>Die Bhagavadgita ist bei
all ihrer Größe doch nur eine Einleitung in die Philosophie der indischen
Gottesliebe, der unverhüllten Bhakti, die man im Abendland noch gar nicht
kennt.<<
Sadananda setzte
fort: >>Die Bhagavadgita führt bis zu der hohen Stufe, auf welcher
der Schüler es vermag, nicht mehr aus dem eigenen Willen, sondern aus dem
göttlichen Willen heraus zu handeln und dadurch innerlich frei zu sein von
aller zeitbedingten Gesetzesbindung. Die Bhagavadgita führt bis zum uneingeschänkten
Zufluchtnehmen bei Gott, “bei den Füßen Bhagavans". Die Gottesliebe lebt
in der Bhagavadgita, aber die Liebe ist noch nicht hell entflammt, der Rasa
strömt noch nicht. Doch dort, wo die Unterweisung der Upanishaden abbricht
und wo auch die Unterweisung Krishnas in der Bhagavadgita abbricht, auf jener
Höhenlage fängt im Bhagavatam Krishnas zentrale Unterweisung über
die göttliche Liebe an. - Und noch mehr: Krishnas innere Lila, sein rasahaftes
Spiel mit seinen ewigen Gefährten, [parishada] wird im Bhagavatam offenbar.<<
Das Shrimad-Bhagavatam,
das aus zwölf Büchern besteht und das achtzehntausend Strophen umfaßt, ist
eines der Puranas. Von der Existenz der Puranas wird schon in den sogenannten
ältesten Upanishaden [also nach der Anschauung der heutigen westlichen Religonswissenschaft
etwa achthundert bis tausend Jahre vor Christus] berichtet. Die Puranas waren
sehr altes Geistesgut, als sie, recht spät, in ihrer jetzigen Fassung niedergeschrieben
wurden. Sie enthalten urtümliche Überlieferung. Das Sanskritwort puraana
wird meistens übersetzt mit >>alte Kunde<<. In der Tradition
der indischen Gottgeweihten wird das Wort Purana jedoch mit dem Sanskritwort
puurna in Zusammenhang gebracht, das heißt >>Fülle<<, göttliche
Fülle. Der Bhaktiphilosoph Jiva Gosvami aus dem sechzehnten Jahrhundert erklärt:
>>Die Puranas wurden offenbart, um den unergründlich tiefen Sinn der
Veden für gewöhnliche Sterbliche verständlich zu machen. Die Puranas haben
ihren Namen daher, weil sie die Veden vollenden und erfüllen +28 .<<
Der deutsche
Indologe Helmuth von Glasenapp gebraucht folgendes Gleichnis: >>Werden
der Veda und die Tradition, die sich daran knüpft, mit den beiden Augen der
göttlichen Weisheit verglichen, so sind die Puranas gleichsam das Herz der
göttlichen Weisheit+29. Das Bhagavatam oder Bhagavata-Purana,
dessen überragende Herrlichkeit in enigen anderen Puranas ehrfürchtig gepriesen
wird, ist wahrscheinlich etwa fünfhundertfünfzig nach Jesus Christus schriftlich
niedergelegt worden +30. Manche Indologen geben
noch spätere Daten an, bis zum neunten Jahrhundert. Aber die >>verborgenen
Wahrheiten<< sind bekanntlich in Indien, ehe sie schriftlich niedergelegt
wurden, oftmals durch ungezählte Geschlechter mündlich treu weitergegeben
worden.
Leider ist das
Bhagavatam, das Hauptwerk der indischen Gottesliebe, in Europa noch erstaunlich
wenig bekannt, obwohl schon Burnouf 1840 mit seiner französischen Übersetzung
begann +31, die dann von anderen fortgesetzt
wurde und 1898, also achtundfünfzig Jahre später, vollendet vorlag. Aber
das Riesenformat dieser siebenbändigen Ausgabe hat die Menschen abgehalten,
sich ernsthaft damit zu beschäftigen.
Die längst vergriffene
englische Übersetzung des indischen Gelehrten S.Subba Rau ist kaum über Indien
hinausgedrungen +32. Swami Prabhavananda hat in Amerika eine kleine Auswahl
unter dem Titel "The Wisdom of God" herausgegeben, die aber sehr einseitig
ausgewählt ist, der Gottesliebe wenig Raum gewährt und an mancherlei Interpolationen
und Veränderungen leidet +33. Eine deutsche Ausgabe
gibt es noch nicht. Das Manuskript einer ausführlichen Inhaltsangabe von
Helmuth von Glasenapp ist leider beim Brande von Königsberg während des letzten
Krieges zerstört worden.
Seit vielen Jahrhunderten
ist das Bhagavatam das geliebteste Buch der Hindus. Fühzeitig ist es aus
dem Sanskrit in alle indischen Volkssprachen übertragen worden. Noch heute
ist das Bhagavatam jenes Buch, das mehr als zweihundert Millionen Hindus
am nächsten steht. In vielen Häusern ist es das einzige Buch. Sowohl von
den großen Weisen Indiens als auch von den Straßenkehrern und Kulis wird
es sehr geliebt. Auch den Vielen in Indien, die nicht lesen und schreiben
können, sind die Geschichten des Bhagavatam wohl vertraut. Sie sind ihnen
zumindestens in ihrer Kindheit oftmals erzählt und vorgesungen worden. Frauen,
die durch ein zeitbedingtes religiös-soziales Gesetz lange von dem Studium
der Veden ausgeschlossen waren -in starkem Gegensatz zum vedischen Brauchtum
selbst- und auch Angehörige der niedrigsten Kasten, sowie Kastenlose, sie
durften stets das Bhagavatam hören und lesen. In größter Freigebigkeit stand
dieses Werk, das die ganze Geheimlehre der vedischen Upanishaden zur Voraussetzung
hat, immer einem jeden offen.
In dem alten
Kulturland Orissa fand ich fast in jedem Dorf ein eigenes Haus, wo sich die
armen Bauern, Männer und Weiber und Kinder, regelmäßig zu versammeln pflegen,
um gemeinsam den Geschichten des Bhagavatam zu lauschen.
In der Tempelstadt
Nasik, nahe der modernen Hafenstadt Bombay, wurde nicht nur in der Brahmanenfamilie,
deren Gast ich jahrelang war, sondern auch in tausenden von anderen Häusern
der Stadt während der Regenzeit das umfangreiche Werk von Anfang bis zum
Ende andächtig gesungen. Zu diesem Gesang tanzten die Menschen in den Straßen,
ja sie tanzten und sangen in den schäumenden Wellen des Flusses Godavari,
während sie ihr kultisches Bad nahmen.
Vor kurzem hielt
ich mich einen Monat in der Stadt Benares auf. Da saß ich jeden Abend nach
meinem Bad im Ganges auf einer Stufe der vielen steilen Treppen, die zu dem
heiligen Strom hinabführen; ich saß inmitten einer bunten Menschenmenge und
war der einzige Europäer. Wir alle lauschten einem alten Mann, der auf einem
Absatz der steinernen Treppen saß und in der Volkssprache das Bhagavatam
erklärte.
Sadananda berichtete
mir, daß dieser Greis vor vielen Jahren einmal auf den Stufen gesessen sei
und das Bhagavatam meditiert habe. Als er die Augen aufschlug, merkte er
voll Staunen, daß eine große Menschenmenge rings um ihn saß und ihm ehrfürchtig
zuhörte. Er hatte in seiner Meditation selbstvergessen laut zu erzählen begonnen.
Seither pflegte er dort zur gleichen Abendstunde alltäglich dem Volk das
von ihm geliebte Bhagavatam zu erklären.
Es erwies sich
im oftmaligen vertrauten Beisammensein mit ihm, daß dieser Swami ein hochgebildeter
Mann war, der in Oxford studiert hatte, ein außerordentlich schönes Englisch
sprach und gerne Shakespeare zitierte. Er war einst ein bekannter Rechtsanwalt
gewesen, bevor er Ehre und Reichtum entsagte, um Bettelmönch zu werden und
seine Heimat in dem ewigen Atman zu suchen. Ich habe seiner Unterweisung
viel zu danken.
Das Bhagavatam
birgt unergründliche Tiefen. In zahllosen Geschichten bringt es Berichte
von der Schöpfung der Welt, vom göttlichen Behüten der Welt, vom göttlichen
Zerstören der Welt und von immer wieder erneuter Schöpfung. Es erzählt ausführlich
von den verschiedenen Weltaltern, vom goldenen Zeitalter der Wahrheit bis
zum finsteren Zeitalter der Zwietracht, in dessen Bann wir heute leben. Es
berichtet vom immer neuen Niedersteigen Bhagavans in die Welt in Gestalt
seiner verschiedenen Avatare, Narasinha, Vamana, Rama und so weiter und schließlich
vom Niedersteigen dessen, der die Avatare herabsendet, von Krishna selbst,
>>der die Zuflucht von allem ist<<.
Wenn man sich
mit dem Bhagavatam näher zu beschäftigen beginnt, so wird man allmählich
gewahr, daß Pfade durch den anfangs verwirrenden Urwald diees Werkes leiten.
Man wird gewahr, daß die meisten Lebensläufe, die da erzählt werden und die
im Menschenland und in den Welten der Himmelswesen und den Welten der Dämonen
und am Grund des Meers und im Totenreich ihren Schauplatz gaben, gleichsam
Zweige und Sprossen eines gewaltigen Stammbaums sind. Durch endlose Zeiträume
erstreckt sich der Baum, in dessen Krone hie und da wundersame Blüten aufbrechen,
wenn einer der göttlichen Avatare in Erscheinung tritt.
Schließlich wird
man gewahr, daß alles Wachstum des Baumes hinleitet zu einem auserwählten
Elternpaar, zum Vater und zur Mutter Krishnas.
Die Geburt
und das Aufwachen des holden Krishna-Kindes und das Spiel Krishnas mit den
jungen Kuhhirten und Kuhhirtinnen im Vrindawalde, dem >>wo alles allem
liebreich ist<<, wird im zehnten Buch, dem Herzstück des Bhagavatam,
geschildert.
Das Hören dieser
Geschichten >>wäscht Herz und Ohr<<, es löscht alles Karma aus,
die Sünden zahlloser Lebensläufe. Diese Geschichten von Bhagavan sind >>der
wahre heilige Badeplatz<<, sie erwecken in den Menschenherzen die göttliche
Liebe, so heißt es. Eingewoben in diese zahllosen, spannenden Geschichten,
denen nicht Menschliches und Allzumenschliches fremd ist, werden vielerlei
Lebensziele, mancherlei Wege der Wunscherfüllung aufgezeigt. Es werden zum
Beispiel in den einleitenden Büchern des Bhagavatam Gelübde angegeben, deren
Einhaltung einer häßlichen Frau die ersehnte Schönheit schenken und dem jungen
Mädchen den gewünschten Gatten und der kinderlosen Gattin die erflehte Nachkommenschaft,
viele wohlgeratene Söhne. In enzelnen Geschichten wird dargestellt, wie man
Reichtum, Macht, alles Erdenglück erlangen kann. Und dann wird -ohne jedes
Moralisieren- höchst augenscheinlich gezeigt, daß der Bittende, der den großen
Weisen oder den Avatar um vergängliche Gaben bat und sie erhielt, ein Tor
war. Vorhänge werden weggezogen, ein verborgener Hintergrund wird aufgehellt
und dem Sucher, der im Reich des Vergänglichen bis zum Überdruß seine bitteren
Erfahrungen gemacht hat, wird ein Weg ins Unvergängliche gewiesen.
Auf diese Weise
lehrt das Bhagavatam mancherlei Yoga, den Yoga des Werketuns, ohne selbstsüchtig
die Frucht des Tuns zu begehren, den Karmayoga. Und es lehrt den Yoga der
Weisheit, den Jnanayoga, welcher Befreiung [mukti] schenkt, die Erlösung
vom Kreislauf der irdischen Lust und des irdischen Leids und vom Kreislauf
immer neuer Geburten und schmerzvoller Tode.
Abermals wird
ein Schleier weggehoben. Ein noch tieferer Hintergrund leuchtet auf. Es wird
geschildert, wie einigen wenigen Begnadeten von Bhagavan, dem persönlichen
Gott, die unverhüllte Bhakti geschenkt wird. Das ist jene Liebe, die Gottes
eigene höchste Kraft ist, die von Ihm zu dem Bhakta strömt und von den Bhaktas
zu Gott und durch die Er selbst sich immer tiefer erkennt. Diese unverhüllte
Gottesliebe begehrt keinen Lohn für gute Taten, kein Himmelreich und
auch nicht ewige Erlösung. Ein Gottgeweihter, der solche Liebe hat, begehrt
bloß eines: immer mehr sich steigernde unselbstsüchtige Liebe zu Gott in
alle Ewigkeit, um Ihn, den einzigen Geliebten, noch mehr erfreuen zu können.
Diese Liebe ist
so mächtig, daß sie nichts an ihrer Seite duldet und für nichts anderes irgend
ein Interesse übrig bleibt. Alles das, was die Menschen auf Erden bereits
Liebe nennen: Liebe zum Heim, Liebe zum Freund, Liebe zu den Eltern und Liebe
zum Kind, Liebe zwischen den Gatten, zwischen der Liebenden und dem Geliebten;
all dies wird dem Gottgeweihten zu einem bloßen Abglanz der Liebe zu Gott,
aus dem alle Liebe stammt und in dem auch alle irdische Liebe letztlich gründet.
Die Sanskritsprache
hat eine Unmenge von Bezeichnungen für unser einziges Wort Liebe, für verschiedene
Spielarten und Farben und Tiefenschichten der Gottesliebe, für die es in
den europäischen Sprachen keine Ausdrucksmöglichkeiten gibt. Auch die beiden
Worte eros und agape in der griechischen Sprache geben nur eine blasse Andeutung.
Die Tiefen der
göttlichen Liebe findet der Bhakta vor allem im zehnten Buch
des Bhagavatam, das die innere Lila Krishnas erzählt. Ein indischer
Weiser aus dem frühen Mittelalter namens Shridhar, dessen Erklärung einer
Schlüsselstrophe der Bhagavadgita schon angeführt wurde, schrieb auch einen
berühmten Kommentar des Bhagavatam und erklärt darin, daß die ersten neun
Bücher des Werks nur eine Art Einleitung darstellen und um des zehnten Buches
Willen da seien. Wenn man das Bhagavatam verstehen will, darf man an den
Kommentaren des Werkes nicht vorbei gehen. Denn die ganze Fülle und Tiefe
des Bhagavatam beginnt erst aufzuleuchten, wenn man sich eingehend mit den
zahlreichen, oftmals nur in Bengalilettern gedruckten Sanskritkommentaren
beschäftigt, die von großen Bhakta-Gelehrten verfaßt wurden, welche ihre
Kraft in liebendem Dienen der Erforschung dieser einzigartigen Offenbarungsurkunde
gewidmet haben.
Für
diese Männer, die in der nie abbrechenden Kette der Überlieferung [sampradaya]standen,
wird gesagt: daß >>diese Meister der Bhakti nicht nur die treue Überlieferung
der Wahrheit von ihrem Guru empfingen, sondern in ihrer eigenen Seele selbst
immer wieder von neuem die Erfahrung der ewigen Wahrheit gemacht haben +34 <<. Einer in dieser
Reihe, der bereits genannte indische Philosoph, Jiva Gosvami, der in der
Nachfolge Krishna Chaitanyas im sechzehnten Jahrhundert die Gottesliebe verkündete,
hat zum Beispiel die allererste Strophe des Bhagavatam im Lauf seines langen
Lebens in einer Reihe von Schriften mehr als fünfzehnmal immer neu und in
ganz verschiedener Weise erklärt und wie die Bhaktas sagen, immer neue Tiefen
göttlicher Offenbarung darin aufgezeigt.
Ein anderer Meister
derselben Traditionsfolge, die mit Brahma und Narada und Vyasa anhebt und
durch die Jahrtausende zu Krishna-Chaitanya und Jiva Gosvami und weiter bis
in unsere Tage führt, war Bhaktisiddhanta Saraswati.- In meinem Buch BHAKTA
[Gottgeweihter] habe ich von diesem Mann erzählt, der seine Laufbahn als
Professor der höheren Mathematik und Astronomie begann. Kurz vor seinem Dahinscheiden
im Jahre 1937 sagte er einmal im Kreis seiner Schüler, zu denen mein eigener
Lehrer Swami Sadananda gehört:
>>Wenn
die Veden und Upanishaden und die Bhagavadgita und alles andere altindische
Schrifttum verloren gegangen wäre und nur das Bhagavatam wäre bewahrt geblieben,
so wäre in Wirklichkeit nichts verloren - abgesehen von den Lehren der altindischen
Atheisten -, denn alles übrige ist in seiner Essenz im Bhagavatam enthalten.<<
Er verglich die
Veden und Upanishaden der Rinde eines Baumes und das Bhagavatam mit dem Lebenssaft
desselben gewaltigen Baumes.
VII.
VYASA, DER WELTENLEHRER,
EMPFÄNGT
DAS BHAGAVATA-PURANA
MIT EINEM unvergeßlich
mächtigen Akkord setzt das Bhagavatam ein:
>>Lasset
uns über ihn meditieren,
von dem ausgeht
Heraustreten,
Erhaltung und Auflösung
dieses Weltalls;
über den
Höchsten,
den Wahren
...
der durch
Sein eigenes Reich
immerdar
die Gaukelei [der Maya] zurückweist;
über den
Allwissenden,
den aus sich
selbst Leuchtenden,
der im Herzen
Brahmas, des ersten Dichters,
den Veda
[das heilige Wissen], offenbarte;
[lasset uns
über ihn meditieren].<<
[Bhagavatam 1, 1, 1]
Das ist der gleiche
Klang wie in den Brahma-Sutras, welche die Weisheit der Upanishaden in kurzen
Merkworten zusammenfassen. Das ist auch derselbe Klang wie in der Gayatri,
dem uralten heiligen Mantra des Rig Veda [3, 62, 10], aus dem sich dem Mythus
zufolge der Rig Veda, der Samaveda und der Yayurveda entfaltet haben. Die
gleiche Optativ-Form >>dhiimahi<<, >>Lasset uns meditieren<<,
die den Gayatri-mantra durchhallt, sie durchhallt auch feierlich die erste
Strophe des Bhagavatam und deutet damit bewußt auf die Kontinuität hin, auf
das Entspringen des Bhagavatam aus dem gleichen Urquell.
Das Bhagavatam
ist der Inhalt einer ungeheuren Meditation. Was steigt dem indischen Bhakta
aus dieser Meditation auf? Die Gottheit.
Das Panorama
irdischen und kosmischen Geschehens, das in der Schauung des Bhagavatam ebenfalls
sichtbar wird, ist nur wie ein schmaler Schattensaum um die Unendlichkeit
des Ewig-Seienden, des einen Gottes, der sich in dieser Meditation
dem Bhakta offenbart.
Im Bhagavatam
selbt wird berichtet, wer der erste war, der diese Offenbarung erlangte.
Es war Brahma, der Bildner des Weltalls. Es wird erzählt, daß jenes Wesen,
dem bestimmt war, in einem neuen Weltenlauf das hohe Amt eines Brahma, eines
Weltschöpfers zu übernehmen, nach endlos langer Weltennacht wie aus dem Schlaf
zu neuem Bewußtsein erwachte; es war, bevor der Morgen eines neuen Weltenseins
aufdämmerte.
Dunkel war um
ihn. Brahma wußte nicht, wer er war, und wo er war. Er wußte nicht, daß
er sich im Kelch eines Lotus befand, dessen Stengel aus dem >>Nabel<<
Gottes, des Alldurchdringenden, wuchs. Sorgenvoll erhob sich Brahma und wanderte
aufwärts in dem Lotuskelch tausende Jahre; er fand kein Ende. Sorgend kehrte
er um und wanderte abwärts in dem Stengel des Lotus, tausende Jahre; er fand
keinen Grund. Ermattet und kummervoll setzte sich Brahma hin, mit gekreuzten
Beinen in Meditationshaltung. Als sein Sinn ganz still geworden war, vernahm
er in seinem Herzen eine Stimme +35. Es war Bhagavan Krishnas
Stimme. Brahma vernahm das ewige göttliche WORT. Das Wort gestaltete sich
in seinem Herzen zu den sogenannten vier Urstrophen des Bhagavatam. Und diese
gaben ihm die Kraft, das Weltall zu bilden.
Es wird erzählt,
daß Brahma die Urstrophen, die er von Krishna selbst empfangen hatte, später
seinem geistigen Sohn und Schüler Narada übermittelte. Und dieser
gab sie dem Weltenlehrer Vyasa. In Vyasas Brust wuchs der Keim dieser
Urstrophen zu dem großen Bhagavata-Purana oder Bhagavatam auf.
Der Name Vyasa
ist in Indien hochberühmt. eines der größten Feste des Jahres, die Vyasapuyja
[Verehrung Vyasas] ist ihm geweiht. Da wird Vyasa in jedem Haus, wo noch
die alte Sitte herrscht, als der Weltenlehrer, der Weltenguru verehrt. Vyasa
gilt als der Ordner der vier Veden und als Verfasser des ungeheuren Epos
Mahabharatam, zu dem als kleines Zwischenstück die Bhagavadgita gehört. Er
gilt auch als Urheber der Puranas und der Brahma-Sutras.
Im Bhagavatam
wird berichtet, daß Vyasa am Ufer eines reißenden Bergstroms im Himalaya
saß. Der Fluß wird in der Erzählung Sarasvati genannt, das bedeutet:
Weisheitsstrom. Der alte Mann blickte vergrämt in die Wellen des Stromes
der göttlichen Weisheit. Da kam ein Wanderer des Wegs. Sein Name war Narada.
Die Gestalt des Narada hat die indische Volksseele viel beschäftigt. In Upanishaden
und Puranas taucht seine Gestalt auf. Es heißt von ihm, daß er immerdar lebt
als ein ewig Junger zu jeder Weltenzeit. In den Rasa der Gottesliebe versunken,
spielt er auf seiner Laute, deren Ton in den Menschenherzen die unverhüllte
göttliche Liebe erweckt. Er durchwandert alle Welten und sucht Wesen, die
würdig sind, das größte Kleinod, das es gibt, den Schatz der Gottesliebe,
zu empfangen.
Dieser
Narada tritt auf Vyasa zu, so erzählt das Bhagavatam, und fragt ihn: >>Warum
bist du so traurig?<< Und Vyasa der große Yogi, der unendliche Weisheit
besitzt, antwortet: >>Ich habe keinen Frieden erlangt.<< Voll
Demut bittet er:
>>Du, der
du wie die Sonne rings um die drei Welten wanderst,
der du wie
der große Atman, der innere Zeuge, alles erschaust,
o weise mir
auf, was niedrig und schmutzig in mir ist,
der ich doch
immerdar bade in dem höchsten Brahman.<<
[Bhagavatam 1, 5, 7]
>>Du hast
deshalb keinen Frieden erlangt,<< erwidert Narada, >>weil du
in deinen herrlichen Werken zwar sehr viel über Weisheit und Yoga und Gesetz,
aber nicht genug von Bhakti und der Schönheit und Liebe Bhagavans erzählt
hast.<< Narada gibt dem großen Seher den Rat, noch ein Werk zu verfassen,
das vor allem die Lila Krishnas besinge.
In dem darauf
folgenden Gespräch, das im ersten Buch des Bhagavatam wiedergegeben wird,
enthüllt sich der Lebenslauf des Bhaktas Narada, wobei sich seine Lebensgeschichte
nicht nur durch ein Erdendasein, sondern durch mehrere aufeinanderfolgende
Erdenleben erstreckt, so wie es der indischen Weltanschauung entspricht.
Narada berichtet
dem Vyasa, daß er in einem früheren Leben als Sohn einer armen Magd aufgewachsen
war. Einmal, am Beginn der großen Regen, suchten einige Gottgeweihte in der
Hütte seiner Mutter Schutz und verblieben mehrere Monate unter diesem Dach.
Dem Knaben war es vergönnt, mit diesen Bhaktas zusammen zu leben. Er durfte
ihnen in mannigfaltiger Weise dienen. Er durfte ihren gotterfüllten Gesprächen
lauschen, er durfte lauschen, wenn sie täglich gemeinsam in freudiger Hingabe
den Gottesnamen sangen. Er durfte ihnen die Speisen auftragen und war Zeuge,
wie die Gäste vor Beginn jeder Mahlzeit das karge Gericht mit der Liebe wahrer
Bhaktas Bhagavan als Opfer hinreichten. Erst nachdem sie die Speise Gott
dargebracht und als Gabe Bhagavans zurückempfangen hatten, nahmen sie die
Nahrung als göttliche Gnade [prasaada] andächtig zu sich. Und dem Knaben
ward die große Gunst zuteil, sich von den Überbleibseln solcher geheiligter
Opfermahlzeiten nähren zu dürfen.
Als die Gäste
am Ende der Regenzeit die Hütte verlassen hatten und die Mutter bald darauf
an einem Schlangenbiß gestorben war, machte sich auch der Knabe auf den Weg.
Der Junge wanderte durch dichten menschenleeren Wald, tiefer und tiefer in
eine innere Welt hinein. Dann setzte er sich unter einen Feigenbaum hin und
meditierte, so wie er es von den Bhaktas gelernt hatte. >>Er meditierte
in seinem Atman über den in seinem Atman stehenden großen ATMAN über Bhagavan,
den Unausdenkbaren.<<
Demütig lauscht
Vyasa, der große Weise, während Narada in seinem Bericht fortfährt:
>>Während
ich über Seine Lotusfüße meditierte,
und mein
Geist von Liebe völlig überwältigt war,
und meine
Augen in großer Sehnsucht von Tränen
überschwemmt
waren,
erschien
in meinem Herzen langsam HARI +36,
Gott.
Fast zerbrach
ich unter der Last unermeßlicher Liebe,
alles Haar
auf meinem Leib war geträubt.
Ich schmolz
+37 hin in die Flut der göttlichen
Wonne.
Plötzlich
sah ich nicht mehr...
Ich sah nicht
mehr
jene Gestalt
Bhagavans,
die alles
Leid wegnehmende,
Ich mühte
mich ab in der Verwirrung meiner Pein.
In meinem Begehren,
Ihn zu sehen,
versenke ich
wieder meinen Geist in mein Herz
und sah aus
nach IHM.
Aber ich sah
Ihn nicht.
Tief enttäuscht
war ich,
wie ein von
Krankheit überkommener.<<
[Bhagavatam 1, 6, 17-20]
Die Worte des
Bhaktas Narada lassen den Vyasa, den Weisesten aller Weisen, eine ganz neue
Erfahrung machen und er ahnt, was er trotz aller Weisheit bisher entbehrt
hat, die spontane Gottesliebe.
Narada berichtet
weiter:
>>Zu mir,
der so sich mühte in der Einsamkeit,
sprach Er,
der über der Reichweite aller Sprache ist,
mit unergründlich
tiefer und doch milder Stimme,
als ob Er
meinen Gram besänftigen wollte:
“Ach, in diesem
Leib bist du nicht fähig, Mich zu schauen.
Den unreifen,
unlauteren, schlechten Yogis
bin Ich nicht
erschaubar.
Weil du es
aber in deiner Liebe begehrt hast,
habe ich dir
dieses eine Mal
Meine Gestalt
offenbart, -
Langsam läßt
solche Liebe zu mir
alle Finsternis
im Herzen dahinschwinden.
Durch kurzen
Dienst für die Seienden +38
entstand in
dir tiefe Hinneigung zu Mir.
Du wirst abwerfen
diesen verweslichen Leib
und zu Meinen
Gefährten gehören.
Dein Geist
wird in Mir gegründet sein.
Nirgendwohin
wirst du abirren können.
Während Weltschöpfung
und Weltzerstörung
wirst du die
Erinnerung nicht verlieren,
[wirst du liebend
Meine Gegenwart fühlen],
weil die Kraft
Meiner Gnade dich ergreift."<<
[Bhagavatam 1, 6, 21-25]
Narada berichtet
dem Vyasa noch, daß alles geschah, wie ihm von Gott verkündet worden war.
Der Knabe wanderte durch die Welt, die wunderbaren Namen Gottes singend und
der Stunde des Todes entgegenharrend. Und bald warf er seinen Leib ab. Und
dann ward er, der in einem noch früheren Leben wegen eines Vergehens gestürzt
war und in dem geschilderten Lebensweg als ein Junge aus niedriger Kaste
früh verstorben war, in einem dritten Leben, am Morgen eines neu entstehenden
Weltalls, als geistiger Sohn des Weltschöpfers Brahma wiedergeboren.
In Narada lebt
kraftvoll der Dasya-Rasa, der Rasa des enthusiastischen Gottdienens,und der
Sakhia-Rasa, der Rasa der Gottesfreundschaft. Welche Rolle Narada in dem
verborgenen Drama Gottes aber inne hat, auch wenn er in irgend einem Lebenslauf
zu stürzen scheint und er Gott zu verlieren glaubt und er Ihn sehnsüchtig
wieder erringen muß, das wird in der vorletzten der wiedergegebenen Strophen
enthüllt.
Narada gilt den
Bhaktas als einer der >>ewigen Gefährten Gottes<<. Er
ist ein Mitspieler in der Lila, des nie endenden Spieles der göttlichen
Liebe [liilaa]. Ja, im Bhagavata-Purana kommt zum Ausdruck, daß Narada
zu den Avataren der göttlichen Lila gehört.
Im Bhagavatam
wird berichtet, daß Narada voll Barmherzigkeit dem vergrämten Vyasa die Kraft
der Gottesliebe schenkte. Er gab an ihn die vier sogenannten Urstrophen des
Bhagavatam weiter, die er selbst von seinem Vater Brahma, dem Weltenbildner,
erhalten hatte.
Diese Urstrophen
hatten Brahma Kraft gegeben, sein hartes Werk zu tun und nach Gottes Plan
unser Weltall zu bauen. Nun gaben die gleichen Urstrophen dem Vyasa die Kraft,
das von Narada geforderte, gottgeweihte Werk, das Shrimad Bhagavatam, mit
allen Rasawogen in seiner Seele aufleuchten zu lassen.
