>>Die Indische

Gottesliebe<<

Verfasser: Walther Eidlitz

transzendentale Literatur
Index

 

Verlag OTTO WALTHER,

OLTEN und FREIBURG im BREISGAU

 

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort......................................................................

Erster Teil

Der Lebensstrom des Unvergänglichen

I Das Unvergängliche...................................................

II Die Mannigfaltigkeit im Unvergänglichen...................

III Das Spiel im Unvergänglichen.................................

IV Die Verzückung im Unvergänglichen.......................

V Fünf Wogen des Unvergänglichen............................

Zweiter Teil

Das Geliebteste Buch der Hindus

VI Das Bhagavata-Purana...............................................

VII Vyasa, der Weltenlehrer empfängt das Bhagavata-Purana.......

 

Dritter Teil

M A Y A

VIII Die Drei Ketten der Maya................................................

IV Das Land jenseits der Ketten..........................................

Vierter Teil

KRISHNA

X Krishna‘s Lächeln..........................................................

XI Krishna‘s Avatare ............................................................

XII Christus und die Avatare.....................................................

XIII Die Namen Krishnas ..........................................................

XIV Das Singen des Gottesnamens............................................

Fünfter Teil

SZENEN AUS DEM GÖTTLICHEN SPIEL

[nach dem Bhagavata-Purana und Padma-Purana]

XV Krishna unterweist seinen Freund Uddhava.......................

XVI Krishna und die jungen Kuhhirten..................................

XVII Krishna und die jungen Kuhhirtinnen................................

XVIII Der Rasatanz.................................................................... .

XIX Krishna und Radha, das göttliche Paar................................

XX Zuflucht bei dem göttlichen Paar......................................

Sechster Teil

DAS AUFLEUCHTEN DER

GOTTESLIEBE

XXI Der Weihekreis von Vrindavan .....................................

 

Siebenter Teil

DAS NEUE SPIEL

XXII Krishna Chaitanya..........................................................

 

ANHANG

Anmerkungen..........................................................................

Literaturnachweis...................................................................

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GOTT IST IMMERDAR Und ÜBERALL gegenwärtig. Gottes Gestalt ist ganz Fülle und Seligkeit. Durch Seine immerdar und überall gegenwärtige Kraft erkennt und erlebt Er sich selbst. Wenn Er oder einer Seiner Ewig-Beigesellten den Gottgeweihten erwählt, dann ergreift diese Kraft dessen Herz, dessen ewiges Selbst. Diese Kraft ist Gottesliebe. Sie ist die Kraft Gottes, Ihn zu erkennen, Ihn zu erleben und sich selbst - wo immer es sei - in ewig wachsender Verzückung von Ewigkeit zu Ewigkeit zu Gottes Freude hinzuschenken. Und der aus Ihm selbst stammenden selbstlosen Liebe ganz zu erliegen, eben das ist Gottes größte Seligkeit.

>> Priti-Sandarbha<< von Jiva Gosvami [etwa1513-1597]

 

Vorwort

Bekanntlich ist erst in den Jahren 1801 und 1802 im Abendland die erste Übersetzung der Upanishaden erschienen. Vorher war die große, wunderbare Welt der indischen Erfahrung des Unvergänglichen im Westen noch fast unbekannt. Auch die weite Welt des Buddhismus war noch verborgen. Seither haben sich eine große Anzahl europäischer und amerikanischer Gelehrter emsig bemüht, die alten indischen Urkunden zu erforschen, zu zergliedern, textkritisch zu analysieren und zu datieren. Ihr Werk füllt ganze Bibliotheken. Insbesonere mit der Advaita-Lehre des großen indischen Philosophen, Shankar-acharya, [etwa 800 Jahre nach Jesus Christus] hat sich die abendländische Indologie in solchem Ausmaß befaßt, daß die Mehrzahl der Menschen im Westen, die sich für indische Geistigkeit interessieren, bewußt oder unbewußt, Shankar-acharya‘s System, seine Deutung der Upanishaden für die indische Philosophie ansehen.

In den letzten Jahrzehnten hat man auch begonnen, sich mit den bedeutenden Lehrsystemen zu beschäftigen, die im Mittelalter der Philosophie Shankar-acharyas entgegengestellt wurden, mit der Verkündigung einiger Meister der indischen Gottesliebe [Bhakti], zum Beispiel Ramanuja [geboren:1027], Madhva [1199-1278] und so weiter. Doch eine der wesentlichsten Strömungen des uralten indischen Theismus, die Traditionsfolge der Gottesliebe, mit der sich Krishna Chaitanya [1486-1533] verband, ist seltsamerweise trotz einiger verdienstlicher Hinweise im Abendland bisher noch fast unbekannt geblieben. Nur ein ganz geringer Bruchteil der ungeahnt reichen Literatur dieser Bewegung ward bisher übersetzt.

Der Autor hatte sich ursprünglich die Aufgabe gestellt, auf Grund der zahlreichen Originalquellen in Sanskrit und Altbengalí eine Lebensgeschichte Krishna Chaitanyas zu schreiben, des Mannes, dessen Leben und Verkündigung in seinem Heimatland seit über vier Jahrhunderten >>der geheime Schatz Indiens<< genannt wird.

Doch als der Verfasser nach gründlicher Vorbereitung ans Werk ging, merkte er, daß es unmöglich ist, diesen erstaunlichen Lebenslauf einem abendländischen Leserkreis darzustellen, wenn nicht zuerst der geistige Raum anschaulich gemacht wird, in dem sich das Leben Krishna Chaitanyas und seiner Jünger abspielt. Es ergab sich die Notwendigkeit, die Gottesoffenbarung aufzuzeigen, die das Herz dieser Gottgeweihten bewegt und die Ströme der mehrtausendjährigen Tradition, in denen sie stehen und aus denen sie schöpfen.

So kam es zu dem vorliegenden Buch, das von der Indischen Gottesliebe im Sinne Krishna Chaitanyas handelt.

Dem Verfasser war vergönnt, sich nicht nur auf Buchwissen und Studium der Originaltexte und der mittelalterlichen Kommentare zum Bhagavata-Purana und anderer heiliger Schriften der Bhakti beschränken zu müssen; er durfte auch während seines vieljährigen wiederholten Aufenthaltes in Indien einigen hervorragenden Vertretern der Gottesliebe aus der Strömung Krishna Chaitanyas freundschaftlich nahekommen. In seinem Buche >>Bhakta, eine Indische Odyssee<<, Claaßen, Hamburg 1951, hat er über das menschliche Erleben dieser Jahre in Indien berichtet. Das Wort Bhakta bedeutet Gottgeweihter.

In der vorliegenden Schrift wird der Versuch unternommen, darzulegen, wie die Angehörigen der Strömung Krishna Chaitanyas seit Alters her das Unvergängliche erleben und wie sie den Inhalt der Veden und Upanishaden, der Bhagavadgita und Puranas, vor allem des Bhagavata-Puranas und anderer indischer heiliger Schriften auffassen.

Es handelt sich um eine der streng theistischen Traditionsfolgen [sampradaya] innerhalb der uralten, weitverzweigten religiösen Strömung der indischen Vaishnavas.

Das Sanskritwort vaishnava bedeutet: dem Vishnu [Vishnu] zugehörig, dem >>Allschauenden<<, >>Alltragenden<<, der als >>stiller Zeuge<<, in jedem Herzen weilt und der sich als Krishna offenbarte.

Das für Traditionsfolge angewendete Wort sam-pra-daaya kann folgendermaßen übersetzt werden: Unverfälscht, treu [sam] weiter [pra] geben [daaya]. Die indische Definition für eine derartige Traditionsfolge oder Sampradaaya lautet: >>Weitergeben wir jene Offenbarung, die einstmals von Gott selbst erteilt wurde. Und diejenigen, die in nie abreißender Kette die Offenbarung weiterleiten, sind große Meister, die nicht nur die treue Überlieferung der Wahrheit von ihrem Guru empfingen, sondern in ihrer eigenen Seele selbst immer wieder von neuem die Erfahrung der ewigen Wahrheit gemacht haben.<<

Der bedeutendste Vertreter dieser Strömung der indischen Gottesliebe, die im Lande "Gauda", dem heutigen Bengalen, zur größten Blüte gelangte, ist Krishna Chaitanya.

Was der Verfasser in langen Jahren des Lernens und Lauschens unter kundiger Führung von seinem Guru Swami Sadananda und dessen Freunden erfahren hat und was er sehr lückenhaft wiederzugeben versucht, weicht oftmals beträchtlich von den derzeitigen Anschauungen der modernen Religionswissenschaft ab.

Unter anderem wird zum Beispiel die übliche unter dem Einfluß Shankaracaryas entstandene Einteilung der Upanishaden in klassische und sektiererische innerhalb dieser Strömung keineswegs anerkannt +1 , ebensowenig die derzeit im Westen herrschenden Annahmen über die Entstehung und Datierung des sogenannten >>vedischen Schrifttums<<.

Die Inder sind kein Volk der Schrift. Obwohl die Kunst des Schreibens im indischen Kulturkreis sehr alt ist, wurde diese Fertigkeit durch viele Jahrhunderte, ja wahrscheinlich durch Jahrtausende, bloß für Handelsgeschäfte, Rechtsangelegenheiten und andere profane Zwecke angewendet. Doch die Geheimlehre vom Unvergänglichen wurde in Indien durch unübersehbare Zeit nicht schriftlich fixiert, sondern in mündlicher Überlieferung vom Mund des Gurus, des Geisteslehrers, zum lauschenden Ohr des Schülers weitergegeben.

Die Upanishaden und Puranas sind voll von Berichten, wie ein sehnsüchtig Strebender einen Guru aufsucht, von diesem in mannigfaltiger Weise geprüft wird und erst nach bestandener Erprobung als Schüler angenommen wird.

So wie die Bibel, das Alte und Neue Testament, durchrankt ist von der Aufzählung physischer Geschlechterfolgen, die von Adam bis zu Jesus von Nazareth führen, so sind die indischen heiligen Texte durchrankt von den Aufzählungen geistiger Geschlechterfolgen, von den langen Namenreihen aufeinanderfolgender Gurus und ihrer Schüler, die dann selbst wieder zu Gurus werden und das geheime Geistesgut ihrem vertrauten Schüler weitergeben..

Die am Schluß der Brihad-Aranyaka-Upanishad, der im Wald erteilten großen geheimen Unterweisung, angeführte Namenreihe zählt nicht weniger als zweiundfünfzig Namen aufeinanderfolgender Gurus auf.

