>>Die Indische
Gottesliebe<<
Verfasser:
Walther Eidlitz
Verlag
OTTO WALTHER,
OLTEN
und FREIBURG im BREISGAU
Inhaltsverzeichnis
Vorwort......................................................................
Erster
Teil
Der
Lebensstrom des Unvergänglichen
I Das
Unvergängliche...................................................
II Die
Mannigfaltigkeit im Unvergänglichen...................
III Das
Spiel im Unvergänglichen.................................
IV Die Verzückung
im Unvergänglichen.......................
V Fünf
Wogen des Unvergänglichen............................
Zweiter
Teil
Das Geliebteste Buch der Hindus
VI Das Bhagavata-Purana...............................................
VII Vyasa,
der Weltenlehrer empfängt das Bhagavata-Purana.......
Dritter
Teil
M
A Y A
VIII Die Drei
Ketten der Maya................................................
IV Das Land
jenseits der Ketten..........................................
Vierter
Teil
KRISHNA
X Krishna‘s
Lächeln..........................................................
XI Krishna‘s
Avatare ............................................................
XII Christus
und die Avatare.....................................................
XIII Die Namen
Krishnas ..........................................................
XIV Das Singen
des Gottesnamens............................................
Fünfter
Teil
SZENEN AUS DEM GÖTTLICHEN SPIEL
[nach
dem Bhagavata-Purana und Padma-Purana]
XV Krishna
unterweist seinen Freund Uddhava.......................
XVI Krishna
und die jungen Kuhhirten..................................
XVII Krishna
und die jungen Kuhhirtinnen................................
XVIII Der
Rasatanz....................................................................
.
XIX Krishna
und Radha, das göttliche Paar................................
XX Zuflucht
bei dem göttlichen Paar......................................
Sechster
Teil
DAS AUFLEUCHTEN DER
GOTTESLIEBE
XXI Der Weihekreis
von Vrindavan .....................................
Siebenter
Teil
DAS NEUE SPIEL
XXII Krishna
Chaitanya..........................................................
ANHANG
Anmerkungen..........................................................................
Literaturnachweis...................................................................
GOTT IST IMMERDAR
Und ÜBERALL gegenwärtig. Gottes Gestalt ist ganz Fülle und Seligkeit. Durch
Seine immerdar und überall gegenwärtige Kraft erkennt und erlebt Er sich selbst. Wenn Er oder
einer Seiner Ewig-Beigesellten den Gottgeweihten erwählt, dann ergreift diese
Kraft dessen Herz, dessen ewiges Selbst. Diese Kraft ist Gottesliebe. Sie
ist die Kraft Gottes, Ihn zu erkennen, Ihn zu erleben und sich selbst - wo
immer es sei - in ewig wachsender Verzückung von Ewigkeit zu Ewigkeit zu
Gottes Freude hinzuschenken. Und der aus Ihm selbst stammenden selbstlosen
Liebe ganz zu erliegen, eben das ist Gottes größte Seligkeit.
>> Priti-Sandarbha<< von Jiva Gosvami [etwa1513-1597]
Vorwort
Bekanntlich ist
erst in den Jahren 1801 und 1802 im Abendland die erste Übersetzung der Upanishaden
erschienen. Vorher war die große, wunderbare Welt der indischen Erfahrung
des Unvergänglichen im Westen noch fast unbekannt. Auch die weite Welt des
Buddhismus war noch verborgen. Seither haben sich eine große Anzahl europäischer
und amerikanischer Gelehrter emsig bemüht, die alten indischen Urkunden zu
erforschen, zu zergliedern, textkritisch zu analysieren und zu datieren.
Ihr Werk füllt ganze Bibliotheken. Insbesonere mit der Advaita-Lehre des
großen indischen Philosophen, Shankar-acharya, [etwa 800 Jahre nach Jesus
Christus] hat sich die abendländische Indologie in solchem Ausmaß befaßt,
daß die Mehrzahl der Menschen im Westen, die sich für indische Geistigkeit
interessieren, bewußt oder unbewußt, Shankar-acharya‘s System, seine Deutung
der Upanishaden für die indische Philosophie ansehen.
In den letzten
Jahrzehnten hat man auch begonnen, sich mit den bedeutenden Lehrsystemen
zu beschäftigen, die im Mittelalter der Philosophie Shankar-acharyas entgegengestellt
wurden, mit der Verkündigung einiger Meister der indischen Gottesliebe [Bhakti],
zum Beispiel Ramanuja [geboren:1027], Madhva [1199-1278] und so weiter. Doch
eine der wesentlichsten Strömungen des uralten indischen Theismus, die Traditionsfolge
der Gottesliebe, mit der sich Krishna Chaitanya [1486-1533] verband, ist
seltsamerweise trotz einiger verdienstlicher Hinweise im Abendland bisher
noch fast unbekannt geblieben. Nur ein ganz geringer Bruchteil der ungeahnt
reichen Literatur dieser Bewegung ward bisher übersetzt.
Der Autor hatte
sich ursprünglich die Aufgabe gestellt, auf Grund der zahlreichen Originalquellen
in Sanskrit und Altbengalí eine Lebensgeschichte Krishna Chaitanyas zu schreiben,
des Mannes, dessen Leben und Verkündigung in seinem Heimatland seit über
vier Jahrhunderten >>der geheime Schatz Indiens<< genannt
wird.
Doch als der
Verfasser nach gründlicher Vorbereitung ans Werk ging, merkte er, daß es
unmöglich ist, diesen erstaunlichen Lebenslauf einem abendländischen Leserkreis
darzustellen, wenn nicht zuerst der geistige Raum anschaulich gemacht wird,
in dem sich das Leben Krishna Chaitanyas und seiner Jünger abspielt. Es ergab
sich die Notwendigkeit, die Gottesoffenbarung aufzuzeigen, die das Herz dieser
Gottgeweihten bewegt und die Ströme der mehrtausendjährigen Tradition, in
denen sie stehen und aus denen sie schöpfen.
So kam
es zu dem vorliegenden Buch, das von der Indischen Gottesliebe im
Sinne Krishna Chaitanyas handelt.
Dem Verfasser
war vergönnt, sich nicht nur auf Buchwissen und Studium der Originaltexte
und der mittelalterlichen Kommentare zum Bhagavata-Purana und anderer heiliger
Schriften der Bhakti beschränken zu müssen; er durfte auch während seines
vieljährigen wiederholten Aufenthaltes in Indien einigen hervorragenden Vertretern
der Gottesliebe aus der Strömung Krishna Chaitanyas freundschaftlich nahekommen.
In seinem Buche >>Bhakta, eine Indische Odyssee<<, Claaßen, Hamburg
1951, hat er über das menschliche Erleben dieser Jahre in Indien berichtet.
Das Wort Bhakta bedeutet Gottgeweihter.
In der vorliegenden
Schrift wird der Versuch unternommen, darzulegen, wie die Angehörigen der
Strömung Krishna Chaitanyas seit Alters her das Unvergängliche erleben
und wie sie den Inhalt der Veden und Upanishaden, der Bhagavadgita und Puranas,
vor allem des Bhagavata-Puranas und anderer indischer heiliger Schriften
auffassen.
Es handelt sich
um eine der streng theistischen Traditionsfolgen [sampradaya] innerhalb der
uralten, weitverzweigten religiösen Strömung der indischen Vaishnavas.
Das Sanskritwort
vaishnava bedeutet: dem Vishnu [Vishnu] zugehörig, dem >>Allschauenden<<,
>>Alltragenden<<, der als >>stiller Zeuge<<, in
jedem Herzen weilt und der sich als Krishna offenbarte.
Das für Traditionsfolge
angewendete Wort sam-pra-daaya kann folgendermaßen übersetzt werden: Unverfälscht,
treu [sam] weiter [pra] geben [daaya]. Die indische Definition
für eine derartige Traditionsfolge oder Sampradaaya lautet: >>Weitergeben
wir jene Offenbarung, die einstmals von Gott selbst erteilt wurde. Und diejenigen,
die in nie abreißender Kette die Offenbarung weiterleiten, sind große Meister,
die nicht nur die treue Überlieferung der Wahrheit von ihrem Guru empfingen,
sondern in ihrer eigenen Seele selbst immer wieder von neuem die Erfahrung
der ewigen Wahrheit gemacht haben.<<
Der bedeutendste
Vertreter dieser Strömung der indischen Gottesliebe, die im Lande "Gauda",
dem heutigen Bengalen, zur größten Blüte gelangte, ist Krishna Chaitanya.
Was der Verfasser
in langen Jahren des Lernens und Lauschens unter kundiger Führung von seinem
Guru Swami Sadananda und dessen Freunden erfahren hat und was er sehr
lückenhaft wiederzugeben versucht, weicht oftmals beträchtlich von den derzeitigen
Anschauungen der modernen Religionswissenschaft ab.
Unter anderem wird zum Beispiel die übliche unter dem Einfluß Shankaracaryas
entstandene Einteilung der Upanishaden in klassische und sektiererische innerhalb
dieser Strömung keineswegs anerkannt +1 , ebensowenig die derzeit
im Westen herrschenden Annahmen über die Entstehung und Datierung des sogenannten
>>vedischen Schrifttums<<.
Die Inder sind
kein Volk der Schrift. Obwohl die Kunst des Schreibens im indischen
Kulturkreis sehr alt ist, wurde diese Fertigkeit durch viele Jahrhunderte,
ja wahrscheinlich durch Jahrtausende, bloß für Handelsgeschäfte, Rechtsangelegenheiten
und andere profane Zwecke angewendet. Doch die Geheimlehre vom Unvergänglichen
wurde in Indien durch unübersehbare Zeit nicht schriftlich fixiert, sondern
in mündlicher Überlieferung vom Mund des Gurus, des Geisteslehrers,
zum lauschenden Ohr des Schülers weitergegeben.
Die
Upanishaden und Puranas sind voll von Berichten, wie ein sehnsüchtig Strebender
einen Guru aufsucht, von diesem in mannigfaltiger Weise geprüft wird und
erst nach bestandener Erprobung als Schüler angenommen wird.
So wie die Bibel,
das Alte und Neue Testament, durchrankt ist von der Aufzählung physischer
Geschlechterfolgen, die von Adam bis zu Jesus von Nazareth führen, so sind
die indischen heiligen Texte durchrankt von den Aufzählungen geistiger Geschlechterfolgen,
von den langen Namenreihen aufeinanderfolgender Gurus und ihrer Schüler,
die dann selbst wieder zu Gurus werden und das geheime Geistesgut ihrem vertrauten
Schüler weitergeben..
Die am Schluß
der Brihad-Aranyaka-Upanishad, der im Wald erteilten großen geheimen Unterweisung,
angeführte Namenreihe zählt nicht weniger als zweiundfünfzig Namen aufeinanderfolgender
Gurus auf.