Vyasa sang seinem
Sohn Shuka das Bhagavatam vor. Und Shuka, der als eine ewig freie Seele sich
seines Einsseins mit dem gestaltlosen Brahman immer bewußt war, er fand seine
Wonne darin, das Bhagavatam, die Geschichten von dem personenhaften Gott,
in die Welt hinauszusingen und den Menschen dadurch Bhakti zu schenken.
Im Bhagavatam
wird erzählt, daß Shuka die Offenbarung von Krishnas göttlicher Lila einem
König namens Parikshit gab, der ein gerechter Herrscher war, aber
selbst in Schuld geriet und nun unter schwerem Fluch, den Tod erwartend,
am Ufer des Ganges saß. Parikshit warf sich vor Shuka nieder und stellte
flehend die Frage: >>Was soll ein Mensch tun, der unmittelbar vor dem
Tode steht? ¿Was soll er hören? ¿Wessen soll er gedenken? Wen soll er verehren?
Worüber soll er meditieren?
>>Die wesentlichste
aller Fragen hast du gestellt<<, sagte Shuka. >>Der ganzen Welt
zum Heil wird deine Frage werden.<< Und nun begann der Jüngling Shuka
dem Todgeweihten von Krishna zu erzählen. Sieben Tage und Nächte berichtete
Vyasas Sohn von Krishna.
>>Der grimmige
Hunger quält mich nicht mehr, obwohl ich schon längst aufgehört habe, Speise
zu mir zu nehmen<<, sagte Parikshit. >>Ich fühle keinen Durst
mehr, obwohl ich sogar dem Genuß des Wassers entsagt habe, und ich sehne
mich nach nichts, als immer mehr von Krishna zu hören. Ich trinke den Nektar,
der aus deinem Munde tropft.<<
Im großen Kreise
saßen ringsum am Ufer des Ganges die Rishis, die heiligen Urlehrer der Menschheit,
und lauschten gemeinsam mit Parikshit ehrfürchtig, während der Jüngling in
Verzückung die von göttlicher Liebe überströmten Geschichten des Shrimad-Bhagavatam
dem König berichtete. Und die Rishis trugen die Kunde von der rasahaften
Gottesliebe weiter, die das Lebenselement des Bhagavatam ist.
Schon ganz am
Anfang des umfangreichen Werkes, in der dritten Strophe des ersten Kapitels,
werden die Bhaktas aufgerufen, den Rasa zu kosten:
>>Trinkt,
trinkt immer wieder den Rasa des Bhagavatam,
den Rasa,
der unendlich ist,
ihr, die
ihr kundig seid im Erleben des Rasa
und die ihr
Rasas würdigen könnt;
ihr, die
ihr von Liebe durchflutet seid..
Hier auf
Erden, immer wieder und wieder,
o trinkt
davon!
Es ist die
süßeste Frucht vom Wunschbaum der Veden
- [des Baums,
der alle Lebensziele gewährt]
vereinigt
mit dem Nektar,
der von dem
Munde Shukas stammt,
dem Rasa,
der sanft zur Erde tropfte,
[von Guru
zu Guru überliefert].<<
[ Bhagavatam 1, 1, 3 ] +39
Ein anderer Guru
der Traditionsfolge fügte viele Jahrhunderte später hinzu:
>>Das
Bhagavatam, die süßeste Frucht vom Baume der Veden, ist frei von Kernen und
Schalen +40, ist reiner lauterer Rasa.
Hier auf Erden schon ist dieser köstliche Rasa zu finden. Die Rasakundigen
brauchen nicht zu warten, bis ihr Erdenleben zu Ende ist und sie nach dem
Dahinscheiden völlig in die Realität des göttlichen Spiels, in die ewige
Lila Krishnas hineingenommen werden.<<
Dem König Parikshit,
welcher verzückt dem Bericht lauschte, wird der folgende Vers über Krishnas
Lila, über das >>Spiel in Gott<< in den Mund gelegt:
>>Von den
Befreiten,
von jenen,
"die aufgehört haben zu dürsten",
wird das Bhagavatam
immer wieder und wieder
begeistert
gesungen.
Den Adepten
ist es Arzenei
[für die Krankheit
"Wandelwelt" ].
Und [selbst]
das Herz und Ohr [der Unerweckten]
erfreut es.
Wer, außer
einem Selbstmörder,
[einem Tierschlächter],
mag sich fernhalten
davon!
[ Bhagavatam 10, 1, 4 ]
Vyasa, dem die
Tradition die Autorschaft der Veden, Upanishaden, Puranas, Brahma-Sutras,
des gewaltigen Epos, Mahabharatam, samt der Bhagavadgita, und auch des Bhagavatam
zuschreibt, ist nicht der Name einer Person. Die Bezeichnung Vyasa ist
der Name eines Amtes. So wie nach jeder Weltauflösung ein Brahma das
kosmische Amt ausübt, ein neues Weltall zu bilden, so übt in jedem neuen
Weltenlauf ein Vyasa gemeinsam mit seinen Mithelfern das erhabene Amt aus,
den Veda neu zu vernehmen, immer tiefere Schichten des ewigen göttlichen
Wortes [shabda-brahma] zu erlauschen und an seine Mitwelt, entsprechend deren
Fassungskraft, weiterzugeben.
Von dem Wort,
dem >>heiligen Wissen<< oder Veda, wird gesagt, daß es ungetrennt
von Gott ist und daß es alldurchdringend und allerfüllend ist
wie Gott selbst. Dieses Wort ertönt, ob eine Welt ist oder keine Welt
ist.
Der Pfad der vedischen Offenbarung ist ein Pfad des inneren Hörens [shrauta-panthaa].
Es wurde schon darauf hingewiesen, daß Veda auch shruti genannt wird, das
heißt, Hören, Ohr, Ton, wort. Es ein Hören, ein Vernehmen, das gleichzeitig
Schauen ist. Die westliche Religionswissenschaft spricht von einem vedischen
Schrifttum und von einer historischen Entwicklung dieses vedischen Schrifttums.
Für manche Gruppen orthodoxer Brahmanen ist der Veda auf die Sammlungen des
Rig Veda, Samaveda, Yayurveda, Atharvaveda beschränkt. Manche indische Traditionsfolgen,
unter anderem auch die Chaitanya-Bhaktas, haben jedoch eine viel großzügigere
Auffassung vom Veda.
Jede wesenhafte
göttliche Offenbarung wird von ihnen als zum Veda gehörig angesehen;
nicht nur die Offenbarungen der Urvergangenheit, sondern auch spätere Offenbarungen,
die in fernster Zukunft einmal erfolgen mögen, sind in diesem Sinne Veda.
Auch das Wort des wahrhaften Gurus, der das ewige WORT vernimmt und darin
lebt, wird nach dieser Anschauung als Veda betrachtet und geehrt.
Der Veda ist
nach dieser Auffassung auch keineswegs auf Offenbahrungen beschränkt, die
in Indien erfolgen; jede echte Offenbarung des Unvergänglichen zu allen Zeiten
und bei allen Völkern wird von diesen indischen Weisen und Gottgeweihten
als Veda anerkannt.
Aber die göttliche
Offenbarung hat vielerlei Grade der Klarheit. Klarheit und Getrübtheit der
Schauung und des Hörens hängen ab von der Art der liebenden Hingabe, der
restlosen oder noch nicht restlosen Hingabe an die Gottheit.
Die Überlieferung
der Bhakti gemäß, hat Vyasa für die Gottabgewandten, die eigensüchtig dem
Weltgenuß zugewandten Menschenseelen, zuerst den Werkteil des Veda,
den Karma-Kanda, offenbart, die vielen hundert Hymnen an die Devas, an die
Lenker der Naturkräfte, welche Regen und Reichtum und Nachkomenschaft und
Gesundheit und Erdenglück schenken, auch Glück in einer jenseitigen Welt.
Der Werkteil des Veda -aber auch die Werkteile in den heiligen Urkunden anderer
Bekenntnisse- verkünden eine lohnbringende Religion. Wie Brunnen aus der
Tiefe bricht es freilich in manchen Hymnen des Rig Veda auf: Weisheit vom
Unvergänglichen, Kunde von dem EINEN. Im sogenannten Weisheitsteil des
Veda [jñjaana-kanda], vollens in den Upanishaden, ward eine tiefere Schicht
des göttlichen WORTES erlauscht und an jene ausgegeben, welche die Wahrheit
wissen wollen. Es ist die Weisheit vom ATMAN, vom Brahman.
Auf den vorstehenden
Seiten wurde, der Tradition der Bhakti folgend, dargestellt, daß Vyasa unzufrieden
und vergrämt war auch mit dieser Offenbarung; und daß er, durch Narada mit
der Kraft der Bhakti gestärkt, noch tiefer hineinlauschte in den innersten
Grund des ewig ertönenden Wortes, in das Leben der göttlichen Liebe; und
daß er nun vermochte, das Bhagavatam zu erlauschen und zu offenbaren,
das Millionen von Menschen in Indien als Essenz des Veda gilt.
Als das Dunkel
des finsteren Zeitalters der Zwietracht die Welt zu umhüllen begann, wurde
nach dieser Auffassung die leuchtendste und wunderbarste Offenbarung ausgegeben.
Die Krishna-Bhakti
lehrt: Das Bhagavatam ist genau wie Gott ewiglich da. Und immerdar tönt es:
freilich nicht mit irdischen Ohren vernehmbar. Ob und in welcher Klarheit
die Offenbarung vernommen wird, liegt nicht an dem WORT, sondern das liegt
an der Art der Empfangsorgane, das hängt ab vom Grad der Gottabgewandtheit
oder Gottzugewandtheit der Menschenseele und wie dicht der Wolkenschleier
der Maya ist, der die Seele bedeckt.
Immerdar leuchtet
die Sonne. Doch für uns Menschen auf der Erde wechselt Tag und Nacht - und
goldenes Zeitalter und finsteres Zeitalter. In diesem Sinne ist die folgende
Strophe zum Preise des Bhagavatam zu verstehen, die wohl im Verlauf der Überlieferung
in das Werk selbst eingeflochten wurde:
>>Nach dem Krishna
in Sein eigenes Reich zurückgekehrt war
und mit Ihm die göttliche Wahrheit
und das heilige Recht
die Erde verlassen hatte,
ist nun im Kaliyuga,
im finsteren Zeitalter der Zwietracht,
dieses Bhagavata-Purana
wie eine Sonne aufgegangen.<<
[Bhagavatam 1, 3, 45 ]
Dritter Teil
M A Y A
VIII.
DIE DREI KETTEN DER MAYA
VYASA SITZT IN
TIEFER EINSAMKEIT AM UFER des Weisheitsstroms und meditiert. Narada, der
ewig Junge, ist weitergewandert, auf seiner Laute spielend, um noch andere
Seelen zu suchen, die würdig sind, das größte Kleinod, das es gibt, den Schatz
der Gottesliebe zu empfangen. In Vyasas Herzen erwachen die vier Urstrophen
des Bhagavatam, die er von dem Bhakta, Narada erhalten hat, zu neuem Leben.
Er meditiert über sie. Er meditiert über Krishna und über die Maya. Folgendermaßen
wird Vyasas Schauung im Bhagavatam geschildert:
>>In seinem
gesammelten lauteren Geiste
sah er durch
Bhakti-Yoga
[durch die
Kraft der erkennenden Liebe Gottes].
die göttliche
Urgestalt.
Und er sah
sie, die von Ihm abhängig ist,
doch ohne
Ort und ohne Zuflucht in IHM,
die Maya.
Durch welche
der Mensch verblendet wird,
daß er, der
doch ewiger Atman ist,
seinen Leib
für sich selber hält +41,
von Unheil
dadurch überwältigt.<<
[Bhagavatam 1, 7; 4-5]
Das Sanskritwort,
das hier mit Un-heil übersetzt wurde [anartha], bedeutet auch: das Un-wesentliche,
den Mangel an ewiger Wirklichkeit. Es ist der Gegensatz zum Reichtum der
ewigen Wirklichkeit [artha], den der Guru der Shvetashvatara-Upanishad nur
jenem Adepten, der ein würdiger Schüler ist und der höchste Bhakti zu Gott
hat, übermitteln darf. Anartha ist auch das schmerzliche Entbehren des göttlichen
Seins, an dem die individuelle ewige Seele [jiivaatman] Anteil haben könnte
und von dem sie durch das Walten der großen Maya abgetrennt worden ist.
In einer einzigen
Strophe wird hier im Bhagavatam die Tragödie der Menschheit aufgezeigt: Der
Sündenfall -so würde ein Christ sagen.- Das Verstrickt werden in die >>Unwissenheit<<,
so sagen die indischen Jnanis. - Das Verstricktwerden in die Unwissenheit
über sich selbst durch die Abwendung von Gott, so drücken es die Bhaktas
aus.
Der ursprüngliche
Zustand des Menschen wird wieder hergestellt durch bloße Beseitigung seiner
Unwissenheit, behaupten die Ynanis. Ja, diese Unwissenheit, die Verblendung
durch Maya, muß beseitigt werden, pflichten die Bhaktas bei; aber sie fügen
hinzu: Die Verblendung der gottabgewandten Menschenseele kann nur überwunden
werden durch willentliche Gottzuwendung mit Hilfe der Erkenntniskraft Gottes
[cit-shakti]. Und nicht das Wissen der Wahrheit, sondern die immer mehr anwachsende
Liebe zu Bhagavan ist der Weg und das Ziel.
Das Bhagavatam
stellt dar, wie der unerträgliche >>Mangel am ewigen Sein<< geheilt
werden kann.
>>Um das
Unheil der Menschen zu heilen
durch unmittelbare
Liebe zu Ihm,
der über aller
Sinnesschau ist,
machte der
Weise für die unwissenden Menschen
das Bhagavatam
offenbar.<<
[Bhagavatam 1, 7,6]
Und an anderer
Stelle im Bhagavatam heißt es noch deutlicher:
>>Für diejenigen,
deren Geist geschäftig herumirrt,
die atman-los
sind durch die Ketten der Maya,
machte Vyasa
die Taten Gottes in der Welt offenbar.<<
[Bhagavatam 1,5,16]
Wenn wir an Hand
des Bhagavatam die weite Wanderung antreten wollen, >>zu Ihm, der über
aller Sinnenschau ist<<, und wenn wir das noch tiefer verborgene Geheimnis
vom Rasa des göttlichen Spiels erahnen wollen, da müssen wir uns erst darüber
klar werden, was die Maya für die Hindus bedeutet. Denn man kann nur dann
über die Maya hinausgelangen, wenn man sie erkennt.
>>Schwer
ist es, o Bhagavan, deine Maya zu überschreiten<<, klagen die Bhaktas,
und die Wanderer auf anderen Yogapfaden klagen in ähnlicherr Weise. Eindringlicher
als irgend ein anderes Volk auf Erden haben die Hindus den Weg zu dem Unvergänglichen
gesucht und sich mit dem Wesen der großen Täuscherin, der Maya befaßt. Die
Sucher erleben die Maya wie eine schwere Wolke, die über der Welt hängt und
überall die Sicht verhüllt und die Pfade verwirrt. Gaukelei und >>Unwissenheit<<
[avidyaa] wird die Maya deshalb oft genannt, weil sie die Dinge anders erscheinen
läßt, als sie wirklich sind.
Befreiung aus
der Verstrickung der Maya erflehen jene, die heute -ebenso wie vor Jahrtausenden-
in Indien das bereits früher zitierte Gebet aus der Upanishad meditieren:
>>Aus der
Unwirklichkeit führe uns in die Wirklichkeit.
Aus Dunkelheit
führe uns ins Licht.
Vom Tode
führe uns zur Unsterblichkeit.<<
[Brihad-Aranyaka Upanishad 1,3,28]
Der abendländische
Mensch verknüpft mit dem Wort Maya meistens bloß die Bedeutung: Illusion,
Täuschung. Aber das ist nur ein enger Ausschnitt aus der ungemein vielfältigen
Vorstellungswelt die in dem indischen Jnani und Bhakta lebt, wenn er das
Wort Maya vernimmt oder wenn er eines ihrer vielen Symbole sieht. Vor allem
aber ist festzuhalten: die Inder sprechen selten von einer Maya schlechthin,
sie sprechen in der Regel von der Maya Gottes. Bereits im Rigveda wird die
Maya als die >>magische Kraft<<, als die geheimnisvolle unergründliche
göttliche Macht bezeichnet. Es heißt zum Beispiel: >>Indra nimmt mannigfaltige
Gestalten schnell durch seine Maya an<< [Rig Veda VI, 47,18]. Die Maya
ist die Macht eines Höheren. Ein strenger Jnani, der große Denker Shankaracarya,
gibt folgende Charakterisierung: >>Die Maya ist die Macht des göttlichen
Weltherrschers +42 <<. Die gemeinsame Erfahrung beider Schulen, der
Ynana-Strömung und der Bhakti-Strömung, wurde im Bhagavatam zusammengefaßt
in der Formulierung: >>Die Maya ist verhüllend [aavarana] und
wegschleudernd
[vikshepika]
+43 <<.
Die Maya wirkt
also zweifach. Sie verhüllt dem Menschengeist die ewige Realität und sie
schleudert ihn weg von dem göttlichen Zentrum allen Seins. Die vom Zentrum
alles Seins wegtreibende Kraft scheint unaufhaltsam zu sein. Ein indischer
Freund verwendete einmal für das fortschleudernde Wirken der Maya ein Gleichnis
aus der Physik. Er sprach von der Zentrifugalkraft und er gebrauchte das
drastische Bild eines sogenannten >>Freudenrades<<, das er zu
seiner Verblüffung an mehreren Vergnügungstätten in den Hauptstädten der
westlichen Hemisphäre als beliebte Volksbelustigung vorgefunden hatte.
Ein Freudenrad
ist bekanntlich eine große horizontale Radscheibe, auf der die Vergnügungslustigen
möglichst nah dem Mittelpunkt Platz nehmen, worauf das Rad zu schwingen beginnt,
und die Pärchen, auch wenn sie sich sträuben, bald hilflos durcheinandertaumeln
und durch das Wirken der Zentrifugalkraft an den äußérsten Rand des kreisenden
Rades geschleudert werden.
So wie die nach
den Gesetzen der Mechanik wirkende Zentrifugalkraft lachende und kreischende
Männlein und Weiblein in dem Vergnügungspark unwiderstehlich von der Nabe
des Rades weg und zur Peripherie hintreibt, genau so unerbittlich schleudert
nach der Vorstellung der Bhaktas die gewaltige Kraft der Maya alle Wesen,
die nicht liebend dienen, sondern eigensüchtig genießen wollen, von dem Zentrum
allen Seins, von Gott, fort. Die Mayakraft, welche die Menschen stößt und
treibt, ist Begehren.Unter Begehren ist hier keineswegs bloß die Gier
nach grobem Sinnesgenuß oder Geld oder Macht verstanden, sondern auch Begehren
nach Ruhm, ja sogar das Dürsten nach Werk, nach Wissen, nach noch so verfeinertem
ästhetischem Genuß. Und selbst der Durst nach dem Schwelgen in Gott und der
ewigen Seligkeit in einem Himmelreich als Belohnung für gute Taten wird noch
als ein eigensüchtiges Begehren angesehen.
Die Upanishad
sagt:
>>Wer Wünsche
noch begehrt und ihnen nachhängt, wird durch die Wünsche hier und dort geboren.<<
[Mundaka-Upanishad 3, 2, 2,]
Diese Upanishadenstelle
deutet hin auf die alte indische Überzeugung, daß es wiederholte Erdenleben
gibt: Wiederverkörperung in immer erneuten Daseinsformen, um die bisher noch
nicht erfüllten Wünsche auszuleben, die bisher noch nicht getanen Taten zu
tun, erlittene Unbill zu rächen und Unbill, die man selber verübt hat, zu
sühnen. Die Vorstellung eines Karmagesetzes, das heißt, daß Taten [karman]
immer neue Taten neues Schicksal, neues Leid in neuen Daseinsformen gebären,
ist tief verwurzelt im Bewußtsein der Hindus. Auch vielen akademisch gebildeten
modernen Menschen in Indien erscheint diese Vorstellung als eine Selbstverständlichkeit.
Die Hindus sprechen von dem endlos kreisenden Rad des Samsara +44.
Der Saµsara ist
nach der Definition der Bhaktas >>der Bereich, wo Durst herrscht<<.
Die Kraft, die das Rad des Samsara ständig in Bewegung hält, ist die Mayakraft,
die Kraft des nicht endenden Begehrens nach Genuß.
Die Jnanis
und die meisten Yogis streben danach, alle irdischen Emotionen auszulöschen,
um vom Rad der Lust und es Leids, das von der Maya in Bewegung gesetzt wird,
abzustoßen.. Aber auch das fanatische Abstoßen von dem Rad in der Sucht nach
Leidfreiheit, nach Erlösung [mukti], dünkt den Chaitanya-Bhaktas noch immer
eine [wenn auch negative] Ausrichtung auf die Maya zu sein. In den Bhakti-Schriften
heißt es wiederholt:
>>Wer weder
zu sehr anhaftet an irdischen Bindungen, noch angeekelt vom Irdischen danach
strebt, diesem zu entgehen, nur der ist fähig, wahre Gottesliebe zu erlangen;
nur der ist imstande, die Erfahrung zu machen, daß allein unselbstsüchtige
dienende Liebe zu Gott die höchste Seligkeit ist.<<
Brennendes Dürsten
nach grobem oder feinem irdischem Genuß ist das wesentliche Kenntzeichen
der Mayawelt. Dieser Durst kann im Bereich der Maya ganz und gar nicht gestillt
werden, so sagen die Chaitanya-Bhaktas.
Wenn
man der Maya in ihr rätselhaftes Auge zu blicken wagt, so ist es, als ob
man in die Tiefe eines Meeres hinabstiege. Nicht bloß das Göttliche, auch
das, von dem das Göttliche verhüllt wird, die Maya Gottes, hat verschiedene
Tiefenschichten. Jede Schicht des Mayameeres hat eine andere Lichtbrechung,
eine andere Farbe und einen anderen Grad von Trübe. In verschiedenen Tiefenschichten
zeigt sich die Maya jeweils mit anderem Antlitz. In zahllosen Gestalten unter
zahllosen Namen wird die große Maya in Indien abgebildet. Es gibt kaum ein
Hindudorf, wo nicht ihr Tempel, der Tempel der Devi, der >>Göttin<<
steht. Die Maya hat zahllose Aspekte. Einer der Aspekte der großen Maya ist
die Kali, welcher blutige Opfer gebracht werden. Die Maya ist >>die
große Mutter<<. Sie ist die Allgebärerin. Sie ist die Allvernichterin.
Sie ist die Herrin alles Lebens. Sie ist die causa materialis des ganzen
Weltalls. Sie ist die Weltallsenergie, die Urkraft aller Naturkräfte. Sie
ist die Prakriti [prakriti], die allumschlingende Natur hinter aller sichtbaren
Natur.
>>Natur.
Wir sind von ihr umgeben und umschlungen - unvermögend, aus ihr herauszutreten,
und unvermögend, tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt
sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf... Sie spricht unaufhörlich mit
uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht... Sie freut sich an der Ilusion...
Man gehorcht ihren Gesetzen auch wenn man ihr widerstrebt ... Jedem erscheint
sie in einer eigenen Gestalt. Sie verbirgt sich in tausend Namen und Termen
und ist immer dieselbe.<<
So schildert
Goethe in hellsichtigem Erkennen jenen Aspekt der großen Maya, den die Inder
Prakriti Natur nennen. Goethes Text >>Die Natur<< wurde im Jahre
1782 geschrieben, als man im Abendland noch kaum etwas von indischer Philosophie
wußte. Die Maya ist so übergroß und ihr Atem ist den Erdenwesen so nah, daß
sie Gott, dessen wunderbare Macht sie ist, den Menschen oftmals völlig verdeckt.
Das gesamte vierzehnte
Kapitel der Bhagavadgita handelt von Gottes Maya. Dort wird sie Prakriti,
Natur genannt. Bhagavan in Seinem Aspekt als Mahavishnu, als göttlicher Vater
der Welt, spricht:
>>Die
große Natur [prakriti] ist der Schoß.
In
diesen Schoß senke Ich den Samen hinein.
Daraus
entsteht die Geburt aller Wesen.
Was
immer für Gestalten
in
allen Schößen Geburt erlangen,
die
Prakriti ist der große Schoß,
und
Ich bin der samengebende Vater.<<
[Bhagavadgita 14; 3-4]
Auch die steinernen
Bildsymbole, die dem Shiva und seiner Shakti geweiht sind [linga und yoni],
die man in Indien millionenfach findet - oftmals in der Einsamkeit des Waldes
und der Berghänge -, deuten hin auf den göttlichen Vater, der den individuellen
Atman wie einen Samen in die dumpfe Natur hinabsendet. Die Deutung dieser
Symbole als männliches Geschlechtsglied und weiblichen Schoß ist eine sehr
vereinfachende Darstellung.
Kaum ist die
Zeugung vollzogen, kaum ist der Geistsame der Atman, der ewig wache, in den
Schoß der dumpfen Prakriti eingetreten, so offenbart sich in ihr ein dreifaches
Kraftstreben. Es offenbart sich die Dreifalt der Gunas.
Das Sanskritwort
guna bedeutet unter anderem: Strähne, Faden, Strick, Seil, Sehne, Kette,
Fessel, Qualität, gute oder schlechte Qualität. Aus dem Gespinst der Gunas
ist nach indischer Anschauung alles vergängliche Sein gewoben.
Um das Weben
dieser Gunas anschaulich zu machen, soll zunächst von drei verschiedenen
Bildgestalten der Maya berichtet werden, denen der Verfasser in Indien gegenüber
getreten ist.
Als schwarze
Bildgestalt steht die geheimnisvolle Maya in einer unterirdischen Felsenhöhle
des Bergmassivs Abu, das sich am Rand der Wüste Rayputana erhebt. Nur wenige
flackernde Lichter ärmlicher Kerzen, die von anbetenden Menschen auf den
Felsboden geklebt worden sind, erhellen kümmerlich ihre schwarze Gestalt
aus Stein.
Aus brandrotem
Fels herausgemeißelt, sah der Verfasser eine riesenhafte Bildgestalt
eines anderen Aspektes der gleichen Maya in einer Felsenkluft, die der brennenden
Sonne offen liegt, inmitten eines öden, von Tigern durchschweiften Gebirges
auf der Halbinsel Dekhan, in Südindien. Zehn in alle Weltrichtungen ausgestreckte
Speere hält dort die Furchtbare in ihren zehn Händen. Ein Bhakta deutete
dem Autor das beklemmende Bildwerk: >>In diese Speere stürzen solche
Wahrheitssucher hinein, die sich mit unreinem Herzen und einem Rest von eigensüchtigem
Begehren den Geheimnisssen der Gottheit nahen zu wollen.<<
Als >>milchweiße
Göttin<< fand der Autor eine Gestalt der Maya in einem winddurchwehten
Höhentempel über wasserdurchbrausten Waldschluchten in den Vorbergen des
Himalaya. Nur mit einem einzigen lichten Schleier war die große Maya dort
bekleidet, sie, die sich vielfach zu verschleiern pflegt.
Diese
drei verschidenen Bildgestalten der Maya, in schwarzer und in roter und in
weißer Farbe, deuten hin auf die Differenzieung ihres Wesens in eine Dreiheit
+45, auf die drei Gunas
der Maya, die in der indischen Philosophie und Religion eine wichtige
Rolle spielen.
Jede der drei
Gunas hat einen Namen. Sie heißen: Tamas, Rajas, Sattva. Seit alters
her werden diesen drei Gunas drei verschiedene Farben zugeordnet, die den
Farben der eben beschriebenen drei Bildgestalten entsprechen: dem Tamasguna,
die schwarze Farbe, dem Rayasguna die rote Farbe, dem Sattvaguna die weiße
Farbe.
Die Bhagavadgita
sagt aus: >>Sattva, Rajas, Tamas, diese drei Gunas, aus denen die Prakriti
besteht, sie binden den Unvergänglichen [Atman], sobald er einen Leib trägt
[Bhagavadgita 14, 5].
Und weiterhin
wird in dem gleichen Kapitel der Gita erläutert, wie die drei Gunas den Menschen
binden: >>Das lautere leuchtende Sattva, das frei von Übel ist,
bindet durch Anhaften an Glück und Anhaften an Wissen.
Die Natur der
Rajas ist Leidenschaft, es ruft Durst und Anhaften hervor,
es bindet die Seele, die in einem Leibe wohnt, durch Anhaften am Werk.
Tamas ist aus Unwissenheit geboren. Es verblendet alle verkörperten
Wesen durch Mißverstehen, Trägheit, Verschlafenheit.<<
[Bhagavadgita 14, 6-8]
Als Ergänzung
der obigen Schilderung aus der Bhagavadgita soll noch die lebendige Darstellung
der drei Gunas beigefügt werden, die der Ynana-Philosoph Shankaracarya in
seinem berühmten Werk >>Viveka-Chudamani<< [Stirnjuwel der Unterscheidungskraft]
bringt +46. Die Aussagen der Ynana-Philosophie
und der Bhakta-Philosophie über die Maya stimmen zum größten Teil überein.
Shankaracarya
lehrt:
>>Die Maya
hat keinen Anfang. Sie ist die Macht des göttlichen Weltherrschers. Sie ist
subtil und von den Sinnen nicht wahrnehmbar. Doch kann sie aus den Wirkungen,
die sie hervorbringt, von den weisen erschlossen werden. Sie ist es, die
dem ganzen Weltall Geburt verleiht... Sie ist weder Sein noch Nicht-Sein.
Sie ist höchst erstaunlich. Ihre Natur ist unerklärlich.<<
>>Die Maya
ist aus den drei Gunas zusammengesetzt, aus den Kräften, die als Rajas, Tamas
und Sattva bekannt sind.<<
>>Rajas
hat die Kraft des Projizierens. Seine Natur ist Aktivität. Durch die Macht
des Rajas beginnt die Sinnenwelt, die in Maya eingehüllt ist, sich zu entfalten.