An anderer Stelle derselben Upanishad wird der Schüler angewiesen, er möge nach dem Singen des Gayatri-Mantras die Namen der aufeinanderfolgenden Lehrer in der Gurufolge andächtig vor sich hinmurmeln ... So wichtig erscheint dem upanishadischen Seher, daß sich der Schüler jeweils mit der Macht der lebendigen Tradition verbindet, daß er in fünfmaliger feierlicher Wiederholung dort ausspricht: >>Sogar an einem trockenen Holzstumpf würden dadurch Zweige entstehen und Blätter daraus hervorsprossen<< [Brihad-Aranyaka Upanishad 6,3; 7-12].

Die Gurureihe dieser Upanishad, von denen eine aus frühester Vorzeit durch weite Zeiträume bis zu dem kastenlosen Jungen Satyakama Jabala führt, der dann selbst ein großer Guru wird, ist mit diesem nicht zu Ende. Sie verzweigt sich und führt durch weitere Jahtausende bis in unsere Tage. Auch die verschwisterten Gurureihen, deren Anfangsglieder in der Bhagavadgita und in den Puranas angeführt werden, leiten lückenlos weiter bis in unsere Zeit. Es wird behauptet, daß es in Indien seit dem vedischen Zeitalter niemals eine Generation gegeben habe, da nicht einige Gurus das Unvergängliche in all seiner Realität erlebten und ihren Schülern eröffneten.

Indien befindet sich heute in einem großen Umbruch. Seit der Verfasser im Frühjahr 1938 zum ersten Mal den Boden Indiens betrat, hat sich dort unerwartet viel verändert. Eine scheinbar unerschütterlich gegründete Ordnung, die noch an die Lebensweise des Mittelalters gemahnte, ist im Verlauf weniger Jahre in weiten Kreisen in die hektische Lebensart einer chaotisierten modernen Welt übergegangen mit all unserer Unruhe und Ratlosigkeit. Entwurzelt stürzen sich aufgeschreckte Menschenmassen in die Arme eines mißverstandenen Materialismus, Atheismus, Kommunismus. Andere werfen sich in die Arme wilden Aberglaubens. Ein Gott wird gesucht, der Brot gibt und Lippenstifte und freien Kinobesuch.

Auch über die Traditionsströme des uralten indischen Theismus türmt sich ein Schutt des Umbruchs, aber einzelne große Gurus leben und wirken noch. Deshalb wird hier der Versuch gewagt, ehe es vielleicht zu spät ist, einiges aus dem Leben der mündlichen Überlieferung darzustellen; doch nicht wie es üblich ist, von außen her kritisch und analysierend betrachtet; es wird vielmehr angestrebt, ein bisher wenig bekanntes Gebiet indischer Mystik derart darzustellen, wie es mit den Augen der indischen Seele gesehen wird.

Hie und da wird auf verschwisterte Stellen aus den Evangelien und aus dem Alten Testament und auf Worte von christlichen Mystikern hingedeutet. Es wird auch aufgezeigt, wie der indische Gottgeweihte auf die Evangelien hinblickt. Das geschieht aber keineswegs, um indische und christliche Mystiker gegeneinander auszuspielen und auch nicht, um die Unterschiede zu verwischen und die viel verbreitete Meinung zu bestärken, die mystische Erfahrung des Unvergänglichen sei überall die gleiche. - Die Gottschauung der indischen Bhakti kennt Erfahrungen, die der abendländischen Mystik fremd sind. -

Die angewendeten Assoziationen aus unserem Kulturkreis sollen bloß dazu helfen, dem Leser den Zugang zu dem ungewohnten Erleben der indischen Gottesmystik zu eröffnen.

Schon Betty Heimann hat in ihrem Werk >>Studien zur Eigenart des indischen Denkens<< +2 betont: >>Indien stellt den Indologen all und überall vor die verzweifelt schwere Aufgabe, sich von den geläufigen westlichen Denknormen zu lösen... Der übliche Forscherweg des Intellekts und der Logik führt nicht in das Herz der indischen Erfahrung und in die Erkenntnis des unvergänglichen Seins hinein, so wie es in den Berichten der Veden und Upanishaden geschildert wird.<<

Das Blickfeld des vorliegenden Werkes beschränkt sich auf die Krishna-Bhakti, die Gottesliebe, wie sie vorzugsweise im Bhagavata-Purana und in der Strömung Krishna Chaitanyas zu Tage tritt. Wenn von Gottgeweihten, von Bhaktas die Rede ist, werden fast ausschließlich Gottgeweihte in der Nachfolge Krishna Chaitanyas gemeint. Andere große Bereiche der Krishna-Bhakti und die Gottesliebe der vielen, die in Indien den EINEN, den Höchsten, als Rama, Shiva, als große Mutter und so weiter verehren, liegen fast jenseits des Horizonts.

In den Anfangskapiteln kommen manche ungewohnten Namen und Begriffe vor. Aber die Andeutung der Vielschichtigkeit einzelner Schlüsselworte der Sanskritsprache erwies sich als notwendig, um die Tiefe der später wiedergegebenen Texte aus der indischen Gottesliebe einigermaßen ahnen zu lassen.

Bei den Übersetzungen aus den Upanishaden habe ich bestehende Übertragungen zu Rate gezogen und nach Vergleichung mit dem Urtext teilweise angewendet +3. Die übrigen Übersetzungen aus der Bhagavadgita, dem Bhagavata-Purana und anderen Schriften der indischen Gottesliebe, vor allem der Literatur der Chaitanya-Bewegung, sind vom Verfasser.

Nur jemand, der selbst einmal sich bemüht hat, Sanskrittexte aus dem indischen Mittelalter in eine europäische Sprache zu übertragen, kann die Schwierigkeiten ermessen, die sich aus der Vieldeutigkeit des Ausdrucks ergeben. Zuweilen wurden zur Aufhellung des Sinns Stellen aus alten Kommentaren in Klammern eingefügt. Die Entstehung dieses Buches wäre nie möglich gewesen ohne die unschätzbare Hilfe und Mitarbeit meine Freundes und Lehrers, Swami Sadananda [Dr.phil.Ernst Georg Schulze]. Auch in den Jahren, da der Lehrer und Schüler räumlich getrennt waren, hat diese Hilfe nie ausgesetzt. Ungezählte Luftpostsendungen mit wertvollem Material sind in dieser Zeit aus Bengalen, Orissa und Benares zu mir nach Schweden gekommen. Sadananda sei hier von ganzem Herzen Dank gesagt. Und ebenso meiner Frau, die mir in all den Jahren unermüdlich und aufopferungsvoll als Mitarbeiterin beistand.

Diese Arbeit verdankt ihre Entstehung auch der stetigen Ermunterung und dem Vertrauen von Professor, Ernst Arbman, Stockholm. Auch ihm sei an dieser Stelle warmer Dank ausgesprochen.

Mein Dank gilt auch den vielen hilfreichen Menschen in den indischen Staaten Westbengalen, Orissa und Uttar-Pradesh, die mir während meines letzten Studienaufenthalts in Indien in mannigfaltiger Weise beistanden.

Bergslund, Schweden, Sommer 1955 W.E.

 

 

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Erster Teil

Der Lebensstrom des Unvergänglichen

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

sind Schlüssel aller Kreaturen,

wenn die, so singen oder küssen,

mehr als die Tiefgelehrten wissen,

wenn sich die Welt ins freie Leben

und in die Welt wird zurückbegeben,

wenn dann sich wieder Licht und Schatten

zu echter Klarhet werden gatten,

und man in Märchen und Gedichten

erkennt die ewgen Weltgeschichten,

dann fliegt vor einem geheimen Wort

das ganze verkehrte Wesen fort.

NOVALIS

 

Index

 

I. Das Unvergängliche

Die meisten Indologen und Religionswissenschaftler des Abendlandes sehen die upanishadische Lehre vom Unvergänglichen, vom Atman, wie sie auch in der Bhagavadgita und zahllosen indischen Urkunden zum Ausdruck kommt, als eine bloße Theorie und Spekulation an. Für die altindischen Seher aber, ebenso wie für manche hervorragende indische Philosophen unserer Tage, ist das Unvergängliche, der Atman, das Brahman keineswegs eine Theorie oder Spekulation. Auch wenn diese indischen Gelehrten in Oxford und Cambridge studiert und sich alle westliche Bildung unserer Zeit angeeignet haben, sehen sie doch in dem ewigen Atman eine lebendige Wirklichkeit, das Gewisseste des Gewissen, die Realität aller Realität, das SEIN alles Seins, die Wahrheit der Wahrheit [satyasya satya]. An allem und jedem mögen diese Denker zweifeln, aber gewiß nicht an der Existenz des ewigen Atman. Das Unvergängliche, der Atman, das Brahman ist für sie keine Theorie, sondern eine Erfahrung.

>>Nicht durch Reden, nicht durch Denken,

nicht durch Sehen erfaßt man Ihn.

“Er ist!” Durch dieses Wort wird Er

und nicht auf andere Art erkannt.<<

[Katha-Upanishad 6,12]

Die mit dem Verstand unbegreifliche Erfahrung des Atman zu machen, war zu jeder Zeit, zumindestens während der letzten drei Jahrtausende, und ist noch heute die drängende Sehnsucht zahlloser suchender Menschen in Indien. Noch imer beten und meditieren täglich Millionen Hindus voll Andacht die Worte des upanishadischen Sehers, die an das Unvergängliche gerichtet sind:

>>Aus dem Unwirklichen führe uns in die Wirklichkeit.

Aus Dunkelheit führe uns ins Licht.

Vom Tode führe uns zur Unsterblichkeit.<<

[Brihad-Aranyaka Upanishad 1,3,28]

In derselben Upanishad heißt es: >>Weil sie Ihn, den Atman, als ihre Heimat begehren, verlassen sie die Welt.<< [Brihad-Aranyaka Upanishad 4,4,22]. Weil ihnen die Erlangung des Atman wichtiger ist als alles Irdische, verlassen sie alles, was sich nur auf irdische Maßstäbe bezieht, verlassen sie Besitz, Heim, Familie ... Es ist ergreifend, in dem indischen Schrifttum aus Jahrtausenden das Ringen um das Unvergängliche zu verfolgen. Entsagung war stets der Weg der sehnsüchtigen Seelen. Das innerliche Loslassen alles dessen, was die Menschen auf der Erde lieben und was sie an die Erde bindet. >>Diejenigen, die aufgehört haben zu dürsten<< oder >>diejenigen, die nicht mehr irgend etwas für sich haben wollen<<, werden diese Sucher genannt. Auch das Wort >>Sannyasi<<, das heißt Verzichter, eine andere Bezeichnung für den hauslos schweifenden indischen Mönch, der sogar außerhalb des alle anderen bergenden religiös-sozialen Gesetzes steht, ist im Einklang damit. Die upanishadischen Worte:

>>Ohne Verlangen,

frei von Verlangen,

mit gestilltem Verlangen,

Atman sein Verlangen<<,

[Brihad-Aranyaka Upanishad 4,4;6]

bezeichnen Wegstufen ihrer Wanderung, dem Unvergänglichen zu. Es sind Stadien eines sich sacht aus den Bindungen des Irdischen herauslösenden und zur ewigen Wirklichkeit erwachenden Bewußtseins.