An anderer Stelle
derselben Upanishad wird der Schüler angewiesen, er möge nach dem Singen
des Gayatri-Mantras die Namen der aufeinanderfolgenden Lehrer in der Gurufolge
andächtig vor sich hinmurmeln ... So wichtig erscheint dem upanishadischen
Seher, daß sich der Schüler jeweils mit der Macht der lebendigen Tradition
verbindet, daß er in fünfmaliger feierlicher Wiederholung dort ausspricht:
>>Sogar an einem trockenen Holzstumpf würden dadurch Zweige entstehen
und Blätter daraus hervorsprossen<< [Brihad-Aranyaka Upanishad 6,3;
7-12].
Die Gurureihe
dieser Upanishad, von denen eine aus frühester Vorzeit durch weite Zeiträume
bis zu dem kastenlosen Jungen Satyakama Jabala führt, der dann selbst ein
großer Guru wird, ist mit diesem nicht zu Ende. Sie verzweigt sich und führt
durch weitere Jahtausende bis in unsere Tage. Auch die verschwisterten Gurureihen,
deren Anfangsglieder in der Bhagavadgita und in den Puranas angeführt werden,
leiten lückenlos weiter bis in unsere Zeit. Es wird behauptet, daß es in
Indien seit dem vedischen Zeitalter niemals eine Generation gegeben habe,
da nicht einige Gurus das Unvergängliche in all seiner Realität erlebten
und ihren Schülern eröffneten.
Indien befindet
sich heute in einem großen Umbruch. Seit der Verfasser im Frühjahr 1938 zum
ersten Mal den Boden Indiens betrat, hat sich dort unerwartet viel verändert.
Eine scheinbar unerschütterlich gegründete Ordnung, die noch an die Lebensweise
des Mittelalters gemahnte, ist im Verlauf weniger Jahre in weiten Kreisen
in die hektische Lebensart einer chaotisierten modernen Welt übergegangen
mit all unserer Unruhe und Ratlosigkeit. Entwurzelt stürzen sich aufgeschreckte
Menschenmassen in die Arme eines mißverstandenen Materialismus, Atheismus,
Kommunismus. Andere werfen sich in die Arme wilden Aberglaubens. Ein Gott
wird gesucht, der Brot gibt und Lippenstifte und freien Kinobesuch.
Auch über die
Traditionsströme des uralten indischen Theismus türmt sich ein Schutt des
Umbruchs, aber einzelne große Gurus leben und wirken noch. Deshalb wird hier
der Versuch gewagt, ehe es vielleicht zu spät ist, einiges aus dem Leben
der mündlichen Überlieferung darzustellen; doch nicht wie es üblich ist,
von außen her kritisch und analysierend betrachtet; es wird vielmehr angestrebt,
ein bisher wenig bekanntes Gebiet indischer Mystik derart darzustellen, wie
es mit den Augen der indischen Seele gesehen wird.
Hie und da wird
auf verschwisterte Stellen aus den Evangelien und aus dem Alten Testament
und auf Worte von christlichen Mystikern hingedeutet. Es wird auch aufgezeigt,
wie der indische Gottgeweihte auf die Evangelien hinblickt. Das geschieht
aber keineswegs, um indische und christliche Mystiker gegeneinander auszuspielen
und auch nicht, um die Unterschiede zu verwischen und die viel verbreitete
Meinung zu bestärken, die mystische Erfahrung des Unvergänglichen sei überall
die gleiche. - Die Gottschauung der indischen Bhakti kennt Erfahrungen, die
der abendländischen Mystik fremd sind. -
Die angewendeten
Assoziationen aus unserem Kulturkreis sollen bloß dazu helfen, dem Leser
den Zugang zu dem ungewohnten Erleben der indischen Gottesmystik zu eröffnen.
Schon Betty Heimann
hat in ihrem Werk >>Studien zur Eigenart des indischen Denkens<<
+2 betont: >>Indien stellt
den Indologen all und überall vor die verzweifelt schwere Aufgabe, sich von
den geläufigen westlichen Denknormen zu lösen... Der übliche Forscherweg
des Intellekts und der Logik führt nicht in das Herz der indischen Erfahrung
und in die Erkenntnis des unvergänglichen Seins hinein, so wie es in den
Berichten der Veden und Upanishaden geschildert wird.<<
Das Blickfeld
des vorliegenden Werkes beschränkt sich auf die Krishna-Bhakti, die Gottesliebe,
wie sie vorzugsweise im Bhagavata-Purana und in der Strömung Krishna Chaitanyas
zu Tage tritt. Wenn von Gottgeweihten, von Bhaktas die Rede ist, werden fast
ausschließlich Gottgeweihte in der Nachfolge Krishna Chaitanyas gemeint.
Andere große Bereiche der Krishna-Bhakti und die Gottesliebe der vielen,
die in Indien den EINEN, den Höchsten, als Rama, Shiva, als große Mutter
und so weiter verehren, liegen fast jenseits des Horizonts.
In den Anfangskapiteln
kommen manche ungewohnten Namen und Begriffe vor. Aber die Andeutung der
Vielschichtigkeit einzelner Schlüsselworte der Sanskritsprache erwies sich
als notwendig, um die Tiefe der später wiedergegebenen Texte aus der indischen
Gottesliebe einigermaßen ahnen zu lassen.
Bei den Übersetzungen
aus den Upanishaden habe ich bestehende Übertragungen zu Rate gezogen und
nach Vergleichung mit dem Urtext teilweise angewendet +3. Die übrigen Übersetzungen
aus der Bhagavadgita, dem Bhagavata-Purana und anderen Schriften der indischen
Gottesliebe, vor allem der Literatur der Chaitanya-Bewegung, sind vom Verfasser.
Nur jemand, der
selbst einmal sich bemüht hat, Sanskrittexte aus dem indischen Mittelalter
in eine europäische Sprache zu übertragen, kann die Schwierigkeiten ermessen,
die sich aus der Vieldeutigkeit des Ausdrucks ergeben. Zuweilen wurden zur
Aufhellung des Sinns Stellen aus alten Kommentaren in Klammern eingefügt.
Die Entstehung dieses Buches wäre nie möglich gewesen ohne die unschätzbare
Hilfe und Mitarbeit meine Freundes und Lehrers, Swami Sadananda [Dr.phil.Ernst
Georg Schulze]. Auch in den Jahren, da der Lehrer und Schüler räumlich getrennt
waren, hat diese Hilfe nie ausgesetzt. Ungezählte Luftpostsendungen mit wertvollem
Material sind in dieser Zeit aus Bengalen, Orissa und Benares zu mir nach
Schweden gekommen. Sadananda sei hier von ganzem Herzen Dank gesagt. Und
ebenso meiner Frau, die mir in all den Jahren unermüdlich und aufopferungsvoll
als Mitarbeiterin beistand.
Diese Arbeit
verdankt ihre Entstehung auch der stetigen Ermunterung und dem Vertrauen
von Professor, Ernst Arbman, Stockholm. Auch ihm sei an dieser Stelle warmer
Dank ausgesprochen.
Mein Dank gilt
auch den vielen hilfreichen Menschen in den indischen Staaten Westbengalen,
Orissa und Uttar-Pradesh, die mir während meines letzten Studienaufenthalts
in Indien in mannigfaltiger Weise beistanden.
Bergslund, Schweden,
Sommer 1955 W.E.
Erster Teil
Der Lebensstrom des Unvergänglichen
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
sind Schlüssel aller Kreaturen,
wenn die, so singen oder küssen,
mehr als die Tiefgelehrten wissen,
wenn sich die Welt ins freie Leben
und in die Welt wird zurückbegeben,
wenn dann sich wieder Licht und Schatten
zu echter Klarhet werden gatten,
und man in Märchen und Gedichten
erkennt die ewgen Weltgeschichten,
dann fliegt vor einem geheimen Wort
das ganze verkehrte Wesen fort.
NOVALIS
I.
Das Unvergängliche
Die meisten Indologen
und Religionswissenschaftler des Abendlandes sehen die upanishadische Lehre
vom Unvergänglichen, vom Atman, wie sie auch in der Bhagavadgita und zahllosen
indischen Urkunden zum Ausdruck kommt, als eine bloße Theorie und Spekulation
an. Für die altindischen Seher aber, ebenso wie für manche hervorragende
indische Philosophen unserer Tage, ist das Unvergängliche, der Atman, das
Brahman keineswegs eine Theorie oder Spekulation. Auch wenn diese indischen
Gelehrten in Oxford und Cambridge studiert und sich alle westliche Bildung
unserer Zeit angeeignet haben, sehen sie doch in dem ewigen Atman eine lebendige
Wirklichkeit, das Gewisseste des Gewissen, die Realität aller Realität, das
SEIN alles Seins, die Wahrheit der Wahrheit [satyasya satya]. An allem und
jedem mögen diese Denker zweifeln, aber gewiß nicht an der Existenz des ewigen
Atman. Das Unvergängliche, der Atman, das Brahman ist für sie keine Theorie,
sondern eine Erfahrung.
>>Nicht
durch Reden, nicht durch Denken,
nicht
durch Sehen erfaßt man Ihn.
“Er
ist!” Durch dieses Wort wird Er
und nicht
auf andere Art erkannt.<<
[Katha-Upanishad 6,12]
Die mit dem
Verstand unbegreifliche Erfahrung des Atman zu machen, war zu jeder Zeit,
zumindestens während der letzten drei Jahrtausende, und ist noch heute die
drängende Sehnsucht zahlloser suchender Menschen in Indien. Noch imer beten
und meditieren täglich Millionen Hindus voll Andacht die Worte des upanishadischen
Sehers, die an das Unvergängliche gerichtet sind:
>>Aus
dem Unwirklichen führe uns in die Wirklichkeit.
Aus
Dunkelheit führe uns ins Licht.
Vom
Tode führe uns zur Unsterblichkeit.<<
[Brihad-Aranyaka Upanishad 1,3,28]
In derselben
Upanishad heißt es: >>Weil sie Ihn, den Atman, als ihre Heimat begehren,
verlassen sie die Welt.<< [Brihad-Aranyaka Upanishad 4,4,22]. Weil
ihnen die Erlangung des Atman wichtiger ist als alles Irdische, verlassen
sie alles, was sich nur auf irdische Maßstäbe bezieht, verlassen sie Besitz,
Heim, Familie ... Es ist ergreifend, in dem indischen Schrifttum aus Jahrtausenden
das Ringen um das Unvergängliche zu verfolgen. Entsagung war stets der Weg
der sehnsüchtigen Seelen. Das innerliche Loslassen alles dessen, was die
Menschen auf der Erde lieben und was sie an die Erde bindet. >>Diejenigen,
die aufgehört haben zu dürsten<< oder >>diejenigen, die nicht
mehr irgend etwas für sich haben wollen<<, werden diese Sucher genannt.