Anhaften, Begehren, Habenwollen und ähnliche Qualitäten werden durch die
Macht des Rajas verursacht ... Lust, Ärger, Zorn, Begierde, Überheblichkeit,
Egoismus, Neid, Eifersucht und dergleichen Laster sind die schlimmsten Kennzeichen
von Rajas. Wenn ein Mensch von Rajas überwältigt ist, verstrickt er sich
in der Betriebsamkeit der Welt. Daher ist Rajas die Ursache von Bindung.<<
>>Tamas
hat die Macht, die wahre Natur eines Dings zu verhüllen und es anders erscheinen
zu lassen, als es ist. Tamas ist die Ursache davon, daß der Mensch immerwährend
an das Rad des Samsara gefesselt ist. Tamas macht erst das Wirken des Rajas
möglich. Ein Mensch mag noch so intelligent, klug und gelehrt sein, er mag
die schärfste analytische Fähigkeit besitzen, wenn er von Tamas überwältigt
ist, kann er das wahre Wesen des Atman nicht verstehen, auch wenn man es
ihm lichtvoll auf verschiedene Art erklärt. Er hält die bloße Erscheinung,
die ein Ergebnis der in ihm wirkenden Maya ist, für die Wirklichkeit, und
so haftet er an Illusionen an. Ach, die verfinsternde Kraft des furchtbaren
Tamas ist wirklich sehr groß.<<, so klagt Shankaracarya. Er fügt bei:
>>Tamas hat noch folgende Kennzeichen: "Unwissenheit, Trägheit, Dumpfheit,
Schlafsucht, Täuschung Verblendung, Stupidität. Ein Mensch, der unter
dem Einfluß von Tamas ist, kann nichts vom Ewigen verstehen. Er ist wie
ein Schlafwandler, wie ein bewußtloser Holzklotz."<< Folgendermaßen
charakterisiert Shankaracarya den Sattvaguna: >>Sattva ist meistens
mit den anderen Gunas gemischt und hat dann als Kennzeichen: Abwesenheit
von Stolz, Reinheit, Zufriedenheit, Arglosigkeit, Strenge zu sich selbst;
Wunsch, die heiligen Schriften zu studieren; gläubiges Vertrauen, liebende
Hingabe, Dürsten nach Befreiung, Abneigung gegen die Dinge dieser Welt.<<
- Soweit Shankaracarya.
Daß sogar das
lichte Sattva, von dem Shankaracarya sagt, daß es zu dem götlichen Weltallherrscher
Ishvara +47hinführe, auch zu den drei
Fesseln der Maya gehört, ist vielleicht nicht unmittelbar einzusehen. Um
seinen Schülern zum Verständnis des Wesens des Sattvaguna zu verhelfen, pflegte
der indische heilige Ramakrishna [1836-1886] die folgende Geschichte zu erzählen
+48:
>>Einmal
ging ein reicher Mann durch einen Wald. Da fielen drei Räuber über ihn her
und raubten ihm alles, was er besaß. Einer der Räuber sagte: “Was für einen
Sinn hat es, diesen Mann leben zu lassen.” Und er wollte ihn mit seinem Schwerte
töten. Der zweite Räuber hielt ihn ab und sagte: “O nein, was für einen Sinn
hat es denn, ihn umzubringen. binden wir ihm lieber Hände und Füße und lassen
wir ihn da liegen!” Die Räuber fesselten ihm Hände und Füße und gingen fort.
Nach einer Weile aber kam der dritte Räuber heimlich zurück und sagte zu
dem Mann: “Es tut mir wirklich leid. Ich will dich von deinen Banden befreien.”
Als er ihn losgemacht hatte, sagte er: “Komm mit mir, ich will dich zu der
Landstraße führen.” Nach langem Wandern erreichten sie die Straße, und der
Räuber sagte: “Folge nur der Straße. Da drüben ist dein Haus.” Darauf sagte
der Mann: “Herr, du bist sehr gut zu mir gewesen. Komm mit mir in mein Haus.”
- “O nein”, antwortete der Räuber bestürzt, “ich kann nicht dorthin gehen.
Die Polizei würde mich ausfindig machen."<<
Ramakrishna erklärt
die Geschichte folgendermaßen: >>Der Wald ist die Welt. Die Räuber,
die darin lauern, sind die drei Gunas: Sattva, Rajas, Tamas. Sie sind es,
die dem Menschen die Einsicht in die Wahrheit rauben. Tamas will ihn völlig
vernichten. Rajas bindet ihn an die Welt. Aber Sattva löst ihn von den Ketten
des Rajas und des Tamas. Mit Hilfe von Sattva wird ein Mensch von Ärger,
Zorn, und Leidenschaft frei. Sattva löst ihn auch von den Fesseln der Welt.
Aber auch Sattva ist en Räuber. Sattva kann ihm nicht die letzte Erfahrung
der Wahrheit geben, obwohl es ihm den Weg zum Reich Gottes zeigt. Sattva
kann ihn nur auf den Pfad geleiten und ihm zeigen: “Dort geh hin, dort ist
deine ewige Heimat." Selbst Sattva ist weit entfernt von der Erkenntnis des
BRAHMAN.<<
Die drei
Gunas werden in Indien zuweilen mit drei Dornen verglichen. Das Sprichwort
sagt: Den finsteren Dorn Tamas, den du dir in den Fuß getreten hast, sollst
du ausziehen mit Hilfe des Dornes Rayas. Den Dorn Rayas sollst du ausziehen
mit Hilfe des Dornes Sattva. Aber auch den Dorn Sattva sollst du schließlich
wegwerfen wie die andern, wenn er seinen Dienst getan hat, und sollst deiner
Wege gehen.
Die drei Gunas
werden auch mit dreierlei Ketten verglichen: Tamas einer eisernen Kette,
Rajas einer silbernen Kette, Sattva einer goldenen Kette. Man sagt in Indien:
Die Dämonen [Asuras] sind von Ketten aus Tamas gebunden. Die Menschen sind
vorzugsweise von Ketten aus Rajas. Die lichtscheinenden Himmelswesen [Devas]
sind von Ketten aus Sattva gebunden. Aber auch die goldene Kette aus Sattva
ist eine Fessel.
Die heilige Schnur,
die jeder Brahmane als Zeichen seiner Brahmanenwürde um Hals und Brust geschlungen
trägt, ist aus drei Fäden geflochten. Diese drei Fäden bedeuten nebst vielem
anderen auch die drei Gunas: Sattva, Rajas, Tamas.
Die drei Fäden sollen ihren Träger erinnern, den Gunas der Maya wach in die
Augen zu blicken und sein wahres Wesen, das Atman ist, von der Maya nicht
verhüllen zu lassen.
So durchwirkt,
nach indischer Auffassung, das Mayaweben der Gunas das Kleinste und das Größte
im Weltall. Die drei Gestalten der indischen Dreifaltigkeit: Brahma, Vishnu,
Shiva werden als Verwalter der drei Gunas angesehen. Man nennt sie auch die
drei Guna-Avatare. Mittels der starken Kraft Rajas erschafft Brahma die Welt.
Mittels der harmonisierenden Kraft Sattva behütet Vishnu die Welt. Und wenn
die Zeit der großen Weltauflösung gekommen ist, öffnet Shiva sein geheimnisvolles
>>drittes Auge<< und mit der daraus hervorbrechenden finsteren
Glut des Tamas verbrennt er die altgewordene Welt.
Die drei Zinken
des Dreizacks, der Waffe Shivas, symbolisieren die drei Gunas. Als Träger
des Dreizacks ist Shiva nicht nur der Verwalter des Tamas, sondern aller
drei Gunas der Maya. Brahma, Vishnu, Shiva werden von den Chaitanya-Bhaktas
als drei Asspekte des >>weltzugewandten Gottes<< angesehen. Sie
sind Personen der >>äußeren Lila<<.
Gleichsam
aus dreierlei Fäden, unzerreißbar wie Sehnen, ist das unsichtbare Netz der
großen Maya geknotet. Es ist ein Netz, das über die ganze Welt und alle ihre
Wesen geworfen ist und die Herzen aller Geschöpfe einschnürt, so daß der
Mensch die Sicht verliert und nicht mehr weiß, wer er selbst ist +49.
In der Überlieferung
der Chaitanya-Bhakti hat man die Weisheit der Zusammenhänge von Gott, Seele
und Welt [Sambhandha-jñaana] in den sogenenannten zehn grundlegenden Strophen
[dashaka-muulam] zusammenzufassen gesucht. In der sechsten dieser Strophen
wird geschildert, wie die Maya als Magd Krishnas ihre schwere Aufgabe vollbringt,
jene Seelen, die sich von Gott abgewendet haben, durch Herbeiführung leidvoller
Erfahrungen in ihrem Läuterungsprozeß zu unterstützen. Die Strophe lautet:
>>Alle
die Seelen,
die ihren
Atman-Reichtum weggeworfen haben,
die sich
von Krishna abgewandt haben
und bloß
dem Eigenwohle ergeben sind,
sie werden
von der Maya Gottes gezüchtigt:
mit dem
Blendwerk der Guna-Ketten gefesselt.
Sie werden
von ihr in Leiber gehüllt,
in feinere
und gröbere Leibeshüllen.
Und mit
einer Menge mühseligen Karmas beladen,
führt die
Maya Gottes die Gestürzten
durch Himmel
und Höllen des Samsara.<<
[Dashaka-Mulam 6]
In einer anderen
Bhakti-Hymne, die Jagadananda einem Freund und Schüler Chaitanyas zugeschrieben
wird, heißt es:
>>Wenn
der Mensch sein Antlitz von Krishna abwendet,
dann entsteht
Wille zur Lust;
Maya, die
in der Nähe ist, ergreift und umarmt ihn.
Wie der Geist
verstört wird, wenn ein Dämon Besitz ergreift,
ein solches
Fühlen entsteht,
wenn der
Mensch in den Krallen der Maya ist.
“Ich bin ein
Diener Krishnas", das hat er vergessen.
Ein Sklave
der Maya wird er und irrt endlos umher,
manchmal
Halbgott, manchmal Dämon,
manchmal
Herr, manchmal Knecht.<<
[Prema-Vivarta]
Eine der vier
Urstrophen des Bhagavatam, die Vyasa von Narada empfing, kennzeichnet in
lapidarer Kürze das Wesen der Maya:
>>Was
außerhalb des Atman wahrgenommen wird
und nicht
im Atman [in Gott] wahrgenommen wird,
das möge
man erkennen als des Atman [Gottes] Maya,
wie Schatten
und wie Finsternis.<<
[Bhagavatam 2, 9, 33]
Es ist hilfreich
für das Verständnis, diese Urstrophe des Bhagavatam, die von der Maya handelt,
und die in diesem Kapitel zitierten Aussagen der Bhagavadgita und Shankaracaryas,
die alle von der Maya handeln, mit der Aussage eines Bhaktas aus unserer
Zeit zu vergleichen, der mit der modernen Philosophie und Psychologie des
Abendlandes wohl vertraut ist. Swami Sadananda charakterisiert das Geheimnis
der Maya folgendermaßen:
>>Gottes
Wunderkraft Maya bewirkt es, daß Raum und Zeit im Bewußtsein erlebt werden,
ohne daß sie wirklich sind.<<
>>Im selben
Augenblick, da die Maya aufhört, das Sein des Nicht-Seienden zu konstituieren,
ist ja außer Gott gar nichts da.<<
>>Die Welt,
wie sie uns erscheint, ist die Wirkung einer Hypnose. Was man mit den Sinnen
messen kann, das Dreidimensionale, verdeckt den ATMAN, das Ewige.
IX: Das Land jenseits der Ketten
Unaufhaltsam
scheint das Rad des Samsara zu sein. Unbesiegbar die hypnotisierende Mayakraft,
die Gott verhüllt und die Menschenwesen von ihm fortschleudert; unzerreißbar
scheint das Netz zu sein, das über die Welt und alle Wesen geworfen ist.
>>Was führt aus dem Kerker der Maya hinaus?<<, seufzt in Indien
der suchende Mensch und -entsprechend seiner inneren Herzensneigung- wählt
er einen >>Pfad<<, zum Beispiel den Pfad des Yoga oder den Pfad
des Jnana, oder er wird ergriffen von der Kraft der erkennenden göttlichen
Liebe selbst, die sich äußert als Bhakti. Aber die indischen Eingeweihten
wissen: auch Yoga und die Meditation des Jnanis und die Bemühungen des Bhaktas
spielen sich zumeist in der Tiefe des Mayameeres ab, in Tiefenschichten,
in die das göttliche Licht nur trüb und gebrochen herabdringt.
Ganz von fern,
wie eine Sage, tönt die Kunde an den Sucher heran, daß es auch Yoga und Jnana
und Bhakti gäbe, die über den Gunas sind.
An mehreren Stellen
des Bhagavatam erteilt Bhagavan, der in die Mayawelt hinabgestiegen ist,
ohne von ihr berührt zu werden, eine Unterweisung, wie man durch ungeteilte
Bhakti zu Krishna über die Gunas der Maya hinausgelangen könne.
Bhagavan spricht:
>>Es
gibt eine tamashafte Bhakti,
deren Antrieb
ist, anderen weh zu tun,
aus Stolz,
aus Eifersucht...
Es gibt
eine rajashafte Bhakti,
um des
Ruhms, um der Macht willen ...
Es gibt
eine sattvahafte Bhakti,
die jene
üben, die von ihrem Karma frei werden wollen
oder die
Bhakti für ihre Pflicht halten ...
Aber die
motivlose Bhakti zu Mir,
der höchsten
göttlichen Person,
ist über
den Gunas.<<
[Bhagavatam 3, 29; 8-12]
Im elften Buch
des Bhagavatam wird das gleiche Thema nochmals aufgenommen und die Belehrung
fortgeführt.
Bhagavan Krishna
spricht zu seinem Freund und Schüler Uddhava:
>>Das Wissen
vom absoluten BRAHMAN ist sattvahaft, das von Einbildungen gefärbte Wissen
der Welt ist rajashaft, das Wissen von gemeinen Dingen ist tamashaft.
Das auf Mich
bezügliche Wissen ist jenseits der Gunas.<<
>>Die Wohnung
des Sattvahaften ist der Wald,
[die ungestörte
Einsamkeit des Waldes].
Die Wohnung
des Rasahaften ist das Dorf,
[das geschäftige,
geschwätzige Dorf].
Die Wohnung
des Tamashaften,
ist die Spielhölle,
die Würfelbude.
Mein Reich
aber ist jenseits der Gunas.<<
>>Das Vertrauen
+50 in den Atman ist sattvahaft,
das Vertrauen
auf Werketun ist rajashaft,
das Vertrauen
auf Gesetzlosigkeit ist tamashaft.
Wer in liebendem
Dienen auf Mich vertraut,
ist jenseits
der Gunas.<<
>>Die Freude,
die aus dem Atman entspringt, ist sattvahaft,
die Freude,
die aus der Sinnenwelt entspringt, ist rajashaft,
die Freude,
die aus Verwirrung und Schwäche
entspringt,
ist tamashaft.
In Mir sich
gründende Freude ist jenseits der Gunas.<<
>>Das Ergebnis
aller dieser Gunas ist Bindung,
ist Umherirren
im Samsara.
Wer diese
Gunas besiegte,
weil er sich
voll Bhakti mir hingab,
der erlangt
Mein liebendes Leben.<<
[Bhagavatam 11; 25,24,27,29,32]
Die Tradition
der Chaitanya-Bhakti sagt aus - und von den großen Gurus der Strömung bis
in die Gegenwart wird der Inhalt dieser Aussagen immer neu erlebt und bestätigt
-, daß der Mensch seinem Wesen nach an der Grenze zwischen zwei ungeheuren
Reichen steht, zwischem dem Reich der Maya und dem Reiche Gottes. Er steht
gleichsam an einer schwankenden Uferlinie [ta†a stha], da wo Wasser und Land
einander berühren.
Der Mensch ist
sowohl der von Gott fortschleudernden Kraft wie der zu Gottes Füßen hintragenden
Kraft ausgesetzt. Er muß selber wählen. Er vermag zu wählen, da der individuelle
Atman am freien Willen Gottes Anteil hat. Wendet sich der Mensch in seiner
Sehnsucht nach liebendem Dienen zu Gott hin, so wird er vom Strome der erkennenden
Liebe mitgerissen und getragen.
Oder aber die
Seele wendet sch vom liebenden Dienen ab, von selbstsüchtigem Begehren überschattet.
Und schon wird sie von den mächtigen Gunas der Maya umklammert und wird weggerissen
in das Reich, >>wo Durst herrscht<< und wo eigennützig gemessen
und abgeschätzt wird. In der Sucht, mit dem eigenen Wohl und Wehe als Maßstab,
zu messen und abzuschätzen, sehen die Bhaktas ein Zeichen tiefster Lieblosigkeit.
Sie sehen darin das Kennzeichen der von der Maya unterjochten.
Das Wort Maya
wird in der indischen Sprachwissenschaft etymologisch abgeleitet von der
Sanskritwurzel maa, messen, begrenzen, vergleichen, werten, abschätzen.
Die klassische
Definition für Maya lautet: >>miiyate iti maayaa<<, auf deutsch:
es wird gemessen, daher [heißt sie] Maya.
>>So wie
es die Natur des Feuers ist, daß es brennt, so ist es die Natur der Menschenseele,
daß sie liebt, Gott dienend liebt um Seinetwillen<<, sagte mir vor
vielen Jahren mein Guru Sadananda in Indien. >>Der Funken, das ist
die einzelne Seele. Das große Liebesfeuer, das ist Gott. So wie der Funken
Zeugnis von dem Feuer ablegt, so legt die Seele Zeugnis von der Gottheit
ab, dadurch, daß sie liebt. Die Seele ist verhüllt und hat ihre wahre Natur
vergessen. Aber wenn der Atman von Gottes Kraft erfaßt wird und zu sich selber
erwacht, und beginnt, Gott zu lieben und sich unendlich nach Ihm zurückzusehnen,
dann gewinnt auch er allmählich wieder Anteil an dem Ewigen, an der Fülle,
Lauterkeit, Freiheit des Ewigen. Dann hat der Mensch die Ketten der Maya
abgeworfen und ist über den Gunas.<<
Sadananda fügte
etwas anscheinend Paradoxes hinzu: >>Der gottabgewandte Mensch in der
Welt dünkt sich frei und glaubt der Herr der Naturkräfte zu sein. Aber in
Wahrheit ist er ein Sklave der Maya. Nur der Mensch, der sich ohne jeden
Rückhalt Gott ausliefert und sich Ihm in dienender Liebe hingibt, ist wirklich
frei, das heißt, frei von den Gunas der Maya.<<
Die Bhaktas werden
nicht müde, in ihren Schriften das Wunder zu preisen, das sich ereignet,
wenn der >>Knoten um das Herz<< gelöst wird und die Ketten der
Maya schmelzen.
In der >>Brahma-Samhita<<
jubelt Brahma, der Weltschöpfer, über die unfaßbare Gnade, daß Krishna-Govinda
das sonst Unüberwindbare, das Karma Seiner Bhaktas völlig verbrennt. Brahma
singt:
>>Ich verehre
die urerste göttliche Person,
den Govinda,
der alle Wesen,
vom Himmelsherrscher
Indra bis zur Ameise,
den Früchten
ihres Karmas entsprechend,
ihrem Schicksal
zuführt,
der aber das
Karma derer völlig verbrennt,
die Ihm in
Bhakti hingegeben sind.<<
[Brahma-Samhita 5,54]
Das Bhagavatam
beschreibt das gleiche Wunder:
>>Es wird
zerschnitten der Knoten des Herzens.
Alle Zweifel
sind ausgerodet.
Es schwinden
dahin alle Karmas,
wenn im Herzen,
im Atman,
Gott geschaut
wurde.<< [Bhagavatam 1, 2, 21] +51
Der Bhakta, den
die Fesseln der Selbstsucht, die zäh wie Sehnen sind, nicht mehr binden,
dem der Knoten [des Egoismus] um das Herz gelöst wurde, ihm offenbart sich
statt der Dreifalt der Gunas nun eine Dreifalt ganz anderer Kathegorie.
Ihm enthüllt sich SEIN-ERKENNTNIS-WONNE der Gottheit [sat - cit -aananda]
in dynamischem Leben:
1. Das reine
SEIN des Unvergänglichen [sat] enthüllt sich dem Bhakta als die Seins-Kraft
Bhagavans, durch die Er Seinem eigenen Reich und Sich Selbst und Seinen ewigen
Gefährten Gestalt verleiht. Diese Seins-Kraft Gottes wird Sandhini-Shakti
genannt.
2. Die reine
Erkenntnis des Unvergänglichen [cit] enthüllt sich in ihrem dynamischen Leben
dem Bhakta als Erkenntniskraft Bhagavans. Sie wird Samvit-Shakti
genannt.
Die reine Wonne
des Unvergänglichen [aananda] enthüllt sich dem Bhakta als sich hinschenkende
Kraft der Liebe, als Freudenkraft Gottes. Diese herrliche Kraft der
göttlichen Wonne der Liebe wird Hladini-Shakti genannt [von hlaada:
Freude].
Der Bhakta Jiva
Gosvami gibt folgende Zusammenfassung:
>>Die Samvit-Shakti
ist jene Kraft, mit der Gott sich selbst erkennt und auch andere Ihn erkennen
macht. Die Hladini-Shakti ist jene Kraft, mit der Gott Seine eigene Wonne
erlebt, und auch andere sie erleben macht, Er, der Selbst ganz Sein und Erkenntnis
und Wonne ist, wirkliches SEIN.<<
[Jiva Gosvami, Priti-Sandarbha]
Das bereits mehrfach
zitierte Dashaka-Mulam aus der Tradition der Chaitanya-Bhakti versucht in
einem Preislied an Krishna die unaussprechliche Erfahrung zu schildern:
>>Gepriesen
sei Er,
der immerdar
in das Meer der Rasas getaucht ist
in Seinen
Reichen,
die von
der heiligen Seinskraft Gottes
leuchtend
weiß gestaltet werden;
der immerdar
der extatischen Wonne,
Seiner heiligen
Freudenkraft hingegeben ist;
deren Mysterium
von der
heiligen Erkenntniskraft Gottes
offenbar
gemacht wird.
[Dashhaka-Muulam 4]
>>Ein Mensch,
der das erfahren hat<<, erläuterte mein Lehrer, >>mag weiter
in seinem Leibe auf der Erde leben; die anderen mögen kaum eine Veränderung
in seinem Dasein bemerken. Und doch gibt es für ihn kein Karma mehr. Alles
ist für ihn zur göttlichen Lila geworden. Mit seinem Atman ist er nun, unausgesetzt
dienend, liebend einzig der Lila Gottes hingegeben. Die Welt ist für ihn
nur ein Ort, um von Ihm zu künden, über Ihn zu singen, über
Ihn zu meditieren - bis die Hüllen des irdischen Leibes von dem Bhakta
abfallen und er gänzlich in das Reich der ewigen Lila eingeht.<<
Im vorhergehenden
Kapitel >>MAYA<< war bloß von dem Aspekt der Maya als der täuschenden
Kraft, die Rede gewesen, die das Unvergängliche verhüllt und die Menschenseele
von Gott fortschleudert.
Doch der Begriff
Maya ist sehr weiträumig und hat gleich dem Begriff Atman mehrere Bedeutungsschichten,
die aus dem Unvergänglichen bis ins Schattenbild des Vergänglichen hinabreichen.
Die täuschende gunahafte Maya, die aus der Kraft des Begehrens gebildet ist
und uns etwas vorspiegelt, was gar nicht wirklich existiert, das ist nur
eine der Bedeutungen des Wortes Maya.
Es gibt ein berühmtes
Sanskritwörterbuch der Synonyme, verfaßt von Amara-Sinha, einem Zeitgenossen
des Dichters Kalidasa. Dieses Werk, das in Indien nunmehr seit fünfzehnhundert
Jahren in Gebrauch ist, enthält die folgenden vier Haupbedeutungen für das
Wort Maya:
1. Maya
ist die Kraft, die etwas als wirklich erscheinen läßt,
was gar
nicht ist; die also vortäuscht, vorspiegelt.
2. Maya
ist gestaltende Kraft, [shakti] ganz im allgemeinen.
3. Maya
ist Gottes selbsteigene Kraft,
[svaruupa-shakti,
cit-shakti, aatma-maayaa, yoga-maayaa].
4. Maya
ist die göttliche Kraft der Gnade.
Gemeinsam für
alle Schichten des Begriffes Maya ist die Bedeutung Kraft [shakti].
Beim Studium
der Texte bedarf es zuweilen langen demütigen Lauschens und echter Hingabe,
um zu erkennen, von welchem Aspekt der großen Maya jeweils die Rede ist.
So wie im verschneiten
Hochgebirge die helle Sonne blendend strahlen kann, während sich am Hang
gleichzeitig Nebelschwaden wälzen, und es unten im Tal, unterhalb der niedrigen
Wolkendecke, gleichzeitig heftig regnen mag, so daß der Wanderer je nach
seinem Standort eine ganz verschiedene Wirklichkeit erlebt; derart erleben
die Menschen je nach ihrem jeweiligen geistigen Standort und ihrer Bewußtseinslage
und je nach ihrer inneren Ausrichtung eine ganz verschiedene Wirklichkeit.
Der Guru erläutert:
>>Die geistige Umwelt eines Menschen, der völlig in der Mahamaya, im
Reich des Meßbaren, gründet, kann einer Steinwelt verglichen werden. Wie
scharfsinnig ein solcher Mensch auch rechnet und mißt und mit Ultramikroskopen
und Teloskopen das Kleinste und das Größte erforscht und seinen abschätzenden,
rechnenden Blick den physikalischen und biologischen und psychologischen
Gesetzen zuwendet, er hat stets die Wolkendecke der Maya rings um sich. Wohin
er auch blickt, in die Außenwelt oder in sich selbst, in seine eigenen Gedankenbilder
und Begierden und Leidenschaften und Träume, er erlebt bloß Ausdrucksformen
der aus den drei Gunas bestehenden, täuschenden und vorspiegelnden Maya.<<
Der Guru zitiert
die bereits angeführten Worte Shankaracaryas: >>ein Mensch mag noch
so intelligent und klug und gelehrt sein, er mag die schärfste analytische
Fähigkeit besitzen - wenn er von Tamas überwältigt ist, kann er das
wahre Wesen des Atman nicht verstehen, auch wenn man es ihm lichtvoll auf
verschiedene Art erklärt.<<
Der Bhaktiguru
fährt fort: >>Ein Mensch, der zwar in der Unwissenheit [avidyaa], in
der Maya gründet und daher seine vergängliche Persönlichkeit für sein wirkliches
Wesen hält und sein ewiges Wesen, den Atman, noch gar nicht kennt, der aber
doch seinen Blick sehnsüchtig dem Unvergänglichen zuwendet, er erlebt eine
vergängliche Welt, die vom Göttlichen getragen und geordnet ist. Er ahnt
den weltbezogenen Gott, den göttlichen Weltengrund, den Vater des Weltalls.
Er nennt Ihn zum Beispiel Paramatman oder Vishnu, den Alltragenden, Allschauenden.
Ein solcher Mensch lebt gleichsam in einer golddurchlegten Steinwelt.
>>Ein Mensch,
der alle Eigensucht aufgegeben hat, bis auf den subtilsten Egoismus, die
Sucht nach Leidfreiheit und nach Befreiung [mukti] und der die beseligende
Erfahrung seines ewigen Einsseins mit dem gestaltlosen, eigenschaftslosen
Brahman gemacht hat, er erlebt wieder eine andere Wirklichkeit, die schon
jenseits der Gunas liegt. Ein solcher Mensch erlebt gleichsam einen blendenden
Goldschein.
>>Eine
Seele, die auch der Sehnsucht nach Befreiung entsagt hat und nichts mehr
begehrt als Liebe und immer mehr Liebe zu Bhagavan, um Bhagavan in alle Ewigkeit
noch mehr erfreuen zu können, ein solcher Gottgeweihter weilt im Reich der
“unverhüllten Bhakti". Ein solcher Bhakta erlebt, ganz unabhängig von seinem
Schicksal, das grenzenlose lautere Gold der Lila Bhagavans.<<
Der Bhaktiguru
fährt fort: >>Alle diese angedeuteten Erfahrungen der “Wirklichkeit”
haben zahllose Unterstufen und Zwischenstufen. Jeder dieser Höhenlagen eignet
eine gerade dieser Bewußtseinsstufe entsprechende Weltanschauung, Religion
und Philosophie. Und jeder Sucher, auf welcher dieser Stufen er auch seinen
Standort hat, ist davon überzeugt, daß einzig seine Weltanschauung
der Wirklichkeit entspreche und daß es keine andere Wirklichkeit gebe.<<
Der Guru faßt
die Unterweisung zusammen: >>Der Wunderkraft Gottes, der Maya in jeder
ihrer Bedeutungen, eignet die Fähigkeit, daß sie je nach dem Grade des “Unwissens”,
des “Wissens” oder der Bhakti jedem Einzelnen die ihm entsprechende Wirklichkeit
zum Erleben entgegenhält +52.<<
Vierter Teil
K R I S H N A
----------------
X.
KRISHNAs Lächeln
>>Hold,
hold ist Krishnas Gestalt.
Hold,
hold, hold ist sein Antlitz.
Aber
sein honigduftendes süßes Lächeln,
es ist
Holdheit der Holdheit. Oh, hold, hold!
[Bilvamangala, Krishna-Karnamritam]
>>Der göttliche
Held Krishna, aus dem Epos Mahabharatam und der Bhagavadgita ist nur ein
Teilaspekt Krishnas. Der wahre Krishna ist ein tiefes Mysterium<<,
so heißt es in der Tradition der Krishna-Bhakti. Der Guru setzt fort:
>>Krishnas
Gestalt, Krishnas Antlitz, Krishnas Lächeln bedeuten den Chaitanya-Bhaktas
das heimliche Zentrum alles Seins und aller Gottesreiche.<<
Immerdar weilt
Krishna mit seinen Ewig-Beigesellten [parishada] im Seinem inneren Reich
der göttlichen Lieblichkeit. Dort ist Er in aller seiner Fülle >>Gott
Eigentlich<<.