Die Sucher wandten ihren Blick nach innen. Sie blickten in tiefer Versenkung in den Grund ihrer eigenen Seele. Und da fanden sie Ihn, den >>Selbstleuchtenden<<, den >>Ewigwachen<<, >>den das Auge nicht sieht, aber der das Auge ds Auges ist<< und ohne den das Auge nimmer sehen könnte. Sie fanden Ihn, >> den das Ohr nicht hört, aber der das Ohr des Ohres ist<< und ohne den das Ohr nimmer hören könnte. Sie fanden Ihn, den der Menschengeist nicht erkennt, aber welcher der Geist des Geistes ist<< und ohne den der Geist nimmer erkennen könnte. Sie fanden den >>unerkannten Erkenner<<, den >>inneren Anschauer von allem<<. Sie fanden das SELBST, die ewige Selbstheit, die frei von aller Selbstsucht ist,den ATMAN.

Einer, der vor Jahrtausenden diesen inneren Weg zu Ende gegangen war, brach in die Worte aus:

 

 

>> Der ATMAN ist das von aller Unwissenheit und

Finsternis und Verblendung völlig befreite ICH.<<

(Nrisinha - Uttara - Tapaniya - Upanishad)

Als der Seher dann aus tiefer Versenkung auftauchend, den Blick nach außen wandte und um sich schaute, da erkannte er - mit der Kraft des Atman schauend - daß auch in der Außenwelt alles vom unvergänglichen Atman umhüllt und durchdrungen war. Das Unzerstörbare war der innerste unvergängliche Grund jedes Dings und jedes Wesens, jedes Staubkorns und jeder Sonne. >>Der ganze Weltraum ist darein eingewoben und verwoben<< sagt der Seher seiner Schülerin Gargi in der 'Brihad-Aranyaka Upanishad' [3,8;11].

Da die Sucher nach der ewigen Wirklichkeit das Unvergängliche im Grund ihres eigenen Selbstes fanden, nannten sie es das [wahre] Selbst [aatman]. Da sie das Unvergängliche auch als ein das ganze Weltall umfassendes Großes fanden, nannten sie es das Große das Brahman +4 .

Die in vielen Jahrhunderten indischer Geistesgeschichte immer wiederkehrende klassische Definition für das Brahman lautet: >>Weil es groß ist und weil es groß macht, wissen sie es als das höchste Brahman<<

[brihat-tvaad brihangatvaat ca tad brahma paramang viduhu. -

Vishnu Puraana 1, 12,57].

In knappen Sätzen, die man zuweilen die >> großen Worte<< [mahaa vaakyam] der Upanishad nennt, haben einzelne Meister der altindischen Geheimlehre versucht, die Beziehung des Unvergänglichen in der eigenen Seele zu dem großen Unvergänglichen, welches das ganze Weltall umhüllt und durchdringt, auszudrücken:

>>tat tvam asi<< : >>Das bist du!<< [jenes Unvergängliche, das bist du, das ist dein innerstes Selbst].

Ein Seher hat die gewaltige Gleichung aufgestellt:>>brahma-aatma-aikyam<<, das heißt: >>Das Brahman und der ATMAN sind eins.<<

Ein Seher verkündete: >>aham brahmaasmi<< - >>Ich bin - das Brahman.<<

Sowohl die Wissenssucher, die Jnanis, als auch die Gottgeweihten, die Bhaktas, sehen in den Aussagen der Upanishad nicht bloßes Menschenwort, sondern Offenbarung ewiger Wahrheit. Und doch scheidet die Deutung des vorgenannten und anderer grundlegender Worte der Upanishad den Strom der indischen Geistigkeit in zwei verschiedene Strombetten, so wie ein ins Wasser ragender gewaltiger Felsen eines Gebirges die Flut eines brausenden Stroms in zwei Arme teilt. Diejenigen Yogis, die gleich ihrem Meister Shankara-charya den Pfad des Wissens [jñaana] gehen, nehmen den vorgenannten Satz der Upanishad: >>aham brahmaasmi<< in seiner erschütternden buchstäblichen Bedeutung: >>Ich bin das Brahman<<. Sie sagen: >>Das wahre Ich-selbst [aatman] jedes Wesens ist vollkommen identisch mit dem Brahman<<. Als Aufgabe ihres Lebens sehen sie es an, sich der immerwährenden Identität ihres ewigen Selbstes mit dem allumfassenden Brahman, >>außer dem es nichts zweites gibt<< bewußt zu werden. Diese Jnanis erleben das Brahman als grenzenloses reines Bewußtsein, und sie betonen, daß das Brahman gestaltlos, eigenschaftslos, kraftlos, wirkenslos +5 ist.

Ihre Lehre beruft sich auf den Satz der Upanishad: >>Nicht gibt es Vielheit irgendwo<<. Sie sagen: Alle Vielheit von Dingen und Wesen, alle Vielheit von verschiedenen Seelen ist Täuschung. Die ganze Welt ist Täuschung. Auch die Zweiheit Mensch-Gott ist im Sinne Shankaracaryas eine erhabene Illusion.

Diese Jnanis streben danach, in das gestaltlose eigenschaftslose Brahman einzugehen und mit ihrem eigenen begrenzten Bewußtsein in das grenzenlose Bewußtsein, das Brahman genannt wird, zu versinken. Dieses Versinken bedeutet für sie Befreiung [mukti] von der Unruhe und der Wirrsal der Welt; die erstrebte Befreiung von dem brennenden Leid des endlosen Kreislaufs der Geburten und Tode.

Kennzeichnend für den Pfad und für das Ziel der Jnanis ist die folgende Upanishadenstrophe:

>>Wie Ströme rinnen und im Ozean

- aufgebend Namen und Gestalt - verschwinden,

so geht, erlöst von Name und Gestalt,

der Weise ein zum göttlich höchsten Geiste.<<

[Mundaka-Upanishad 3 ,2 ;28]

Shankaracarya betont: Ein Jnani, der das Ziel erreicht hat, er hat nicht Wissen, er ist Wissen.

Die Bhaktas, diejenigen, die sich Gott geweiht haben und deren Weg und Ziel Gottesliebe ist, erleben den vorhin zitierten Satz der Upanishad >>aham brahmasmi<< in grundlegend anderer Weise. Ihre Erfahrung ist:

>>Ich bin von der Natur des Brahman. Ich gehöre zum Brahman, zu dem Unvergänglichen, sowie der Sonnenstrahl zu der Sonne gehört.<<

Derartige Gleichnisse, wie Sonnenstrahl und Sonne, Funken und Feuer, Früchte und Fruchtbaum, die oft in der indischen Mystik vorkommen, aber durchaus nicht auf die indische Mystik beschränkt sind [vergleiche >>Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben<< Joh.15,5], weisen auf ein Mysterium hin, das für die Chaitanya-Bhaktas von zentraler Bedeutung ist.

Innerhalb der Kathegorie ATMAN offenbart sich ihnen eine ungeahnte Vielfalt:

>>Wahrlich auch im ATMAN ist wundersame

Mannigfaltigkeit<<

[aatmani eva caiva vicitrashca hi].

[Brahma-Sutras 2,1,28]

Innerhalb der Ruhe und des tiefen Schweigens des Atman, erleben die Bhaktas Spannung und Bewegung, erleben sie ein tief verborgenes, dramatisches Wechselspiel. Die Chaitanya-Bhaktas und auch andere Bhaktas sprechen von dem Mysterium acintya-bhedaa-bheda [bheda-abheda]. Das bedeutet: Ein unausdenkbares [acintya] Getrenntsein [bheda] und gleichzeitiges Nichtgetrenntsein [abheda] des individuellen Atmas vom ATMAN aller Atmas, des Strahls von der Sonne, der liebenden Seele vom geliebten Gott.

Große Lehrer des Vedanta haben im Lauf der Zeit in den blühenden Urwald der Upanishaden Schneisen und Straßen geschlagen und die vielen verschiedenen Aussagen über das Unvergängliche zu Systemen geordnet. Der philosophische Genius Shankaracarya hat derart ein mächtiges Lehrgebäude der Zweitlosigkeit [advaita-vaada] errichtet.

Jene Aussagen der upanishadischen Seher, die mit seiner Anschauung im Widerspruch standen, hat Shankaracarya vernachlässigt oder umgedeutet oder kurzerhand als >>vorläufige<< Unterweisung für die geistig Minderbemittelten hingestellt. Der Bhakta Madhva hat auf Grund derselben Upanishaden ein streng dualistisches System aufgestellt, die Upanishadenstellen mit dualistischer Tendenz hervorgehoben und die entgegengesetzten Aussagen umgedeutet, oder vernachlässigt. Der Bhakta Ramanuja hat die Vielfalt in der Einheit gesehen. Noch stärker als er hat Krishna Chaitanya den heimlichen Pulsschlag alles göttlichen vernommen und verkündet, die lebende Beziehung zwischen Vielheit und Einheit, die weder vollkommene Identität noch vollkommene Verschiedenheit ist. Es handelt sich hier nicht um ein System im gleichen Sinn wie bei den dualistischen oder monistischen Anschauungen, heben die Chaitanya-Bhaktas hervor, sondern um ein rückhaltloes >>ja<< zu der uns widerspruchsvoll erscheinenden Natur des Unvergänglichen, in dessen Fülle weder statische Identität, noch statische Dualität herrscht. Krishna Chaitanya, der es nicht ertrug, philosphische Darstellungen anzuhören, die das Reich des Unvergänglichen in starr monistischer oder starr dualistischer Weise einengten, hat die Dynamik [die dynamische Identität] innerhalb der wundersamen Mannigfaltigkeit des Atman offenbart.

Die folgende unergründlich tiefe Upanishadenstrophe, die von der göttlichen Fülle kündet und die der Guru in Indien oftmals singt, bevor er seinem Schüler eine der Upanishaden zu erklären beginnt, mögen als Leitmotiv auch für die Ausführungen des vorliegenden Buches dienen:

A U M

puurnam adaha puurnam idam puurnaat puurnam udacyate.

puurnasya puurnam aadaaya puurnam evaavashishyate.

>>Jenes ist die Fülle, dieses ist die Fülle.

aus der [unendlichen] Fülle ward

die [unendliche] Fülle hervorgebracht.