Auch das Wort >>Sannyasi<<, das heißt Verzichter, eine andere
Bezeichnung für den hauslos schweifenden indischen Mönch, der sogar außerhalb
des alle anderen bergenden religiös-sozialen Gesetzes steht, ist im Einklang
damit. Die upanishadischen Worte:
>>Ohne Verlangen,
frei von Verlangen,
mit gestilltem Verlangen,
Atman sein Verlangen<<,
[Brihad-Aranyaka Upanishad 4,4;6]
bezeichnen Wegstufen
ihrer Wanderung, dem Unvergänglichen zu. Es sind Stadien eines sich sacht
aus den Bindungen des Irdischen herauslösenden und zur ewigen Wirklichkeit
erwachenden Bewußtseins.
Die Sucher wandten
ihren Blick nach innen. Sie blickten in tiefer Versenkung in den Grund ihrer
eigenen Seele. Und da fanden sie Ihn, den >>Selbstleuchtenden<<,
den >>Ewigwachen<<, >>den das Auge nicht sieht, aber der
das Auge ds Auges ist<< und ohne den das Auge nimmer sehen könnte.
Sie fanden Ihn, >> den das Ohr nicht hört, aber der das Ohr des Ohres
ist<< und ohne den das Ohr nimmer hören könnte. Sie fanden Ihn, den
der Menschengeist nicht erkennt, aber welcher der Geist des Geistes ist<<
und ohne den der Geist nimmer erkennen könnte. Sie fanden den >>unerkannten
Erkenner<<, den >>inneren Anschauer von allem<<. Sie fanden
das SELBST, die ewige Selbstheit, die frei von aller Selbstsucht ist,den
ATMAN.
Einer, der vor
Jahrtausenden diesen inneren Weg zu Ende gegangen war, brach in die Worte
aus:
>>
Der ATMAN ist das von aller Unwissenheit und
Finsternis und Verblendung völlig befreite ICH.<<
(Nrisinha
- Uttara - Tapaniya - Upanishad)
Als der Seher
dann aus tiefer Versenkung auftauchend, den Blick nach außen wandte und um
sich schaute, da erkannte er - mit der Kraft des Atman schauend - daß auch
in der Außenwelt alles vom unvergänglichen Atman umhüllt und durchdrungen
war. Das Unzerstörbare war der innerste unvergängliche Grund jedes Dings
und jedes Wesens, jedes Staubkorns und jeder Sonne. >>Der ganze Weltraum
ist darein eingewoben und verwoben<< sagt der Seher seiner Schülerin
Gargi in der 'Brihad-Aranyaka Upanishad' [3,8;11].
Da die Sucher
nach der ewigen Wirklichkeit das Unvergängliche im Grund ihres eigenen Selbstes
fanden, nannten sie es das [wahre] Selbst [aatman]. Da sie das Unvergängliche
auch als ein das ganze Weltall umfassendes Großes fanden, nannten sie es
das Große das Brahman +4 .
Die in vielen
Jahrhunderten indischer Geistesgeschichte immer wiederkehrende klassische
Definition für das Brahman lautet: >>Weil es groß ist und weil
es groß macht, wissen sie es als das höchste Brahman<<
[brihat-tvaad
brihangatvaat ca tad brahma paramang viduhu. -
Vishnu Puraana
1, 12,57].
In knappen Sätzen,
die man zuweilen die >> großen Worte<< [mahaa vaakyam] der Upanishad
nennt, haben einzelne Meister der altindischen Geheimlehre versucht, die
Beziehung des Unvergänglichen in der eigenen Seele zu dem großen Unvergänglichen,
welches das ganze Weltall umhüllt und durchdringt, auszudrücken:
>>tat tvam
asi<< : >>Das bist du!<< [jenes Unvergängliche, das bist
du, das ist dein innerstes Selbst].
Ein Seher hat
die gewaltige Gleichung aufgestellt:>>brahma-aatma-aikyam<<,
das heißt: >>Das Brahman und der ATMAN sind eins.<<
Ein Seher verkündete:
>>aham brahmaasmi<< - >>Ich bin - das Brahman.<<
Sowohl die Wissenssucher,
die Jnanis, als auch die Gottgeweihten, die Bhaktas,
sehen in den Aussagen der Upanishad nicht bloßes Menschenwort, sondern Offenbarung
ewiger Wahrheit. Und doch scheidet die Deutung des vorgenannten und anderer
grundlegender Worte der Upanishad den Strom der indischen Geistigkeit in
zwei verschiedene Strombetten, so wie ein ins Wasser ragender gewaltiger
Felsen eines Gebirges die Flut eines brausenden Stroms in zwei Arme teilt.
Diejenigen Yogis, die gleich ihrem Meister Shankara-charya den Pfad des Wissens
[jñaana] gehen, nehmen den vorgenannten Satz der Upanishad: >>aham
brahmaasmi<< in seiner erschütternden buchstäblichen Bedeutung: >>Ich
bin das Brahman<<. Sie sagen: >>Das wahre Ich-selbst [aatman]
jedes Wesens ist vollkommen identisch mit dem Brahman<<. Als Aufgabe
ihres Lebens sehen sie es an, sich der immerwährenden Identität ihres ewigen
Selbstes mit dem allumfassenden Brahman, >>außer dem es nichts zweites
gibt<< bewußt zu werden. Diese Jnanis erleben das Brahman als grenzenloses
reines Bewußtsein, und sie betonen, daß das Brahman gestaltlos, eigenschaftslos,
kraftlos, wirkenslos +5 ist.
Ihre Lehre beruft
sich auf den Satz der Upanishad: >>Nicht gibt es Vielheit irgendwo<<.
Sie sagen: Alle Vielheit von Dingen und Wesen, alle Vielheit von verschiedenen
Seelen ist Täuschung. Die ganze Welt ist Täuschung. Auch die Zweiheit Mensch-Gott
ist im Sinne Shankaracaryas eine erhabene Illusion.
Diese Jnanis
streben danach, in das gestaltlose eigenschaftslose Brahman einzugehen und
mit ihrem eigenen begrenzten Bewußtsein in das grenzenlose Bewußtsein, das
Brahman genannt wird, zu versinken. Dieses Versinken bedeutet für sie Befreiung
[mukti] von der Unruhe und der Wirrsal der Welt; die erstrebte Befreiung
von dem brennenden Leid des endlosen Kreislaufs der Geburten und Tode.
Kennzeichnend
für den Pfad und für das Ziel der Jnanis ist die folgende Upanishadenstrophe:
>>Wie Ströme rinnen und im Ozean
- aufgebend Namen und Gestalt - verschwinden,
so geht, erlöst von Name und Gestalt,
der Weise ein zum göttlich höchsten Geiste.<<
[Mundaka-Upanishad 3 ,2 ;28]
Shankaracarya
betont: Ein Jnani, der das Ziel erreicht hat, er hat nicht Wissen, er ist
Wissen.
Die Bhaktas,
diejenigen, die sich Gott geweiht haben und deren Weg und Ziel Gottesliebe
ist, erleben den vorhin zitierten Satz der Upanishad >>aham brahmasmi<<
in grundlegend anderer Weise. Ihre Erfahrung ist:
>>Ich bin
von der Natur des Brahman. Ich gehöre zum Brahman, zu dem Unvergänglichen,
sowie der Sonnenstrahl zu der Sonne gehört.<<
Derartige Gleichnisse,
wie Sonnenstrahl und Sonne, Funken und Feuer, Früchte und Fruchtbaum, die
oft in der indischen Mystik vorkommen, aber durchaus nicht auf die indische
Mystik beschränkt sind [vergleiche >>Ich bin der Weinstock, ihr seid
die Reben<< Joh.15,5], weisen auf ein Mysterium hin, das für die Chaitanya-Bhaktas
von zentraler Bedeutung ist.
Innerhalb der
Kathegorie ATMAN offenbart sich ihnen eine ungeahnte Vielfalt:
>>Wahrlich auch im ATMAN ist wundersame
Mannigfaltigkeit<<
[aatmani eva caiva vicitrashca hi].
[Brahma-Sutras 2,1,28]
Innerhalb der
Ruhe und des tiefen Schweigens des Atman, erleben die Bhaktas Spannung und
Bewegung, erleben sie ein tief verborgenes, dramatisches Wechselspiel. Die
Chaitanya-Bhaktas und auch andere Bhaktas sprechen von dem Mysterium acintya-bhedaa-bheda
[bheda-abheda]. Das bedeutet: Ein unausdenkbares [acintya] Getrenntsein [bheda]
und gleichzeitiges Nichtgetrenntsein [abheda] des individuellen Atmas vom
ATMAN aller Atmas, des Strahls von der Sonne, der liebenden Seele vom geliebten
Gott.
Große Lehrer
des Vedanta haben im Lauf der Zeit in den blühenden Urwald der Upanishaden
Schneisen und Straßen geschlagen und die vielen verschiedenen Aussagen über
das Unvergängliche zu Systemen geordnet. Der philosophische Genius Shankaracarya
hat derart ein mächtiges Lehrgebäude der Zweitlosigkeit [advaita-vaada] errichtet.
Jene Aussagen
der upanishadischen Seher, die mit seiner Anschauung im Widerspruch standen,
hat Shankaracarya vernachlässigt oder umgedeutet oder kurzerhand als >>vorläufige<<
Unterweisung für die geistig Minderbemittelten hingestellt. Der Bhakta Madhva
hat auf Grund derselben Upanishaden ein streng dualistisches System aufgestellt,
die Upanishadenstellen mit dualistischer Tendenz hervorgehoben und die entgegengesetzten
Aussagen umgedeutet, oder vernachlässigt. Der Bhakta Ramanuja hat die Vielfalt
in der Einheit gesehen. Noch stärker als er hat Krishna Chaitanya den heimlichen
Pulsschlag alles göttlichen vernommen und verkündet, die lebende Beziehung
zwischen Vielheit und Einheit, die weder vollkommene Identität noch vollkommene
Verschiedenheit ist. Es handelt sich hier nicht um ein System im gleichen
Sinn wie bei den dualistischen oder monistischen Anschauungen, heben die
Chaitanya-Bhaktas hervor, sondern um ein rückhaltloes >>ja<<
zu der uns widerspruchsvoll erscheinenden Natur des Unvergänglichen, in dessen
Fülle weder statische Identität, noch statische Dualität herrscht. Krishna
Chaitanya, der es nicht ertrug, philosphische Darstellungen anzuhören, die
das Reich des Unvergänglichen in starr monistischer oder starr dualistischer
Weise einengten, hat die Dynamik [die dynamische Identität] innerhalb der
wundersamen Mannigfaltigkeit des Atman offenbart.
Die folgende
unergründlich tiefe Upanishadenstrophe, die von der göttlichen Fülle kündet
und die der Guru in Indien oftmals singt, bevor er seinem Schüler eine der
Upanishaden zu erklären beginnt, mögen als Leitmotiv auch für die Ausführungen
des vorliegenden Buches dienen:
A U M
puurnam adaha puurnam idam puurnaat puurnam udacyate.
puurnasya puurnam aadaaya puurnam evaavashishyate.