Der innerste
Kreis dieses Reiches ist die geheimnisvolle Sphäre, wo die Fülle der Gottheit
sich Selbst ansieht, erkennt und liebt und sich durch sich Selbst -in unausdenkbarer
Steigerung- immer tiefer erlebt.
Was sich auch
in dieser göttlichen Fülle [puurnam] vollzieht, ist ein Geschehen im ewigen
SEIN [sat], das von Raum und Zeit und Materie ungetrübte ERKENNTNIS
[cit] ist, voll göttlicher WONNE [aananda].
Der Quell aller
Wonne ist Krishnas >>dichte Wonnegestalt<<, die >>Nektargestalt
aller Rasas<<.
In diesem innersten
Reich, das >>die weiße Insel<< [shveta-dviipa] oder Goloka genannt
wird, ist Krishna in nie endendem rasahaftem Spiel Seiner eigenen Freudenkraft
und Erkenntniskraft hingegeben, die Gestalt angenommen hat. Mit Ihr, mit
Radha, kostet Er ewiglich den tief verborgenen Shringara-Rasa. Man
könnte das vielfältige dramatische Spiel des >>göttlichen Paares<<
Krishna-Radha, das eine Zweiheit und doch eine Einheit ist, der ewigen Liebe
des Urmännlichen zum Urweiblichen vergleichen.
Viel ist voll
Andacht und Keuschheit in Indien über dieses Urgeheimnis meditiert worden,
und oft ist es mißverstanden worden, in Indien und im Abendland. Doch der
Dichter Novalis [1772-1801] singt in einem seiner >>Geistlichen Lieder<<
die der Krishna-Bhakti erstaunlich verwandten Worte:
>>Wenige
wissen das Geheimnis der Liebe,
fühlen
Unersättlichkeit
und
ewigen Durst ...
Im
himmlischen Blute
schwimmt
das selige Paar.<<
[Abendmahlshymne]
Um das göttliche
Paar [yugalam], das dem Shringara-Rasa hingegeben ist, schwingen die vielfachen
Reigen der Lila, so heißt es in den Rasaschriften. Rings um Radha und Krishna
schlingt sich der Rasatanz der Gopis. Auf vielen indischen Bildern wird dieser
Reigen des höchsten Rasas dargestellt, und in einem der späteren Kapitel
wird davon ausführlich berichtet werden.
Mit
anderen ewigen Gefährten kostet Krishna, der in ewiger Gegenwart in vielen
Reichen lebt, indessen den holden Rasa der elterlichen Liebe. Und mit anderen
Gefährten kostet Krishna gleichzeitig den inneren Rasa der vertraulichen
Gottesfreundschaft. Und mit wieder anderen Gefährten erlebt Er den Rasa ihres
enthusiastischen Gottdienens und gemeinsam mit anderen Gefährten erfüllt
Ihn der Rasa des unendlichen göttlichen Friedens.
In allen Reichen
der göttlichen Lieblichkeit ist Krishna gleichzeitig gegenwärtig. Überall
kostet Er den Rasa jenseits von Zeit und Raum.
Die Rasaschriften
schildern, daß Krishna - ohne daß die Fülle des Spiels der göttlichen Lieblichkeit
in den Reichen des Mysteriums Fascinosum gemindert wird- indessen
auch, umgeben von anderen ewigen Gefährten, in Reichen erhabener Gottesmajestät
thront. In diesen Reichen, so erklären die Bhaktas, wird die milde und süße
Lieblichkeit Krishnas zurückgehalten und die göttliche Allmacht, die göttliche
Kraft und göttliche Gewalt herrscht. In diesen Reichen der Gottesmajestät
trägt Krishna den Namen Narayana. Dort wird das Misterium Tremendum
in ganz ausschließlicher Stärke wahr.
Eine in den Rasaschriften
und Puranas oftmals angewendete Bezeichnung für alle die genannten Gottesreiche
ist : >>Höchster Himmelsraum<< [para-vyoman] oder aber auch Vaikuntha.
Vaikuntha bedeutet >>Ohne Bruch<<. Denn die Zeit zerbricht dort
nicht, wie bei uns, in jedem Augenblick schmerzlich in Vergangenheit und
Zukunft. Glück und Leid folgen dort nicht aufeinander, göttliche Wonne [aananda]
ist der Untergrund jedes Leids.
Ein Name, der
ausschließlich der Spähre der göttlichen Lieblichkeit zukommt -und dem wir
später oft begegnen werden- ist Vraja [abgeleitet von der Sanskritwurzel
vraj, schreiten]. Vraja ist das >>Land<<, wo man in alle Ewigkeit
vorwärtsschreiten kann, ohne jemals an ein Ende zu kommen.
Das Licht,
das alle Reiche der ewigen Gegenwart erleuchtet und von dem unsere Sonne,
unser Mond und unsere Sterne nur ein Abglanz sind, geht aus von Krishnas
Gestalt, von Krishnas lieblichem Antlitz, von Krishnas honigduftendem süßen
Lächeln.
Eine in den Anfangskapiteln
dieses Buches bereits zitierte Upanishadenstrophe, wird in der Traditionsfolge
der Chaitanya-Bhaktas auf Krishnas inneres Reich, den >>Höchsten Himmelsraum<<,
bezogen:
>>Dort
leuchtet nicht die Sonne, noch Mond, noch Sternenglanz,
noch
jene Blitze, geschweige irdisch Feuer.
IHM,
der allein glänzt, nachglänzt alles andre:
die ganze Welt erglänzt von Seinem Glanze.<<
[Katha-Upanishad 5,15,
Mundaka-Upanishad 2,2,10
Shvetashvatara-Upanishad 6,14]
Die Propheten
singen:
>>Ich
bete die "weiße Insel" an,
Das Geistesland, das Goloka genannt wird ...
Jedes Wort dort ist Lied,
jeder Schritt ist Tanz ...
Und Zeit, die hier so schmählich uns enteilt,
geht dort nie fort, nicht einen Augenblick.
Nur wenige Weise, die auf Erden wandeln,
kennen dies Land.<<
[Brahma-Samhita 5,56]
Die Bhaktas sagen:
Dort, wo alles aus Atman gewoben ist, lebt Krishna ohne Bezug auf die Welt,
Sein inneres Leben als >>Gott Eigentlich<<.
Doch es begibt
sich, daß in Krishnas majestätischem Aspekt Narayana der Wille aufsteigt,
es sei eine Welt der Lebewesen in Raum und Zeit!
Da tritt >>Gott
Eigentlich<<, ohne daß Seine Fülle und Seine vielfältige Lila in einem
Seiner zahllosen ewigen Reiche gemindert wird, mit einem Teilaspekt Seiner
Selbst aus dem >>Höchsten Himmelsraum<< in den >>Ozean
aller Ursachen<< hinaus, der die Ewigkeit umspült.
Ein Teil von
>>Gott Eigentlich<< wird zu >>Gott Weltbedacht<<.
Nun trägt Er den Namen Mahavishnu, der große Vishnu, >>der
im Ozean aller Ursachen ruht<< [karanodaka-shaayii-vishnu]. Von
Ihm singen die Seher:
>>So
wie durch offene Fenster
sonnenbeleuchtete
Staubströme fluten,
so fluten
durch die Poren Mahavishnus
zahllose
Universen aus und ein.
Wenn Mahavishnu ausatmet, entstehen die Welten.
Wenn Er einatmet,
vergehen die Welten.
Aber nie ist ein Ende des Weltvergehens
und Weltentstehens.
Denn nie hört Mahavishnu auf, zu atmen.<<
[nach Bhagavatam 10,14,11]
Mahavishnu blickt,
wie schon ausgeführt wurde, die ferne Maya an, und dies ist der erste Anstoß
zu aller Schöpfung in Raum und Zeit.
In einer der
klassischen Schriften der Chaitanya-Bewegung wird berichtet, daß ein Teil
Mahavishnus noch tiefer hinabsteigt, ohne daß Seine ursprüngliche Fülle gemindert
wird. Er blickt die Maya nun nicht mehr bloß von ferne an. Er tritt in sie
ein, freilich ohne von ihr berührt oder befleckt zu werden. Er wird zum Vishnu,
der im >>Ozean aller Samen<< ruht [garbho-daka-shaayii].
Dieser ist der Herr der Maya. Er, der große ATMAN, ist der Träger und Erhalter
sämtlicher Universen. Aus Seinem >>Nabel<< wächst der Lotus hervor,
in dessen Kelch vor beginn der neuen Weltschöpfung der Weltbildner Brahma
zu neuem Leben erwacht und in seiner Meditation die Stimme Gottes vernimmt,
die zu den Urstrophen des Bhagavatam wird.
Vishnu steigt
noch tiefer hinab, ohne daß die Fülle dessen, von dem Er ausgeht, gemindert
wird. Er tritt in jedes einzelne Weltall ein und wird in jedem Weltall zum
>>Vishnu, der im Milchmeer ruht<< [kshirodaka-shaayii]. Er ist
Weltenherrscher, Weltenrichter und Er weilt in jedem Herzen als Zeuge des
leisesten Gedankens. Er wird in der Brahma-Samhita als Herr des Karma gepriesen:
>>
...der das Schicksal jedes Wesens,
vom
Himmelsherrscher Indra bis zur Ameise,
den
Früchten der früheren Taten entsprechend,
seinem
Ziele zuführt.<<
Wenn Vishnu in
Seine eigene Tiefe blickt, so blickt er in Krishnas unergründliche Gottestiefen.
Krishna in Seinem Aspekt als Vishnu ist es, der nach Anschauung der Chaitanya-Bhaktas
die Gestalten der Avatare in die Welt der Zeitlichkeit hinabsendet.
XI.
KRISHNAS AVATARE
Krishna-Vishnus
Herabsteigen in Gestalt Seiner Avatare ist eine Entfaltung der Gottesmajestät
bis in den Bereich der Welt. Doch tief innen in dieser Majestät der göttlichen
Avatare erkennt der Krishna-Bhakta entzückt mitten in der Welt wieder das
Mysterium der göttlichen Lieblichkeit und aus der Tragik der Welt schimmert
ihm nun das Lächeln Krishnas entgegen. In dem Dichtwerk Gita-Govinda, einer
der wenigen Rasadichtungen, die im Abendland schon bekannt geworden sind,
kommt das zum Ausdruck. Bevor wir aber dieses Werk der indischen Gottesliebe
betrachten, das aus dem gleichen Wurzelgrund wie das Bhagavatam entsprossen
ist, müssen wir uns ein wenig mit den Avataren beschäftigen. Denn man kann
den indischen Volksglauben und auch den Gita-Govinda kaum verstehen, wenn
man nicht eine Vorstellung davon hat, was die Avatare Gottes den Hindus bedeuten.
Die Berichte vom Wirken der Avatare erfüllen seit Jahrtausenden das Denken
und Trachten, das tägliche Brauchtum, die Sprichwörter und die Volkslieder
und die Literatur und Kunst der Hindus.
Der indische
Glaube bis auf unsere Tage ist durchwoben vom Erleben der Vielfalt in
der Einheit und der Einheit in der Vielfalt, wie es schon im Rigveda
mehrfach angedeutet wird:
>>Nur ein
Feuer ist es, das vielfach entzündet wird, nur eine Sonne durchdringt
das All; nur eine Morgenröte durchscheint diese ganze Welt. Fürwahr
das Eine hat sich zu dieser ganzen Welt entfaltet<<
[Rigveda 8,58,2].
Das Bhagavatam
spricht von zehn großen Avataren, an anderer Stelle von zweiundzwanzig Avataren;
in der unmittelbar darauffolgenden Strophe ist von zahllosen Avataren Bhagavans
die Rede:
>>Die Avatare Haris
- der Wohnung des ewigen Seins -
sind wahrlich zahllos;
gleichwie von einem See,
der niemals austrocknet,
tausende Ströme ausfluten.<<
[Bhagavatam 1,3,26]
Was ist nun ein
Avatar? Der Ausdruck avataara bedeutet wörtlich: Der Herabsteigende [ava-tarati
heißt: er steigt herab]. Das Wort Avatar wird abgeleitet von der Sanskritwurzel
t¸: ein Meer kreuzen, überkreuzen, über einen Ozean hinübersegeln, bis zum
Ende gehen, vollkommen meistern, retten. Das Substantiv tara, das von dieser
Wurzel kommt, bedeutet Floß, Boot, Fähre; taara ist ein Name Vishnus; taara
bedeutet das gestaltlose Brahman und auch das heilige Urwort, AUM, aus dem
alles geworden ist. Die Vorsilbe ava im Worte avataara fügt die Zielrichtung
hinzu: herab. Man sagt: Der Avatar ist eine Gestalt, die aus der Fülle Gottes
in die Welt der Sterblichen herabsteigt, um jene, die bei Ihm Zuflucht nehmen,
wie ein rettendes Floß zum jenseitigen Ufer des Meeres der Wandelwelt hinüberzutragen.
Es wurde oft versucht, das Wort Avatar mit Retter, Heiland, Erlöser zu
übersetzen. Das sind aber nur ganz vorläufige Bezeichnungen.
Im Sinne der
Gotteserfahrung der Bhakti wird das Wesen der göttlichen Avatare und deren
Beziehung zu Bhagavan, von dem sie ausgehen, in der bereits früher in ganz
anderem Zusammenhang zitierten vielschichtigen Upanishadenstrophe ausgesprochen:
>>Jenes ist die Fülle, dieses ist die Fülle.
Aus der Fülle ward die Fülle hervorgebracht.
Auch wenn die Fülle die Fülle entläßt,
bleibt doch die Fülle voll.<<
[Brihad-Aranyaka Upanishad 5,1,1]
>>Jenes<<
in der obigen Strophe deutet der Bhakta als Bhagavan in seiner ganzen Fülle;
>>dieses<< deutet er als Avatar, den Bhagavan in die Welt aussendet.
In sehr berühmten Strophen der Bhagavadgita spricht Krishna selbst das Wesen
der Avatare aus. +53:
>>Obwohl
Ich der Ungeborene bin,
obwohl
Ich der ewige ATMAN bin,
obwohl
Ich Gottherr aller Wesen bin;
so
trete Ich doch in der Welt in Erscheinung,
gebietend
über alle Natur +54,
durch
die Macht Meines göttlichen Willens +55.
Wann
immer Verfall der Weltordnung ist,
wann
immer Aufsteigen des Unrechtes ist,
dann
zeug ‘ Ich Mich Selbst +56,
dann
gieß‘ Ich Mich aus +56,
dann
sprech ‘ Ich Mich SELBST, den ATMAN aus +56,
o,
Aryuna.
Zur
Errettung der Guten +57,
zur
Vernichtung der Bösen,
zur
Wiederherstellung der heiligen Ordnung,
tret
‘ Ich ins Dasein.
in
jedem Weltalter.<<
[Bhagavadgita 4,6-8]
In der Rasa-Dichtung,
Gita-Govinda von Jayadeva wird Krishna als Krishna-Keshava dafür gepriesen,
daß Er in Gestalt von zehn großen Avataren in die Welt des Vergänglichen
hinabsteigt.
Jayadeva singt:
>>Durch
die Wasser der Weltauflösung
trägst Du
den Veda,.
mühelos wie
auf einem gezimmerten Floß.
Sieg Dir,
Sieg Dir, Hari, Gotherrscher;
Keshava,
der in Fischgestalt kam.<<
>>Auf
Deinem Rücken, der sich weithin dehnt,
trägst
Du die Erde, die Alltragende.
Sieg Dir,
Sieg Dir, Hari, Gotherrscher;
Keshava,
der als Schildkröte kam.<<
Keshava ist ein
Name Krishnas.
Der verborgene
Gott, Keshava-Krishna, wird in zehn Seiner äußeren Aspekte gepriesen. Gleich
mächtigen Fresken zieht in der Avatarhymne dieses Dichtwerkes der Reigen
der göttlichen Avatare vorüber. Man glaubt durch alle Zeiten, durch alle
Räume zu schreiten, man glaubt, die ganze Welt zu umwandeln, wenn man dem
göttlichen Tun der Avatare folgt, das in Jayadevas Strophe nur in knappen
Worten angedeutet wird, und das sich aber in den Erzählungen der Puranas
in großem Reichtum enthüllt.
Man wird Zeuge
von Gottes Wirken auf Erden in Gestalt eines gewaltigen Wesens mit dem Haupt
eines Ebers, das die Erde mit seinen hauern aufhebt aus der Vernichtungsflut.
Man wird Zeuge von Gottes Wirken als Geistlöwe Narasinha, der mit
seinen >>diamantenen Klauen<< den Vorhang der verhüllenden Maya
aufreißt. Man wird Zeuge von Gottes Tun auf Erden als Rama mit der Axt,
>>der wegnimmt die Sünden der Welt<<. Man wird Zeuge von Gottes
Lila als Königssohn Rama und man folgt den heiteren Scherzen
von Krishnas älterem Bruder Balarama.
Auch Buddha
ist in diesem Avatarpreislied einer der zehn großen Avatare Gottes, von
denen jeder einen anderen Rasa offenbart. Im leise lächelnden Antlitz des
meditierenden Buddha, wie er in zahllosen Bildwerken der buddhistischen Kunst
dargestellt wird, vermag man zum Beispiel den Rasa des unendlichen göttlichen
Friedens [shaanti-rasa] zu erahnen.
Jayadeva singt:
>>Du veurteilst
die Opfergebote des Veda,
weil Dein
Herz in Mitleid schmolz
vor dem Schlachten
der Tiere.
Sieg Dir,
Sieg Dir, Hari, Gottherrscher,
Keshava,
der als Buddha Gestalt annahm.<<
In der zehnten
Strophe wird in einer Vorschau der Avatar Kalki gepriesen, >>der
in Zukunft kommen wird<<. Kalki >>schwingt Sein Schwert wie einen
Kometen<< über den Heeren der Barbaren. Durch das Schwingen dieses
Lichtschwerts wird die Finsternis des Kali Yuga zerteilt und ein Tor aufgebrochen
in ein neu anhebendes Zeitalter der Wahrheit [satya-yuga]. Die elfte Strophe
dieses Avatarpreisliedes, von Jayadeva faßt die vorhergehenden zehn Strophen
zusammen und jubelt:
>>Sieg
Dir, Sieg Dir, Hari, Gottherrscher,
Du Keshava,
der Du zehnfache
Gestalt annimmst.<<
[Gita-Govinda 1,5-16]
Zu beachten ist,
diese majestätischen Strophen von den Avataren Gottes sind nur ein Rahmen
um die eigentliche Handlung der Dichtung Gita-Govinda. In diesem Prolog wird
die >>äußere Entfaltung<<, das weltzugewandte Tun des Einen
geschildert, der - während Seine Avatare mächtig in der Welt wirken, mit
Seinem eigenen Wesen völlig in Sein inneres Spiel in dem Reich der
göttlichen Lieblichkeit versunken ist.
Doch nicht nur die Avatare, auch Krishna, der Avatarín, [derjenige,
von dem die Avatare ausgehen], steigt einmal in Seiner ganzen Fülle herab.
Dies geht aus dem Gita-Govinda und dem Bhagavatam und anderen Puranas und
den Rasaschriften eindeutig hervor. Und Krishna nimmt Sein ganzes Reich und
Seine ewigen Gefährten mit sich. Für die Dauer eines Menschenlebens wird
die Krishna-Lila nun auf Erden gespielt: im Umkreis der Königsstadt Mathura
[Honigstadt] und im Hirtenland des Vrindawaldes [Vrindaa-vana], auch Gokula
oder Vraja genannt.
Im Königsland
ist dann Krishna der Herr aller Kraft. Alle Shaktis sind Ihm untertan. Alle
Dämonen werden von Ihm bezwungen. Das Unmögliche ist eine Leichtigkeit für
Ihn. In der Krishna-lila, im Königsland erleben die Bhaktas die Gottesmajestät
und Pracht des Mysterium Tremendum auf Erden.
Im benachbarten
Hirtenland jenseits des Flusses Yamuna, erlebt der Bhakta das Mysterium
Fascinosum, das liebliche Geschehen der inneren Krishna-Lila mit
allen ihren Rasas.
Das kleine Krishnakind
weint. Yashoda, die Ziehmutter im Hirtenland, hat das Kind bestraft, weil
es Butter gestohlen hat. Doch aus den dicken Tränen, die über die schmutzigen
Wangen des Kindes herunterkollern, leuchtet dem Bhakta Krishnas Lächeln entgegen.
Aus den derben Späßen Krishnas mit Seinen Freunden, den übrigen Hirtenjungen,
strahlt dem Bhakta Krishnas Lächeln entgegen. In der schmerzlichsten Verzweiflung
der Trennung, wenn Krishna und Radha im dunklen Wald einander suchen, finden
die Bhaktas, die sich in die innere Lila vertiefen, Krishnas beseligendes
Lächeln. Dieses Lächeln erhellt die Welt. Dieses Lächeln ist das innerste
Licht. Alles Licht von Sonne, Mond und Sternen ist nur ein Abglanz dieses
Lächelns. Der Krishna-Bhakta erlebt in der Lila im Erdenland noch viel inniger
und lebendiger als aus den Schilderungen des >>Höchsten Himmelsraums<<
das Mysterium Fascinosum.
Dies muß man
im Bewußtsein haben, wenn man Rasaschriften, zum Beispiel den Gita-Govinda,
liest, wo auf die Schilderungen der erhabenen Taten der göttlichen Avatare
plötzlich ein bittersüßes Hirtenlied zu folgen scheint. Man muß bedenken,
daß der Bhaktadichter Jayadeva sein Werk vorzugsweise für Bhaktas verfaßt
hat, die den überweltlichen Rasa des göttlichen Spiels zu kosten und zu würdigen
verstehen. Ebenso wie in der dritten Strophe des Bhagavatam die rasakundigen
Bhaktas aufgerufen werden: >>¡Trinkt den Rasa...<<, so spricht
auch Jayadeva in der dritten Strophe des Gita-Govinda diejenigen Bhaktas
an, deren Gottesliebe zu Rasa hell entflammt ist. Er will ihnen neue Tiefen,
neue Szenen aus dem nie endenden Spiel der göttlichen Liebe im Erdenland
enthüllen. Jayadeva singt leise das Geheimnis ins Ohr des Bhaktas:
>>Wenn
dein Herz in der liebenden Vergegenwärtigung Harís
von Rasa
durchflutet ist,
wenn du
zu den göttlichen “Spielen”
neues Entfaltungsspiel
sehnsüchtig begehrst,
dann
vernimm die Verse
von dem
lieblichen zarten Geliebten.
Vernimm
den Fluß der Rede Jayadevas.<<
[Gita-Govinda 1, 3]
Es ist wiederholt
versucht worden, den Gita-Govinda in europäische Sprachen zu übertragen.
Berühmt ist die Übersetzung des deutschen Dichters, Friedrich Rückert. Doch
es ist kennzeichnend für die Ahnungslosigkeit des Abendlandes, den indischen
Rasatexten gegenüber, daß Rückert, der ein ausgezeichneter Sanskritist und
ein sprachgewaltiger Übersetzer war, in seiner vielgerühmten Übertragung
sowohl die vorstehende Schlüsselstrophe über den Rasa, wie auch die früher
wiedergegebenen Strophen zum Preis der Avatare und zahlreiche andere wesentliche
Verse des Werkes einfach weggelassen hat. Er bekennt selbst, daß er das tat,
weil er den Inhalt dieser Strophen nicht verstand und - weil sie ihm unheimlich
waren. Infolge dieser Verstümmelung der Gita-Govinda ist von der tiefreligiösen
Schauung eines Krishna-Bhaktas, die von der äußeren Lila zur inneren Lila
hinleitet, bloß eine scheinbar sehr sinnliche Liebesgeschichte übriggeblieben,
die zwar auch als als Torso den Leser entzücken kann, aber gründlich mißverstanden
werden muß +58.
Die innere Lila
Krishnas, das Spiel des >>göttlichen Paares<< Radha-Krishna,
das tief verborgen ist, ob es sich nun im Reiche Goloka im >>Höchsten
Himelsraum<< oder im Lande Gokula, im Vrindawald auf Erden begibt,
ist der Hauptinhalt des Dichtwerkes >>Gita-Govinda<<. Diese Rasaschrift
ist eine der großen Rasadichtungen der Menschheit. Aber sie gilt den Krishna-Bhaktas
nicht nur als eine Dichtung, sondern als die Offenbarung eines Gottgeweihten,
der in seinem Herzen das innere Spiel des göttlichen Paares geschaut hat
und es wagt, diese Lila in irdischen Bildern zu beschreiben. Denn >>alles
Vergängliche ist nur ein Gleichnis...<<
Der scheinbar
irdische Schauplatz des göttlichen Spiels darf nicht irreführen, so wird
immer wieder betont. Herabsteigen und Hinaufsteigen sind nur relative Begriffe,
geprägt in der Welt der gunahaften Maya. Für Gott, den immerdar Seienden,
den Alldurchdringenden, Allerfüllenden, gibt es kein Oben und kein Unten,
gibt es keine zeit- räumlichen Dimensionen. Und Er ist gleichzeitig das Kind,
der Knabe, der Hirtenjüngling, der Held, der königliche Herrscher, ebenso
wie Er in zahllosen Seiner ewigen Reiche gleichzeitig gegenwärtig ist und
>>spielt<<. Seine Kindgestalt und Seine Unbegrenztheit sind in
Ihm keine sich ausschließenden Gegensätze. Die Gesetze der von täuschender
Maya durchwobenen irdichen Logik gelten für Ihn nicht. Er ist über
den Gunas.
Ein Bhakta, dem
durch die Kraft der >>unverhüllten, undurchborten Gottesliebe<<
alle Schleier durchsichtig geworden sind, macht eine Erfahrung, die noch
weit über die Avatarlehre der Bhagavadgita hinausgeht. Er erlebt: Der Avatar
tut nichts >>um zu...<< +59. Der Avatar spielt.
In spontaner Spielfreude tut er die wunderbaren Taten Seiner Lila und erlebt
Tiefen des Glücks und des Leids, die über alle Erfahrungen der Erdenwesen
hinausgehen. Ganz nebenbei wird dabei Menschenleid gelindert und durch Heilung
des Übels der Gottabwendung die gestörte Weltordnung wiederhergestellt und
die gefallene Menschheit der Erlösung nähergeführt.
Das göttliche Spiel ist niemals >>als ob<<; das Spiel ist tiefer
Ernst. Es gibt viele Hindus, die sich scheuen, den Schlußteil des Epos Ramayana
von Valmiki zu lesen, weil diese Schilderung der Lila Ramas von fast unerträglicher
Tragik durchzittert ist. Schon lange bevor die schmerzliche Handlung des
letzten Teiles einsetzt, wird man Zeuge, daß der große göttliche Avatar Rama
weint und schreit und verzweifelt klagt, als ihm seine geliebte treue Gattin
Sita, die ihm freiwillig ins Exil gefolgt war, geraubt wurde. Vergebens sucht
er lange die Geraubte - und doch ist Er gleichzeitig der Allwissende, der
Allmächtige, so wird es geschildert.
Im Bhagavatam
wird dargestellt, wie der göttliche Knabe Krishna vergebens seine Hirtenfreunde
und eine Herde geraubter Kälber sucht - obwohl Krishna gleichzeitig der Allwissende,
der Allmächtige genannt wird.
Der mittels
Logik unüberbrückbare Widerspruch in derartigen unmittelbar aufeinanderfolgenden
Aussagen in der Schilderung der göttlichen Lila deutet keineswegs auf Einfalt
und mangelnde Gedankenkraft derjenigen hin, welche die Lila schildern. Die
Aufzeigung solcher Widersprüche gehört der gleichen Methode an, die in den
Upanishaden angewendet wird. Dort wird zum Beispiel ausgesprochen: >>Das
Unvergängliche ist das Kleinste des Kleinen und das Größte des Größten<<,
um darauf hinzuweisen, daß das Unvergängliche weder groß noch klein ist.
Es ist überhaupt außerhalb des Räumlichen. Es ist über Wissen [vidyaa] und
Unwissen [avidyaa]. In ähnlicher Weise deuten die Seher der Bhakti, wenn
sie die Lila Bhagavans beschreiben, die dem Verstand und der Logik unzugängliche
Tiefe der Lila an.
XII. CHRISTUS und die AVATARE
WENN EIN indischer
Bhakta die Evangelien liest und besinnt, so findet er im Erdenwandel Jesu
Christi Wesenszüge, die dem Erdenwandel mancher Avatare verschwistert sind.
Der Bhakta ist geneigt, ehrfürchtig von einer >>Christus-Lila<<
zu sprechen, deren unergründliche göttliche Spannweite er ahnt, wenn ihm
scheinbar widersprechende Aussprüche des Heilands entgegenkommen, der einmal
feierlich verkündet: >>Ich und der Vater sind eins [Joh. 10,30]<<,
und bald darauf am Kreuze hängend, verzweifelt zu dem göttlichen Vater klagt:
>>Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du mich verlassen? [Matth. 27,46].
Es ist sehr aufschlußreich,
den Erdenwandel Jesu Christi mit den Augen eines Bhaktas anzusehen. Der indische
Gottgeweihte wird diesen Lebenslauf als eine Offenbarung des großen ATMAN
im Zeitlichen auffassen. Und die Christusworte: >>Ich bin<<
- >>Ich bin<< - >>Ich bin es<<, die
auf das göttliche ICH BIN hinweisen und immer wiederkehren bis zu der Gerichtszene,
vor dem Hohepriester, der erschreckt über die vermeintliche Lästerung sein
Kleid zerreißt, geben dem Bhakta den Schlüssel zu diesem heiligen Leben.
Bei einer derartigen
Betrachtung werden auch die Unterschiede und die vielen Ähnlichkeiten der
Anschauung des Christentums über Jesús von Nazareth und der indischen Avatarlehre
sichtbar.