Auch wenn die Fülle die Fülle entläßt,

bleibt doch die [ursprüngliche] Fülle

[unvermindert] voll.<<

[Brihad-Aranyaka Upanishad 5 ,1,1]

Die Realität der Erfahrung jener, die wahrhaft den Pfad des Ynana-Yoga gehen, wird von den Gurus der indischen Gottesliebe in der Strömung Krishna Chaitanyas keineswegs geleugnet. Der Unterschied liegt darin, daß die ewige Wirklichkeit von den Jnanis gleichsam statisch und von den Bhaktas dynamisch erlebt wird.

 

II. Die Mannigfaltigkeit im Unvergänglichen

Die Upanishaden werden immer wieder durchhallt von dem Schrei: neti neti [na-iti na-iti], >>nicht so und nicht so!<< Weder dieses, noch dieses in der Sinnenwelt und in der Welt der menschlichen Gedanken ist der Atman, das Unvergängliche. - Auch in den Reden des Buddha kehrt die gleiche Feststellung zahllose Male wieder.

Der upanishadische Seher klagt: >>Die Worte weichen zurück vor Ihm und ebenso der Menschengeist, ohne Ihn erlangt zu haben<< [Taittiriya-Upanishad 2, 9]. Meistens haben sich die Seher damit begnügt, ihre Erfahrung des Unvergänglichen durch Negation anzudeuten, durch Ausscheidung alles dessen, was der Atman nicht ist. In den immer wiederkehrenden Kennzeichnungen: un-vergänglich, un-aussprechlich, un-ausdenkbar, un-befleckbar, liegt bereits die negative Formulierung, Abstoßen von allem Sinnenhaften, Abstoßen von allem, was mit Verstand und Vernunft und Logik erfaßbar ist. So sagt zum Beispiel die Brihad-Aranyaka Upanishad [3,8,8]: >>Das, was die Weisen das Un-vergängliche nennen, ist nicht grob, und nicht fein, nicht kurz und nicht lang, ohne Raum ... ohne Tod, ohne Furcht, ohne Inneres und ohne Äußeres.<<

Die Bhagavadgita, welche die Essenz der Upanishaden wiedergibt und die unter anderem eine große Belehrung über die verschiedenen Yogawege darstellt, die zum Un-vergänglichen führen, sagt in ähnlicher Weise über den Atman:

>>Er ist unzerstörbar. Niemand hat die Macht, diesen Unzerstörbaren zu vernichten. Das Schwert schneidet Ihn nicht. Das Feuer brennt Ihn nicht, das Wasser netzt Ihn nicht. Der Wind trocknet Ihn nicht aus. Nicht wird Er jemals geboren, noch stirbt Er jemals... Er ist immer Er selbst ... unausdenkbar.<<

[Bhagavadgita 2; 17,20 ,23 ,25].

Aber die in den Upanishaden und in der Bhagavadgita und den anderen Urkunden immer wiederkehrende Negation bedeutet keineswegs, daß die Erfahrung des Unvergänglichen (des Atman) nicht gemacht wurde. >>Diese Negation ist kein Bekenntnis der Unwissenheit, sondern nur ein Zusammenbruch aller Menschensprache vor der überwältigenden Erfahrung des Unvergänglichen.<< +6 Wenn der Atman sich offenbart, leuchtet Er mit einem solchen überweltlichen Lichte auf, daß alle Sinnenschau daneben erlischt.

Was ist der Atman?

Bevor wir weitergehen, ist es notwendig, das Wort Atman rein sprachlich klar zu erfassen. Fast jede esoterische Erklärung des Guru beginnt mit einer nüchternen sprachlichen Analyse der Schlüsselworte eines Textes, im Einklang mit der Einsicht der indischen Sprachgelehrten.

Schon eine sprachliche Betrachtung des Wortes Atman anhand der Wörterbücher läßt die Mannigfaltigkeit und Vielschichtigkeit dieses Ausdrucks erkennen. Seine Bedeutungsschichten reichen aus der Unendlichkeit des Unvergänglichen gleichsam im Schattenbild seiner zentralen Bedeutung bis tief in die Vergänglichkeit von Zeit und Raum hinein.

Die >>Wurzel<< +7 des Sanskritwortes 'aatman' ist die Silbe at, schreiten.

In dem Worte aatman liegt die Bedeutung: Alldurchschreiten, allerfüllen. Atman bedeutet selbst, das Selbst, auch das rückbezügliche Fürwort sich, mit dem der Mensch sich auf sich selbst bezieht. Atman ist in all seinen Bedeutungsschichten eine Bezeichnung für etwas, das jedem Menschen ganz nah und überaus lieb ist. Aber was sehen die Menschen als ihr Nächstes und Liebstes an?

Atman bedeutet im Bereich des Physischen unter anderem

a] den physischen Leib

b] die Lebenskraft [praana],

c] Gefühls- und Willens- und Gedankenleben,

auf sanskrit manas, auf englisch mind

Im Bereich des Unvergänglichen bedeutet das Wort Atman:

d] die individuelle Seele. Gemeint ist nicht das, was der Erdenmensch für

seine Seele hält, sondern das reine Ich oder Selbst, das der Erkenntnis

von Sinnen und Vernunft unerreichbar ist.

e] das Selbst des ganzen Weltalls, der Atman aller

Atmas, der höchste Atman [paramaatman].

f] das gestaltlose, eigenschaftslose Brahman [niraa-kaara-

nirvishesha-brahma].

g] Bhagavan, den überweltlichen persönlichen Gott.

Allen vier letztgenannten Schichten des Wortes Atman im Bereich des Unvergänglichen wohnt die Bedeutung inne: Der Atman ist reine Erkenntnis [cit]. Je nach seiner Wesensart wird der Mensch in Indien seinen physischen Leib oder sein Leben oder sein Manas oder seine individuelle Seele oder das Selbst des ganzen Weltalls, den Paramatman, oder das gestaltlose Brahman oder den gestalthaften personhaften Gott Bhagavan, als sein Nächstes und Liebstes, als sein Selbst, als das Selbst seines Selbstes ansehen..

Bhagavan [Krishna] spricht in der Bhagavadgita:

 

>>Ein Teil von mir

ward in der Welt der Lebewesen

zur Seele, zur ewigen.<<

[Bhagavadgita 15, 7]

In der Bhagavadgita wird der Vorgang gleichsam von Gott her angesehen, der sich selbst im Verlauf seiner ewigen Selbstentfaltung durch alle Stoffesverhüllungen, durch alle Wesen hindurch immer neu erkennt. Von den Menschenwesen aus könnte man die gleiche Erfahrung im Sinne der Bhakti etwa folgendermaßen aussprechen:

Wenn eine individuelle Seele - durch die Gnade Gottes - die Kraft erlangt, sich selbst anzuschauen, da erkennt sie sich nicht nur als ewigen Atman, sie erkennt auch, daß sie dem großen ATMAN [Gott] als ein unverlierbarer Teil zugehört. +8

Dieser große ATMAN ist nach der kühnen Formulierung der altindischen Grammatiker der Ablativ und Instrumental und Lokativ des Weltalls. Die Upanishad sagt über Ihn aus:

>>Aus dem diese Wesen geboren werden +9

durch das sie leben, wenn sie geboren sind +10

und in das sie nach dem Dahinscheiden wieder eingehen...<< +11

[Taittiriya-Upanishad Bhrigu-Valli 1]

Dieses große Unvergängliche wird von den Vaishnavas zunächst erlebt als der göttliche Weltengrund, als der väterlich der Welt zugekehrte Gott, als Vishnu, der im Urbeginn durch die bloße Kraft seines Blickes den ersten Anstoß zur Weltschöpfung gab. Die Strahlenkraft seines Blickes ward zur Gesamtheit der in die Welt hinabgesandten Seelen. Gemeinsam mit diesen Seelen, so wird berichtet, ist der große Vishnu [Mahaavishnu] selbst in den Bereich des Räumlichen und des Zeitlichen eingetreten. - Das Wort Vishnu wird abgeleitet von den beiden Sanskritwurzeln vish und vish, eintreten, durchdringen; aktiv sein. So ward Vishnu zum Alltragenden, Allschauenden, Allseitsantlitz, Allseits-Auge-Seienden, und er trägt und hält und behütet das Weltall und weilt in jedem Herzen als der innere Anschauer, als der stille Zeuge des leisesten Gedankens.

Vishnu, der Alldurchdringende,wird verehrt als der göttliche Herrscher des Weltalls [Jagannaatha, isha, ishvara]. Doch das unendliche Raumesweltall ist keineswegs Vishnus>>höchstes Reich<<.

Schon im Rigveda wird Vishnu als der >>Weithinschreitende<< gepriesen und wird als jener besungen, der wie ein springender Löwe in der Wildnis die >>drei gewaltigen Schritte<< tut. Die moderne westliche Religionswissenschaft deutet die drei gewaltigen Schritte Vishnus als drei Phasen des Sonnenlaufs. Die uralte Tradition der indischen Bhaktas weiß anderes zu berichten. Gemäß dieser Tradition handelt es sich bei den drei mächtigen Schritten Vishnus um ein Schreiten vom Bewußtseinszustand zu Bewußtseinszustand, aus dem Bewußtsein des sinnlich sichtbaren Erdumkreises in ein Bewußtsein des Kosmischen und noch weit darüber hinaus, in das reine Bewußtsein des Unvergänglichen hinein. Es ist auch ein Schreiten durch alle früher aufgezählten Bedeutungen des vielschichtigen Wortes Atman: von der irdischen Materie und dem irdischen Leben zum kosmischen Leben und zum kosmischen Denken und zum Paramatman und zum gestaltlosen Brahman und zu Bhagavan.

Den letzten Schritt Vishnus im Sinne der indischen Geheimlehre zu bedenken, darüber zu meditieren ist atemraubend. Es gilt, aus der Erfahrung des weltbezogenen Gottes in eine noch tiefere Schicht einzutreten, wo es keine vergängliche Welt mehr gibt.

Ein alter, sehr heiliger Mantra +12 des Rig Veda kündet von Vishnu‘s höchstem Schritt und von Vishnus höchstem Reich. Das ist ein Mantra, der seit etwa viertausend Jahren in Indien täglich von andächtigen Menschen vor jeder Mahlzeit, vor jeder Waschung, vor jedem Bad, ja vor jedem Trinken eines Schluckes Wasser meditiert, gemurmelt oder gesungen wird.

>>Jenes ist des Vishnu höchster Schritt.

[Jenes ist des Vishnu höchstes Reich.]

Immerdar schauen es die Weisen +13

wie ein im Himmel ausgebreitetes Auge.<<

[Rigveda 1, 22, 20]

In der vorstehenden Rigvedastrophe wurden die Sanskritworte paramam padam einmal mit höchster Schritt und einmal mit höchstes Reich übersetzt. Sie bedeuten beides. Auch in der indischen Gottschauung ist >>der Weg und die Wahrheit und das [göttliche] Leben<< eins

[vergleiche Joh. 14, 6].