>>Jenes ist die Fülle, dieses ist die Fülle.
aus der [unendlichen] Fülle ward
die [unendliche] Fülle hervorgebracht.
Auch wenn die Fülle die Fülle entläßt,
bleibt doch die [ursprüngliche] Fülle
[unvermindert] voll.<<
[Brihad-Aranyaka Upanishad 5 ,1,1]
Die Realität
der Erfahrung jener, die wahrhaft den Pfad des Ynana-Yoga gehen, wird von
den Gurus der indischen Gottesliebe in der Strömung Krishna Chaitanyas keineswegs
geleugnet. Der Unterschied liegt darin, daß die ewige Wirklichkeit von
den Jnanis gleichsam statisch und von den Bhaktas dynamisch
erlebt wird.
II. Die Mannigfaltigkeit im Unvergänglichen
Die Upanishaden
werden immer wieder durchhallt von dem Schrei: neti neti [na-iti na-iti],
>>nicht so und nicht so!<< Weder dieses, noch dieses in der Sinnenwelt
und in der Welt der menschlichen Gedanken ist der Atman, das Unvergängliche.
- Auch in den Reden des Buddha kehrt die gleiche Feststellung zahllose Male
wieder.
Der upanishadische
Seher klagt: >>Die Worte weichen zurück vor Ihm und ebenso der Menschengeist,
ohne Ihn erlangt zu haben<< [Taittiriya-Upanishad 2, 9]. Meistens haben
sich die Seher damit begnügt, ihre Erfahrung des Unvergänglichen durch Negation
anzudeuten, durch Ausscheidung alles dessen, was der Atman nicht ist. In
den immer wiederkehrenden Kennzeichnungen: un-vergänglich, un-aussprechlich,
un-ausdenkbar, un-befleckbar, liegt bereits die negative Formulierung, Abstoßen
von allem Sinnenhaften, Abstoßen von allem, was mit Verstand und Vernunft
und Logik erfaßbar ist. So sagt zum Beispiel die Brihad-Aranyaka Upanishad
[3,8,8]: >>Das, was die Weisen das Un-vergängliche nennen, ist nicht
grob, und nicht fein, nicht kurz und nicht lang, ohne Raum ... ohne Tod,
ohne Furcht, ohne Inneres und ohne Äußeres.<<
Die Bhagavadgita,
welche die Essenz der Upanishaden wiedergibt und die unter anderem eine große
Belehrung über die verschiedenen Yogawege darstellt, die zum Un-vergänglichen
führen, sagt in ähnlicher Weise über den Atman:
>>Er ist
unzerstörbar. Niemand hat die Macht, diesen Unzerstörbaren zu vernichten.
Das Schwert schneidet Ihn nicht. Das Feuer brennt Ihn nicht,
das Wasser netzt Ihn nicht. Der Wind trocknet Ihn nicht aus.
Nicht wird Er jemals geboren, noch stirbt Er jemals... Er ist immer
Er selbst ... unausdenkbar.<<
[Bhagavadgita
2; 17,20 ,23 ,25].
Aber die in den
Upanishaden und in der Bhagavadgita und den anderen Urkunden immer wiederkehrende
Negation bedeutet keineswegs, daß die Erfahrung des Unvergänglichen (des
Atman) nicht gemacht wurde. >>Diese Negation ist kein Bekenntnis der
Unwissenheit, sondern nur ein Zusammenbruch aller Menschensprache vor der
überwältigenden Erfahrung des Unvergänglichen.<< +6 Wenn der Atman sich offenbart,
leuchtet Er mit einem solchen überweltlichen Lichte auf, daß alle Sinnenschau
daneben erlischt.
Was ist der Atman?
Bevor wir weitergehen,
ist es notwendig, das Wort Atman rein sprachlich klar zu erfassen. Fast jede
esoterische Erklärung des Guru beginnt mit einer nüchternen sprachlichen
Analyse der Schlüsselworte eines Textes, im Einklang mit der Einsicht der
indischen Sprachgelehrten.
Schon eine sprachliche
Betrachtung des Wortes Atman anhand der Wörterbücher läßt die Mannigfaltigkeit
und Vielschichtigkeit dieses Ausdrucks erkennen. Seine Bedeutungsschichten
reichen aus der Unendlichkeit des Unvergänglichen gleichsam im Schattenbild
seiner zentralen Bedeutung bis tief in die Vergänglichkeit von Zeit und Raum
hinein.
Die >>Wurzel<<
+7 des Sanskritwortes 'aatman'
ist die Silbe at, schreiten.
In dem Worte
aatman liegt die Bedeutung: Alldurchschreiten, allerfüllen. Atman bedeutet
selbst, das Selbst, auch das rückbezügliche Fürwort sich, mit dem der Mensch
sich auf sich selbst bezieht. Atman ist in all seinen Bedeutungsschichten
eine Bezeichnung für etwas, das jedem Menschen ganz nah und überaus lieb
ist. Aber was sehen die Menschen als ihr Nächstes und Liebstes an?
Atman bedeutet
im Bereich des Physischen unter anderem
a] den physischen
Leib
b] die Lebenskraft
[praana],
c] Gefühls- und
Willens- und Gedankenleben,
auf sanskrit
manas, auf englisch mind
Im Bereich des
Unvergänglichen bedeutet das Wort Atman:
d] die individuelle
Seele. Gemeint ist nicht das, was der Erdenmensch für
seine Seele
hält, sondern das reine Ich oder Selbst, das der Erkenntnis
von Sinnen
und Vernunft unerreichbar ist.
e] das Selbst
des ganzen Weltalls, der Atman aller
Atmas, der
höchste Atman [paramaatman].
f] das gestaltlose,
eigenschaftslose Brahman [niraa-kaara-
nirvishesha-brahma].
g] Bhagavan,
den überweltlichen persönlichen Gott.
Allen vier letztgenannten
Schichten des Wortes Atman im Bereich des Unvergänglichen wohnt die Bedeutung
inne: Der Atman ist reine Erkenntnis [cit]. Je nach seiner Wesensart wird
der Mensch in Indien seinen physischen Leib oder sein Leben oder sein Manas
oder seine individuelle Seele oder das Selbst des ganzen Weltalls, den Paramatman,
oder das gestaltlose Brahman oder den gestalthaften personhaften Gott Bhagavan,
als sein Nächstes und Liebstes, als sein Selbst, als das Selbst seines Selbstes
ansehen..
Bhagavan [Krishna]
spricht in der Bhagavadgita:
>>Ein
Teil von mir
ward in der Welt der Lebewesen
zur Seele, zur ewigen.<<
[Bhagavadgita 15, 7]
In der Bhagavadgita
wird der Vorgang gleichsam von Gott her angesehen, der sich selbst im Verlauf
seiner ewigen Selbstentfaltung durch alle Stoffesverhüllungen, durch alle
Wesen hindurch immer neu erkennt. Von den Menschenwesen aus könnte man die
gleiche Erfahrung im Sinne der Bhakti etwa folgendermaßen aussprechen:
Wenn eine individuelle
Seele - durch die Gnade Gottes - die Kraft erlangt, sich selbst anzuschauen,
da erkennt sie sich nicht nur als ewigen Atman, sie erkennt auch, daß sie
dem großen ATMAN [Gott] als ein unverlierbarer Teil zugehört. +8
Dieser große
ATMAN ist nach der kühnen Formulierung der altindischen Grammatiker der Ablativ
und Instrumental und Lokativ des Weltalls. Die Upanishad sagt über Ihn
aus:
>>Aus
dem diese Wesen geboren werden +9
durch
das sie leben, wenn sie geboren sind +10
und in
das sie nach dem Dahinscheiden wieder eingehen...<< +11
[Taittiriya-Upanishad Bhrigu-Valli 1]
Dieses große
Unvergängliche wird von den Vaishnavas zunächst erlebt als der göttliche
Weltengrund, als der väterlich der Welt zugekehrte Gott, als Vishnu, der
im Urbeginn durch die bloße Kraft seines Blickes den ersten Anstoß zur Weltschöpfung
gab. Die Strahlenkraft seines Blickes ward zur Gesamtheit der in die Welt
hinabgesandten Seelen. Gemeinsam mit diesen Seelen, so wird berichtet, ist
der große Vishnu [Mahaavishnu] selbst in den Bereich des Räumlichen und des
Zeitlichen eingetreten. - Das Wort Vishnu wird abgeleitet von den beiden
Sanskritwurzeln vish und vish, eintreten, durchdringen; aktiv sein. So ward
Vishnu zum Alltragenden, Allschauenden, Allseitsantlitz, Allseits-Auge-Seienden,
und er trägt und hält und behütet das Weltall und weilt in jedem Herzen als
der innere Anschauer, als der stille Zeuge des leisesten Gedankens.
Vishnu, der Alldurchdringende,wird
verehrt als der göttliche Herrscher des Weltalls [Jagannaatha, isha, ishvara].
Doch das unendliche Raumesweltall ist keineswegs Vishnus>>höchstes
Reich<<.
Schon im Rigveda
wird Vishnu als der >>Weithinschreitende<< gepriesen und wird
als jener besungen, der wie ein springender Löwe in der Wildnis die >>drei
gewaltigen Schritte<< tut. Die moderne westliche Religionswissenschaft
deutet die drei gewaltigen Schritte Vishnus als drei Phasen des Sonnenlaufs.
Die uralte Tradition der indischen Bhaktas weiß anderes zu berichten. Gemäß
dieser Tradition handelt es sich bei den drei mächtigen Schritten Vishnus
um ein Schreiten vom Bewußtseinszustand zu Bewußtseinszustand, aus dem Bewußtsein
des sinnlich sichtbaren Erdumkreises in ein Bewußtsein des Kosmischen und
noch weit darüber hinaus, in das reine Bewußtsein des Unvergänglichen hinein.
Es ist auch ein Schreiten durch alle früher aufgezählten Bedeutungen des
vielschichtigen Wortes Atman: von der irdischen Materie und dem irdischen
Leben zum kosmischen Leben und zum kosmischen Denken und zum Paramatman und
zum gestaltlosen Brahman und zu Bhagavan.
Den letzten Schritt
Vishnus im Sinne der indischen Geheimlehre zu bedenken, darüber zu meditieren
ist atemraubend. Es gilt, aus der Erfahrung des weltbezogenen Gottes in eine
noch tiefere Schicht einzutreten, wo es keine vergängliche Welt mehr gibt.
Ein alter, sehr
heiliger Mantra +12 des Rig Veda kündet von Vishnu‘s höchstem Schritt und von
Vishnus höchstem Reich. Das ist ein Mantra, der seit etwa viertausend Jahren
in Indien täglich von andächtigen Menschen vor jeder Mahlzeit, vor jeder
Waschung, vor jedem Bad, ja vor jedem Trinken eines Schluckes Wasser meditiert,
gemurmelt oder gesungen wird.