Ein wesentlicher
Unterschied liegt darin, daß der Christ die Einmaligkeit und Einzigartigkeit
des Christusgeschehens nachdrücklich betont, während das Bhagavatam,
wie wir wissen, von zehn, von zweiundzwanzig, von tausenden, von zahllosen
Avataren Gottes spricht. Auch weiß der Hinduismus nicht nur von Avataren,
>>welche die Erde beglücken<<, sondern auch von Avataren Gottes,
die in ganz anderen Welten und Bewußtseinsreichen wirken.
Doch auch für
den Bhakta steht stets bloß ein Avatar inmitten des Blickfeldes. Bloß
einem Avatar schenkt er seine ganze Liebe. Von den anderen Offenbarungen
weiß der Bhakta wohl, aber sie stehen ferner, gleichsam am Rande seines Blickfeldes.
Von den Krishna-Bhaktas werden diese anderen Avatare als Diener, als Bhaktas
der geliebten Zentralgestalt erlebt.
Bekanntlich gibt
es in Indien außer den Krishna-Bhaktas auch Narayana-Bhaktas, Rama-Bhaktas,
Shiva-Bhaktas, Bhaktas des Narasinha, Anbeter der >>Großen Mutter<<
und so weiter. Die eine göttliche Urgestalt offenbart sich in wundersamer
Mannigfaltigkeit. Jeder Avatar, jeder Aspekt des Höchsten kann zu einem Tor
werden, durch das der Bhakta sich dem EINEN naht.
>>In welcher
Weise die Menschen bei Mir Zuflucht nehmen, in solcher Weise liebe Ich sie...
Allüberall wandeln die Menschen auf dem Pfade zu mir<<, spricht Krishna
in der Bhagavadgita [4,11].
Shiva, auch Mahadeva,
der große Gott genannt, der Weltzerstörer, der die morschgewordene Welt verbrennt,
um Platz für eine neue Schöpfung zu bereiten; der Gott der Yogis, der den
Schleier der Maya von ihren Augen hinwegzieht, damit sie die ewige Wirklichkeit
schauen können, diesen erleben die Shiva-Bhaktas als Bhagavan, als höchstes
Wesen. Ein Meer von Liebe und ein Meer von Liedern strömt dem EINEN unter
Anrufung Shivas zu. Die Krishna-Bhaktas hingegen erleben Shiva als einen
hohen Diener Krishnas, einen Guna-Avatare Krishnas, in dem Krishnas Kraft
wirkt.
In den indischen Basaren kann man für billiges Geld Farbendrucke
von Shiva kaufen. Auf diesen Bildern wird häufig dargestellt, wie der heilige
Gangesstrom in leuchtendem Bogen vom Haupt des meditierenden Shiva ausgeht,
um, herabsinkend, alle Welten zu läutern. Auf anderen Basardrucken aus dem
Bereich der Krishna-Bhakti nimmt man wahr, daß das Wasser des Lebens, das
später zum Ganges wird, eigentlich von Krishnas Füßen springt. Von Krishnas
>>Lotosfüßen<< strömt der Quell auf Shivas Haupt und von dort
weiter hinab durch die Lichtwelten der Devas zur dunkeln Erde; und die Erde
Indiens benetzend und läuternd, sinkt es schließlich hinab bis in die Reiche
der Unterwelt, um auch diese zu segnen. -
In einzelnen
Puranas wird berichtet, daß Shivas herrliches >>Haus<<, der Berg
Kailas im Himalaya, innen ganz von Fresken ausgekleidet sei, strahlende Bilder
aus der Krishna-Lila. Es wird erzählt: Immer sitzt Sada-Shiva, das heißt
der Immer-Selige, in diesen Hallen und meditiert in tiefster Inbrunst über
die innere Lila des ewig jugendfrischen Krishna im Hirtenland.
Im Padma-Purana
heißt es, daß Krishna selbst Seinen geliebten Bhakta Sada-Shiva in die heiligen
Geheimnisse dieser Lila einweiht. In der Tradition wird auch erzählt, daß
Krishna dem Shiva die Gunst gewährt, Türhüter des innersten Spiels sein zu
dürfen. Vom Reigen des Rasatanzes abgekehrt, bewacht Shiva das Tor, daß kein
Unberufener dem Misterium nahe.
Für den
Rama-Bhakta wiederum ist Shiva ein Diener des Höchsten, also ein Diener Ramas.
Oftmals sah ich,
wenn ich in der Wildnis des Himalaya oder anderer Landschaften Indiens einsam
wanderte, die beiden Silben des Gottesnamens Ra-ma mit leuchtend roter
Farbe wieder und wieder in liebevoll geformten großen Schriftzeichen auf
die Rinde mächtiger Baumstämme des Waldes oder auf Felsenwände gemalt.
Wenn mir ein
Wanderer auf dem menschenleeren Pfade entgegenkam, grüßte er mich, den Fremden,
mit den Worten: >>Rama! Rama!<< Ich antwortete freudig mit dem
Gruß: >>Rama! Rama!<<. Das Sanskritwort Rama ist nicht nur der
Name des Avatars, es bedeutet auch: Freude, Freudegeber. Ein Rama-Bhakta
aus unserer Zeit war Mahatma Gandhi. Der Gottesname Rama lebte ständig auf
seinen Lippen. Während er sich als junger Advokat in Südafrika mühte, die
Lage seiner entrechteten Volksgenossen zu verbessern, glaubte ein fanatischer
Mohamedaner, daß Gandhi die Inder an die Engländer verraten habe, und schlug
ihm hinterrücks mit einem Ziegelstein auf den Kopf. Blutend sank Gandhi zusammen.
Bevor er in Ohnmacht fiel, hatte er noch Kraft, den Namen Rama! Rama! zu
rufen.
Als der in der
ganzen Welt verehrte und bewunderte Greis vor wenigen Jahren von einem anderen
Fanatiker, einem orthodoxen Hindu, ermordet wurde und unter dessen Schüssen
sterbend zusammensank, da hörten die Menschen, die ihn schreckerstarrt umstanden,
den letzten Ausruf des Mahatma. Niederstürzend öffnete Gandhi die Arme weit,
dem Mörder zugewendet, und rief: Rama! Rama!
Für
die Krishna-Bhaktas ist, wie wir aus dem Avatarpreislied Jayadevas wissen,
der göttliche Avatar Rama einer der zehn großen Avatare Krishnas.
Die mannigfaltige
indische Avatarlehre -mit Krishna als Zentrum alles Seins- ist am klarsten
und umfassensten von Krishna Chaitanya dargestellt worden. Im Chaitanya Caritamritam
wird ausführlich die große Unterweisung wiedergegeben, die Chaitanya im Jahre
1515 in Benares seinem vertrauten Jünger Sanatana gab.
Aus der Unterweisung,
die Sanatana damals empfing, stammt die folgende Aussage über die Beziehung
der Avatare zu dem ewigen Urquell, von dem sie ausgehen, dem Avatarin:
>>Urlicht
und Kerzen.
Kein
Unterschied in der [Licht-] Substanz,
nur
in der [Licht-] Stärke.<<
(Brahma-Samhita 5,46)
(Chaitanya-Charitamritam Madhya-Lila
20. Kapitel, Sanatana-Shiksha)
Man vergleiche
damit die folgende Aussage aus dem Credo des Konzils von Nicäa, worin die
Beziehung des göttlichen Sohns zum göttlichen Vater gemäß dem Glaubensinhalt
des Christentums charakterisiert wird:
>>Licht
vom Licht,
Gott von
Gott.<<
Die beiden zitierten
Aussagen über den göttlichen Heiland des Christentums und über die Avatare
Gottes im Hinduismus sind von einer bestürzenden Verwandtschaft. Obwohl es
in den kaum zählbaren Urkunden der Chaitanya-Strömung viele Hinweise auf
Berührungen mit dem Islam und dem Buddhismus gibt, findet man darin nicht
den leisesten Hinweis auf irgendeine Berührung mit Vertretern des Christentums.
Man kann also kaum von einer äußeren Beeinflussung sprechen, wohl aber von
einem Erschauern des gleichen Urbilds.
In Sarnath, nahe
der alten Stadt Benares, an der Stätte, wo Buddha nach seiner Erweckung die
erste große Predigt hielt, erhebt sich ein großer buddhistischer Tempel,
der in neuerer Zeit mit Hilfe von Spenden aus Japan erbaut wurde. Alle Wände
der hohen Tempelhalle sind mit in hellen Farben strahlenden Fresken eines
japanischen Malers geschmückt. Treu nach den alten Berichten hat dieser den
Erdenwandel Buddhas dargestellt. Als ich von Bild zu Bild schritt, erschrak
ich beinahe über die Ähnlichkeit der Lebensgeschichte Buddhas, des >>Vollkommen-Erwachten<<
mit der Lebensgeschichte Jesu Christi: Da war der uralte Mann, der beseligt
das heilige Kind anblickt und der, gleich dem Greise Simeon aus dem Lukasevangelium
zu jubeln scheint: >>HERR, nun lässest du deinen Diener in Frieden
fahren ....denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.[Lukas 2: 29, 30].
An einer anderen
Stelle der gleichen Bilderwand sieht man die Versuchung Buddhas durch den
Bösen, der dem Vollendeten vergebens alle Herrlichkeit und alle Reiche der
Welt verheißt. Die Szene gleicht dem Vorgang, der im Evangeium berichtet
wird, da wo Satan ein halbes Jahrtausend später Jesus versucht, als dieser
nach der Jordantaufe und vor dem Verkündigen seiner frohen Botschaft in der
Wüste >>bei den Tieren<< weilt.
Noch auffallender
ist die Ähnlichkeit zwischen der Geburtsgeschichte Jesu und der Geburtsgeschichte
Krishnas. In einem ärmlichen Stall der Stadt Bethlehem [Brothaus] wird, wie
das Evangelium erzählt, in tiefer Nacht das Jesuskind geboren, von einer
jungfräulichen Mutter, die das Kind vom heiligen Geist empfangen hat. Von
Hirten wird das göttliche Kind angebetet. Ein böser König, der sich Prophezeiungen
zufolge von diesem Kind in seiner Herrschaft bedroht glaubt, trachtet ihm
nach dem Leben und läßt die Neugeborenen in der Stadt Bethlehem (er-)morden.
Aber Jesus wird von seinen Eltern rechtzeitig in ein anderes Land in Sicherheit
gebracht.
In einem
finsteren Kerker der alten Stadt Madhura [Honigstadt] wird, wie das Bhagavatam
erzählt, in tiefer Nacht das Krishnakind geboren. Der Vater, namens Vasudeva,
hat das Gotteskind in seinem Geiste [manas] empfangen. Wörtlich heißt
es im Bhagavatam:
>>Der ATMAN
des Alls trat in den Geist Vasudevas ein.<< Vasudeva überträgt
das Kind in den Geist [manas] der jungen Mutter Devaki, daß sie nun hell
erstrahlt und das düstere Gefängnis von dem Licht, das von ihr ausgeht, erleuchtet
wird:
>>Nun
trug sie in ihrem Geist [manas]
den ATMAN
aller Atmas.
Jene Devaki
war nun die Wohnung dessen geworden,
der aller
Welten Wohnung ist.<<
[Bhagavatam 10,2,19]
Ein böser König,
namens Kamsa, trachtet dem Neugeborenen nach dem Leben, weil er sich, Prophezeiungen
zufolge, von diesem Kinde bedroht glaubt. Er will es ermorden, ebenso wie
er Krishnas sieben vorgeborene Brüder ermorden ließ. Aber auf den Schultern
des Vaters, der den Strom Yamuna durchwatet, wird das Krishnakind aus dem
Königsland in das Hirtenland hinübergetragen. Dort wächst der vielgeliebte
Knabe unter Kuhhirten und Kuhherden fröhlich auf.
Die Gemeinsamkeit
der Berichte über die Geburt Krishnas und die Geburt Jesu bezieht
sich nicht nur auf die äußeren Vorgänge. Die Mystiker des Hinduismus und
des Christentums kennen in gleicher Weise die Geburt des göttlichen Kinds
im inneren Herzen. Nahe verwandt ist auch die Erfahrung des göttlichen WORTES
bei beiden großen Religionen.
Ein Hindu, der
den vedischen >>Pfad des Hörens<< [shrauta-panthaa] folgt, wird
voll einstimmen in den Prolog des Johannesevangeliums, da ja der Veda ebenso
wie das Christentum vom göttlichen WORTE kündet, aus dem alles geworden ist.
Gläubige Christen
und gläubige Hindus können in gleicher Weise bezeugen:
>>Am Anfang war das WORT,
und das WORT war bei Gott,
und Gott war das WORT ...
und es hat unter uns gewohnt.<<
Aber nun klafft
ein Unterschied auf. Der Hindu vermag nicht in die bedeutsame Verkündigung
des Johannesevangeliums einzustimmen:
>>Und das WORT ward Fleisch.<<
Eine derartige
Feststellung stünde im Widerspruch zur Vedanta-Philosophie, zur indischen
Erkenntnis des Unvergänglichen, sowohl nach Auffassung der Bhaktas, als auch
der Jnanis. In einer grundlegenden Aussage der Bhagavadgita [2,16] wird dargelegt,
daß niemals das Unvergängliche, das wahrhaft Seiende zum Vergänglichen, zum
Nicht-Seienden werde; und niemals das Vergängliche, das Nicht-Seiende zum
Wahrhaft-Seienden. - Jede Inkarnation, das heißt Fleischwerdung des Unvergänglichen,
jede Vergottung des vergänglichen physischen Menschen ist gemäß dieser Erkenntnis
ausgeschlossen.
Wenn in Werken
über indisches Geistesleben und in Übersetzungen aus dem Sanskrit, so wie
es häufig geschieht, für das Auftreten des Avatars der Ausdruck Inkarnation
[Fleischwerdung] angewendet wird, so ist das ungenau und irreführend. Das
Unvergängliche, das sich offenbart, wird nach der indischen Avatarlehre nicht
Fleisch, und umkleidet sich nicht mit Fleisch.
Freilich muß man sich hüten, beim Studium der indischen Texte nun in den
naheliegenden umgekehrten Irrtum zu verfallen, daß der Leib des Unvergänglichen,
des Avatars, der sich offenbart, ein Scheinleib sei, etwa so wie die Doketisten,
die zu den christlichen Gnostikern gehörten, den gekreuzigten Christus ansahen.
Die Chaitanya-Bhaktas
sind gewiß: der >>Leib<< des Avatars, der sich offenbart, ist
viel realer, als wäre er aus Fleisch und Blut, viel realer als alles, was
wir gewohnt sind, Wirklichkeit zu nennen; wirklicher als alles, was wir mit
Händen betasten, mit Instrumenten messen können. Der >>Leib<<
des Avatars ist gemäß der Avatarlehre Krishnas Chaitanyas SEIENDES SEIN [vaastava
vastu] von der gleichen Kathegorie, wie das, was die Upanishad >>die
Realität aller [empirischen] Realität [satyasya satya] nennt.
Der volle Avatar
hat nach dieser Anschauung überhaupt keine Stoffeshüllen, er ist ausschließlich
ATMAN. Nicht nur seine Seele und sein Geist, nicht nur sein Gedanken-, Gefühls-
und Willensleben, auch sein Leib, seine Glieder, seine Sinnesorgane und so
weiter sind ATMAN +60. Dadurch entzieht sich
das Wesen und das Tun des Avatars vollkommen den Gesetzen der irdischen Logik.
Daß die Menschen
den Avatar -oder den göttlichen Heiland-, dem sie begegnen, wenn er auf Erden
wandelt, nicht in seinem wahren Wesen erkennen, liegt nach Anschauung der
Bhaktas an dem Staub der gunahaften Maya, der die Augen bedeckt. Die scharfen
Kristallkörnchen der Eigensucht sind in die Augen und die Seele gedrungen,
so wie es das tiefsinnige Märchen von Andersen berichtet. Und nun ist alle
Sicht verzerrt, so daß von den mehr oder minder gottabgewandten Erdenmenschen
der Avatar als ein Mensch ihresgleichen erlebt wird und der göttliche Heiland
als >>der beste, der edelste der Menschen<< und so weiter.
In der Bhagavadgita
spricht Krishna:.
>>In Yogamaya
eingehüllt, bin Ich nicht jedem offenbar.
Nicht kennt
Mich die betörte Welt, den Ungebornen, Ewigen.<<
[Bhagavadgita 7,25]
Nur Atman vermag
den ATMAN zu erkennen, nicht das Fleischesauge oder die Vernunft, wohl aber
das von der göttlichen Kraft Bhakti durchdrungene Auge. Im Erdenwandel Jesu
Christi finden die Bhaktas eine Bestätigung ihrer Anschauung, zum Beispiel
in der Szene vor Cesarea-Philippi. Da steht der Apostel Petrus vor Jesus
und blickt Ihn an und ruft plötzlich aus: >>Du bist Christus, der Sohn
des lebendigen Gottes!<<. Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: >>Fleisch
und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern Mein Vater im
Himmel << [Matth. 16;16,17].
XIII. DIE NAMEN KRISHNAS
Das Wort Krishna
wird etymologisch abgeleitet von der Sanskritwurzel krish, an sich reißen,
zerreißen, wie der Pflug die Erde aufreißen, überwältigen, anziehen. Krishnas
Kraft reißt an sich, zerreißt die verhüllende Maya, reißt wie ein Pflug die
Herzensträgheit auf, überwältigt, zieht an.
Das Wort akarshana-shakti,
Anziehungskaft, die herrliche Gnadenkraft Gottes, die den Bhakta zu den Füßen
Bhagavans hinzieht, kommt aus der gleichen Sanskritwurzel >>krish<<.
Das Wort akarshana bedeutet auch Magnet.
>>So
wie die Sonne mit ihrer physischen Anziehungskraft die Erde und die Planeten
anzieht und um sich kreisen läßt, so zieht Krishna, "die einzige Sonne aller
geistigen Bewußtseinswelt", mit Seiner unendlichen Schönheit die Atmas aller
Wesen an. Die Kraft, mit der physische Massen einander anziehen, nennt man
Gravitationskraft oder Schwerkraft. Die Kraft, die zwischen ATMAN und Atman
wirkt, die Kraft, mit welcher der große ATMAN [Gott] den Atman im Menschen
anzieht und mit welcher auch der Atman im Menschen Gott anzieht, wird Gottesliebe
oder prema genannt +61.<<
Das bloße Aussprechen
eines der vielen Namen Krishnas entflammt in dem indischen Gottgeweihten
die immer in ihm vorhandene Liebe zu dem EINEN. Die vielen Namen Krishnas
offenbaren dem Bhakta immer neue Aspekte der Unendlichkeit Gottes und des
göttlichen Spiels. Krishnas verschiedene Namen helfen denen, die sich ihm
geweiht haben, über ihren geliebten Gott zu meditieren.
Schlägt man im
Wörterbuch nach: Krishna [krishna], so findet man dort unter anderem
die Bedeutung schwarz, dunkel, dunkelblau. Die gleichen Farbenangaben findet
man für einen anderen uralten Krishnanamen: Shyama [shyaama]. Das
tiefblaue Leuchten der Krishnagestalt ist viel besungen worden. Krishna wird
in den Rasaschriften der >>blau leuchtende Edelstein<< [ujjvala-niilamani]
genannt. Ujjvala-Nilamani ist auch, wie schon erwähnt wurde, der Titel des
tief esotherischen Werks von Rupa-Gosvami, das eine Fortsetzung der Rasalehre
Bhakti-Rasamrita-Sindhu darstellt und einzig und allein von den Vezückungen
des Shringara-Rasas handelt.
Krishnas dunkelblaue
>>Farbe<< ist keine Farbe, die man mit den Augen wahrnehmen kann,
keine Farbe, die der Welt angehört, betonen die Bhaktas. Doch, um den Außenstehenden
eine Andeutung zu geben, haben jene Seher und Gottgweihten, die in ihrem
inneren Herzen eine Offenbarung Krishnas erlangten, Seine >>Farbe<<
immer wieder dem dunkelleuchtenden feuchten Glanze einer aufsteigenden regenschweren
Gewitterwolke am Beginn der Regenzeit verglichen, die sich ausgießt, hinschenkt,
um die verdorrende Erde zu erquicken.
Die Hintergründe
der verschiedenen Gottesnamen, die unermeßlichen Welten, die vor dem Bhakta
aufsteigen, wenn der eine oder andere dieser Namen genannt wird, sind dem
abendländischen Menschen schwer zugänglich. Der Mensch im Westen stößt sich
an den Widersprüchen und Gegensätzen, die auftauchen, wenn man von Namen
zu Namen wandert. Denn weite Wege muß der menschliche Verstand oft gehen,
um von dem einen Aspekt Gottes zu dem anderen Aspekt Gottes zu gelangen,
von denen die Namen Krishnas jeweils künden.
Es sei versucht,
einige Hinweise auf einzelne Gegensatzpaare von Krishnanamen zu geben, in
denen der Bhakta Zeugnisse der Fülle jenes Einen sieht, der alle auf Erden
unvereinbaren Gegensätze in Sich harmonisch vereinigt.
Einer der vielen
Namen Krishnas ist Adhokshaja +62 [adhokshaja = adhas aksha-ja].
Dieser Name Gottes bedeutet: >>Unter sich das Sinnengeborene<<.
Das Sanskritwort für Auge in diesem Namen [aksha] vertritt die fünf Sinne
und den Menschengeist [manas], der in indischer Philosophie oft als der sechste
Sinn bezeichnet wird. Der Name Adhokshaja bedeutet also: Er hat die Sinnenwelt
und die Welt des menschlichen Geistes unter sich gelassen. Krishna verschmäht
es, sich von den menschlichen Sinnen und dem menschlichen Verstand erfassen
zu lassen. Wenn ein Mensch bloß mit Vernunft und Logik, messend und abschätzend,
die göttlichen Geheimnisse erbeuten will, dann zieht sich die Gottheit zurück
und die Vernunft erbeutet nur das Meßbare, die Welt der gunahaften Maya.
Es
gibt einen anderen Namen Krishnas, der anscheinend das Gegenteil von Adhokshaja
aussagt: Hrishikesha [hrishiika-iisha] +63. Das heißt, Herr der
Sinne. Hrishikesha ist derjenige, dem der Krishna-Bhakta alle Erfahrungen
seiner Sinne und seines Geistes als eine Opfergabe liebend hinbreitet. Alles,
was der Bhakta mittels seiner Sinne sieht, hört, riecht, schmeckt, ertastet;
alles was er mit der Vernunft erkennt, das wird Hrishikesha, dem Herrn der
Sinne, liebend dargebracht.
Krishna wird
im Bhagavatam manchmal Ajita, das heißt, der Unbesiegbare genannt
+ 64. Doch Krishna ist auch
jener, der von der Liebe seiner Bhaktas besiegt wird und dieser Liebe untertan
ist. Er wird ja auch Damodara [daamodara] +65 genannt. Man könnte diesen
Namen volkstümlich übersetzen, >>Strick um den Bauch<<.
Der Name erinnert an die im Bhagavatam geschilderte Begebenheit aus Krishnas
Spiel im Hirtenland, da er als kleiner Knabe Butter gestohlen und den Affen
und der Katze zu fressen gegeben hatte, worauf Ihn die Mutter zur Strafe
mit einem Strick um den Leib an einen schweren Mörser binden wollte. Man
muß die Geschichte recht verstehen: Krishna spielt hier nicht etwa die Rolle
eines Kindes. Krishna ist in der Lila mit seiner Mutter immer ein wirkliches
Kind, das Urbild alles Kindseins. Wenn die Mutter drohend mit dem Stecken
kommt, laufen Ihm die Tränen der Angst die Wangen herunter. Zur Strafe will
sie Ihn binden. Aber das Kind will sich nicht binden lassen. Sogleich macht
Krishnas unermeßliche Kraft, die Yogamaya, die immer bereit ist, Krishnas
Willen auszuführen, Seine göttliche Majestät und Macht [aishvaryam] offenbar.
Und siehe, der Strick, mit dem das Kind gebunden werden soll, erweist sich
stets als zu kurz. Und so viele neue lange Stricke die Mutter auch hinzuknotet,
der Strick ist immer -zum Gelächter der herbeigelaufenen Nachbarinnen- um
zwei Fingerbreiten zu kurz. Aber nun wird das Kind gewahr, daß der Mutter
der Schweiß herunterrinnt, daß sie, durch die Anstrengung bis zum letzten,
an der Grenze ihrer Kraft ist. Aus Mutterliebe, um das Kind recht zu erziehen,
hat sie es ja strafen wollen. Gehorsam läßt sich Krishna nun binden, von
ihrer Liebe überwältigt. Bhagavan ist immer denen untertan, die ihn lieben.
In den Rasaschriften
wird die Begebenheit der Lila, die Krishna den Namen Damodara gab, noch in
anderer Weise erzählt. Die Szene spielt sich nun nicht mehr im Bereich des
Rasa der elterlichen Liebe [vaatsalya-Rasa] ab, sondern im Bereich des Shringara-Rasa.
Der jugendfrische sechzehnjährige Knabe wird von den Gopis, die Ihn im Spiel
überwunden haben, fest mit Blumenketten gebunden.
Er, der Allmächtige,
dessen unergründliche Gottesmajestät von den größten Yogis nicht ermessen
werden kann, läßt sich von jenen binden, die Ihn bis zur Selbstverzehrung
lieben. Krishna führt in der Bhagavadgita, im Bhagavatam und so weiter, oftmals
den Namen Aja, das heißt der Ungeborene. Dieser Name weist
darauf hin, daß er, der große ATMAN [Gott], genau so wenig wie der individuelle
Atman eines Menschen, eines Tieres und so weiter, geboren wird oder stirbt.
Und dennoch wird im Bhagavatam, wie schon angedeutet wurde, ausführlich erzählt,
was sich alles begab, als das Krishnakind auf Erden >>geboren<<
wurde.
Mit großer Sorgfalt
und tief hineinleuchtend in verhüllte Sphären, werden im Bhagavatam jeweils
Krishnas verschiedene Namen angewendet. Diese bedachtsam gewählten Gottesnamen
können dem hingebungsvollen Leser wie Leuchttürme sein, welche die Richtung
weisen und ihm helfen, den Standort einer Begebenheit zu erkennen und dadurch
schwerverständliche Textstellen aufzuhellen. Denn es gibt Namen, die der
inneren Lila, und andere Namen, die der äußeren Lila zugehören.
Namen wie Paramatman
oder Vishnu werden von den Chaitanya-Bhaktas als zur äußeren Lila gehörige
Namen Krishnas bezeichnet. Ich fragte einmal meinen Guru: >>Warum nennen
sich Krishna-Bhaktas, die ausschließlich dem inneren Spiel Krishnas zugewendet
sind Vaishnavas? Das bedeutet doch: Vishnu zugehörig; Vishnu,
der doch als ein äußerer Aspekt Krishnas gilt.<< Der Lehrer antwortete:
>>Aus Bescheidenheit nennen sich diese Bhaktas nach dem äußeren Aspekte
Krishnas.<<
Über diesen Namen
Vishnu ist schon im Rigveda meditiert worden. Dort heißt es:
>>Ihr Sänger,
sprechet kundig
Vishnus Namen aus.<< +66
[Rigveda 1,156,3]
Die folgende
Strophe des Rigveda von der großen Geburt Vishnus wird von den Chaitanya-Bhaktas
auf die >>Geburt<< Krishnas auf Erden und Seine Lila im Hirtenland
bezogen.
Der Seher des
Rigveda singt:
>>Wer den
alten und neuesten Gottherrscher [iisha],
Vishnu, dem
die Frauen lieb sind, liebt,
wer Seine,
des Großen, große Geburt verkündet,
der soll
an Ruhm selbst den Genossen übertreffen.<<
[Rigveda 1,156,2]
Von Krishnas
Spiel im Hirtenland aus gesehen, erscheint dem Bhakta alle Entfaltung von
Vishnus Herrlichkeit nur als ein äußerer Aspekt des Höchsten. Und sogar die
unendliche Gottesmajestät Narayanas - der mit Krishna eins ist - dünkt
dem Chaitanya-Bhakta nur ein äußerer Gottesaspekt zu sein. Und der Gottesname
Narayana [Meer, Heim, Haus aller Wesen], wird zu einem der äußeren Namen
Krishnas.
Ein von Chaitanya
besonders geliebter Schüler fleht in seiner Hymne >>Unterweisung des
eigenen Gemüts<< um die Kraft, Narayana und dessen herrlichem Reich
der Gottesmajestät entsagen zu können. Dieser Bhakta fleht in der Hymne:
>>O mein
Geist,
schleudere
fort alles Dorfgeschwätz über das Nicht-Seiende,
das dir gleich
einer Hure alle Herzensweisheit raubt.
Lausche auch
nicht der Einflüsterung der Tigerin Mukti,
die deinen
ganzen Atman verschlingen will.
Entsage sogar
der Liebe zu Narayana,
die dich in
den “Höchsten Himmelsraum” entführen will.
O mein Geist,
verehre liebend in Vraja
die beiden,
Radha und Krishna +67,
die dir den
Edelstein der Gottesliebe
deines innersten
Selbstes schenken.<<
[Raghunathadasa, Manahshiksha 4]
Zur Lila des
göttlichen Paares Radha-Krishna, von der Raghunathadasa sehnsüchtig spricht,
geleitet der Krishnaname Govinda hin. Es ist der geliebte Name, welcher
der Rasadichtung, Gita-Govinda den Titel gibt. ”Go-vinda” bedeutet: >>Der
die Kühe Wissende<< oder auch: >>der den unendlichen Gesichtskreis
[go-cara] Wissende<<. Denn die Kühe, die Krishna weidet und melkt und
die er liebevoll beim Namen ruft, sind, so erlebt es der Bhakta, in Krishnas
innerem Reich die Urgestalten der Upanishaden, die aus ihren Eutern Meere
der Gottesweisheit fließen lassen. In solcher Weise wird die Lila in der
Brahma-Samhita und anderen Bhakti-Urkunden dargestellt.
So wie ein Hirtenjunge
einen Kranz frischer Waldblumen in seinem Haar trägt, so trägt Krishna-Govinda
alle die Welten in seinem Haar, wenn Er in Seinem Reiche spielt. Schon in
der ersten Strophe des erhaltenen Bruchstücks der Brahma-Samhita und in den
meisten weiteren Strophen dieses Gesangs wird Krishna als Govinda gepriesen,
der Knabe Govinda, welcher der Grund aller Welten ist.