Der indische Seher kann >>Vishnus höchstes Reich<<, zu dem der vorstehende Mantra die Pforte ist, in verschiedenartiger Weise erleben. Je nach dem Yogapfad, den der Strebende geht, je nach der Wegstrecke, von der er Ausschau hält, je nach dem Grad seiner Hingabe an das Unvergängliche, ist die Offenbarung der unendlichen göttlichen Fülle, die ihm zuteil wird. Betont muß werden, daß, gemäß indischer Vorstellung, nicht etwa der irdische Mensch das höchste Reich erschaut. Nein, der ATMAN schaut. Der ATMAN schaut durch jedes schauende Wesen hindurch sich selber an. Der ATMAN wird nicht erkannt, Er erkennt sich selbst. Der ATMAN ist wie ein göttliches Auge, das gleichsam in sich selbst hineinblickt und die unermeßlichen Tiefen der Mannigfaltigkeit Seiner Selbst erschaut.

>>Mit diesem deinem [menschlichen] Auge kannst du Mich nicht sehen [wie Ich wirklich bin]<<, spricht Krishna In der Bhagavadgita zu seinem Schüler Aryuna [11,8]; >>Ich verleihe dir Mein göttliches Auge<<. Wenn man die vielen Zeugnisse vom Reiche Gottes in den indischen Offenbarungsurkunden betrachtet, ist einem zumut, als ob man in die Flut eines unergründlich tiefen Brunnens hinabblickte. Immer klarer wird die Offenbarung. Die Bhaktas sagen: Je nach dem Grade des sich Hingebens, des sich noch nicht rückhaltlos oder völlig rückhaltlos Hingebens an das Unvergängliche, taucht das aus sich selbst leuchtende ewige Reich auf, oder gar Er, indem das Reich gründet. Je nach der inneren Veranlagung der verschiedenen Gottsucher zieht gleichsam die Kraft ihrer übersinnlichen Liebe und Hingabe aus der Fülle der unendlichen Möglichkeiten der Gottheit jene Offenbarung hervor, nach der sich die einzelne Seele besonders sehnt: Gottes Gestaltlosigkeit oder Gottes Gestalt. In drei Upanishaden findet man die gleichlautende Strophe, die das Reich des Unvergänglichen zu beschreiben versucht; es ist das Reich dessen, von dem alles Schauen ausgeht und das im Rig Veda einem im Himmel ausgebreiteten Auge verglichen wird:

>>Dort leuchtet nicht die Sonne, noch Mond, noch Sternenglanz,

noch jene Blitze, geschweige irdisch Feuer,

IHM, der allein glänzt, nachglänzt alles andre;

die ganze Welt erglänzt von seinem Glanze.<<

[Katha-Upanishad 5, 15

Mundaka-Upanishad 2, 2;10

Shvetashvatara-Upanishad 6, 14]

Ein anderer Seher, der Seher der Isha-Upanishad, fleht, der Sonne zugewendet, hinter deren physischem Glanz er eine geistige Ursonne ahnt:

>>Mit einer goldenen Schale

ist das Antlitz der Wirklichkeit bedeckt;

o du Allernährer,

zieh die Schale weg vor der Schauung des Wahrheitssuchers,

der nach der heiligen Ordnung der Wirklichkeit strebt.

O du Einziger, der schaut...

schiebe Deine Strahlen fort.

Halte Deinen Lichtglanz zurück,

daß ich Deine lieblichste Gestalt schauen kann,

die göttliche Person...<<

[Brihad-Aranyaka Upanishad 5,15]

[Isha-Upanishad 15 und 16]

In der Bhagavadgita, derjenigen altindischen Offenbarungsurkunde, die von den Hindus aller noch so verschiedenen philosophischen und religiösen Strömungen als Gottes Wort betrachtet wird, tritt der höchste ATMAN, der Selbstleuchtende, dem alles andere nachleuchtet, gestalthaft hervor. Nicht ein upanishadischer Seher spricht nun. Er selber spricht, der Einzige, der wahrhaft zu schauen vermag. Es spricht der große Atman Bhagavan. Er selbst kündet von dem unvergänglichen Sein, wo die Sonne nicht leuchtet, noch der Mond, noch die Sterne, und Er nennt dieses Sein: Mein Reich.

Bhagavan spricht:

>>Ich bin die Grundlage des Brahman,

des Unsterblichen, Unvergänglichen,

der ewig dauernden heiligen Ordnung,

der vollkommenen, göttlichen Wonne.<<

[Bhagavadgita 14, 27]

Er, der in der Bhagavadgita singt, daß Er die Grundlage des Brahman ist, wird von den Bhaktas nicht als formlos erlebt, auch wenn er über alle irdischen Formen erhaben ist; nicht attributlos, auch wenn er über alle irdischen Eigenschaften erhaben ist; nicht kraftlos, sondern mit unendlicher Kraft [shakti] begabt, von der ein kleiner Teil das ganze Weltall trägt. Er hat Gestalt, eine Gestalt, die aus ewigem SEIN und reiner ERKENNTNIS und göttlicher WONNE [sat-cit-aananda] gebildet ist.

Ein indischer Seher namens Shridhar - ein Weiser, der von den indischen Jnanis und den indischen Bhaktas in gleicher Weise als einer der ihren angesehen wird -, erläutert in seinem altberühmten Kommentar zur Bhagavadgita die vorhin zitierten Worte Bhagavans: >> Ich bin die Grundlage des Brahman<<, und sagt:

>>Das Brahman ist Wonne [aananda], aber [Bhagavan] Krishna -so nennt er den personenhaften Gott-, Er ist dichte göttliche Wonne, Er ist Wonnegestalt [aananda-ghana] +14 .<<Das Begehren nach Befreiung, die Grundbedingung alles Strebens der Jnanis, der Wissenssucher, welche die ewige Wahrheit wissen wollen, ist für den Bhakta nicht das höchste Begehren. Die Erlangung des Brahman, des höchsten Zieles auf dem Ynanapfad, ist für ihn noch nicht der letzte Schritt.

Wer selbst hier noch nicht stehenbleibt, sondern noch weiter dringt, voll Sehnsucht zu lieben, zu dienen und sich liebend Gott hinzugeben, der erlangt höchste Bhakti, höchste Liebe zu Bhagavan. Am Schlusse der Bhagavadgita beantwortet Bhagavan Krishna die drängende Frage seines Schülers Aryuna, wie man Ihn wahrhaft klar erkennt und wie man zu Ihm und in Sein Reich gelangt:

>>Durch Bhakti kennt er Mich dem Wesen nach,

weiß wie Ich bin und wer ich bin.

Und wenn er Mich dem Wesen nach erkannt hat,

sogleich geht er dann in Mich ein.<<

[Bhagavadgita 18, 55]

Die letze Zeile der Strophe kann auch übersetzt werden:

>>Er geht ein in das Reich, das keine Raum- und Zeit-

scheidung kennt [tad anantaram]<<.

So wie ein Pilger von einem Vorberg aus, über vielen Waldkämmen höher und höher sich auftürmend, die von ewigem Schnee bedeckten Grate eines ungeheuren Gebirges zum ersten Mal erschaut und staunend vorerst mit den Blicken die weitere Wanderung vorwegnimmt, bevor sich wieder Wolken über das Gesichtsfeld senken, so haben wir in einer allerersten Vorschau einen flüchtigen Blick auf mehrere Aspekte der >>wundersamen Mannigfaltigket des Atman<<, getan, zuletzt einen schwindelnden Blick in das reich der göttlichen Liebe, der wahren Bhakti, durch die, wie die Bhagavadgita aussagt, erst das letzte Geheimnis des Atman klar erkannt wird: wie Gott ist und wer Er ist.

Es gibt ein anderes sehr wichtiges Quellenwerk der indischen Gottesliebe, genauer gesprochen, der Krishna-Bhakti, das uns im Verlauf der Schrift noch viel beschäftigen wird, und aus dem mehrere Kapitel und eine große Anzahl Schlüsselstrophen in Übersetzung gebracht werden. Der Titel dieser Bhakti-Urkunde lautet: Shrimad Bhagavatam und bedeutet: Das vom Reichtum heiliger Liebe [shrii] erfüllte und gänzlich Bhagavan hingegebene [Buch]. Im folgenden Text wird dieses Werk zumeist bloß das Bhagavatam genannt werden.

In einer der Schlüsselstrophen des Bhagavatam werden drei verschiedene Erfahrungen aus der Unendlichkeit und Mannigfaltigkeit des Atman zusammengefaßt:

1. Die Erfahrung jener Wahrheitssucher, die den Pfad des Ynana-Yoga gehen

- das Brahman,

2. die Erfahrung jener Yogis, die den Pfad des Raya-Yoga gehen,

der Paramatman,

3. die Erfahrung, das Ziel und die Zuflucht jener Gottgeweihten,

die von der göttlichen Liebe, der Bhakti, ergriffen worden sind -

Bhagavan, der überweltliche, personenhafte, geliebte Gott.

Die Strophe lautet:

>>Die Wahrheitssucher benennen die ewige Wahrheit

[tattvam], die zweiheitsloses Wissen ist,

[mit den drei Namen]:

BRAHMAN

PARAMATMAN

BHAGAVAN<< +15

[Bhagavatam 1, 2, 11]

transzendentale Lit. /   Index

 

 

 

III. Das Spiel im Unvergänglichen

Lila

Das Wort BHAGAVAN [bhagavaan, Stammform bhagavat] wird abgeleitet von der Sanskritwurzel bhaj; diese bedeutet unter anderem lieben, liebend dienen und sich liebend hingeben, Anteil an etwas haben, Erfahrung von etwas haben, sich freuen. Bhagavan, dem Zentrum alles Seins, strömt alle Liebe derer, die sich ihm geweiht haben, zu. Die Nachsilbe van [vat] bedeutet: Er besitzt diese Liebe. Und die, die an Gott zärtlichen Anteil haben, die Ihn in dem verborgenen göttlichen Spiel durch die Anmut und Schönheit ihrer liebenden Hingabe erfreuen dürfen, sie besitzen Ihn. Die Worte bhakta oder Bhagavata +16,der Gottgeweihte oder Bhagavatam, das Bhagavan geweihte Buch, oder Bhagavadgita, der Gesang Bhagavans, vor allem das Wort Bhakti +17, die liebende Hingabe, die Bhagavans eigene herrliche Kraft ist, all diese Worte stammen aus der gleichen Wurzel bhaj. Die üblichen Übersetzungsversuche für das Sanskritwort Bhagavan: zum Beispiel der Erhabene, der Herr, the Lord, wirken matt und unzulänglich, wenn man sie mit den lebendigen Kraftquellen der Liebe in dem Wurzelworte bhaj zusammenhält. Auch die vielen Bedeutungen des Wortes bhaga, das ebenfalls aus der Wurzel baj stammt und in dem Worte Bhagavan enthalten ist, zum Beispiel Heil, Schönheit, Allmacht, Lieblichkeit, Liebe, liebende Umarmung, sie sind alle Entfaltungen der Wurzel bhaj. Manchmal wird auch anderen höheren Wesen, die Diener Bhagavans sind, in denen die Liebe Bhagavans wirkt, wie zum Beispiel Brahma, dem Weltschöpfer, in den Texten der Beiname Bhagavan vorangesetzt. In dem Werke Bhagavatam wird ein Ausspruch Bhagavans über seine Bhaktas wiedergegeben, aus dem die Innigkeit der Beziehung zwischen dem personenhaften Gott und denen, die sich Ihm geweiht haben, hervorgeht.