>>Jenes
ist des Vishnu höchster Schritt.
[Jenes
ist des Vishnu höchstes Reich.]
Immerdar
schauen es die Weisen +13
wie
ein im Himmel ausgebreitetes Auge.<<
[Rigveda 1, 22, 20]
In der vorstehenden
Rigvedastrophe wurden die Sanskritworte paramam padam einmal mit höchster
Schritt und einmal mit höchstes Reich übersetzt. Sie bedeuten beides. Auch
in der indischen Gottschauung ist >>der Weg und die Wahrheit und das
[göttliche] Leben<< eins
[vergleiche Joh.
14, 6].
Der indische
Seher kann >>Vishnus höchstes Reich<<, zu dem der vorstehende
Mantra die Pforte ist, in verschiedenartiger Weise erleben. Je nach dem Yogapfad,
den der Strebende geht, je nach der Wegstrecke, von der er Ausschau hält,
je nach dem Grad seiner Hingabe an das Unvergängliche, ist die Offenbarung
der unendlichen göttlichen Fülle, die ihm zuteil wird. Betont muß werden,
daß, gemäß indischer Vorstellung, nicht etwa der irdische Mensch das höchste
Reich erschaut. Nein, der ATMAN schaut. Der ATMAN schaut durch jedes schauende
Wesen hindurch sich selber an. Der ATMAN wird nicht erkannt, Er erkennt sich
selbst. Der ATMAN ist wie ein göttliches Auge, das gleichsam in sich selbst
hineinblickt und die unermeßlichen Tiefen der Mannigfaltigkeit Seiner Selbst
erschaut.
>>Mit diesem
deinem [menschlichen] Auge kannst du Mich nicht sehen [wie Ich wirklich bin]<<,
spricht Krishna In der Bhagavadgita zu seinem Schüler Aryuna [11,8]; >>Ich
verleihe dir Mein göttliches Auge<<. Wenn man die vielen Zeugnisse
vom Reiche Gottes in den indischen Offenbarungsurkunden betrachtet, ist einem
zumut, als ob man in die Flut eines unergründlich tiefen Brunnens hinabblickte.
Immer klarer wird die Offenbarung. Die Bhaktas sagen: Je nach dem Grade des
sich Hingebens, des sich noch nicht rückhaltlos oder völlig rückhaltlos Hingebens
an das Unvergängliche, taucht das aus sich selbst leuchtende ewige Reich
auf, oder gar Er, indem das Reich gründet. Je nach der inneren Veranlagung
der verschiedenen Gottsucher zieht gleichsam die Kraft ihrer übersinnlichen
Liebe und Hingabe aus der Fülle der unendlichen Möglichkeiten der Gottheit
jene Offenbarung hervor, nach der sich die einzelne Seele besonders sehnt:
Gottes Gestaltlosigkeit oder Gottes Gestalt. In drei Upanishaden
findet man die gleichlautende Strophe, die das Reich des Unvergänglichen
zu beschreiben versucht; es ist das Reich dessen, von dem alles Schauen ausgeht
und das im Rig Veda einem im Himmel ausgebreiteten Auge verglichen wird:
>>Dort
leuchtet nicht die Sonne, noch Mond, noch Sternenglanz,
noch jene
Blitze, geschweige irdisch Feuer,
IHM, der
allein glänzt, nachglänzt alles andre;
die ganze
Welt erglänzt von seinem Glanze.<<
[Katha-Upanishad 5, 15
Mundaka-Upanishad 2, 2;10
Shvetashvatara-Upanishad 6, 14]
Ein anderer Seher,
der Seher der Isha-Upanishad, fleht, der Sonne zugewendet, hinter deren physischem
Glanz er eine geistige Ursonne ahnt:
>>Mit
einer goldenen Schale
ist das
Antlitz der Wirklichkeit bedeckt;
o du Allernährer,
zieh die
Schale weg vor der Schauung des Wahrheitssuchers,
der nach
der heiligen Ordnung der Wirklichkeit strebt.
O
du Einziger, der schaut...
schiebe
Deine Strahlen fort.
Halte
Deinen Lichtglanz zurück,
daß
ich Deine lieblichste Gestalt schauen kann,
die
göttliche Person...<<
[Brihad-Aranyaka Upanishad 5,15]
[Isha-Upanishad 15 und 16]
In der Bhagavadgita,
derjenigen altindischen Offenbarungsurkunde, die von den Hindus aller noch
so verschiedenen philosophischen und religiösen Strömungen als Gottes Wort
betrachtet wird, tritt der höchste ATMAN, der Selbstleuchtende, dem alles
andere nachleuchtet, gestalthaft hervor. Nicht ein upanishadischer
Seher spricht nun. Er selber spricht, der Einzige, der wahrhaft zu schauen
vermag. Es spricht der große Atman Bhagavan. Er selbst kündet von
dem unvergänglichen Sein, wo die Sonne nicht leuchtet, noch der Mond, noch
die Sterne, und Er nennt dieses Sein: Mein Reich.
Bhagavan spricht:
>>Ich bin die Grundlage des Brahman,
des Unsterblichen, Unvergänglichen,
der ewig dauernden heiligen Ordnung,
der vollkommenen, göttlichen Wonne.<<
[Bhagavadgita 14, 27]
Er, der in der
Bhagavadgita singt, daß Er die Grundlage des Brahman ist, wird von den Bhaktas
nicht als formlos erlebt, auch wenn er über alle irdischen Formen erhaben
ist; nicht attributlos, auch wenn er über alle irdischen Eigenschaften erhaben
ist; nicht kraftlos, sondern mit unendlicher Kraft [shakti] begabt, von der
ein kleiner Teil das ganze Weltall trägt. Er hat Gestalt, eine Gestalt, die
aus ewigem SEIN und reiner ERKENNTNIS und göttlicher WONNE [sat-cit-aananda]
gebildet ist.
Ein indischer
Seher namens Shridhar - ein Weiser, der von den indischen Jnanis und den
indischen Bhaktas in gleicher Weise als einer der ihren angesehen wird -,
erläutert in seinem altberühmten Kommentar zur Bhagavadgita die vorhin zitierten
Worte Bhagavans: >> Ich bin die Grundlage des Brahman<<, und
sagt:
>>Das Brahman
ist Wonne [aananda], aber [Bhagavan] Krishna -so nennt er den personenhaften
Gott-, Er ist dichte göttliche Wonne, Er ist Wonnegestalt [aananda-ghana]
+14 .<<Das Begehren nach
Befreiung, die Grundbedingung alles Strebens der Jnanis, der Wissenssucher,
welche die ewige Wahrheit wissen wollen, ist für den Bhakta nicht das höchste
Begehren. Die Erlangung des Brahman, des höchsten Zieles auf dem Ynanapfad,
ist für ihn noch nicht der letzte Schritt.
Wer selbst hier
noch nicht stehenbleibt, sondern noch weiter dringt, voll Sehnsucht zu lieben,
zu dienen und sich liebend Gott hinzugeben, der erlangt höchste Bhakti, höchste
Liebe zu Bhagavan. Am Schlusse der Bhagavadgita beantwortet Bhagavan Krishna
die drängende Frage seines Schülers Aryuna, wie man Ihn wahrhaft klar erkennt
und wie man zu Ihm und in Sein Reich gelangt:
>>Durch
Bhakti kennt er Mich dem Wesen nach,
weiß wie
Ich bin und wer ich bin.
Und wenn
er Mich dem Wesen nach erkannt hat,
sogleich
geht er dann in Mich ein.<<
[Bhagavadgita 18, 55]
Die letze Zeile
der Strophe kann auch übersetzt werden:
>>Er
geht ein in das Reich, das keine Raum- und Zeit-
scheidung
kennt [tad anantaram]<<.
So wie ein Pilger
von einem Vorberg aus, über vielen Waldkämmen höher und höher sich auftürmend,
die von ewigem Schnee bedeckten Grate eines ungeheuren Gebirges zum ersten
Mal erschaut und staunend vorerst mit den Blicken die weitere Wanderung vorwegnimmt,
bevor sich wieder Wolken über das Gesichtsfeld senken, so haben wir in einer
allerersten Vorschau einen flüchtigen Blick auf mehrere Aspekte der >>wundersamen
Mannigfaltigket des Atman<<, getan, zuletzt einen schwindelnden
Blick in das reich der göttlichen Liebe, der wahren Bhakti, durch die, wie
die Bhagavadgita aussagt, erst das letzte Geheimnis des Atman klar erkannt
wird: wie Gott ist und wer Er ist.
Es gibt ein anderes
sehr wichtiges Quellenwerk der indischen Gottesliebe, genauer gesprochen,
der Krishna-Bhakti, das uns im Verlauf der Schrift noch viel beschäftigen
wird, und aus dem mehrere Kapitel und eine große Anzahl Schlüsselstrophen
in Übersetzung gebracht werden. Der Titel dieser Bhakti-Urkunde lautet: Shrimad
Bhagavatam und bedeutet: Das vom Reichtum heiliger Liebe [shrii] erfüllte
und gänzlich Bhagavan hingegebene [Buch]. Im folgenden Text wird dieses Werk
zumeist bloß das Bhagavatam genannt werden.
In einer der
Schlüsselstrophen des Bhagavatam werden drei verschiedene Erfahrungen aus
der Unendlichkeit und Mannigfaltigkeit des Atman zusammengefaßt:
1. Die Erfahrung
jener Wahrheitssucher, die den Pfad des Ynana-Yoga gehen
- das Brahman,
2. die Erfahrung
jener Yogis, die den Pfad des Raya-Yoga gehen,
der Paramatman,
3. die Erfahrung,
das Ziel und die Zuflucht jener Gottgeweihten,
die von der
göttlichen Liebe, der Bhakti, ergriffen worden sind -
Bhagavan,
der überweltliche, personenhafte, geliebte Gott.