>>Der höchste
Gottherrscher Krishna,
die Gestalt
aus SEIN-ERKENNTNIS-WONNE,
der Ursprungslose,
der Ursprung
von allem,
Govinda
[ist] die
Ursache aller Ursachen.<<
[Brahma-Samhita 5,1]
Wenn ein abendländischer
Mensch diese Strophe liest und besinnt, haftet seine Aufmerksamkeit vorzugsweise
staunend an der ungeahnten göttlichen Majestät, mit der Krishna gekennzeichnet
wird: höchster Gottherrscher, Ursache aller Ursachen, Ursprung von allem,
selber ursprungslos. Aber das Herz des Chaitanya-Bhaktas läuft vor allem
hin zu dem Namen Govinda, der ebenfalls in dieser Strophe ertönt. Alle Allmacht
Krishnas, die aus dieser Anfangsstrophe des fünften Gesangs der Brahma-Samhita
majestätisch aufglänzt, ist für den Bhakta nur der äußere Rahmen, deutet
bloß hin auf das äußere Spiel, das die Gottgeweihten dieser Strömung nur
wenig interessiert. Weitere geliebte Namen aus der inneren Lila, die im verborgensten
Reich des >>Höchsten Himmelsraums<< und mit noch größerer Dramatik
im Erdenland, in Vraja gespielt wird, sind: Gopinatha, Herr der Gopis
+68, der Kuhhirtinnen<<,
und Gopijana-Vallabha, Geliebter der Gopis. Und Krishna hat im Hirtenland
noch viele andere Namen von hintergründiger Bedeutung.
Krishna wird
zum Beispiel Kamadeva, das ist der [transzendente] Liebesgott, genannt,
auch Manmatha-Manmatha +69, das ist der Liebesgott
des Liebesgottes. Er heißt auch Madana-Mohana. Madana bedeutet: Er
macht trunken vor Seligkeit, weil Er da ist, Mohana bedeutet: Er macht verzweifelt
bis zum Tod, weil Er der liebenden Seele entschwunden ist. Diese Doppelnatur
des transzendentalen Liebesgottes, der zu höchst beseligt, aber auch tiefste
Qual bereitet, kann sich bei immer mehr anwachsender Liebe in verschiedenen
Intelligenzgraden enthüllen, von der ersten Gottsoffenbarung angefangen,
da sich Gott einer erwachenden Seele zuneigt und ihr wieder entschwindet
+70, bis zu Radhas göttlichem
Wahnsinn. In einem früheren Kapitel wurde bereits der Krishnaname Keshava
[keshava] genannt, der auch in der Bhagavadgita und im Gita-Govinda vorkommt.
Dieser Name wird unter anderem gedeutet als: der Schöngescheitelte, der Lockige.
Man findet aber auch die Deutung: Ka Ísha [iisha], Herr über Brahma, den
Weltenbildner. Ka ist ein Name Brahmas.
In der unverhüllten
Bhakti weist der Name Keshava hin auf Krishnas unsägliche Schönheit. - >>Wenn
du noch Wert legst auf Freundschaft und Liebe zu irgend einem irdischen Wesen,
dann sieh Krishna-Keshavas Bildgestalt nur ja nicht an!<<, mahnt der
Bhaktadichter Rupa Gosvami: In die Form einer scheinbaren Warnung kleidet
er eine Aneiferung, sich mit dem ganzen Wesen Krishna-Keshava hinzugeben.
Die Bezeichnung
Hari, die in Verbindung mit dem Krishnanamen Keshava alle Strophen
des Avatarpreisliedes des >>Gita-Govinda<< durchtönt, ist ein
Name, der zahllose Aspekte der Gottheit umfaßt. Indra, der Herrscher der
Sinnenwelt, die man mit den Sinnesorganen [indriiya] wahrnehmen kann, wird
im Rigveda zuweilen als Hari angerufen. Shiva, der Weltzerstörer, wird
Hara genannt. Auch Krishna im Königsland und Krishna im Hirtenland und
ebenso Krishna Keshava im innersten Reiche Goloka wird als Hari gepriesen.
Das Wort Hari stammt von der Sanskritwurzel hri, wegziehen, stehlen
+71 [harati, er zieht weg].
Hari bedeutet der Wegzieher, der Dieb. In einer Bhaktihymne heißt es von
Krishna:
>>Durch
Seine zauberische Schönheit
stielt
Hari das Herz Seiner Bhaktas.<<
Der Verfasser
hörte in Indien auch die folgende Krishnahymne singen:
>>Das
dreifache Leid alles Leblosen und alles Belebten
nimmt
Hari hinweg.
Durch
Seine göttliche Herrlichkeit
stielt
Hari das Herz aller Welten.
Durch
Seine göttliche Lieblichkeit
stielt
Er das Herz Seiner Avatare...<<
Die Hymne geht
noch weiter und berichtet: Auch Haris eigenes Herz wird von jemandem gestohlen,
von Radha. Sie, die Vielbesungene, wird im Hirtenland als eine Gopi namens
Radha offenbar. Radha wird auch Haraa, die Wegzieherin von Krishnas
Herzen genannt.
In den vielen
Mantras und Hymnen und Liedern, in denen das >>göttliche Paar<<
Radha-Krishna angerufen wird, lautet die immer wiederkehrende Vokativform
des Wortes Hari auf Sanskrit Hare [oh, Hari, oh, Krishna!]. Aber auch
die Vokativform von Haraa [Raadhaa] lautet Hare [Oh, Raadhaa!. So wird die
Einheit Krishnas und Radhas, des männlichen und des weiblichen Aspekts der
einen Gottheit, auch im Sprachlichen angedeutet.
Man
sagt von Hari [Krishna] daß Er dem Bhakta, der sich Ihm völlig hingibt,
alles wegzieht: Hari zieht ihm den Boden weg, auf dem er steht. Er nimmt
ihm Besitz, Ehre, Gesundheit und Leben weg - um sich ihm dafür in Seine ganzen
Fülle selbst zu schenken. Eine darauf bezügliche Bhaktistrophe lautet:
>>Mag das
Leben eines Bhaktas
auch nur
Leid und Leid und Leid gewesen sein,
in Wahrheit
ist es höchste Wonne gewesen.<<
Eine andere noch
geheimnisvollere Strophe deutet an, daß es Gottesliebe >>ohne jeden
Betrug<<, das heißt >>ohne jedes Genießenwollen<<, also
wahre, ganz unverhüllte Gottesliebe, gar nicht auf Erden im Vergänglichen
gebe. Die Strophe schließt:
>>Denn
wer vermöchte mit solcher Liebe [preman]
auf Erden
zu leben!
Die Bedeutung
dieser Worte ist keineswegs negativ. Es wird darin in nur leichter Verhüllung
angedeutet, daß jener, in dem solche göttliche Liebe lebt, in Wirklichkeit
gar nicht >>auf Erden<< weilt, sodern in Krishnas innerem Reich.
Ein anderer tiefsinniger
Krishnaname ist Mukunda. Dieser Name wird zumeist gedeutet als
Muktigeber, als derjenige, der Befreiung [mukti] vom leidvollen Kreislauf
der Geburten und Tode schenkt. Aber als ein Narr gilt den Caitanya-Bhaktas
ein jeder, der Krishna, welcher die göttliche Fülle selbst ist, um etwas
anderes bittet, als um Liebe und immer mehr Liebe zu Ihm in alle Ewigkeit.
- Der Name Mukunda bedeutet für die Bhaktas: Er, der es bewirkt, daß Mukti
gar gering geschätzt wird.
In dem Lehrbuch
der >>unverhüllten, undurchborten Bhakti<<, dem Bhakti-Rasamrita-Sindhu
von Rupa Goswami, wird berichtet, daß Krishna dem Anfänger auf dem Pfad
der Bhakti verhältnismäßig bald Befreiung [mukti] anbietet. Dem Adepten wird
nun eine schwere Probe zugemutet. Ganz spontan muß der Bhakta die Kraft aufbringen,
selbst die Befreiung vom Leid der Wandelwelt [saµsaara] zurückzuweisen. Das
ihm erreichbare Eingehen in das >>zwieheitslose gestaltlose Brahman<<,
in dem alles Leid und alle Dualität erlischt, würde ja auch ein Erlöschen
der spontanen Liebe zu Gott bedeuten und eine Verneinung Gottes selbst. Es
würde auch eine Verneinung der Liebe zu den Menschen bedeuten, deren wahres
ewiges Wesen - ob sie es nun wissen oder nicht wissen - doch immer in Gott
gegründet ist.
Ein Chaitanya-Bhakta
sagte mir einmal: >>Wer [mit seiner Liebe] die Wurzel des Baumes [Gott]
bewässert, von dem werden auch alle Zweige und Blätter und Blüten des Baumes,
alle Wesen, erquickt und erfrischt.<< Derselbe alte Bhakta, der in
Benares am Gangesufer allabendlich das Bhagavatam zu erläutern pflegte, gab
einmal zur allgemeinen Freude eine sehr urwüchsige Erklärung des Gottesnamens
Mukunda. Er sagte fröhlich: >>Der Name Mukunda bedeutet: “Jener, der
auf Mukti spuckt.”<<
Im Bhakti-Rasamrita-Sindhu
wird dasselbe etwas weniger volkstümlich ausgesprochen. Da heißt es:
>>Wie scheue
Dienerinnen, die sich nicht zu nahen wagen, warten Mukti und die acht großen
Yogazaubermächte [siddhi] dem Gottgeweihten, der diese Stufe erlangt hat,
auf. Doch der Bhakta achtet ihrer nicht mehr,
als seien sie
Gras.<<
Auch eine im
Bhagavatam mit nur geringen Abweichungen mehrmals wiederkehrende Strophe
deutet auf die verhältnismäßige Geringwertigkeit der bloßen >>Befreiung<<
hin. Ein hoher Gottgeweihter fleht unmittelbar vor seinem Tod zu Krishna:
>>Nicht
den Herrscherthron des Weltschöpfers Brahma,
nicht Gewalt
über die ganze Erde,
nicht die
Herrschaft über die schätzestrahlende Unterwelt,
nicht die
acht großen Yogazaubermächte,
auch nicht
Mukti,
das Nichtwiederkehren
der völlig Befreiten,
nichts begehre
ich, o Gott,
was mich abtrennt
von Dir,
[von der Liebe
zu Dir].<<
[Bhagavatam 6,11,25; auch 10, 16, 37]
Dieser Bhakta
fügt noch die folgende Bitte hinzu, die seinen wahren Standort in der Lila,
seine Zugehörigkeit zum Rasa der vertraulichen Gottesfreundschaft erkennen
läßt:
>>Aber
laß mich Freundschaft zu Deinen Bhaktas haben,
wenn ich durch
mein Karma,
[die fortwirkene
Kraft meiner eigenen Taten]
im Rad des
Samsara
[von Leben
zu Leben]
dahingewirbelt
werde.<<
[Bhagavatam 6,11,27]
XIV. DAS SINGEN DES GOTTESNAMENS
EINE UNS Europäern
ganz unfaßbare Liebe wendet sich im Bhaktikult dem Namen Krishna zu. Oftmals
hörte ich in Indien singen:
>>Der Name
Hari nimmt die Sünden hinweg,
auch wenn
ein verfinstertes Gemüt Seiner gedenkt.
Auch wenn
man unwillentlich in ein Feuer greift,
so brennt
ja das läuternde Feuer.
Der Gottesname
offenbart das Wesen Bhagavans,
Seine Gestalt
aus SEIN und ERKENNTNIS und WONNE.
Er nimmt die
Unwissenheit weg, den Schleier der Welt,
so wird der
Name Hari überliefert.<<
Im Skanda-Purana
[prabhaasa-khanda] findet sich der gleiche Jubel über die Wunderkraft des
Gottesnamens. Da heißt es in einem Heilspruch über den Namen Krishnas:
>>Süß,
süß ist dieses Lichte, Heilbringende,
von allen
Vedenschlingpflanzen die süßeste Frucht:
göttliches
SEIN, reine ERKENNTNIS.
Wer Ihn auch
nur einmal singt mit Vertrauen
oder auch
achtlos,
den erlöst
Er gewiß ...
der Krishna-Name.<<
Die Liebe der
Bhaktas zu den Krishnanamen wird erst verständlich, wenn man weiß, was die
theistische indische Mystik unter dem Namen Gottes eigentlich versteht. Die
Bhaktas sagen:
>>Alle
Worte der menschlichen Sprache gehören der Welt der Maya an; aber der Gottesname,
vom Mund eines wahren Gottgeweihten ausgesprochen, ist über den Gunas.<<
Gemäß der alten
Überlieferung sind die akustisch vernehmbaren Laute des Gottesnahmens nur
die äußere schattenhafte Hülle des Namens. Eine Strophe aus dem Padma-Purana,
das wahrscheinlich im neunten Jahrhundert nach Christus aufgezeichnet wurde,
gibt Auskunft über die Anschauung, der Bhaktas über den Gottesnamen:
>>Der
Name [Gottes] ist rein geistige Substanz.
Seine Gestalt ist der Rasa der Bewußtwerdung Krishnas.
[Der Name ist göttliche] Fülle:
lauter, ewiglich frei von Materie,
weil der Name Gottes von Gott nicht verschieden ist.<<
Ein Guru der
Chaitanyabewegung aus unserer Zeit, ein Gottgeweihter namens Bhakti-Vinoda
erklärte die vorstehende Strophe des Padma-Purana über den Gottesnamen folgendermaßen:
>>Der lautere
Gottesname ist rein göttliche Erkenntnis. Er stammt nicht aus dem Weltal
der Materie. Wenn der Mensch in seiner lauteren, von der Maya unverhüllten
Gestalt gründet, dann wird er fähig zum lauteren Aussprechen des Gottesnamens.
Solange der Mensch von der Maya gebunden ist, kann er den wahren Namen Gottes
nicht aussprechen. Er spricht nur den “Schatten des Namens” aus. Aber sobald
durch die Gnade der Freudenkraft Gottes [hlaadinii-shakti] der innere ewige
Mensch erwacht, vollzieht sich der “Aufgang des Namens”, das heißt der wahre
Name Gottes geht wie eine Sonne in der Seele auf.<<
>>Der Gottesname
steigt wie gleichsam herab wie ein Avatar und er tanzt auf der von Bhakti
geläuterten Zunge. Dieser Name ist nicht akustische Lautgestalt. Aber zur
Zeit des Tanzes wird er für die Unerwachten in Gestalt von akustisch vernehmbaren
Lauten offenbar.<<
>>Der
Name Krishnas und Krishna selbst sind identisch. Es besteht kein Unterschied
zwischen den beiden. Der lautere Krishnaname schenkt die unverhüllte Gottesliebe
[preman].<<
>>In dem
Grade, wie der Schüler ohne Vergehen [aparaadha] den heiligen Namen singt,
schmilzt seine Ichsucht [ahankaara] und offenbart sich ihm der NAME, offenbart
sich ihm die Gottheit, die Gestalt der unendlichen Rasa.<< [Soweit
Bhakti-Vinoda.]
Mein Lehrer Sadananda,
welcher der gleichen Traditionsfolge wie Bhakti-Vinoda angehört, fügte hinzu:
>>Der Name als solcher kann von der irdischen Zunge genauso wenig ausgesprochen
werden, wie Gottes ewige Gestalt von irdischen Augen gesehen werden kann.
Nur Gottes Kraft
Bhakti [reines cit], die im Bhakta wirkt, vermag den Namen wirklich auszusprechen
- und dann wird die Identität von Namen und Gott erlebt:
Gott hat nicht Name, Er ist Name. In Gottes Reiche sind Sein geistiges
Bild, Sein Name und Sein Wesen eins. Jede der ewigen Gestalten Seiner Lila
ist ein Name Gottes. Der Name Gottes hat die ungeahnte Kraft, dem zur
wirklichen Liebe erwachten Bhakta - Gott selbst zu schenken.<<
In mehreren Bhaktiströmungen,
vor allem in der Strömung Krishna-Chaitanyas, ist das Meditieren und Murmeln
und Singen des Krishnanamens das Zentrum ihres Kultes und ihres Lebens. In
Hymnen, welche die Vaishnavas zum Ruhme des göttlichen Namens singen, preisen
sie den Namen, daß Er von Krishna nicht verschieden ist und daß Er Krishnas
Gestalt, göttliche Herrlichkeit und göttliche Lieblichkeit und Krishnas vielfältige
Lila gnadenvoll offenbare. Es gibt ausführliche Anweisungen für die Bhaktas,
die von Schülern Chaitanyas herstammen, in welcher Seelenhaltung der Krishnaname
und die Mantras +72, die damit zusammenhängen, meditiert und gesungen werden
sollen; Krishna Chaitanya ermahnt seine Jünger:
>>Demütiger
als ein Grashalm,
ausdauernder
als ein Baum,
nicht Ehre
erwartend, sondern anderen Ehre erweisend,
so soll man
immerdar den Namen Haris singen.<<
[Shikshashtakam 3]
Methodisch werden
die Vergehen [aparaadha] angeführt, die der Adept beim Singen des Namens
achtsam vermeiden müsse. Das Sanskritwort für diese Vergehen gegen die Heiligkeit
des Namens, vor denen man auf der Hut sein muß, lautet apa-raadha. Die Bhaktas
sagen: jedes solcher Vergehen führt weg [apa] von Radha +73, weg von Gottes Freudenkraft
und Erkenntniskraft.
Doch alle Regeln
und Gebote sind für die Anfänger auf dem Pfad bestimmt, die noch in der durch
Gesetze geregelten Bhakti [vidhi-bhakti] leben. Diese führt, nach der
Anschauung der Chaitanya-Bhaktas, zu Gott in seinem majestätischen Aspekt,
zu Narayana. Die lautere Bhakti [shuddha-bhakti], die in das innere Spiel
Krishna und Radha hineinführt, ist über allen Regeln. Sie lebt in
jedem Augenblick in der dramatischen Spontaneität des göttlichen Spiels.
Es gibt freilich auch manche Bhaktas, die sich ihr ganzes Leben lang mühen
und plagen, immerdar pflichtgemäß den Namen Gottes singen, aber deren Tun
doch vergeblich ist, deren Herz >>trocken<< bleibt. Solche Bhaktas
werden gleichnishaft >>Lastenträger [bhara-grahin]<< genannt,
zum Unterschied der erlesenen Gruppe jener Bhaktas, welche die Essenz ergreifen
[saara-grahin]. Saara‘ [von sri, fließen] ist das Gegenteil aller Trockenheit;
es ist Fluten des göttlichen Lebensstromes, es ist Rasa.
In Bhaktischriften
wird hervorgehoben, daß auch der mit irgendwelchen selbstsüchtigen Motiven
gesungene Name alles schenke, was der Singende begehrt. Dann schenkt der
Name Macht, Reichtum, Lust, Kinder, Erdenglück, Gesundheit, Sieg über die
Feinde, er schenkt alle die >>täuschenden Gaben<<, sogar Mukti,
Befreiung schenkt er; aber den Rasa der reinen Gottesliebe schenkt er nicht.
Doch auch dafür
gibt es keine starren Regeln und Gebote. Es wird betont, daß die Gnade des
Namens auch dem Unwürdigen gegenüber, über alles Maß ist. Die Überzeugung,
daß die Gottesnamen erlösende Macht haben, sogar wenn sie mit unerwachter
Seele, als bloßer >>Schatten des Namens<< sehnsüchtig ausgesprochen
werden, durchtränkt noch heute den indischen Volksglauben. Deshalb benennt
man die Kinder in Indien gerne mit Gottesnamen. Wenn ich mit Sadananda in
der Vorbergen des Himalaya wanderte und wir Kinder trafen, pflegten wir sie
zu fragen, wie sie heißen. Und die Knaben, vergnügte schmutzige Rotzjungen,
hießen zu meiner Verblüffung fast immer Rama oder Krishna oder Balakrishnna
[der Knabe Krishna] oder Purushottama [höchste göttliche Person] oder Bhagavan
oder Narayana oder Gopala oder Govinda und so weiter. Und die Mädchen hießen
Lakshmi [das ist die göttliche Macht Narayanas, zur weiblichen Gestalt geworden]
oder Vishnupriya [die Geliebte Vishnus], oder sie trugen Namen der Gopis
und hießen Lalita, Vishakha, oder zum mindesten hießen sie Sarojini [heiliger
Lotus] oder man rief sie mit Namen der heiligen Ströme Indiens: Ganga, Yamuna
und so weiter, die in ihrer Urgestalt als Dienerinnen Krishnas in seinem
eigenen Reiche gelten. Alle Ströme und Flüsse in Indien haben weibliche Namen.
Man gibt den Kindern in Indien deshalb Namen Gottes oder von ewigen Gespielen
Gottes, so erklärte man mir, damit dadurch den Kindern und auch den Eltern
und Geschwistern und Verwandten und Bekannten Gelegenheit gegeben werde,
im täglichen Umgang immer wieder die läuternden und die Seele erweckenden
Gottesnamen auszusprechen und zu hören. Wohl jeder Hindu kennt die Geschichte
aus dem Bhagavatam [6;1. und 2. Kapitel], die von dem entarteten Brahmanen,
Ajamila handelt. Ajamila, der eine Hure geheiratet hatte und diese Frau und
deren Sippschaft, die er in sein Haus genommen hatte, über Recht und Sitte
entscheiden ließ, hatte einen kleinen Sohn, der den Namen Narayana trug.
Als Ajamila im Sterben lag, sah er voll Grauen, wie drei furchtbare Männer,
die Schlingen in den Händen hielten, an sein Bett traten und Miene machten,
ihn zu binden und ihn fortzuschleppen, um ihn an den bösen Ort zu führen,
der ihm gemäß seiner Taten gebührte. Es waren die Boten des Todesgottes Yama.
In Todesnot rief der Sterbende seinen kleinen Sohn, der in der Nähe spielte;
er rief aus tiefem Herzen: >>Narayana<<! Kaum hatte er diesen
Namen ausgesprochen, als drei andere Männer, Boten Narayanas, ebenfalls an
sein Bett traten und den finsteren Knechten Yamas Einhalt boten. Ayamila
durfte weiterleben und in der Lebensspanne, die ihm noch geschenkt wurde,
allmählich ein wahrer Bhakta Narayanas werden.
Hinweise auf
die Macht des Gottesnamens finden sich in den Religionen vieler Völker. In
einem Papyrus der einundzwanzigsten altägyptischen Dynastie [1100 vor Christus]
findet sich zum Beispiel ein Kapitel darüber, wie Isis den heilbringenden
verborgenen Namen Re erlangt. Der Bericht beginnt:
>>Kapitel
über den göttlichen Gott, der aus sich selbst wurde, der Himmel und
Erde erschuf, Lebensatem und Feuer, Götter und Menschen..., für den Ewigkeiten
wie Jahre sind, Ihn mit den vielen Namen, dessen Namen die Götter nicht kennen...<<
+74 .
Doch man muß
gar nicht bei den alten Ägyptern oder Sumerern oder in der jüdischen Geheimlehre,
der Kabbala oder im Chassisismus oder Suffismus oder in verschollenen Kulturen
forschen; man braucht nur im Alten oder Neuen Testament zu blättern, um zahllose
Aussagen über den Gottesnamen zu finden, der als so mächtig angesehen wurde,
daß er nicht zum Nichtigen ausgesprochen werden durfte. Von der Begebenheit
an, da Gott auf dem Berge Horeb dem Moses seinen Namen offenbarte: >>ICH
BIN DER ICH BIN<< [2.Mose 3,14] +75, bis zum letzten Buch der
Heiligen Schrift, bis in die geheime Offenbarung Johannis, erhellt das Feuer
des geheimen Gottesnamens die ganze Bibel.
Es ist nicht
die Aufgabe dieser Schrift, die ungezählten Stellen in der Bibel aufzuzeigen,
wo vom Namen Gottes die Rede ist. Doch aufmerksam gemacht sei wenigstens
auf die erste Bitte des Vater-Unser >>Geheiligt werde Dein Name!<<
und auf den Gottesfrieden schenkenden Priestersegen, mit welchem >>der
Name Gottes auf die Kinder Israels gelegt wird<< [4.Mose 23-27]. Es
sei auch hingewiesen auf den 148. Psalm aus den Psalmen Davids, der ein majestätisches
Preislied des Gottesnamens darstellt, worin die ganze Schöpfung aufgerufen
wird, den Allmächtigen in Seinem Aspekt als Weltschöpfer und Welterhalter
zu preisen.
>>Lobet
im Himmel den Herrn, lobet Ihn in der Höhe.
Lobet Ihn,
alle seine Engel, lobet Ihn, all sein Heer.
Lobet Ihn,
Sonne und Mond, lobet Ihn alle, leuchtende Sterne.
Lobet Ihn,
ihr Himmel, allenthalten und
die Wasser,
die oben am Himmel sind.
Sie sollen
loben den Namen des Herrn ...
Lobet den
Herrn auf Erden, ihr Wale und alle Tiefen,
Feuer, Hagel,
Schnee und Dampf, Stürme, die Sein Wort ausrichten.
Tiere und
alles Vieh, Gewürm und Vögel,
ihr Könige
auf Erden und alle Völker, Fürsten und
alle Richter
auf Erden,
Jünglinge
und Jungfrauen, Alte mit den Jungen!
Sie sollen
loben den Namen des Herrn,
denn allein
Sein Name ist hoch.<<
[Psalm 148]
Luther übersetzt
hier umschreibend den Gottesnamen mit : der Herr. Das jubelnde Volk auf den
Tempelstufen sang den Namen, wie man annimmt, in anderer Umschreibung: Adonai,
der Ewige. Doch aus altjüdischer nachbiblischer Tradition ist ersichtlich,
daß die zum Aussprechen des Gottesnamens Befugten den verborgenen Namen des
ewigen Selbstes: ICH BIN DER ICH BIN [IHV, Jahve, Jehova ...] in den Gesang
der Chöre hineinflochten +75.
Auch das >>hohepriesterliche
Gebet<<, das Jesús nach dem letzten Abendmahl im Kreise seiner Jünger
spricht, bevor er in die Nacht hinausgeht, klingt -in seltsamem Einklang
mit der indischen Bhakti- in eine Verkündigung der Heilsmacht des Gottesnamens
aus. Hier wird sichtlich nicht bloß der der Welt zugekehrte Aspekt des allmächtigen
Gottes gepriesen, wie in dem eben wiedergegebenen Psalm, sondern jener, der
>>nicht von dieser Welt ist<<, spricht zu seinen Jüngern, die,
wie er sagt, >>nicht von dieser Welt sind<<, von der überweltlichen
Liebe, mit welcher der göttliche Vater den göttlichen Sohn >>liebte,
ehe denn die Welt ward<< [Joh 17,24]. Und dann fährt der Heiland fort:
>>Und Ich
habe ihnen Deinen Namen offenbart [o Vater] und Ich will Ihn weiter
offenbaren, auf daß die Liebe, mit der Du Mich liebest, in ihnen sei und
Ich in ihnen<<[Joh. 17,26].
Diese feierliche
Zukunftsverkündigung der liebeschenkenden Macht des Gottesnamens sind die
letzten Worte, die Jesus Christus im Kreise seiner Jünger spricht. Die Bibel
kündet an vielen Stellen von der Macht und Heiligkeit des Gottesnamens +76. Das Verständnis dafür
ist im Abendland großenteils geschwunden. Auch die gläubigen Christen lesen
in der Regel darüber hinweg +77.
Für die indischen
Bhaktas bedeutet der Gottesname auch heutzutage eine lebendige Wirklichkeit.
Sie sind überzeugt davon, daß alle Kraft und Macht Gottes in den Gottesnamen
enthalten ist, so wie es Krishna-Chaitanya verkündete, und daß die Gottesnamen
in das Reich der ewigen Liebe hineinführen. Noch immer singt man in Bengalen
das Lied von Bhakti-Vinoda:
>>Sing
den Namen Gottes, sing den Namen Gottes,
sing den
Namen Gottes, o mein Bruder!
Den Namen
Gottes hat herabgebracht,
Chaitanya,
der Goldene ...
Unser Leid
hat er gesehen.
Außer den
Namen Gottes,
gibt es keinen
Reichtum irgendwo ...<<
Mahatma Gandhi
erzählt bekanntlich in seiner Selbstbiographie Experiments with Truth, daß
er ein sehr furchtsames Kind war und daß ihm das Singen eines Gottesnamens,
des Namens Rama, für immer von aller Furcht befreit habe.
Der Verfasser
war Zeuge, wie Gandhi kurz vor seinem Tod, auf einem Platz in einem Arbeiterviertel
der modernen indischen Großstadt Bombay, gemeinsam mit Arbeitern, Männern,
Weibern und Kindern, etwa fünfzigtausend Kastenlosen, einen Gottesnamen sang.
Gandhi tat das in seinen letzten Lebensjahren regelmäßig öffentlich mindestens
jede Woche, wo er auch immer weilte. Seine Absicht war, durch das Singen
eines Gottesnamens den Atman in allen diesen Erniedrigten zu erwecken. Das
Meditieren und Murmeln und Singen des Gottesnamens wird im Bhagavatam ausdrücklich
als der Kult des Kaliyuga hingestellt, des finsteren Zeitalters der Zwietracht,
in der wir leben. Da heißt es:
>>Was im
Zeitalter der Wahrheit [im goldenen Zeitalter]
durch Meditation
über Vishnu erlangt wurde,
was im darauffolgenden
Zeitalter durch Darreichung von Opfern,
was im nächsten
Zeitalter durch Kult im Tempel erlangt wurde,
das erreicht
man im finsteren Zeitalter der Zwietracht
durch Preisgesang
+78 des Gottesnamens.<<
[Bhagavatam 2,3,52]
Im zwölften Buch
des Bhagavatam, in dem Schlußteil des großen Werkes, wird die Bedeutung des
Singens des Gottesnamens nochmals hervorgehoben:
>>Im Kaliyuga,
in der Vorratskammer aller Übel,
gibt es doch
eine große Herrlichkeit;
durch Ruhmpreislied
des Namens Gottes
erlangt man
das Höchste:
Gemeinschaft
mit den Muktas Krishnas.<<
[Bhagavatam 12,3,51]
Diese >>Muktas
Krishnas<< sind jene Bhaktas, von denen Krishna im Bhagavatam [9,4,67]
sagt, daß sie nicht die verschiedenen Arten der Mukti suchen, sondern nur
die Liebe zu Ihm +79.