Bhagavan spricht:

>>Die Bhaktas sind Mein Herz

und Ich bin das Herz der Bhaktas.

sie kennen nichts anderes als Mich

und Ich kenne nichts anderes als sie.<<

[Bhagavatam 9, 4, 68]

In dieser Strophe sehen die Gurus der Gottesliebe einen der vielen Hinweise auf das verborgene göttliche Spiel Bhagavans mit den Seinen, das in der Philosophie der Bhakti die Lila Bhagavans oder das >>Spiel in Gott<< genannt wird. Das Wort liilaa, das hier ganz vorläufig und unzureichend mit >>Spiel in Gott<< wiedergegeben wurde, ist ein fast unübersetzbares Sanskritwort, das wir aber in den folgenden Ausführungen über die indische Gottesliebe nicht entbehren können.

In den Sanskritwörterbüchern findet man für Lila unter anderem: Spiel, Sport, Liebesspiel ...

Schwebende Leichtigkeit und Beweglichkeit und Biegsamkeit und Spontaneität ist in diesem >>Spiel<< der göttlichen Liebe eigen. Es ist ein spontanes Wechselspiel, das frei ist von jeder irdischen Zweckgebundenheit.Es ist völlig frei vom zweckversklavten Denken der Erdenmenschen. Nur die ganz jungen Kinder zeigen auf Erden ein wenig vom Glanz der Spielfreude der Lila. Und die Bhaktas haben manchmal, um den Außenstehenden das unbegreifliche Wesen der Lila anzudeuten, diese mit dem spontanen Spielreigen unschuldiger heiterer Kinder verglichen.

>>Wie bloßes Tanzen ... ohne Abzielen auf einen Zweck+18.<<

heißt es in einem berühmten Kommentar über die Lila.

Dort wo der christliche Mystiker Eckhart über das Wesen Gottes aussagt:

>>Gott ist ohne warum<< ["sunder varumbe"] läßt er ein wenig vom Geheimnis der Lila ahnen.

Das >>Spiel in Gott<< geht nach der Überzeugung der Bhaktas in jenem Reich der Fülle vor sich, von dem die Upanishad sagt: >>Die Fülle ist oben, die Fülle ist unten.. Die Fülle ist im Westen, die Fülle ist im Osten. Die Fülle ist im Norden, die Fülle ist im Süden. Fülle ist diese ganze Welt<< [Chandogia-Upanishad 7, 25, 1]. Unmittelbar an diese Zeilen von der Fülle folgt in der Upanishad in völlig gleichem Wortlaut die Unterweisung über den Atman, den der Bhakta als Bhagavan, Gott erlebt:

>>Atman ist oben. Atman ist unten. Atman ist im Westen. Atman ist im Westen. Atman ist im Norden. Atman ist im Süden. Atman ist deine ganze Welt. Wahrlich, wer dieses sieht, dieses denkt, dieses erkennt, wer seine Freude im Atman hat, sein Entzücken im Atman hat, Wonne im Atman hat, der strahlt im SELBST, der hat unbegrenzte Freiheit in allen Welten ...<<

[Chandogya-Upanishad 7, 25, 2].

Nun wird in der Upanishad das Leben des Befreiten im Reich der Fülle angedeutet:

>>In solcher Weise erhebt sich der Vollberuhigte +19,

.....[der Begnadete]

aus diesem [irdischen] Leibe..

Und, das höchste Licht erlangend,

tritt er hervor in seiner eigenen Gestalt +20

Und er wandelt dort umher,

essend, spielend, sich ergötzend.<<

(Chandogya-Upanishad 8, 12, 2)

Der upanishadische Guru fügt hinzu:

>>Dem Atman, dem Alterslosen, dem Todlosen, dem Gramlosen,

der ohne Hunger [nach den Dingen dieser Welt] ist,

der ohne Durst nach den Dingen dieser Welt ist,

dessen Begehren nur nach der ewigen Realität geht,

dem soll man nachforschen.<<

( Chandogya-Upanishad 8, 7, 1)

Die Aufforderung des Gurus der Chandogya-Upanishad, nachzuforschen, wie das Dasein des Befreiten, des Begnadeten nach der Ablegung seines irdischen Leibes verläuft, wird in jenen Upanishaden (die Shankaracarya auswählte und im Sinne seiner Erkenntnis interpretierte und die man, ihm folgend, nun im Abendland die klassischen Upanishaden nennt, nur unvollkommn erfüllt. Aber das, was in den Hauptupanishaden nur angedeutet ist, das wird in anderen Upanishaden ausführlich dargestellt, zum Beispiel in der Sama-Rahasya-Upanishad. Es ist das Dasein des Befreiten, der zwar ohne Hunger und ohne Durst nach Irdischem ist, und dennoch im unvergänglichen Lichte begehrt, ewige Realität begehrt [satya-kaama] und der, wie es wörtlich heißt: >>umherwandelt und ißt und sich ergötzt und spielt<< - >>der Liebesspiel mit dem Atman hat<< +21.

Noch erschöpfender behandeln die Puranas, vor allem das große Bhagavata-Purana, dieses geheimnisvolle Thema. Am ausführlichsten wird in der unübersehbaren >>Rasa-Literatur<< der Chaitanya-Bewegung, die im Westen noch (relativ) unbekannt ist, von der Lila, dem göttlichen Spiele Bhagavans und der freien Seelen, vom Liebesspiel des ATMAN mit den Atmas berichtet.

Leider gibt es noch keine wissenschaftlichen Ausgaben dieser letztgenannten Sanskrittexte. Sie liegen nur in mit Bengalílettern gedruckten, schwer erhältlichen Folianten vor, die von Druckfehlern wimmeln und die selbst in Indien, außerhalb Bengalens erstaunlich wenig bekannt sind.

In diesen Urkunden der Chaitanya-Bhakti wird von großen Sehern und Dichtern die Lila von Bhagavan Krishna beschrieben:

Das Spiel in Bhagavans innerem Reich oder -wie es in den Texten heißt- das Spiel in Bhagavans zahllosen unendlichen Reichen ist tief verborgen. Der Vorhang, der das Mysterium der Lila dicht verhüllt, ist ein Vorhang aus blendendem Bewußtseinslicht, gestaltloses Brahman genannt.

Die Gurus in der Traditionsfolge der Chaitanya-Bhakti sehen das gestaltlose Brahman nicht als das Letzte an, sondern nur als eine Vorhalle Bhagavans. >>Halte dich nicht in diesen Vorhallen auf<<, mahnt der Bhakti-Guru ernst seinen Schüler. >>Denn dort erlischt das Köstlichste, die Gottesliebe. Und der wahre Krishna, Bhagavan in seiner ganzen Fülle, betritt diese Stätte nie.<< Das göttliche Spiel, die Lila, geht gemäß der Andeutungen des Bhagavata-Purana und Padma-Purana und gemäß den Schilderungen der Rasa-Schriften von Ewigkeit zu Ewigkeit vor sich. Es ist immer jung und frisch und neu. Es hat zahllose Aufzüge. Es wird gleichsam auf zahllosen Bühnen des bühnenreichen Gottes gleichzeitig gespielt, in Reichen überwältigender göttlicher Majestät und in Reichen süßester göttlicher Lieblichkeit. Der einzige Held des unendlichen Dramas der göttlichen Liebe auf allen Schauplätzen ist Gott, Bhagavan Krishna.

Die dramatische Spannung der Lila steigert sich ständig, weil selbst Gott der aus dem Brunnen seiner noch ungestalteten Unendlichkeit schöpft und schöpft, die Tiefe seiner Liebe und die Tiefe der Liebe der Ihm ewig Beigesellten nie ausschöpfen kann - obwohl Er, der EINE, in unendlich vielen Formen seiner Eigengestalt und ebenso seiner Mitspieler in allen seinen Reichen gleichzeitig da ist und spielt.

Doch es gehört zur Spontaneität des göttlichen Spiels der Selbstentfaltung Gottes, daß die Lila hie und da auch ins Reich des Meßbaren hinausflutet und für eine Weile nun im Umkreis von Zeit und Raum gespielt wird. Gott steigt zuweilen mit den Seinen zur Erde hinab. In den Urkunden wird dann berichtet: Einer der Avatare Bhagavans oder gar Bhagavan selbst in Seiner ganzen Fülle sei in der Welt der Sterblichen erschienen und über die Erde geschritten.

Die Geschichten vom Spiele Gottes im Erdenland dünken dem unkundigen Leser oder Hörer oftmals, irdischen Geschichten zu gleichen. Doch bedeutsam weisen die berühmten Brahma-Sutras des Badarayana-Vyasa, die von allen verschiedenen Richtungen der Vedanta-Philosophie als Autorität anerkannt werden, auf das Mysterium hin:

>>Wie in der Welt, aber nur lila.<<

[lokavattu liilaakaivalyam]

[Brahma-Sutras 2,1,13]

Kaivalyam, das Nur, ist eine oft vorkommende Bezeichnung für das unvergängliche statische Sein derer, die Befreiung gefunden haben, für das Brahman das jenseits aller Gestalt und Eigenschaft ist. Lila-kaivalyam jedoch ist im Sinne der Bhakti die Bezeichnung für das lebendig bewegte ewige Spiel liebender Seelen und des geliebten Gottes in der Dynamik der Lila. Es ist ein Reich ewiger Gestaltenfülle, doch ebenfalls über aller irdischer Gestalt.