Die Strophe lautet:
>>Die Wahrheitssucher
benennen die ewige Wahrheit
[tattvam],
die zweiheitsloses Wissen ist,
[mit den drei
Namen]:
BRAHMAN
PARAMATMAN
BHAGAVAN<< +15
[Bhagavatam 1, 2, 11]
III. Das Spiel im Unvergänglichen
Lila
Das Wort BHAGAVAN
[bhagavaan, Stammform bhagavat] wird abgeleitet von der Sanskritwurzel bhaj;
diese bedeutet unter anderem lieben, liebend dienen und sich liebend hingeben,
Anteil an etwas haben, Erfahrung von etwas haben, sich freuen. Bhagavan,
dem Zentrum alles Seins, strömt alle Liebe derer, die sich ihm geweiht haben,
zu. Die Nachsilbe van [vat] bedeutet: Er besitzt diese Liebe. Und die, die
an Gott zärtlichen Anteil haben, die Ihn in dem verborgenen göttlichen Spiel
durch die Anmut und Schönheit ihrer liebenden Hingabe erfreuen dürfen, sie
besitzen Ihn. Die Worte bhakta oder Bhagavata +16,der Gottgeweihte oder Bhagavatam,
das Bhagavan geweihte Buch, oder Bhagavadgita, der Gesang Bhagavans, vor
allem das Wort Bhakti +17, die liebende Hingabe,
die Bhagavans eigene herrliche Kraft ist, all diese Worte stammen aus der
gleichen Wurzel bhaj. Die üblichen Übersetzungsversuche für das Sanskritwort
Bhagavan: zum Beispiel der Erhabene, der Herr, the Lord, wirken matt und
unzulänglich, wenn man sie mit den lebendigen Kraftquellen der Liebe in dem
Wurzelworte bhaj zusammenhält. Auch die vielen Bedeutungen des Wortes bhaga,
das ebenfalls aus der Wurzel baj stammt und in dem Worte Bhagavan enthalten
ist, zum Beispiel Heil, Schönheit, Allmacht, Lieblichkeit, Liebe, liebende
Umarmung, sie sind alle Entfaltungen der Wurzel bhaj. Manchmal wird auch
anderen höheren Wesen, die Diener Bhagavans sind, in denen die Liebe Bhagavans
wirkt, wie zum Beispiel Brahma, dem Weltschöpfer, in den Texten der Beiname
Bhagavan vorangesetzt. In dem Werke Bhagavatam wird ein Ausspruch Bhagavans
über seine Bhaktas wiedergegeben, aus dem die Innigkeit der Beziehung zwischen
dem personenhaften Gott und denen, die sich Ihm geweiht haben, hervorgeht.
Bhagavan spricht:
>>Die Bhaktas sind Mein Herz
und Ich bin das Herz der Bhaktas.
sie kennen nichts anderes als Mich
und Ich kenne nichts anderes als sie.<<
[Bhagavatam 9, 4, 68]
In dieser Strophe
sehen die Gurus der Gottesliebe einen der vielen Hinweise auf das verborgene
göttliche Spiel Bhagavans mit den Seinen, das in der Philosophie der Bhakti
die Lila Bhagavans oder das >>Spiel in Gott<< genannt
wird. Das Wort liilaa, das hier ganz vorläufig und unzureichend mit >>Spiel
in Gott<< wiedergegeben wurde, ist ein fast unübersetzbares Sanskritwort,
das wir aber in den folgenden Ausführungen über die indische Gottesliebe
nicht entbehren können.
In den Sanskritwörterbüchern
findet man für Lila unter anderem: Spiel, Sport, Liebesspiel ...
Schwebende Leichtigkeit
und Beweglichkeit und Biegsamkeit und Spontaneität ist in diesem >>Spiel<<
der göttlichen Liebe eigen. Es ist ein spontanes Wechselspiel, das frei ist
von jeder irdischen Zweckgebundenheit.Es ist völlig frei vom zweckversklavten
Denken der Erdenmenschen. Nur die ganz jungen Kinder zeigen auf Erden ein
wenig vom Glanz der Spielfreude der Lila. Und die Bhaktas haben manchmal,
um den Außenstehenden das unbegreifliche Wesen der Lila anzudeuten, diese
mit dem spontanen Spielreigen unschuldiger heiterer Kinder verglichen.
>>Wie bloßes
Tanzen ... ohne Abzielen auf einen Zweck+18.<<
heißt es in einem
berühmten Kommentar über die Lila.
Dort wo der christliche
Mystiker Eckhart über das Wesen Gottes aussagt:
>>Gott
ist ohne warum<< ["sunder varumbe"] läßt er ein wenig vom Geheimnis
der Lila ahnen.
Das >>Spiel
in Gott<< geht nach der Überzeugung der Bhaktas in jenem Reich der
Fülle vor sich, von dem die Upanishad sagt: >>Die Fülle ist oben, die
Fülle ist unten.. Die Fülle ist im Westen, die Fülle ist im Osten. Die Fülle
ist im Norden, die Fülle ist im Süden. Fülle ist diese ganze Welt<<
[Chandogia-Upanishad 7, 25, 1]. Unmittelbar an diese Zeilen von der Fülle
folgt in der Upanishad in völlig gleichem Wortlaut die Unterweisung über
den Atman, den der Bhakta als Bhagavan, Gott erlebt:
>>Atman
ist oben. Atman ist unten. Atman ist im Westen. Atman ist im Westen. Atman
ist im Norden. Atman ist im Süden. Atman ist deine ganze Welt. Wahrlich,
wer dieses sieht, dieses denkt, dieses erkennt, wer seine Freude im Atman
hat, sein Entzücken im Atman hat, Wonne im Atman hat, der strahlt im SELBST,
der hat unbegrenzte Freiheit in allen Welten ...<<
[Chandogya-Upanishad
7, 25, 2].
Nun wird in
der Upanishad das Leben des Befreiten im Reich der Fülle angedeutet:
>>In
solcher Weise erhebt sich der Vollberuhigte +19,
.....[der Begnadete]
aus diesem
[irdischen] Leibe..
Und,
das höchste Licht erlangend,
tritt
er hervor in seiner eigenen Gestalt +20
Und
er wandelt dort umher,
essend,
spielend, sich ergötzend.<<
(Chandogya-Upanishad 8, 12, 2)
Der upanishadische
Guru fügt hinzu:
>>Dem Atman,
dem Alterslosen, dem Todlosen, dem Gramlosen,
der ohne
Hunger [nach den Dingen dieser Welt] ist,
der ohne
Durst nach den Dingen dieser Welt ist,
dessen Begehren
nur nach der ewigen Realität geht,
dem soll
man nachforschen.<<
( Chandogya-Upanishad 8, 7, 1)
Die Aufforderung
des Gurus der Chandogya-Upanishad, nachzuforschen, wie das Dasein des Befreiten,
des Begnadeten nach der Ablegung seines irdischen Leibes verläuft, wird in
jenen Upanishaden (die Shankaracarya auswählte und im Sinne seiner Erkenntnis
interpretierte und die man, ihm folgend, nun im Abendland die klassischen
Upanishaden nennt, nur unvollkommn erfüllt. Aber das, was in den Hauptupanishaden
nur angedeutet ist, das wird in anderen Upanishaden ausführlich dargestellt,
zum Beispiel in der Sama-Rahasya-Upanishad. Es ist das Dasein des Befreiten,
der zwar ohne Hunger und ohne Durst nach Irdischem ist, und dennoch im unvergänglichen
Lichte begehrt, ewige Realität begehrt [satya-kaama] und der, wie es wörtlich
heißt: >>umherwandelt und ißt und sich ergötzt und spielt<<
- >>der Liebesspiel mit dem Atman hat<< +21.
Noch erschöpfender
behandeln die Puranas, vor allem das große Bhagavata-Purana, dieses geheimnisvolle
Thema. Am ausführlichsten wird in der unübersehbaren >>Rasa-Literatur<<
der Chaitanya-Bewegung, die im Westen noch (relativ) unbekannt ist, von der
Lila, dem göttlichen Spiele Bhagavans und der freien Seelen, vom Liebesspiel
des ATMAN mit den Atmas berichtet.
Leider gibt es
noch keine wissenschaftlichen Ausgaben dieser letztgenannten Sanskrittexte.
Sie liegen nur in mit Bengalílettern gedruckten, schwer erhältlichen Folianten
vor, die von Druckfehlern wimmeln und die selbst in Indien, außerhalb Bengalens
erstaunlich wenig bekannt sind.
In diesen Urkunden
der Chaitanya-Bhakti wird von großen Sehern und Dichtern die Lila von Bhagavan
Krishna beschrieben:
Das Spiel in
Bhagavans innerem Reich oder -wie es in den Texten heißt- das Spiel in
Bhagavans zahllosen unendlichen Reichen ist tief verborgen. Der Vorhang,
der das Mysterium der Lila dicht verhüllt, ist ein Vorhang aus blendendem
Bewußtseinslicht, gestaltloses Brahman genannt.
Die Gurus
in der Traditionsfolge der Chaitanya-Bhakti sehen das gestaltlose Brahman
nicht als das Letzte an, sondern nur als eine Vorhalle Bhagavans. >>Halte
dich nicht in diesen Vorhallen auf<<, mahnt der Bhakti-Guru ernst seinen
Schüler. >>Denn dort erlischt das Köstlichste, die Gottesliebe. Und
der wahre Krishna, Bhagavan in seiner ganzen Fülle, betritt diese Stätte
nie.<< Das göttliche Spiel, die Lila, geht gemäß der Andeutungen des
Bhagavata-Purana und Padma-Purana und gemäß den Schilderungen der Rasa-Schriften
von Ewigkeit zu Ewigkeit vor sich. Es ist immer jung und frisch und neu.
Es hat zahllose Aufzüge. Es wird gleichsam auf zahllosen Bühnen des bühnenreichen
Gottes gleichzeitig gespielt, in Reichen überwältigender göttlicher Majestät
und in Reichen süßester göttlicher Lieblichkeit. Der einzige Held des unendlichen
Dramas der göttlichen Liebe auf allen Schauplätzen ist Gott, Bhagavan Krishna.
Die dramatische
Spannung der Lila steigert sich ständig, weil selbst Gott der aus dem Brunnen
seiner noch ungestalteten Unendlichkeit schöpft und schöpft, die Tiefe seiner
Liebe und die Tiefe der Liebe der Ihm ewig Beigesellten nie ausschöpfen kann
- obwohl Er, der EINE, in unendlich vielen Formen seiner Eigengestalt und
ebenso seiner Mitspieler in allen seinen Reichen gleichzeitig da ist und
spielt.
Doch es gehört
zur Spontaneität des göttlichen Spiels der Selbstentfaltung Gottes, daß
die Lila hie und da auch ins Reich des Meßbaren hinausflutet und für eine
Weile nun im Umkreis von Zeit und Raum gespielt wird. Gott steigt zuweilen
mit den Seinen zur Erde hinab. In den Urkunden wird dann berichtet: Einer
der Avatare Bhagavans oder gar Bhagavan selbst in Seiner ganzen Fülle sei
in der Welt der Sterblichen erschienen und über die Erde geschritten.