Krishna-Chaitanya
pflegte seinen Jüngern viele Male die folgende Strophe vorzusingen:
>>Außer dem Namen Haris,
außer dem Namen Haris,
wahrlich außer dem Namen Haris
gibt es keine Zuflucht,
gibt es keine Zuflucht,
gibt es wahrlich keine Zuflucht,
im Kaliyuga.<<
[Brihad-Naradiya-Purana]
In einer der
wenigen Originalstrophen, die von Krishna-Chaitanya überliefert sind, singt
der Meister den Preis des Gottesnamens folgendermaßen:
>>Der Name
Gottes reinigt den Spiegel des menschlichen Gemütes.
Er löscht
das furchtbare Waldbrandfeuer der Wandelwelt aus.
Er öffnet
wie Mondlicht den Lotus alles Guten im Menschenherzen.
Er ist das
Leben der lieben Frau Weisheit.
Er läßt den
Ozean der göttlichen Wonne immer mehr anwachsen.
Jede Silbe
im Namengesang
läßt die Fülle
des Nektars der Ewigkeit kosten.
Der Gottesname
badet den ganzen Atman.
Zu höchst
gepriesen sei das Singen des Krishnanamens.<<
[Shikshashtakam 1]
Die Hymne sagt
aus, daß durch das Singen des Gottesnamens das Unvergängliche im Menschen,
dessen Wesen Atman ist, wieder unverhüllt hervortritt.
Die Bhaktas der
Strömung Chaitanyas singen heute noch:
>>Der Krishnaname
ist nicht erfaßbar durch irdische Sinne.
Doch wenn
ein Mensch in der Sehnsucht nach liebendem Dienen,
das Antlitz
seiner Seele Gott zuwendet,
dann offenbart
sich +80 der göttliche Name von
selbst
auf der Zunge
des Singenden.<<
Es wurde versucht,
das Sanskritwort sphurati in dieser Strophe mit >>offenbart sich<<
zu wiederzugeben. Aber diese Übersetzung erschöpft den Inhalt dieses Wortes
in keiner Weise. Man könnte ebenso übersetzen: >>Der Name leuchtet,
der Name tanzt auf der Zunge des Singenden.<<
Krishna Chaitanya
selbst betonte: >>Das Singen des Gottesnamens ist nicht an bestimmte
Tageszeiten und Ritualien gebunden.<< Für seine Zeitgenossen, von denen
die meisten tief verwurzelt waren in der tausendjährigen Orthodoxie des Brahmanismus,
war das eine revolutionäre Botschaft, die seine Schüler singen ließ:
>>Es siegt,
es siegt die Wonnegestalt des Krishnanamens.
Aufgehört
hat für mich äußeres Gesetz
und Betrachtung
und Kult.
Ich habe
Ihn empfangen, den Rasa-Nectar des Gottesnamens,
der den Lebewesen
Befreiung schenkt.
Der Name
ist nun einzig mein Schmuck und mein Leben.<<
Eine große Hymne
Rupa Goswamis, in der alle Vielfalt der Lila Krishnas quillt und glänzt,
gipfelt in folgenden Zeilen:
>>Du, Krishnaname,
bist das jauchzende Fest der Bewohner von Gokula.
Du bist die
Wiederbelebung der Laute Naradas.
Du, Krishnaname,
offenbare Dich tanzend und leuchtend ...
voll Rasa
auf meiner Zunge immerdar!<<
Die Laute Naradas,
deren Ton die Gottesliebe in den Wesen wiedererweckt, ist gleich der Flöte
Krishnas, die sie widertönt, kein Musikinstrument aus physischem Stoff. Es
ist Naradas Seele, die tönt. Bhagavan Krishna selbst spielt auf der Laute
Seines Bhaktas Narada. Alle zwölf Bücher des Bhagavatam, auch alle Begebenheiten,
Gespräche und Unterweisungen aus dem Bhagavatam, die in den folgenden Kapiteln
in Nacherzählung oder Übersetzung wiedergegeben werden und die zumeist von
der inneren Lila handeln, sind durchklungen von dem Namen Gottes. Rupa Gosvami
singt in seinem Krishnadrama, >>Vidagdha-Madhava<<:
>>Ich weiß
nicht, aus was für Nektarströmen
das Silbenpaar
Krishna entstanden ist.
Wenn dieses
Paar im Munde tanzt,
so wünscht
man sich tausende Münder zu haben.
Wenn es ins
Ohr hineingeht,
so wünscht
man sich millionen Ohren zu haben.
Und wenn dieses
Paar ins Herz hineinsinkt,
da löscht
es alle Sinnenwelt aus.<<
[Vidagdha Madhava, erster Akt]
Der alte Swami,
der am Gangesufer von Benares dem Volk das Bhagavatam erläuterte, erklärte
seinen Zuhörern in schlichter Weise, warum man immerzu den Namen Krishnas
singen solle. Er sagte: >>Es ist sehr wichtig, daß wir im Todesaugenblick
nicht von Panik ergriffen werden, und auch daß wir uns da nicht anklammern
an das, was wir auf Erden lieben, an Weib, Kind, Haus, Besitz. - Wenn wir
täglich den Namen Krishnas singen, wird das eine starke Hilfe, sodaß wir
uns auch in der Todesstunde Seiner und Seines göttlichen Spieles erinnern
können.<<
Er sang die an
Krishna gerichtete Strophe des blinden Bhaktadichters, Bilvamangala, die
von der Sterbestunde handelt:
>>Wenn
die Stunde der Abreise herannaht,
dann geh
Du mir voran,
den die Gopis
an ihren Brüsten nicht halten konnten,
und erfülle
mit den Tönen deiner Flöte mein Ohr.<<
[Krishna-Karnamritam-
Der Nektar der Unsterblichkeit für das Ohr]
Fünfter Teil
Szenen aus dem
Göttlichen Spiel
[Nach
dem Bhagavata-Purana und dem Padma-Purana]
XV.
Krishna unterweist seinen Freund Uddhava
IN DER TRADITION
DER INDISCHEN GOTTESLIEBE lebt die Anschauung, daß die Bhakti wie eine Blume
durch die Zeiten aufwuchs und sich in verschiedenen Weltaltern immer mehr
entfaltete. Ihr Same ward eingesenkt noch vor der Weltschöpfung, als Brahma,
der Bildner der Welt, in seinem Herzen die Urstrophen des Bhagavatam vernahm
und er von Bhagavan selbst die Initiation empfing und die Macht erhielt,
die Welt zu bilden, >>ohne von der finsteren Rajaskraft überwältigt
zu werden<<.
Zur Zeit Vyasas
wuchs der Keim zum Schößling auf. Auch diese Szene wurde bereits geschildert.
Narada, der Sohn Brahmas, gab die Urstrophen an den vergrämten Vyasa weiter
und verlieh damit dem großen Weisen die Initiation in die Gottesliebe. Hingebungsvoll
ward dann weiterhin der Schößling der Bhakti von Vyasas jungem Sohn Shuka
gehegt.
Unmittelbar vor
Einbruch des finsteren Zeitalters bildete sich die holde Knospe der Bhakti.
Es war die Zeit, da Krishna mit Seinen ewigen Gefährten zur Erde niederstieg.
Nach indischer Tradition ist das etwa fünftausendeinhundert Jahre her.
Doch erst im
Mittelalter, elfhundert oder zwölfhundert Jahre nach Christus, zur Zeit der
großen Verkünder der Bhakti: Ramanuja [geboren 1027], Madhva [1199-1278],
Nimbarka, Vishnusvami, begann sich die Knospe der Bhakti zur Blüte zu öffnen.
Und - so fügen viele indische Gottgeweihte hinzu - zur Zeit Krishna Chaitanyas
entfaltete sich die Blüte der Bhakti zu ihrer ganzen Fülle.
An der Hand des
Bhagavatam und an Hand späterer noch weniger bekannter Urkunden der indischen
Gottesliebe kann man das Sprossen und allmähliche Aufblühen der Blume Bhakti
verfolgen.
Nochmals wollen
wir für einen Augenblick zurückkehren zu dem dämmernden Morgen der Welt,
da Bhagavan den Samen der ewigen Liebe in das zeitliche eingesenkt und in
den Urstrophen sein göttliches ICH BIN ausspricht.
Brahma sitzt
im Kelch des Lotus, der aus dem >>Nabel<< des >>Alldurchdringenden<<
[vishnu] entspringt. Doch Brahma weiß nicht, wer er ist und wo er ist. Vergebens
ist er tausende Jahre emporgewandert; er hat kein Ende gefunden. Vergebens
ist er tausende Jahre abwärts gewandert; er hat keinen Grund erspäht. >>Finsternis
ist um ihn, von Finsternis bedeckt<<, so wie der Sänger des Rigveda
diese Dämmerstunde vor der Schöpfung beschreibt. Da durchhallt den Brahma
ein lautloser Anruf: >>Meditiere!<< Und gehorsam setzt er sich
hin mit untergeschlagenen Beinen und versinkt in inbrünstige Meditation [tapas
+81], wie ihm befohlen ward,
bis er die Stimme Gottes vernimmt, die sein inneres Herz erleuchtet.
Gott spricht
im Herzen des ersten Sehers, des ersten Dichters [aadi-kavi]:
>>Empfange
das höchst verborgene
Wissen
von Mir
das in
unmittelbarer Erfahrung erlebt wird.
empfange
noch überdies das Geheimnis ...:
Wie
ICH BIN,
wie
Mein ewiges SEIN beschaffen ist;
Meine
Gestalt,
Meine
Eigenschaften
und
Meine Taten.
Die Innewerdung
Meines Wesens
werde
dir durch Meine Gnade zuteil.<<
[Bhagavatam 2,9;30,31]
Das Gotteswort,
das Brahmas Herz durchtönt, schließt unmittelbar an eine uns wohlbekannte
Strophe aus der Bhagavadgita an, wo Bhagavan am Ende seiner Unterweisung
die große Belehrung über das Unvergängliche mit den Worten zusammenfaßt:
>>Durch
Bhakti kennt er Mich dem Wesen nach,
weiß wie
ICH BIN und wer ICH BIN ...<<
[Bhagavadgita 18,55]
Das Wort, >>wie
ICH BIN<< ertönt nun auch im Bhagavatam. Doch das, was in der Gita
Abschluß war, wird im Bhagavatam zum Beginn neuer Offenbarung. >>Es
ist eine ewige Offenbarung<<, so erklärt der Guru, >>die der
göttlichen Stimme, dem göttlichen Wort, das alldurchdringend und ewig wie
Gott selbst ist, immer innewohnt, die aber nicht jedem Seher in gleicher
Tiefe enthüllt wird.<< Bhagavan verheißt dem Brahma, dem ersten Seher,
die Offenbarung Seiner Gestalt, Seiner Eigenschaften und Seiner Taten, das
heißt Seiner inneren und äußeren Lila. Und er verheißt ihm überdies die Offenbarung
des Geheimnisses der rasahaften göttlichen Liebe.
Brahma erlebt
zuerst die tiefe statische Ruhe des großen ATMAN, der Sein ewiges ICH BIN
ausspricht. So wie der Geschmack des Meeres salzig ist - und wohin man auch
immer taucht im Meer, ist Salzgeschmack - so ist die erste Offenbarung Gottes,
die sich dem Brahma in der nachstehenden ersten Urstrophe des Bhagavatam
eröffnet, krafterfüllte, helle Selbstheit, Ichheit, ATMAN.
Bhagavan spricht:
>>ICH wahrlich
am Uranfang war,
nichts anderes
war,
[keine Schöpfung
war],
nur das Höchste,
über Sein und Nicht-Sein +82.
Und nachher,
[während
der Dauer der Schöpfung]
BIN ICH
[und nichts
außer Mir].
Und was
am Ende bleibt,
[nach der
Weltauflösung],
auch das
BIN ICH.<<
[Bhagavatam 2,9,32]
Während sich
schon Brahmas Arme mächtig zu regen beginnen und er, erleuchtet von der Erkenntnis
Gottes, anhebt, in dem >>lichtlosen Gewoge<< Himmel und Erde
zu bilden und mittels der Rajas-Kraft Wesen zu schaffen, vernimmt er nur
dämmernd die weiteren Worte Bhagavans, die allen Zeitenlauf umspannen und
umwölben.
Brahma, der >>aus
dem Selbst Geborene<< [svayam-bhuu], ist so überwältigt von der ihm
zuteil werdenden Erfahrung der göttlichen Selbstheit, daß er die noch verhülltere
Offenbarung der Lila, die ihm ebenfalls zuteil wird, anfangs kaum zu fassen
vermag.
Bhagavan spricht:
>>O du
erster Seher,
Wesen um
Wesen wirst du hervorgehen lassen,
und doch
wird der Rajasguna, der sündenvolle,
dich nicht
binden können,
weil dein
Geist an Mich gebunden ist.
Oh, du, Ordner
der Welt,
Ich bin der
ATMAN aller Atmas.
ICH BIN der
Geliebteste von allen Geliebten.
Um Meinetwillen
wird der irdische Leib
durch alles,
was zum Leib gehört, geliebt.
Deshalb möge
frohe Liebe zu Mír
[in dir und
in allen Wesen] erwachen.<<
[Bhagavatam 9;35,42]
Das Sanskritwort
rati ist hier höchst unvollkommen mit >>frohe Liebe<< übersetzt
worden. Rati ist in diesem Zusammenhang einer der sehr zahlreichen
Ausdrücke für die verschiedenen Spielarten und Lichttiefen im unermeßlichen
Meere der Gottesliebe, wofür es in den Sprachen des Westens, wie schon erwähnt,
keine Entsprechung gibt. In dem Wort rati liegt neben der Bedeutung >>lieben<<
auch die Bedeutung sich freuen und >>freudig spielen<<. Die
hohe Stufe der Gottesliebe, die man mit rati bezeichnet, wird von Rupa Gosvami
dem >>Morgenrot vor dem Aufgehen der unverhüllten Liebessonne<<
[preman] verglichen.
Soweit führt
die Unterweisung in die Gottesliebe, die Krishna im dritten Buch des Bhagavatam
dem Brahma gibt. Aber die Belehrung wird vergessen im Laufe der Geschlechter.
Viele Weltalter vergehen. Gott hat Zeit. Er ist der Herr der Zeit. Auch nach
indischer Anschauung sind für ihn Tausende von Jahren wie ein Augenblick.
Erst im elften
Buch des Bhagavatam nimmt Krishna den goldenen Faden wieder auf und setzt
in einem Gespräch mit seinem Freund Uddhava die Unterweisung in die Gottesliebe
fort, die er dem Weltschöpfer Brahma zu geben begonnen hatte. Mit sehr schlichten
Worten fürt er den Schüler ins Wesenhafte hinein.
Uddhava, der
Freund Gottes, hatte von Krishna Belehrung in mancherlei Yoga empfangen:
Unterweisung in dem Yoga, der die Vereinigung des reinen Ichs [aatman] mit
dem Selbst des ganzen Weltalls [paramaatman] lehrt und dadurch Macht über
alle Weltenkräfte gibt; Unterweisung in Karmayoga, den Yoga der selbstlosen
Werke, der das Herz läutert; Unterweisung in den Jnanayoga, den Yoga der
Weisheit, der das Bewußtsein des Einsseins des Ichs mit dem eigenschaftslosen
Brahman verleiht und dadurch frei macht vom Kreislauf der Geburten und Tode).
Uddhava, der noch vielerlei andere Belehrung empfangen hat, ist verwirrt
und wendet sich in seiner Ratlosigkeit nochmals an seinen Freund und Lehrer
Krishna. Er fragt:
>>Die Wissenden
sprechen von vielen Wegen, die zu dem Köstlichen führen.
Ist einer
davon der Hauptweg? ... Du hast doch von dieser Bhakti
gesprochen.<<
(Bhagavatam 11,14;1,2)
Nun ist das Stichwort
gegeben. Krishna antwortet:
>>Im Verlauf
der Zeit, in der Weltauflösung, ist das WORT +83, der Veda, verloren gegangen.
Es wurde
von Mir am Anfang +84 dem Brahma verkündet und auch des WORTES Wesensgesetz
+85 den Geist in Mich zu versenken.
Von Brahma
wurde es seinem erstgeborenen Sohn, dem Manu verkündet.
Und von Manu
empfingen es die
sieben Seher der Urzeit +86 und von diesen
Vätern die Söhne, die
Devas und Dämonen ... und Menschen ...
Aber deren
Natur und Charakter ist jeweils verschieden aus Rajas und Sattva und Tamas
entstanden ... +87 ; entsprechend ihrer Mayanatur
sind ihre
mannigfaltigen Aussagen: “Das ewige Recht‘‘, sagen die einen, “Ruhm‘‘, die anderen.
“Wahrheit‘‘,
“Zügelung‘‘, “Gelassenheit‘‘, “Geistesruhe‘‘.
Andere sagen:
“der eigene Besitz‘‘, “Herrschermacht‘‘, “Entsagung‘‘, “Genuß‘‘.
Andere sagen:
“Askese‘‘, “das Spenden von Gaben‘‘, “Beherrschung des aus- und eingehenden
Atems.‘‘
Und diese
alle werden in Welten geboren, die einen Beginn und ein Ende
haben, aus Karma gebildet, mit Leid am Ende, in Finsternis weilend,
mit erbärmlichen
Freuden, dem
Gram hingegeben.
Aber wer
Mir hingegeben íst, abhängig von nichts in
der Welt, dessen Freude in Mir, dem ATMAN besteht, wie kann er über irdische
Dinge
noch irgendwelche
Freude empfinden?
Wer nichts
mehr für sich haben will, der Gezügelte, der von Frieden
Erfüllte, dessen
Seele den Einen in allem erkennt, der in Mir nur seine Befriedigung
findet,
für den sind alle Weltgegenden voller Glück.
Nicht wünscht
er die Herrlichkeit des Weltschöpfers Brahma, oder des Himmelsherrschers
Indra, oder
Herrschaft über alle Erde, oder Gewalt über die Reiche
der Unterwelt, weder Yogamacht noch Nie-Wiederkehren der völlig Befreiten. - Er wünscht nur das eine,
sein ganzes
Wesen Mir hinzugeben; sonst wünscht er nichts. -
Sie, die
nicht irgend etwas für sich haben wollen, doch deren Herz entbrennt
in sehnsüchtiger
Liebe zu Mir, voll heiterem Frieden diese Großen, voll barmherziger Güte zu
allen lebenden Wesen, sie nur erfreuen sich Meines Glücks des Wunschlosseins; die ungestillten Geister voll
Begierde
kennen es nicht.
Auch wenn
Mein Bhakta seine Sinne noch nicht zügeln kann, und von den Sinnesdingen angefallen
wird, so
wird er doch, kraft seiner mutvollen Bhakti, von der Sinnenwelt meistens
nicht überwältigt.
So wie ein
wohlentflammtes Feuer das Brennholz zu Asche verzehrt, so verzehrt die Bhakti, die
Mich als Ziel hat, alle Sünden und alles Unglück.
Yoga, Erkenntnis
und rechtes Tun, Studium der Veden, Askese, Entsagung gewinnt Mich nicht derart,
wie die
wunderbar gewaltige Bhakti zu Mir.
Durch ungeteilte
Bhakti und
durch gläubiges Vertrauen werde Ich ergriffen,
Ich, das
geliebte innere Selbst der wirklich Seienden.
Unerschütterliche
Bhakti zu Mir rettet sogar den Hundeesser [den tiefsten Paria] vor der Wiedergeburt.
Tugendüben
und Wahrhaftigkeit, voll Barmherzigkeit, und auch Weisheit durch Askese
gestärkt läutert
eine Seele nicht völlig, die entblößt ist von der Bhakti
zu Mir.
Wie soll
ohne glückschauerndes Haaresträuben, ohne Schmelzen des Herzens,
ohne sanftes
Niedertropfen von Freudentränen der Geist geläutert werden.!
Des Bhaktas
Stimme stockt und sein Herz schmilzt, zuweilen schreit er maßlos
und lacht zuweilen, ohne Scham singt er begeistert laut Meinen Namen und tanzt.
Der von
Meiner Bhakti Ergriffene läutert die Welt.
So wie Gold
ins Feuer geworfen, seine Beschmutzung verbrennt und seine wahre Natur wiedererlangt,
so schüttelt
der Atman durch liebende Hingabe an Mich die finsteren Folgen seiner
Karmas ab, die
ihn wie Ketten, an immer neue Erdenleben binden - und liebend hat er Teil an
Mir.
So wie ein
krankes Auge durch
Anwendung eines heilenden Öls die zarten Stoffe immer klarer
sieht, so
wird der Atman immer mehr geklärt, wenn er den lieblichen Geschichten
von Mir lauscht und wenn er Meine Namen singt.
Das Herz,
das über Sinnendinge meditiert, das haftet an den Sinnendingen
an.
Das Herz,
das sich wieder und immer wieder in Liebe Meiner erinnert,
das schmilzt
in Mich hinein.
Wenn einer
den Nektar der Unsterblichkeit trank, was soll er noch zu trinken
begehren!
Wenn ein Wissenssucher
Mein göttliches Wesen weiß, was soll er noch zu wissen
begehren!
Was Weisheit,
Werk und Yoga und Beruf und Richteramt und was vierfältiges Lebensziel
der Menschen ist:
- die heilige
Ordnung und Besitz und Lust und selbst Befreiung +88, du Lieber, alles das bin ICH
für dich.
Wenn der
Sterbliche aufgegeben hat alle Wege des Karmas und sein Selbst Mir hinzugeben
begehrt, dann
wird er sich des todlosen Seins bewußt
und hat
Anteil durch Mich, gemeinsam mit Mir am Leben des ATMAN.<<
[Bhagavatam 11,14; 3-27. 11,29; 32-34]
Die uralte Überlieferung des Veda wird in diesen Kapiteln der sogenannten
Uddhavagita des Bhagavatam, vom Blickpunkt der Bhakti aus betrachtet. Die
verschiedenen Schichten und Schalen des Veda, des >>heiligen Wissens<<
der Hindus, werden durch Krishnas Unterweisung durchsichtig. Das, was in
dem Veda, soweit er erhalten ist, den größten Raum einnimmt - die Opferhymnen,
das Beten um Lohn, um Schutz, um Sieg, um Gesundheit, um Kinder und Besitz
-, der >>Werkteil des Veda [karma-kaanda]<< wird als Verkrustung
und Verzerrung der ursprünglichen Offenbarung aufgezeigt. Die Uroffenbarung
der göttlichen Liebe ward verschattet und durchdrungen von den Gunas der
Maya.
Sogar Yoga und
>>Weisheit durch Askese gestärkt<<, wird hiervon nicht ausgenommen;
und wieder wird betont, das selbst Befreiung [mukti] nicht das höchste Ziel
der wahren Bhaktas ist.
Nun taucht unter
den mehr äußeren Schichten des heiligen Wissens das Reich der göttlichen
Liebe auf. Im Unvergänglichen ruht gleichsam Wasser über Wasser. Und jede
der Sphären, die auftaucht, ist eine Unendlichkeit, außer der es nichts zu
geben scheint.
Krishna spricht
zum Beispiel von der Unendlichkeit des göttlichen Friedens. Alle irdischen
Emotionen haben aufgehört; alles Leid und alle Freude über Irdisches ist
erloschen. Da dringt aus dem Unbekannten ein ganz neuer Ton heran. Keine
abgeklärte Ruhe herrscht nun mehr für jenen, der sich der neuen Woge des
Rasas überläßt.
Von glückschauerndem
Haaresträuben, vom Schmelzen des Herzens, vom sanften Niedertropfen der Freudentränen
spricht Krishna. Das sind gewiß körperliche Symptome, aber für den rasakundigen
Bhakta bedeuten sie äußerliche Anzeichen für Vorgänge im Atman, sie
sind Anzeichen dafür, daß durch Erleben des unfaßbar Erstaunlichen, nämlich
der Lila Bhagavans, das Herz >>geschmolzen<< ist und der Rasa
zu fluten begonnen hat +89. Die Rasalehre sagt aus,
daß die Emotionen im Atman so mächtig geworden sind, daß sie den ganzen Leib
ergreifen, daß zum Beispiel >>nicht nur der Atman tanzt<<, sodern
der ganze Leib zu tanzen beginnt +90, oder daß der Leib des
Bhaktas vor Wonne erstarrt, oder im Leid des göttlichen Spiels ohnmächtig
zu Boden sinkt.
Mit unnnachahmlicher
Klarheit und Präzision werden in der Rasakunde von Rupa Gosvami, dem schon
oft erwähnten Bhakti-Rasamrita-Sindhu, die körperlichen Symptome, die übernatürliche
Geschehen im Atman abspiegeln, von äußerlich recht ähnlichen Symptomen, die
nur Zeugnisse religiös-sentimentaler Ekstase im Manas sind,+91 abgegrenzt.
Die esotherische
Rasalehre betont, daß nur ein Mensch, dessen Atman erwacht ist, zwischen
den äußeren Anzeichen überweltlichen Rasas und den Anzeichen eines klinischen
Falls von Epilepsis oder Hysterie eindeutig und klar zu unterscheiden vermag.
Der abendländische Mensch, der vom Atman nichts weiß, der den fundamentalen
Unterschied der Kategorie Atman und Manas nicht kennt, steht ratlos.
Und doch fällt
von der Rasalehre der Chaitanya-Bhakti ein erhellendes Licht zum Beispiel
auf das Erlebnis des Saulus vor Damaskus. Überwältigt von der jähen Erfahrung
des Unvergänglichen - ein Bhakta würde sagen: überwältigt von der Erfahrung
des Unvergänglichen in Gestalt eines Avatars, der ihn, seinen Atman anruft
- ertarrt Saulus‘ Leib, so daß er wie tot vom Pferde sinkt. Drei Tage lang
ist er blind für allen Anblick der Sinnenwelt. Er wird ein völlig neuer Mensch,
der fortab einen neuen Namen trägt und der, von der gewaltigen Kraft des
Überweltlichen ergriffen, staunend bekennt: >>Nicht ich, sondern Christus
lebt in mir.<<
Der Gottgeweihte
auf dieser Stufe ist wie eine Pforte, durch welche die überweltliche Kraft
der göttlichen Liebe [bhakti] in die Welt des Meßbaren einbricht. Von jenem
Bhakta, der von der Kraft der übernatürlichen Liebe und vom Rasa derart ergriffen
wird, daß die irdische Welt für ihn völlig versinkt, sagt Krishna in Seiner
Unterweisung des Uddhava:
>>Ein solcher
Bhakta läutert die Welt.<<
XVI. Krishna und die jungen Kuhhirten
[die Gopas]
KRISHNA SPRICHT
in der Bhagavadgita :
>>Höher
als die Asketen und als die Weisen [jñaanii], höher als alle, die Werke tun
und opfern, ist der Yogi. Deshalb sei ein Yogi, o Arjuna.
Doch von allen
Yogis, die mit dem inneren Selbst zu Mir gegangen sind, erscheint mir jener
am vollkommensten, der Mich voll Vertrauen liebt.<< [Bhagavadgita
6;46,47] Uddhava kann man zu jenen glücklichen Seelen rechnen, die Krishna
hier besonders hervorhebt. Nebst aller Weisheit und allem Yoga hat
er von Krishna auch noch die Kraft der Bhakti empfangen. Die in jedem Herzen
schlummernde Gottesliebe ist von Krishna in ihm wieder erweckt worden.
Aber es gibt
Bhaktas, die noch viel inniger zu Gottes Spiel gehören als selbst Uddhava.
Es sind dies Bhaktas, deren lautere Gottesliebe >>niemals durch Wissen
verhüllt und durchbort war<<. Wer sind diese Bhaktas? Um sie kennen
zu lernen, muß man aus dem Königsland, wo Krishnas Freund Uddhava Minister
eines mächtigen Reiches ist, eine Wanderung unternehmen. Man muß den Strom
Yamuna, den Strom der echten religiösen Extase, durchqueren und hinübergehen
in das Land jenseits des Stromes, in das Hirtenland Gokula oder Vraja, in
den Vrindawald, da wo Krishna gemeinsam mit Seinem Bruder Balarama bei den
Hirten und Hirtinnen aufwächst und seine glückliche Kindheit verbringt. Die
von den Menschen in der Welt vergessene Gottesliebe, an die sogar Uddhava
erst durch Belehrung wieder erinnert werden muß, ist den jungen Kameraden
Krishnas im Vrindawald, den Gopas, von Ewigkeit her unverlierbar eigen. Vertrauliche
Gottesliebe ist ihr Wesen. Sie müssen sie nicht erst erlernen, sie müssen
nicht darum ringen. Im Bhagavatam werden die heiteren, unbefangenen Spiele
der jungen Gopas eingehend geschildert. Gemeinsam mit Krishna laufen die
Knaben im Wettlauf mit dem Schatten der fliegenden Vögel. Sie tanzen mit
den wilden Pfauen. Sie packen Affen bei den Schwänzen, lassen sich von ihnen
die Baumkronen hinaufziehen. Sie lachen ihre eigenen Spiegelbilder im Wasser
an. Sie machen Spaß mit ihrem Echo.
>>So spielen
sie gemeinsam mit Bhagavan<<, berichtet das Bhagavatam, >>mit
Ihm, der die höchste Gottheit ist und in dem die Weisen die höchste Wonne
des Brahman erleben.<< In höchster Vertraulichkeit lieben die Gopas
Bhagavan und spaßen mit Ihm, den sie für ihresgleichen halten, für einen
Hirtenjungen wie sie. Und Bhagavan ist glücklich darüber.