Unermüdlich macht der Bhaktiguru darauf aufmerksam: >>Nur weil die irdischen Worte versagen, scheinen die Erzählungen von Gottes spielendem Tun mit Devas und Dämonen und Menschen und am Grund des Meeres und in der Totenwelt und in vergänglichen Himmelswelten und in Seinem eigenen unvergänglichen Reich oftmals irdischen Berichten zu gleichen.<< Doch der Guru hebt hervor: >>Wo immer Bhagavan auch spielt, dort ist Sein ewiges Reich, dort ist der Mittelpunkt alles Seins.<< Der Guru erläutert auch: >>Nur auf der Unzulänglichkeit der irdischen Sprache und der Relativität der Begriffe im Vergänglichen beruht es, daß man sagt: “Bhagavan steigt herab" oder “Bhagavan kehrt in Sein eigenes Reich zurück"; Bhagavan ist ja jener, “der kein Vorher und nachher hat, kein Oben und Unten; der aber das Oben und Unten und das Vorher und Nachher des Weltalls ist”. Bhagavan vereinigt in sich in wunderbarer Weise Gestalt und Gestaltlosigkeit, Ruhe und Bewegung.<< Das Vernehmen der Geschichten von Gottes Lila, wo sie sich auch immer begeben mag, >>wäscht Herz und Ohr und löscht alles Karma aus<<; so verkünden das Bhagavatam und andere Offenbarungsurkunden der Bhakti.

Von dem Reich, in dem sich das >>innere Spiel<< [antaranga-liilaa] begibt, wird später noch viel mehr berichtet werden. Der größte Teil des vorliegenden Buches handelt davon. Der Schauplatz dieses Spiels ist das >>höchste Reich<< zu dessen Pforte Vishnus letzter Schritt hinführt.

Dieses >>höchste Reich<<, in dem sich die innere Lila begibt, erstreckt sich durch alles Sein. Es erstreckt sich durch das Unvergängliche, aber auch, ungesehen, durch alles Vergängliche. >>Was unten ist, ist oben; und was oben ist ist unten<<, sagt bedeutsam die Katha-Upanishad.

Außer der in dem >>höchsten Reich<< vor sich gehenden inneren Lila, sprechen die Urkunden der Bhakti auch von einer äußeren Lila [bahiranga-liilaa]. Der >>vorletzte Schritt<< Vishnus, der alles kosmische Sein durchdringt, alles was im Bereich von Raum und Zeit ist, bis zu den fernsten Lichtnebeln noch unentdeckter Milchstraßen hin, führt zum Schauplatz dieses >>äußeren<< göttlichen Spiels.

Nach der Anschauung der Chaitanya-Bhakti sind es bloß die äußeren Aspekte Bhagavans, die als Brahma, der Weltenbildner, als Vishnu, der Welterhalter, als Shiva, der Weltzerstörer, diese äußere Lila beherrschen.

Alle diese drei genannten Gottesaspekte sind vereint in der majestätischen Offenbarung des persönlichen Gottes als Íshvara oder Ísha. >>Er ist der Herr des Alls, Er ist der Allwissende, Er ist der innere Lenker, Er ist die Wiege des Weltalls ... denn Er ist Schöpfung und Vergang der Wesen<< [Nrisinha-Uttara-Taapaniiya-Upanishad, erstes Khanda].

Die Isha-Upanishad, jene Upanishad, mit welcher der Guru in Indien seit Jahrtausenden traditionsgemäß die Unterweisung in die upanishadische Geheimlehre beginnt, hebt an: >>Von Isha, dem göttlichen Weltenherrscher, ist dieses ganze Weltall, alles, was sich bewegt und nicht bewegt, umhüllt, erfüllt, bewohnt, durchduftet...<<

Doch bei noch innigerer Versenkung wird, gemäß den Worten der Nrisinha-Uttara-Tapaniya-Upanishad, dieser allmächtige göttliche Weltenherrscher >>verschlungen<<. Er entschwindet im Bewußtsein eines noch tieferen göttlichen Lebens, das keinen Bezug zur Welt mehr hat. >>Gott Eigentlich<< offenbart sich. Er wird in der Upanishad: >>der Holde, der Tod des Tods<<, und von den Chaitanya-Bhaktas: >>Bhagavan in seiner ganzen Fülle<< genannt.

Die großen kosmischen Prozesse nie endender Weltauflösung, nie endenden Welterschaffens und Weltbehütens, das Schicksal der Welten, das Schicksal der Völker und Einzelwesen, dünken diesen Bhaktas nur ein Rahmen um das zentrale Geschehen des Innenlebens Gottes zu sein, vergleichbar mit dem schmalen Gürtel aufgeregter Meeresbrandung, die längs der Ufer die Unendlichkeit des Meeres umsäumt.

Die Auffassung, die sich in der Bhakti kundgibt und versucht, alles vom Bewußtsein Gottes aus anzusehen, ist extrem theozentrisch.

Der abendländische Mensch erschrickt. Denn der Gläubige im Westen ist zumeist gewohnt, Gott auf sich, auf die Welt zu beziehen. Von sich aus, vom Standpunkt seines eigenen Wohls und Wehs oder seiner nächsten Umgebung oder seines Volkes oder der “Menschheit” blickt er auf Gott hin, betet er zu dem Weltschöpfer und Weltenherrscher und Weltenrichter und Allerbarmer, ohne dessen Willen kein Sperling zu Boden fällt, zu Ihm, >>welcher die Welt so sehr geliebt hat, daß er Seinen einzigen Sohn herabsandte<< um sie zu erlösen.

Der Gedanke, daß Gott -ganz jenseits der Welt- auch ein Eigenleben führen könne, und daß es der Sinn wahrer Religion sein könne, Gott ohne Rücksicht auf eigenes Wohl oder Weh zu erfreuen, das kommt dem religiösen Menschen im Abendland kaum in den Sinn. Die hier angedeuteten Gedankengänge dünken ihm unziemlich, anstößig und phantastisch zu sein.

Und doch hat schon der christliche Mystiker Angelus Silesius [1624-1677] von einem Spiel der Gottheit gesprochen. Freilich meinte er vorzugsweise >>das äußere Spiel<<, das im Reich der vergänglichen Schöpfung und der Kreaturen vor sich geht, nicht das Spiel im >>Unerschaffenen<<.

Silesius sagt:

>>Dies alles ist ein Spiel, das sich die Gottheit macht.

Sie hat die Kreatur um ihretwill‘n erdacht.<<

[Cherubimischer Wandersmann]

Meister Eckhart [1260-1327] sprach von der >>nackten Wüste der Gottheit<<, von der unentfalteten Gottheit, die sich so hoch über dem weltbezogenen Gott erhebt, wie sich der Himmel über der Erde erhebt. Er ahnte etwas vom Wesen des gestaltlosen, eigenschaftslosen Brahman, von dem manche Upanishaden und Shankaracarya kündeten.

Jakob Böhme [1575-1624], der ungelehrte Mann, ahnte, wie in der Tiefe eines Bergwerks schwer nach Worten für das Unaussprechliche ringend: >>[So wie] die Kinder zusammenlaufen, so eins ein Spiel anhebt - Das ist noch ein Stück vom Paradies<< [Vierzig Fragen von der Seele, 10].

Und Nícolaus Cusanus [1404-1464], der nicht nur einer der tiefsten Mystiker der Christenheit, sondern auch einer der ersten Bahnbrecher unserer modernen Naturwissenschaft war, hat in dem holdseligen Lächeln und in dem zwecklosen spontanen Spiel unschuldiger Kinder einen Abglanz des inneren Lebens der Gottheit gesehen.

 

IV. DIE VERZÜCKUNG IM UNVERGÄNGLICHEN

Rasa

IN DEM FRÜHEREN Kapitel wurde eine Schilderung aus der Chandogya-Upanishad wiedergegeben, worin das Leben einer befreiten Seele beschrieben wurde, die alles Süchten nach Irdischem aufgegeben hat, in das unvergängliche Licht eingegangen ist, und von der doch gesagt wird, daß sie >>umherwandelt und sich ergötzt und ißt.<<

Was ißt der Befreite? - Ein Chaitanya-Bhakta wird ohne Zögern antworten: Der Befreite, der von Hüllen und Überdeckungen, Süchten und Bindungen befreite individuelle Atman ißt den Rasa des göttlichen Spiels, der Lila.

Um mit der dem Abendland ungewohnten Erfahrungs- und Vorstellungswelt vertraut zu werden, die mit dem Worte Rasa verbunden ist, müssen wir uns aufmerksam mit dem Ausdruck Rasa beschäftigen, so wie wir es früher mit den Worten Atman und Lila getan haben.

Auch Rasa ist ein fast unübersetzbares Sanskritwort. In den Wörterbüchern findet man dafür unter anderem folgende Übersetzungsversuche: Geschmack, Duft, Würze, Essenz, Flüssigkeit, Saft, der steigende Lebenssaft in den Bäumen, Fühlen, Liebe, Freude, Anmut, Schönheit, Entrückung, Verzückung, Extase...Rasa ist auch die Grundstimmung einer Dichtung, vor allem einer dramatischen Szene. Aber um zum Zentrum des vieldeutigen Wortes Rasa zu gelangen, müssen wir zur Wurzel dieses Wortes vordringen. Das Sanskritwort Rasa wird abgeleitet von der Wurzel ras: schmecken, erleben, fühlen, wahrnehmen. Die indischen Gammatiker erklären das Wort Rasa folgendermaßen:

a] Das, was geschmeckt, gefühlt, erlebt, wahrgenommen wird, ist Rasa

[rasyate = aasvaadyate iti Rasa].

b] [kausativisch] Das, was das Schmecken und so weiter verursacht, also

schmecken, fühlen, erleben, wahrnehmen macht, auch das ist Rasa;

[rasayati = asvadayati iti Rasa].

Ein weiteres Kennzeichen kommt noch hinzu:

c] >>Rasa ist Erstaunen<< und

d] Rasa verursacht Erstaunen, als ob etwas derart Wunderbares noch nie

vorher erlebt worden wäre, und

e] >>Rasa beinhaltet ein solches auf den Rasa-Konzentriert-Werden aller

Sinnes- und Geistesfunktionen, daß für andere Dinge ganz und gar

kein Interesse mehr übrig bleibt.<<

Es gibt eine sehr subtile Rasalehre der indischen weltlichen Poesie, die seit Kalidasa [etwa 500 nach Christus] die Kunst des indischen klassischen Dramas beherrscht.