Die Geschichten
vom Spiele Gottes im Erdenland dünken dem unkundigen Leser oder Hörer oftmals,
irdischen Geschichten zu gleichen. Doch bedeutsam weisen die berühmten Brahma-Sutras
des Badarayana-Vyasa, die von allen verschiedenen Richtungen der Vedanta-Philosophie
als Autorität anerkannt werden, auf das Mysterium hin:
>>Wie in
der Welt, aber nur lila.<<
[lokavattu
liilaakaivalyam]
[Brahma-Sutras
2,1,13]
Kaivalyam, das
Nur, ist eine oft vorkommende Bezeichnung für das unvergängliche statische
Sein derer, die Befreiung gefunden haben, für das Brahman das jenseits aller
Gestalt und Eigenschaft ist. Lila-kaivalyam jedoch ist im Sinne der Bhakti
die Bezeichnung für das lebendig bewegte ewige Spiel liebender Seelen und
des geliebten Gottes in der Dynamik der Lila. Es ist ein Reich ewiger Gestaltenfülle,
doch ebenfalls über aller irdischer Gestalt.
Unermüdlich macht
der Bhaktiguru darauf aufmerksam: >>Nur weil die irdischen Worte versagen,
scheinen die Erzählungen von Gottes spielendem Tun mit Devas und Dämonen
und Menschen und am Grund des Meeres und in der Totenwelt und in vergänglichen
Himmelswelten und in Seinem eigenen unvergänglichen Reich oftmals irdischen
Berichten zu gleichen.<< Doch der Guru hebt hervor: >>Wo immer
Bhagavan auch spielt, dort ist Sein ewiges Reich, dort ist der Mittelpunkt
alles Seins.<< Der Guru erläutert auch: >>Nur auf der Unzulänglichkeit
der irdischen Sprache und der Relativität der Begriffe im Vergänglichen beruht
es, daß man sagt: “Bhagavan steigt herab" oder “Bhagavan kehrt in Sein eigenes
Reich zurück"; Bhagavan ist ja jener, “der kein Vorher und nachher hat, kein
Oben und Unten; der aber das Oben und Unten und das Vorher und Nachher des
Weltalls ist”. Bhagavan vereinigt in sich in wunderbarer Weise Gestalt und
Gestaltlosigkeit, Ruhe und Bewegung.<< Das Vernehmen der Geschichten
von Gottes Lila, wo sie sich auch immer begeben mag, >>wäscht Herz
und Ohr und löscht alles Karma aus<<; so verkünden das Bhagavatam und
andere Offenbarungsurkunden der Bhakti.
Von dem Reich,
in dem sich das >>innere Spiel<< [antaranga-liilaa] begibt, wird
später noch viel mehr berichtet werden. Der größte Teil des vorliegenden
Buches handelt davon. Der Schauplatz dieses Spiels ist das >>höchste
Reich<< zu dessen Pforte Vishnus letzter Schritt hinführt.
Dieses >>höchste
Reich<<, in dem sich die innere Lila begibt, erstreckt sich durch alles
Sein. Es erstreckt sich durch das Unvergängliche, aber auch, ungesehen, durch
alles Vergängliche. >>Was unten ist, ist oben; und was oben ist ist
unten<<, sagt bedeutsam die Katha-Upanishad.
Außer der in
dem >>höchsten Reich<< vor sich gehenden inneren Lila,
sprechen die Urkunden der Bhakti auch von einer äußeren Lila [bahiranga-liilaa].
Der >>vorletzte Schritt<< Vishnus, der alles kosmische Sein durchdringt,
alles was im Bereich von Raum und Zeit ist, bis zu den fernsten Lichtnebeln
noch unentdeckter Milchstraßen hin, führt zum Schauplatz dieses >>äußeren<<
göttlichen Spiels.
Nach der Anschauung
der Chaitanya-Bhakti sind es bloß die äußeren Aspekte Bhagavans, die als
Brahma, der Weltenbildner, als Vishnu, der Welterhalter, als Shiva, der Weltzerstörer,
diese äußere Lila beherrschen.
Alle diese drei
genannten Gottesaspekte sind vereint in der majestätischen Offenbarung des
persönlichen Gottes als Íshvara oder Ísha. >>Er ist der Herr des Alls,
Er ist der Allwissende, Er ist der innere Lenker, Er ist die Wiege des Weltalls
... denn Er ist Schöpfung und Vergang der Wesen<< [Nrisinha-Uttara-Taapaniiya-Upanishad,
erstes Khanda].
Die Isha-Upanishad,
jene Upanishad, mit welcher der Guru in Indien seit Jahrtausenden traditionsgemäß
die Unterweisung in die upanishadische Geheimlehre beginnt, hebt an: >>Von
Isha, dem göttlichen Weltenherrscher, ist dieses ganze Weltall, alles, was
sich bewegt und nicht bewegt, umhüllt, erfüllt, bewohnt, durchduftet...<<
Doch bei noch
innigerer Versenkung wird, gemäß den Worten der Nrisinha-Uttara-Tapaniya-Upanishad,
dieser allmächtige göttliche Weltenherrscher >>verschlungen<<.
Er entschwindet im Bewußtsein eines noch tieferen göttlichen Lebens, das
keinen Bezug zur Welt mehr hat. >>Gott Eigentlich<< offenbart
sich. Er wird in der Upanishad: >>der Holde, der Tod des Tods<<,
und von den Chaitanya-Bhaktas: >>Bhagavan in seiner ganzen Fülle<<
genannt.
Die großen kosmischen
Prozesse nie endender Weltauflösung, nie endenden Welterschaffens und Weltbehütens,
das Schicksal der Welten, das Schicksal der Völker und Einzelwesen, dünken
diesen Bhaktas nur ein Rahmen um das zentrale Geschehen des Innenlebens
Gottes zu sein, vergleichbar mit dem schmalen Gürtel aufgeregter Meeresbrandung,
die längs der Ufer die Unendlichkeit des Meeres umsäumt.
Die Auffassung,
die sich in der Bhakti kundgibt und versucht, alles vom Bewußtsein Gottes
aus anzusehen, ist extrem theozentrisch.
Der abendländische
Mensch erschrickt. Denn der Gläubige im Westen ist zumeist gewohnt, Gott
auf sich, auf die Welt zu beziehen. Von sich aus, vom Standpunkt seines eigenen
Wohls und Wehs oder seiner nächsten Umgebung oder seines Volkes oder der
“Menschheit” blickt er auf Gott hin, betet er zu dem Weltschöpfer und Weltenherrscher
und Weltenrichter und Allerbarmer, ohne dessen Willen kein Sperling zu Boden
fällt, zu Ihm, >>welcher die Welt so sehr geliebt hat, daß er Seinen
einzigen Sohn herabsandte<< um sie zu erlösen.
Der Gedanke,
daß Gott -ganz jenseits der Welt- auch ein Eigenleben führen könne, und daß
es der Sinn wahrer Religion sein könne, Gott ohne Rücksicht auf eigenes Wohl
oder Weh zu erfreuen, das kommt dem religiösen Menschen im Abendland
kaum in den Sinn. Die hier angedeuteten Gedankengänge dünken ihm unziemlich,
anstößig und phantastisch zu sein.
Und doch hat
schon der christliche Mystiker Angelus Silesius [1624-1677] von einem Spiel
der Gottheit gesprochen. Freilich meinte er vorzugsweise >>das äußere
Spiel<<, das im Reich der vergänglichen Schöpfung und der Kreaturen
vor sich geht, nicht das Spiel im >>Unerschaffenen<<.
Silesius sagt:
>>Dies
alles ist ein Spiel, das sich die Gottheit macht.
Sie hat die
Kreatur um ihretwill‘n erdacht.<<
[Cherubimischer Wandersmann]
Meister Eckhart
[1260-1327] sprach von der >>nackten Wüste der Gottheit<<, von
der unentfalteten Gottheit, die sich so hoch über dem weltbezogenen Gott
erhebt, wie sich der Himmel über der Erde erhebt. Er ahnte etwas vom Wesen
des gestaltlosen, eigenschaftslosen Brahman, von dem manche Upanishaden und
Shankaracarya kündeten.
Jakob Böhme [1575-1624],
der ungelehrte Mann, ahnte, wie in der Tiefe eines Bergwerks schwer nach
Worten für das Unaussprechliche ringend: >>[So wie] die Kinder zusammenlaufen,
so eins ein Spiel anhebt - Das ist noch ein Stück vom Paradies<< [Vierzig
Fragen von der Seele, 10].
Und Nícolaus
Cusanus [1404-1464], der nicht nur einer der tiefsten Mystiker der Christenheit,
sondern auch einer der ersten Bahnbrecher unserer modernen Naturwissenschaft
war, hat in dem holdseligen Lächeln und in dem zwecklosen spontanen Spiel
unschuldiger Kinder einen Abglanz des inneren Lebens der Gottheit gesehen.
IV. DIE VERZÜCKUNG IM UNVERGÄNGLICHEN
Rasa
IN DEM FRÜHEREN
Kapitel wurde eine Schilderung aus der Chandogya-Upanishad wiedergegeben,
worin das Leben einer befreiten Seele beschrieben wurde, die alles Süchten
nach Irdischem aufgegeben hat, in das unvergängliche Licht eingegangen ist,
und von der doch gesagt wird, daß sie >>umherwandelt und sich ergötzt
und ißt.<<
Was ißt der Befreite?
- Ein Chaitanya-Bhakta wird ohne Zögern antworten: Der Befreite, der von
Hüllen und Überdeckungen, Süchten und Bindungen befreite individuelle Atman
ißt den Rasa des göttlichen Spiels, der Lila.
Um mit der dem
Abendland ungewohnten Erfahrungs- und Vorstellungswelt vertraut zu werden,
die mit dem Worte Rasa verbunden ist, müssen wir uns aufmerksam mit dem Ausdruck
Rasa beschäftigen, so wie wir es früher mit den Worten Atman und Lila getan
haben.
Auch Rasa ist
ein fast unübersetzbares Sanskritwort. In den Wörterbüchern findet man dafür
unter anderem folgende Übersetzungsversuche: Geschmack, Duft, Würze, Essenz,
Flüssigkeit, Saft, der steigende Lebenssaft in den Bäumen, Fühlen, Liebe,
Freude, Anmut, Schönheit, Entrückung, Verzückung, Extase...Rasa ist auch
die Grundstimmung einer Dichtung, vor allem einer dramatischen Szene. Aber
um zum Zentrum des vieldeutigen Wortes Rasa zu gelangen, müssen wir zur Wurzel
dieses Wortes vordringen. Das Sanskritwort Rasa wird abgeleitet von der Wurzel
ras: schmecken, erleben, fühlen, wahrnehmen. Die indischen Gammatiker erklären
das Wort Rasa folgendermaßen:
a] Das, was geschmeckt,
gefühlt, erlebt, wahrgenommen wird, ist Rasa
[rasyate =
aasvaadyate iti Rasa].
b] [kausativisch]
Das, was das Schmecken und so weiter verursacht, also
schmecken,
fühlen, erleben, wahrnehmen macht, auch das ist Rasa;
[rasayati
= asvadayati iti Rasa].