In der schon
wiederholt erwähnten Lebensgeschichte Krishna-Chaitanyas, dem Chaitanya-Charitamritam,
die von dem uralten Bhakta Krishnadasa verfaßt wurde, wird eine Frage erörtert,
welche die Bhaktas viel beschäftigt: was ist der innerste Beweggrund, daß
Krishna aus seinem eigenen Reich zur Erde niedersteigt? Das Wegnehmen der
Last der Erde und das Töten der Dämonen und das Unterweisen der Menschen
ist es nicht, ist nur ein akzidentielles Tun, wird festgestellt. Im vierten
Kapitel des ersten Bandes des Werkes, das wie ein vielverzweigter neuer Ast
aus dem blühenden Baum Bhagavatam hervorwächst, läßt der Autor Krishna selber
darüber sprechen:
>>Die
ganze Welt ist erfüllt vom Wissen um Meine göttliche Majestät [aishvarya-jñaana]<<,
sagt Krishna. >>Doch in einer Liebe [prema], die durch den Schauer
vor Meiner Majestät gestört ist, finde ich keine Freude. Wenn man Mich für
den erhabenen, allmächtigen Gott [ishvara] ansieht und sich selber für armselig,
so gelange Ich nicht in den Bann einer solchen Liebe. Je nach dem liebenden
Fühlen des Bhaktas begegne Ich ihm; das ist Meine Natur [prabhava]: .. “Mein
Kind, mein Freund, mein ein und alles” - wer in diesem Sinne lautere Hingabe
[shuddha-bhakti] zu Mir hegt, wer sich selbst für groß hält und Mich für
gleich oder geringer, der hat die Liebe [bhaava], von der Ich überwältigt
werde ... Die Mutter bindet Mich mit Stricken, weil sie mich für ihr Kind
hält und äußerst abhängig von ihrer Obhut, und sie zärtelt Mich und nährt
Mich. Die Gopas haben lautere Freundschaft zu Mir und klettern auf Meine
Schultern und rufen: “Was bist du schon?” “Du und ich sind gleich.” Und
wenn die Geliebte, wenn Radha in Entrüstung Mich schilt, so stielt das Mein
Herz [manas] mehr als alle vedischen Hymnen.<<
>>ICh will hinabsteigen und diese lautere Bhakti mitbringen und
mannigfaltiges Spiel treiben. Es wird eine Lila werden, die ... nicht einmal
in Vaikuntha in Erscheinung tritt und die Mich selbst in Verzückung bringt.<<
- Soweit das Chaitanya-Charitamritam.
Das zehnte Buch
des Bhagavatam erzählt in den ersten neunundvierzig Kapiteln ausführlich
viele Geschichten aus der Kindheit und Jugend Krishnas auf Erden,
die seit über tausend Jahren immer von neuem das Entzücken des Hindus bilden
und in moderner Zeit nicht verblaßten. Sie sind Gegenstand zahlreicher Krishna-Filme
geworden, die jahrelang in den indischen Kinos gespielt werden.
In diesem unschuldvollen
Sein von Vraja oder Gokula gibt es freilich auch Gefahren. Indra, der Himmelskönig,
ist empört. Alle seine Diener, die Winde, die Sturmwolken sendet er aus,
um das Hirtenvolk zu vernichten, welches es wagte, auf Anstiften des Knaben
Krishna einen anderen statt seiner als den großen Gott der Welt zu
verehren.
Regen rauscht.
Donner dröhnt ununterbrochen. Sturm peitscht den Wald und seine Bewohner,
Menschen und Vieh. Hagel schmettert nieder. Angstvoll suchen die Gopas und
Gopis bei Krishna Schutz.
Krishna lächelt.
Und so wie ein Knabe im Spiel mühelos einen Schirmpilz ausreißt und hochhebt,
so hebt er den weit sich erstreckenden Berg Govardhana empor. Und alle die
Hirten, die alten und jungen, die Männer und Frauen, die Knaben und Mädchen
und alle ihre Kuhherden und Habseligkeiten und ihre Wagenburg, sie finden
sieben Tage und Nächte lang sicheren Schutz unter dem Schirm des Berges,
den Krishna heiter über ihnen hält. Vergebens prasselt Indras Donnerkeil
all die Zeit auf die Flanken des Govardhana nieder, keiner geht verloren,
der sich unter Krishnas Schutz begeben hat.
Oftmals sendet
auch der böse König Kamsa Dämonen über den Strom hinüber, um das göttliche
Kind zu vernichten, von dem er sich noch immer bedroht fühlt. Er schickt
zum Beispiel die furchtbare Dämonin Putana aus. In Gestalt einer freundlichen
Frau naht sie sich einschmeichelnd und reicht dem durstigen Krishnakind ihre
Brust; und dann fliegt sie mit Ihm brausend in die Luft empor. Eifrig trinkt
Krishna, krallt Seine zarten Händchen um die vergifteten Brüste, daß die
Dämonin vor Schmerz laut aufheult und, wie ein riesiger Felsblock zu Boden
schmettert, ihre grauenhafte Dämonengestalt enthüllend. Das Kind bleibt völlig
unbeschädigt. Tot liegt der Leib der Furchtbaren da; aber sie selbst ist
erlöst, ihr ewiges Wesen ist zum Bhakta geworden. Krishna hat Putana begnadet.
Krishna hat von ihren Brüsten getrunken. Und wer würde durch solche Berührung
nicht erweckt und von seiner Mißgestalt befreit werden.
So erlöst Krishna
mancherlei Dämonen, die Ihn vernichten wollten. Er tanzt auf den tausend
Häuptern der grauenerregenden Kaliya [einer Verkörperung der Brutalität],
die aus dem Ozean in den Strom Yamuna eingedrungen ist und mit ihrem Gift
die leuchtenden Wasser befleckt und verfinstert hat, so daß niemand mehr
in Gokula darin zu baden wagt. Auch dieser Dämon wird erlöst; darf als Bhakta
heimkehren in den Ozean, aus dem er kam. Auf seinem Leib trägt er fortab
das Zeichen der Unversehrbarkeit. Krishnas holde Füße haben ja auf ihm getanzt.
Keiner von allen Dämonen kann den Freunden Krishnas, die unter Seinem Schutz
stehen, etwas anhaben. Aber die immer neu hereinbrechenden Gefahren, die
das Krishnakind bedrohen, erhöhen die dramatische Spannung dieser Lila. Die
Schrecknisse rufen in Krishnas Mutter und Vater, in Seinen Freunden und Freundinnen
immer neue Liebesströme zu Ihm hervor, zu Ihm, welcher der >>Unbesiegbare<<,
der >>Allmächtige<<, der >>Ungeborene<<, der >>Ewige<<
ist, den sie aber durch das Wirken von Krishnas Yogamaya für ein schutzbedürftiges
Kind halten, das sie sorgsam behüten müssen. Rasa des Schreckens wird in
ihrer Liebe erweckt, wenn das Krishnakind in Gefahr gerät. Rasa der Heiterkeit
und Rührung wird in dem wissenden Zuhörer erregt, wenn berichtet wird, wie
das junge Kind, das eben höchster Todesgefahr entronnen zu sein scheint,
zur Abwehr kommenden Unheils in umständlich - feierlicher Zeremonie von den
Eltern und Verwandten und Freunden an zwölf Stellen seines zarten Leibes
mit heiliger Asche und Sandelpaste gesalbt wird, um den Knaben zwölf verschiedenen
Aspekten des einen Gottes zu weihen - dessen ganze Fülle Krishna selber
ist!
Alles, was sich
in diesem >>Hirtenspiel<< begibt, ist für den Bhakta ein transparentes
Geschehen, das sich in verschiedenen Tiefenschichten immer neu und anders
erschließt. In die Wogen der Yamuna, in die leuchtenden, blauen Wogen der
höchsten religiösen Ekstase, muß jeder eintauchen, der den geheimen Sinn
der Lila verstehen will. Aber kein romantisches Gefühlsschwelgen ist gemeint,
sondern eine heilig-nüchterne Ekstase, um ein Wort Hölderlins zu gebrauchen.
Diese Ekstase der Gottesliebe ist gemäß der Rasalehre der Chaitanya-Bhakti
überweltlich.
Jeder Dämon,
der von Krishna erschlagen und durch die Berührung mit dem Göttlichen gleichzeitig
erlöst wird, bedeutet eine zur Gestalt gewordene finstere Macht im Herzen
des Bhaktas selbst. Es sind dämonische Mächte, die den Gottsucher auf dem
Liebesweg gleich Wegelagerern überfallen und die das Gotteskind, das im inneren
Herzen des Gottgeweihten geboren werden soll, erwürgen und ersticken wollen.
Der Dämon Putana ist zum Beispiel ein Pseudoguru, der dem Gottsucher
freundlich naht und ihm seine mit Lügen und Halbwahrheiten gemischte verderbliche
Lehre darreicht.
Der gewaltige
Dämon Agha, den Krishna erschlägt und erlöst, ist eine Verkörperung
der Lieblosigkeit, die den Anfänger leicht bedrängt und überwältigt, solange
er noch nicht erfahren hat, daß die ausschließliche Liebe zu Bhagavan und
die liebende Güte zu den Mitmenschen grundsätzlich nicht verschieden sind.
Krishna sieht, wie Seine Kameraden, verblendet in ihrer übermütigen Sicherheit,
geradewegs in das aufgesperrte Maul dieses riesenhaften Dämons hineinwandern.
Schon sind alle von Aghas Rachen verschlungen worden. Aber Krishna folgt
den Freunden nach, und steigt in den finsteren Schlund des Dämons hinein.
Das Bhagavatam erzählt, daß der göttliche Knabe im Leibesinnern des Unholds
zu immer gewaltigerer Größe anwächst, so daß Aghas grauenhafter Leib, >>Kot
und Harn absondernd<<, von innen zersprengt wird.
Es wird anschaulich
berichtet, wie der Dämon, in den Krishna eingetreten ist, nun seine finstere
Gestalt abwirft. Agha steht in seiner unverhüllten Gestalt als Atman da,
>>alle Weltgegenden überstrahlend<<, und dann geht er vor aller
Augen in Krishnas Lichtglanz ein.
Diese Ereignisse,
die Gefahren, welche die jungen Gopas bedrohen, und ihre wunderbare Errettung,
und die Vernichtung und gleichzeitige Erlösung des Dämons Agha, hat Brahma,
der Weltenbildner, staunend von seinem hohen Sitz wahrgenommen. Nun setzt
die neue Szene ein, die hier in Übersetzung wiedergegeben sei:
Index
DIE MORGENDLICHEN SPIELE
>>Nachdem
Krishna die Hirten der Kälber vor dem Tode im Maule des Dämons Agha bewahrt
hatte, brachte er sie an das sandige Flußufer [der Yamuna] und sagte: “Lieblich
ist, Freunde, der Yamunastrand. Er gibt in Fülle das, was wir zu unseren
Spielen brauchen. Er hat zarten, feinen kristallklaren Sand, schwarze Bienen
summen, angezogen vom Duft der entfalteten Lotusblüten. Die Vögel zwitschern
und anmutige Bäume am Ufer fangen den Nachhall dieser Melodien auf. Hier
können wir unsere Mahlzeit einnehmen. Die Sonne steht schon hoch am Himmel.
Wir und die Kälber sind hungrig. Nachdem sie in der Nähe getränkt worden
sind, können sie gemächlich grasen.” “So sei es”, sagten die Knaben und
tränkten die Kälber und schlossen sie auf einem frischen, grünen Weideplatz
ein. Dann öffneten sie ihre Schlingen und aßen voller Freude zusammen mit
Bhagavan.
Die Knaben
aus Vraja saßen mit weit offenen, leuchtenden Augen, den Blick Krishna zugewendet,
in vielen Reihen im Kreise um ihn herum. Sie saßen mit Krishna im Haine zusammen,
wie die Blütenblätter um den Stempel eines Lotus +92. Einige Knaben wollten
ihren Erfindungsgeist zeigen und machten aus Blumen, Blättern, Borken oder
flachen Steinen [allerhand] Teller und genossen ihre Speisen. Alle zeigten
einander, wie lieblich ihr eigenes Essen sei, lachten und brachten einander
zum Lachen und verzehrten ihre Vesper gemeinsam mit Krishna. “Der [göttliche]
Genießer der Opfer”, der im Spiel ein Knabe war, aß, während die himmlische
und irdische Welt zuschaute. Er saß inmitten Seiner guten Freunde, sie zum
Lachen bringend ... Zwischen Leib und Gewand trug Er Seine Flöte, das Horn
und den Bambusstock trug er unter Seinem linken Arm, in Seiner linken Hand
barg Er Reis, mit Sauermilch vermischt, und Früchte. ... Während die Hirtenknaben
also aßen und mit ihrem ganzen Wesen völlig in Krishna versunken waren, liefen
die Kälber aus Gier nach Gras in einen entfernten Wald.
Als Krishna sah,
daß die Freunde von Furcht erfüllt waren, sagte Er, der von der Furcht des
Weltalls gefürchtet wird:
“Freunde, hört
nicht auf zu essen. Ich will die Kälber hierherbringen.”
Also sprach Bhagavan
Shri Krishna. Und mit Seiner linken Hand voll Essen, ging Er, um auf Bergen,
in Höhlen und dunklen Wäldern nach den Kälbern zu suchen.
[Brahma, der
Schöpfer,] der Lotusgeborene, der schon vorher höchst verwundert gewesen
war, als er von seinem Himmel aus die Vernichtung [und gleichzeitige Erlösung]
des Dämons Agha durch Krishna gesehen hatte, führte [während Krishna auf
der Suche war] sowohl die Kälber als auch ihre Hirten von ihrem Ort irgendwo
anders hin, weil er noch einen weiteren lieben Beweis der Größe des Herrn
sehen wollte, der durch [Krishnas] Maya als ein Knabe erschien. Als Krishna
weder die Kälber noch die Freunde am Sandufer fand, suchte Er überall im
Walde nach ihnen. Krishna, der Allwissende, sah die Kälber und Hirten
nirgendwo im Walde; da wußte Er sofort, daß dies ein Werk Brahmas war.
Nun gestaltete
Krishna, der wahre Herr und Urheber des Weltalls, sich selbst zu beiden [zu
Kälbern und Hirten], um Brahma und den Müttern [den Müttern der Kälber und
der Knaben] Freude zu bereiten.
Der “Ungeborene”
formte sich vielfältig zu den zierlichen Gestalten der Hirten und Kälber,
mit ihren Händen und Füßen, ihren Stöcken, Hörnern, Flöten ... ihrem Schmuck
und ihrer Kleidung, mit dem Charakter, den Eigenschaften, den Namen, der
Haartracht und dem Alter eines jeden einzelnen, mit dessen Vorliebe zu bestimmtem
Essen und Spiel. So wurde der “Allgestaltige” Verkörperung des Wortes, daß
Alles in der wahren Welt aus Vishnu besteht, von Vishnu durchdrungen
ist.
Krishna, der
ATMAN des Alls, ging [in das Hirtendorf] nach Vraja hinein, Er als ER SELBST
war Kühe und Kälber, und umgeben von Hirten, die ER SELBST war, spielte Er
Spiele mit sich selbst ... Er brachte die Kälber getrennt in die Ställe,
in die sie gehörten, und wurde in jedem Haus, das er betrat, der ATMAN des
Hauses.
Die Mütter erhoben
sich schnell beim Tone der Flöte und schlossen die Knaben fest in ihre Arme;
und sie gaben dem höchsten Brahman +93, das sie für ihre Söhne
hielten, den nektargleichen, trunken-machenden Trank der Milch, die jäh aus
ihren von zärtlicher Liebe [sneha+94] überschwellenden Brüsten
träufelte. Jeden Abend nach Beendigung Seiner anderen Spiele kam Maadhava
+95 [Krishna] nach Haus und
erfreute die Mütter mit seinen Spielen, und die Mütter [in jedem Haus] herzten
und kosten Ihn, massierten, badeten und salbten Ihn, zogen Ihm neue Kleider
an, hängten Ihm Schmuckstücke um, malten Ihm schützende Zeichen aus Sandelpaste
auf die Stirn [zwischen die Augenbrauen] und gaben Ihm zu essen.
Und die Kühe
eilten schnell in die Ställe und mit lautem: Muuhh riefen sie ihre eigenen
Kälber [die ebenfalls Krishna waren] und gaben ihnen Milch und beleckten
sie.
Schon früher
hatten die Hirtenfrauen und auch die Kühe mütterliche Liebe zu Ihm; aber
nun wurde ihre Liebe noch stärker, denn diesmal war Krishna scheinbar ihr
natürliches Kind. Und schon früher hatte Hari zu ihnen kindliche Zuneigung,
weil sie Ihn mehr liebten als ihre eigenen Kinder; aber nun kam noch der
Reiz des neuen Spiels dazu, daß Er wirklich ihr Kind war.
Die zärtliche Liebe der Bewohner von Vraja zu den Knaben wuchs in diesem
Jahr von Tag zu Tag an, wie nie zuvor, sich ins Unermeßliche steigernd [es
war aber ihre Liebe zu Krishna].
So spielte Er
ein Jahr lang im Wald und in Vraja, als Hirte der Kälber und in Gestalt von
Kälbern und Hirten. Er selbst [der Atman] hütete durch sich selbst [den Atman]
sich selbst [den Atman].
Einst ging Er,
der Ungeborene, mit seinem Bruder Balarama, die Kälber hütend, durch den
Wald. Fünf oder sechs Tage fehlten noch zu einem vollen Jahr. Da sahen die
Kühe, die weitab auf der Höhe des Berges Govardhana weideten, die einjährigen
Kälber, die nun in der Nähe von Vraja grasten.
Als die Kühe die Kälber gesehen hatten, wurden sie von Liebe ganz überwältigt
und vergaßen ihr eigenes Wesen und liefen hastig - es sah aus, als ob sie
nur zwei Beine hätten, weil sie in wilden Sprüngen je ein paar Beine zusammen
aufsetzten, mit hocherhobenen Schwänzen und im Springen zusammengezogenem
Leib, daß Nacken und Höcker zusammenstießen - mit lautem Gebrüll und von
Milch triefenden Eutern nach Vraja. Sie kümmerten sich nicht um die Hirten,
die ihnen auf ihren Wegen nicht folgen konnten.
Als sie mit den
Kälbern unten in der Nähe von Vraja zusammentrafen, gaben sie ihnen, obwohl
sie schon neue Kälber hatten - denn ein Jahr war ja bereits vergangen -,
Milch aus ihren Eutern zu trinken und beleckten alle ihre Glieder, als ob
sie sie [vor Freude] auffressen wollten.
Die Hirten waren
beschämt und wütend zugleich, da ihr Bemühen, die Kühe zurückzuhalten, erfolglos
war. Aber als sie auf mühevollen, schwergangbaren Wegen endlich herangekommen
waren, sahen sie zugleich mit den Kälbern die Knaben.
Beim Anblick
wurde ihr Herz vom Rasa der Liebe [preman] überschwemmt. eine vollkommen
neue frische Liebe [anuraaga] war entstanden. Ihr Ärger war dahin. Sie nahmen
die Knaben hoch, umschlangen sie mit ihren Armen und rochen an ihren Köpfen;
und das erfüllte sie mit höchster Freude.
Dann gingen die
älteren Hirten wieder fort. Nur langsam und mit Mühe trennten sie sich von
den Knaben, deren Umarmung soviel Freude für sie war, daß sie in Erinnerung
daran in Tränen ausbrachen.
Balarama beobachtete
staunend die dauernd zunehmende und sich steigernde Liebe [preman] [aller
Wesen] von Vraja zu den Kindern, die doch längst schon entwöhnt waren, und
da er den Grund nicht wußte, dachte er darüber nach.
Wie sonderbar!
Die unerhörte Liebe [preman] der Vrajabewohner zu ihren Kindern nimmt zu,
als ob diese Kinder der Atman, das Selbst von allem wären. Welche Zaubermacht,
welche Maya ist das? Woher kommt sie? Von Devas, Menschen oder Dämonen? Es
ist wohl die Maya meines Herrn [Krishna], eine andere [Maya] vermochte mich
doch nicht zu täuschen. Während Balarama so nachdachte, sah -er mit dem Auge
der Weisheit, daß alle Kälber und Knaben Krishna waren... [Er sagte zu Krishna]
“Du selbst bist das Licht [Du selbst trittst in Erscheinung] in diesen mannigfaltigen
Erscheinungen. Sage mir klar, wie sich das alles verhält.” Bhagavan erzählte
die ganze Begebenheit und Balaram verstand...
Nach einem kurzen
Zeitraum - einem Augenblick für Brahmas, des Weltbildners eigene Schätzung
- kam Brahma auf die Erde und sah den spielenden Hari, und alles, wie es
vor einem Jahre war +96.
[Er blickte auf
die Knaben und Kälber, die er das ganze Jahr über verborgen hatte, und überlegte:]
Alle die vielen Knaben und Kälber, die im [Hirtenlande] Gokula waren, sie
schlafen auf dem Bette meiner Maya bis jetzt und haben sich noch nicht erhoben.
Doch von wo kommen
diese anderen her, die nicht von meiner Maya betört wurden - es sind ebensoviele,
und seit einem Jahr spielen sie zusammen mit Vishnu! Also dachte Brahma lange
über diese Widersprüche und Unterschiede nach, aber er vermochte in keiner
Weise zu erklären, welche die wahren [Knaben und Kälber] waren und welche
nicht.
Als er so [Vishnu,
den Alldurchdringer] den Wahnfreien, den, der das All betört, betören wollte,
wurde er selbst durch seine eigene Maya betört. - Wie das Nebelhafte in der
Nacht nur dunkel erscheint und von sich aus nichts in Dunkelheit hüllen kann,
wie der Leuchtkäfer nur ein unsichtbares Fünklein in der Tagessonne ist,
so vernichtet Krishnas Maya das Herrschertum eines jeden, der sie
auf den großen ATMAN anwenden will [der die Grundlage aller Maya ist]. Als
Brahma hinschaute, wurden in eben diesem Augenblick [plötzlich] alle Kälber
und Hirten als tiefdunkelblaue, in Goldgewänder gekleidete Gestalten gesehen.
Mit vier Armen;
Muschel, Rad, Keule und blauem Lotus in ihren Händen, Kronen auf ihren Häuptern,
Ohrringen, Perlenhalsketten, Waldblumenkränzen. Sie alle trugen [Krishnas]
Zeichen, Shrivatsa [auf der Brust], Armringe am Oberarm, muschelähnliche,
juwelenverzierte Armspangen am Unterarm, Hüftgürtel und Lendenschnüre, und
strahlten in diesem Schmuck [Krishnas].
Von Kopf bis
zu den Füßen waren ihre Gestalten von zarten frischen Tulasi-Kränzen bedeckt,
die ihnen sehr fromme Menschen dargebracht hatten.
Durch ihr
leuchtend weißes Mondscheinlächeln, durch ihre Morgenrötefarbenen Seitenblicke
waren sie Ursache und Erfüller der Sehnsucht ihrer Bhaktas... Von Brahma
[dem Schöpfer] bis zum Unbelebten wurden sie auf verschiedenartigste Weise
durch Tanz, Gesang und andere Formen des Gottesdienstes verehrt... Alle,
die da angebetet wurden, waren personhafte Gestalten, aus einer Essenz von
unendlichem göttlichem Sein und göttlicher Erkenntnis und göttlicher Wonne.
Ihre Größe ist selbst den Sehern der Upanishaden unzugänglich.
So sah Brahma
dieses eine Mal in ihnen allen das Allerhöchste BRAHMAN, durch dessen Licht
dieses ganze bewegliche und unbewegliche Weltall erleuchtet wird. Brahma
wurde durch den Einfluß der Kraft der göttlichen Majestät stumm und still
wie eine [steife] Puppe auf dem Altar einer Dorfgöttin. Die Heftigkeit seines
Erstaunens und seiner Neugierde hatte ihn ganz verwandelt. Seine elf Sinne
waren völlig außer Tätigkeit versetzt.
... Da Brahma
unfähig war, zu erkennen [was sich dem Wesen nach vollzog], sagte er: “Was
ist das?" und war völlig verwirrt. Der Höchste, der Ungeborene [Bhagavan
Krishna] wußte [wie es mit Brahma stand], und verbarg den Schleier seiner
Zaubermacht. Da erwachte Brahma wie aus Todesschlaf und erlangte sein Außenbewußtsein
wieder. Mit Mühe öffnete er die Augen und sah sich und die Welt.
Der nach allen
Seiten sich umschauende Brahma sah den Vrindawald von unerschöpflicher Fülle
von Bäumen und allerlei Nahrung für die Menschen, den Wald, in dem alles
allem liebreich ist.
Dort waren jene,
die von Natur aus böse Feinde waren, -Wild und Menschen- Freunde. Der Aufenthalt
des “Unbesiegbaren" verursachte diese Liebe, und entflohen waren von dort
Haß und Gier.
Da sah Brahma,
der die Herrschaft über alle Sinnenwelt besitzt, daß Krishna die Rolle eines
Kindes in der Familie der Kuhhirten spielte. Unergründlich war Krishnas Weisheit;
und doch suchte Er, wie vorher, nach den Kälbern und den Gefährten, und hatte,
wie vorher, noch eine handvoll Essen in der Faust. Als Brahma Ihn [Bhagavan]
sah, stieg er eiligst von seinem Schwan herunter, warf seinen Leib wie einen
goldenen Stab auf die Erde, berührte mit den Spitzen seiner vier Kronen die
Lotusfüße [Bhagavans] und salbte sie mit dem Freudenstrom seiner Tränen.
Er erhob sich
und warf sich immer wieder von neuem nieder, mit seinem Haupt die Lotusfüße
Krishnas berührend. Immer wieder und wieder erinnerte er sich der von ihm
erschauten Größe Krishnas.
Dann erhob er
sich langsam, wischte seine Augen, schaute den Befreiungsgeber [Mukunda]
an und senkte sein Haupt, legte die Handflächen zum Gebet aneinander, und
demütig-ehrfurchtsvoll und gesammelt pries er [Bhagavan] mit zitternder und
stockender Stimme.<<
[Bhagavatam 10, Kap.13]
Schwindelnd vor
der Tiefe des unbegreiflichen göttlichen Spiels, ahnt Brahma, daß diesem
gnadenvollen Augenblick des Schauens sein ganzes Leben zugeströmt ist, seit
er im Lotuskelch die Urstrophen vernahm. Geblendet von der Gottesmajestät
Krishnas, hinter welcher doch zuweilen - fast unbegreiflich -Krishnas göttliche
Lieblichkeit aufdämmert, preist Brahma den wahren Herrn aller Maya.
Während ihn von
allen Seiten in wehem Geschrei das Leid der gottabgewandten Geschöpfe umtönt,
die er gebildet hat, preist Brahma die wunderbare Macht der Gottesliebe,
der Bhakti, vor der auch die höchste Weisheit verdämmert. Voll Mitleid blickt
er in die Welt der täuschenden Maya hinein. Und wieder sieht er mit von Tränen
verschleiertem Blick die Gestalt, das Antlitz, das liebliche Lächeln des
Knaben Krishna, welcher der Grund aller Welten ist. Brahma singt:
>>Ich verneige
mich preisend vor Dir,
dem Preis
gebürt.
Du, dessen
Leib der Regenwolke,
dessen Kleid
den Blitzen gleicht,
dessen Antlitz
leuchtend glänzt,
im Schmuck
der Gunjablüten hinterm Ohr
und der Pfauenfeder;
Du, mit dem
Waldblumenkranz,
des Hirtenkönigs
Sohn ...
Du, mit der
Hand voll Mundvorrat
und dem Stock
und dem Horn und der Flöte,
Du mit den
zarten heiligen Füßen,
der Du heilige
Liebe selber bist
[und dem die
heilige Liebe gehört].
Aus dem Kelch
unserer Sinne trinken wir hier
[im Vergänglichen]
immer wieder
und wieder
den süßen
Nektar,
den Rasa,
der von Deinen Lotusfüßen tropft.
O, Gott, nur
wer ein Stäubchen Gnade
von Deinem
Lotusfüßepaar empfangen hat,
nur der weiß
von der Glorie Bhagavaans
kein anderer,
wie lang er auch forscht.
Denn diese
Wandelwelt ist nicht wirkliches SEIN.
Es ist traumbildgleich,
aller Weisheit
leer
und voll schwerem,
schwerem Leiden. -
In Dir jedoch,
o Du Unendlicher,
in Deiner
Gestalt
aus Ewigkeit
und Weisheit und Wonne
gründet sie,
die Welt.
Aus Deiner
Maya steigt sie auf,
und sinkt
wieder in sie hinein.
Und deshalb
erscheint die Welt als wirkliches Sein,
[weil sie
in Dir gründet].
Der EINE,
der Uranfang, das bist Du.
Was außerhalb
von Dir erschaut ward,
das ist Maya.
Wie wardst
Du doch zu Deinen vielen Freunden
und zu den
Kälbern, die in Vraja weiden?
Wie wardst
Du zu den Gottgestalten, den vierarmigen
von allen
Welten angebetet, auch von mir.
Und zu den
vielen Welten wardst Du auch ...
Doch auch
das zweitlose Brahman bist Du.
O maßloses
Glück, o maßloses Glück
der Bewohner
von Vraja,
deren Freund
das ewige höchste Brahman,
die Fülle
der höchsten Wonne ist.
O höchst gesegnet
sind die Frauen von Vraja
- und die
Kühe von Vraja.
Der Nektar
ihrer Muttermilch ward
voll Wohlbehagen
von Dir getrunken,
als Du, Alldurchdringer,
die Gestalt
von Kälbern und Knaben annahmst,
wo doch zu
Deiner Zufriedenstellung,
alle Opfer
der Welt
bis zum heutigen
Tage nicht ausreichen.
O unbeschreibliches
Glück,
wer hier im
Wald von Gokula Geburt finden konnte
als ein noch
so niedriges Wesen.
Wer baden
könnte im Staub der Füße der Gopis,
deren ganzes
Leben Mukunda ist.<<
[Bhagavatam 10,14; 1,3,22,18,32,31,33]
Brahmas größter
Hymnus an Krishna, der im Urtext neununddreißig Strophen umfaßt, erhebt sich
vom preisenden Dienen im Dasya-Rasa, einem Rasa, dem der Weltschöpfer selbst
angehört, bis zum Ahnen der Wonne vertraulicher Gottesfreu