Wenn zum Beispiel der König in Kalidasas Drama Shakuntala am Beginn des Stücks leidenschaftlich ein Reh verfolgt, da erleben die Zuschauer, so sagt die Rasalehre der indischen Poetik aus, den Rasa des Schreckens:

Wird es dem Reh gelingen, dem grausamen Jäger zu entgehen? Auf diesen Rasa sind alle Sinnes- und Geistesfunktionen konzentriert, alles andere Interesse ist ausgelöscht. - Das flüchtende Reh findet im Schoß des schönen Mädchens Shakuntala Zuflucht. Die Zuschauer sind Zeuge, wie beim unvermuteten Anblick der Holdseligen staunende Liebe im Herzen des Jägers erwacht, wie seine Sucht des Hetzens und Jagens ganz entschwindet. Die zutiefst anteilnehmenden Zuschauer erleben den Rasa eines die Seele weitenden fassungslosen Staunens und sie erleben auch den zauberischen Rasa des Erotischen. Im vierten Akt desselben Stücks ist Shakuntala genötigt den Frieden des heimatlichen Waldes zu verlassen. Schmerzlich nimmt sie Abschied von dem großen Weisen, der ihr Pflegevater ist, und von den Gespielinnen und von allen Bäumen und Sträuchern, um in die ferne Stadt zu gehen, um dem grausamen Jäger nachzufolgen, dem sie in der Heiligkeit der Waldeinsiedelei angetraut worden war, dessen Kind sie trägt und der sie draußen in der Welt vergessen hat.

Die Zuschauer erleben den Rasa des Mitleidens, den Rasa des >>gemeinsam mit einem anderen Weinens<< [anukrosha].

Derart spricht die indische [weltliche] Rasalehre noch von dem Rasa des Abscheus und dem Rasa des Zorns und dem Rasa des Heroischen und dem Rasa des Humoristischen, das heißt >>einer aufblühenden Heiterkeit, die das Herz öffnet<<.

Als Goethe das Drama >>Shakuntala<<, das oftmals als Schulbeispiel für die Rasas der weltlichen Poesie angewendet wird, im Jahre 1791 kennenlernte, da schrieb er die folgenden Verse nieder:

>>Willst du die Blüten des frühen, die Früchte des späten Jahres,

willst du was reizt und entzückt, willst du was sättigt und nährt,

willst du den Himmel, die Erde mit einem Namen begreifen,

nenn ich Shakuntala dich, und so ist alles gesagt.<<

Mit diesen Worten, >>reizt und entzückt, sättigt und nährt<<, hat Goethe ohne etwas von der indischen Rasalehre zu wissen, mit der Sicherheit des großen Dichters einige wesentliche Kennzeichen der Rasas in der indischen weltlichen Dichtung aufgezeigt.

Der deutsche Indologe Helmut von Glasenapp erklärt nach indischen Quellen den Rasa der weltlichen Poesie folgendermaßen: >>Der Rasa eines Gedichtes ist die Stimmung, die es in dem Hörer hervorruft. Die Gefühle, die ein Dichter darstellen will, finden gleichsam einen Widerhall in der Seele des Lesers, der sich für Augenblicke gewissermaßen mit dem Helden identifiziert und dadurch allen selbstischen Wünschen entrückt wird, ohne doch an dem, was jener erlebt und empfindet, direkt teilzuhaben. Es ist eine reine überpersönliche, unirdische Lust, die hier gekostet wird, vergleichbar dem Innewerden der Einheit des Ich mit dem Allgeist, das der Yogi auf dem Höhepunkt seiner religiösen Kontemplation erreicht. Nicht mit Unrecht sehen daher indische Philosophen in dem Rasa, der wenigstens für einen Augenblick das Denken über die Grenzen des eigenen Ich heraushebt, einen Widerschein des Göttlichen, und finden diese ihre Auffassung wieder in der heiligen Schrift, im Veda...<< +22

Der vedische Text, auf den hier angespielt wird, ist eine Stelle aus der Taittiriya-Upanishad, die ein berühmtes Zeugnis dafür darstellt, daß man schon in vedischer Zeit den überweltlichen Rasa kannte. In dieser Upanishad ist der Rasa die höchste Erfahrung eines langen mühsamen Yogawegs.

Die Upanishad berichtet, daß - wie so viele male vorher und nachher - ein suchender Mensch einen Guru aufsucht und diesen bittet, ihm den Weg zum Unvergänglichen zu weisen. Vor jedem Schritt, von Stufe zu Stufe läßt der Lehrer den Schüler immer erneut strenge Askese und Entsagung üben, ehe er Hüllen um Hüllen der Welt hinweghebt. Zuerst weist der Guru dem Schüler die weit ausgebreitete Sinnenwelt, welche die unwissenden Menschen für die einzige Wirklichkeit halten. Der Lehrer läßt den Schüler in der Meditation erfahren, daß die Stoffeswelt des ganzen Weltalls, einschließlich des eigenen Leibes, nichts als eine äußere Hülle ist, und zeigt ihm unter dieser vergänglichen Hülle die majestätische Sphäre des Lebens [praana]. Auf einer neuen Stufe läßt der Lehrer ihn dann in der Meditation erfahren, daß auch die mächtige Sphäre des Lebens nichts als eine Hülle ist. Und als auch diese Hülle weggehoben ist, zeigt er ihm die große Welt des menschlichen und des kosmischen Geistes [manas]. Dann führt er den Schüler, der immer wieder die Kunst des Verzichtens, des Loslassens üben mußte, noch weiter aufwärts und weiter nach innen, noch über die wunderbare Welt alles Denkens hinaus: zu einer Sphäre der unmittelbaren Erfahrung unendlicher Weisheit [vijñaana], die alle sichtbare Welt heimlich durchwebt und deren Grund ist.

In Bildern, die mehr als bloße Bilder sind, beschreibt der Guru der Taittiriya-Upanishad dem Schüler das Wesen des Menschen, das von dreifachen Hüllen befreit, gleichsam zu einem geflügelten Weisheitswesen geworden ist:

>>Gläubiges Vertrauen [shraddhaa] ist sein Haupt.

Die heilige Ordnung [rita] ist sein rechter Flügel.

Wahrheit [satya] ist sein linker Flügel.

Yoga ist sein Leib.

Sein Grund, sein Schwanz ist das große Bewußtsein [mahat].<<

[Taittiriya-Upanishad 2,4]

Manche Sucher, die so weit kommen, verweilen hier und glauben nun das letzte Ziel erlangt zu haben. Aber die Unterweisung der Upanishad ist mit diesem Schritt noch nicht zu Ende. Nachdem der Guru auch alle ewige Weisheit als einen Schleier erkannt und ihn losgelassen hat, offenbart ihm der Lehrer, daß als Grund unendlicher Weisheit ein noch tieferes Sein verborgen ist, das Reich der göttlichen Wonne und Liebe. Der Guru beschreibt dem Schüler das nun erschaute Wesen des Menschen und alles Seins. Abermals wählt er das Bild eines wunderbaren Vogels, der endlich sämtlichen Hüllen entfliegt:

>>Liebe [priyam] ist sein Haupt.

Freude [moda] ist sein rechter Flügel.

Große Freude [pramoda] ist sein linker Flügel.

Göttliche Wonne [aananda] ist sein Leib.

Sein Grund, sein Schwanz ist das Brahman.<<

[Taittiriya-Upanishad 2,5]

Der Guru fügt hinzu:

>>Wer vermöchte zu leben,

wer vermöchte zu atmen,

wenn dieses innere Leuchten

[dieser innere Himmel] der Wonne nicht wäre?<<

[Taittiriya-Upanishad 2,7]

Hier hält der Seher inne. Er hat ja auf dem Stufenweg mehrmals betont, daß vor dem letzen Grund alles Seins die Worte zurückweichen. Doch eins hat er noch über das Wesen des unvergänglichen Atman auszusagen vermocht:

>>Er [der Atman] ist Rasa.

Wahrlich, wer diesen Rasa erlangt hat,

ist einer, der göttliche Wonne hat.<<

[Taittiriya-Upanishad 2,7]

Schon in der weltlichen, also nicht einzig auf die Gottheit bezogenen Poesie, da wo die Kraft des Dichters und des Schauspielers die Rasas in dem Zuschauer hervorruft, sehen die Inder einen Abglanz des Göttlichen. Aber etwas noch viel Tieferes, eine völlig neue Dimension, nicht mehr bloß Abglanz, sondern die Fülle der Gottheit selbst wird von den Bhaktas in den Rasas des göttlichen Spiels und in den Rasadichtungen erlebt, die von diesem Spiele handeln.

Nun ruft nicht mehr die Kraft des Dichters und Schauspielers die Erschütterungen des Rasas hervor, sondern die Liebe des Bhakta, die aus Gott stammende Kraft der Liebe [prema-bhakti], bewirkt die Offenbarung Bhagavans. Die reale Begegnung läßt die Liebe des Bhaktas noch mehr aufflammen und zum Rasa werden. >>So steigert in wechselseitigem mannigfaltigem Spiel Liebe die Liebe und den Rasa.<<

Das, was in der Taittiriya-Upanishad als ein letzter Hochgipfel erscheint, zu dem ein zögernder Schritt emporgeführt hat, bevor dann der Weg abbricht und die Worte endgültig versagen, dort beginnt erst die eigentliche Lebenswelt der >>unverhüllten Bhakti<<, das unendliche Reich der Rasas des >>göttlichen Spiels<<. Die Philosophie der indischen Gottesliebe betont: Dieses Verborgene ist nie und nimmer erlangbar auf einem emporsteigenden Pfad [aaroha], nicht erlangbar auf Grund der eigenen Kraft der Meditation und Askese. Das innere Reich Gottes, so lehrt der Guru nachdrücklich, erschließt sich nur auf dem herabsteigenden Pfad [avaroha], dem Pfad der herabsteigenden göttlichen Gnade +23. Die gnadenvoll herabsteigende Freudenkraft [Hlaadinii-shakti], in der die Wonne der göttlichen Liebe mit göttlicher Erkenntnis vereint ist, ergreift von der sich sehnsüchtig mühenden Seele Besitz und trägt sie zu Gott empor.

Einer der häufigsten Sanskritausdrücke für göttliche Gnade lautet bezeichnender Weise anugraha, das bedeutet wörtlich: Ergreifen und immer wieder Ergreifen. Die esotherische Rasalehre der Bhakti beschreibt das zarte überweltliche Geschehen, das sich in den Tiefen der Seele vollzieht, folgendemaßen:

>>Wenn das Herz im Ansturm der Gegenwart Gottes geschmolzen ist, wenn das Gemüt [citta] [bis in die tiefsten Schichten des Unterbewußtseins] feucht geworden ist, dann wird die im Herzen des Bhaktas immer vorhandene Liebe zu Bhagavan in die Natur eines Rasas übergeführt, eines Rasas, der Gott, den Geliebten erfreut<<; so schildert Rupa-Gosvami im >>Bhakti-Rasamrita-Sindhu<< das Erwachen des Rasas.

An anderer Stelle des gleichen Werkes heißt es:

>>Die wonnevolle Liebe zu Bhagavan leuchtet hell im Herzen, weil der Bhakta schon in einem früheren Leben ein Gottgeweihter, ein Liebender war und weil die Kraft der Bhakti alle seine Mängel hinweggespült hat. Ganz s