Ein weiteres
Kennzeichen kommt noch hinzu:
c] >>Rasa
ist Erstaunen<< und
d] Rasa verursacht
Erstaunen, als ob etwas derart Wunderbares noch nie
vorher
erlebt worden wäre, und
e] >>Rasa
beinhaltet ein solches auf den Rasa-Konzentriert-Werden aller
Sinnes-
und Geistesfunktionen, daß für andere Dinge ganz und gar
kein Interesse
mehr übrig bleibt.<<
Es gibt eine
sehr subtile Rasalehre der indischen weltlichen Poesie, die seit Kalidasa
[etwa 500 nach Christus] die Kunst des indischen klassischen Dramas beherrscht.
Wenn zum Beispiel
der König in Kalidasas Drama Shakuntala am Beginn des Stücks leidenschaftlich
ein Reh verfolgt, da erleben die Zuschauer, so sagt die Rasalehre der indischen
Poetik aus, den Rasa des Schreckens:
Wird es dem Reh
gelingen, dem grausamen Jäger zu entgehen? Auf diesen Rasa sind alle Sinnes-
und Geistesfunktionen konzentriert, alles andere Interesse ist ausgelöscht.
- Das flüchtende Reh findet im Schoß des schönen Mädchens Shakuntala Zuflucht.
Die Zuschauer sind Zeuge, wie beim unvermuteten Anblick der Holdseligen staunende
Liebe im Herzen des Jägers erwacht, wie seine Sucht des Hetzens und Jagens
ganz entschwindet. Die zutiefst anteilnehmenden Zuschauer erleben den Rasa
eines die Seele weitenden fassungslosen Staunens und sie erleben auch
den zauberischen Rasa des Erotischen. Im vierten Akt desselben Stücks
ist Shakuntala genötigt den Frieden des heimatlichen Waldes zu verlassen.
Schmerzlich nimmt sie Abschied von dem großen Weisen, der ihr Pflegevater
ist, und von den Gespielinnen und von allen Bäumen und Sträuchern, um in
die ferne Stadt zu gehen, um dem grausamen Jäger nachzufolgen, dem sie in
der Heiligkeit der Waldeinsiedelei angetraut worden war, dessen Kind sie
trägt und der sie draußen in der Welt vergessen hat.
Die Zuschauer
erleben den Rasa des Mitleidens, den Rasa des >>gemeinsam mit
einem anderen Weinens<< [anukrosha].
Derart spricht
die indische [weltliche] Rasalehre noch von dem Rasa des Abscheus und
dem Rasa des Zorns und dem Rasa des Heroischen und dem Rasa
des Humoristischen, das heißt >>einer aufblühenden Heiterkeit,
die das Herz öffnet<<.
Als Goethe das
Drama >>Shakuntala<<, das oftmals als Schulbeispiel für die Rasas
der weltlichen Poesie angewendet wird, im Jahre 1791 kennenlernte, da schrieb
er die folgenden Verse nieder:
>>Willst
du die Blüten des frühen, die Früchte des späten Jahres,
willst
du was reizt und entzückt, willst du was sättigt und nährt,
willst
du den Himmel, die Erde mit einem Namen begreifen,
nenn ich
Shakuntala dich, und so ist alles gesagt.<<
Mit diesen Worten,
>>reizt und entzückt, sättigt und nährt<<, hat Goethe ohne etwas
von der indischen Rasalehre zu wissen, mit der Sicherheit des großen Dichters
einige wesentliche Kennzeichen der Rasas in der indischen weltlichen Dichtung
aufgezeigt.
Der deutsche
Indologe Helmut von Glasenapp erklärt nach indischen Quellen den Rasa der
weltlichen Poesie folgendermaßen: >>Der Rasa eines Gedichtes ist die
Stimmung, die es in dem Hörer hervorruft. Die Gefühle, die ein Dichter darstellen
will, finden gleichsam einen Widerhall in der Seele des Lesers, der sich
für Augenblicke gewissermaßen mit dem Helden identifiziert und dadurch allen
selbstischen Wünschen entrückt wird, ohne doch an dem, was jener erlebt und
empfindet, direkt teilzuhaben. Es ist eine reine überpersönliche, unirdische
Lust, die hier gekostet wird, vergleichbar dem Innewerden der Einheit des
Ich mit dem Allgeist, das der Yogi auf dem Höhepunkt seiner religiösen Kontemplation
erreicht. Nicht mit Unrecht sehen daher indische Philosophen in dem Rasa,
der wenigstens für einen Augenblick das Denken über die Grenzen des eigenen
Ich heraushebt, einen Widerschein des Göttlichen, und finden diese ihre Auffassung
wieder in der heiligen Schrift, im Veda...<< +22
Der vedische
Text, auf den hier angespielt wird, ist eine Stelle aus der Taittiriya-Upanishad,
die ein berühmtes Zeugnis dafür darstellt, daß man schon in vedischer Zeit
den überweltlichen Rasa kannte. In dieser Upanishad ist der Rasa die höchste
Erfahrung eines langen mühsamen Yogawegs.
Die Upanishad
berichtet, daß - wie so viele male vorher und nachher - ein suchender Mensch
einen Guru aufsucht und diesen bittet, ihm den Weg zum Unvergänglichen zu
weisen. Vor jedem Schritt, von Stufe zu Stufe läßt der Lehrer den Schüler
immer erneut strenge Askese und Entsagung üben, ehe er Hüllen um Hüllen der
Welt hinweghebt. Zuerst weist der Guru dem Schüler die weit ausgebreitete
Sinnenwelt, welche die unwissenden Menschen für die einzige Wirklichkeit
halten. Der Lehrer läßt den Schüler in der Meditation erfahren, daß die Stoffeswelt
des ganzen Weltalls, einschließlich des eigenen Leibes, nichts als eine äußere
Hülle ist, und zeigt ihm unter dieser vergänglichen Hülle die majestätische
Sphäre des Lebens [praana]. Auf einer neuen Stufe läßt der Lehrer ihn dann
in der Meditation erfahren, daß auch die mächtige Sphäre des Lebens nichts
als eine Hülle ist. Und als auch diese Hülle weggehoben ist, zeigt er ihm
die große Welt des menschlichen und des kosmischen Geistes [manas]. Dann
führt er den Schüler, der immer wieder die Kunst des Verzichtens, des Loslassens
üben mußte, noch weiter aufwärts und weiter nach innen, noch über die wunderbare
Welt alles Denkens hinaus: zu einer Sphäre der unmittelbaren Erfahrung unendlicher
Weisheit [vijñaana], die alle sichtbare Welt heimlich durchwebt und deren
Grund ist.
In Bildern, die
mehr als bloße Bilder sind, beschreibt der Guru der Taittiriya-Upanishad
dem Schüler das Wesen des Menschen, das von dreifachen Hüllen befreit, gleichsam
zu einem geflügelten Weisheitswesen geworden ist:
>>Gläubiges
Vertrauen [shraddhaa] ist sein Haupt.
Die heilige
Ordnung [rita] ist sein rechter Flügel.
Wahrheit
[satya] ist sein linker Flügel.
Yoga ist
sein Leib.
Sein Grund,
sein Schwanz ist das große Bewußtsein [mahat].<<
[Taittiriya-Upanishad 2,4]
Manche Sucher,
die so weit kommen, verweilen hier und glauben nun das letzte Ziel erlangt
zu haben. Aber die Unterweisung der Upanishad ist mit diesem Schritt noch
nicht zu Ende. Nachdem der Guru auch alle ewige Weisheit als einen Schleier
erkannt und ihn losgelassen hat, offenbart ihm der Lehrer, daß als Grund
unendlicher Weisheit ein noch tieferes Sein verborgen ist, das Reich der
göttlichen Wonne und Liebe. Der Guru beschreibt dem Schüler das nun erschaute
Wesen des Menschen und alles Seins. Abermals wählt er das Bild eines wunderbaren
Vogels, der endlich sämtlichen Hüllen entfliegt:
>>Liebe
[priyam] ist sein Haupt.
Freude [moda]
ist sein rechter Flügel.
Große Freude
[pramoda] ist sein linker Flügel.
Göttliche
Wonne [aananda] ist sein Leib.
Sein Grund,
sein Schwanz ist das Brahman.<<
[Taittiriya-Upanishad 2,5]
Der Guru fügt
hinzu:
>>Wer
vermöchte zu leben,
wer vermöchte
zu atmen,
wenn dieses
innere Leuchten
[dieser
innere Himmel] der Wonne nicht wäre?<<
[Taittiriya-Upanishad 2,7]
Hier hält der
Seher inne. Er hat ja auf dem Stufenweg mehrmals betont, daß vor dem letzen
Grund alles Seins die Worte zurückweichen. Doch eins hat er noch über das
Wesen des unvergänglichen Atman auszusagen vermocht:
>>Er
[der Atman] ist Rasa.
Wahrlich,
wer diesen Rasa erlangt hat,
ist einer,
der göttliche Wonne hat.<<
[Taittiriya-Upanishad 2,7]
Schon in der
weltlichen, also nicht einzig auf die Gottheit bezogenen Poesie, da wo die
Kraft des Dichters und des Schauspielers die Rasas in dem Zuschauer hervorruft,
sehen die Inder einen Abglanz des Göttlichen. Aber etwas noch viel Tieferes,
eine völlig neue Dimension, nicht mehr bloß Abglanz, sondern die Fülle der
Gottheit selbst wird von den Bhaktas in den Rasas des göttlichen Spiels
und in den Rasadichtungen erlebt, die von diesem Spiele handeln.
Nun ruft nicht
mehr die Kraft des Dichters und Schauspielers die Erschütterungen des Rasas
hervor, sondern die Liebe des Bhakta, die aus Gott stammende Kraft der Liebe
[prema-bhakti], bewirkt die Offenbarung Bhagavans. Die reale Begegnung läßt
die Liebe des Bhaktas noch mehr aufflammen und zum Rasa werden. >>So
steigert in wechselseitigem mannigfaltigem Spiel Liebe die Liebe und den
Rasa.<<
Das, was in der
Taittiriya-Upanishad als ein letzter Hochgipfel erscheint, zu dem ein zögernder
Schritt emporgeführt hat, bevor dann der Weg abbricht und die Worte endgültig
versagen, dort beginnt erst die eigentliche Lebenswelt der >>unverhüllten
Bhakti<<, das unendliche Reich der Rasas des >>göttlichen
Spiels<<. Die Philosophie der indischen Gottesliebe betont: Dieses
Verborgene ist nie und nimmer erlangbar auf einem emporsteigenden Pfad [aaroha],
nicht erlangbar auf Grund der eigenen Kraft der Meditation und Askese. Das
innere Reich Gottes, so lehrt der Guru nachdrücklich, erschließt sich nur
auf dem herabsteigenden Pfad [avaroha], dem Pfad der herabsteigenden
göttlichen Gnade +23. Die gnadenvoll herabsteigende Freudenkraft [Hlaadinii-shakti],
in der die Wonne der göttlichen Liebe mit göttlicher Erkenntnis vereint ist,
ergreift von der sich sehnsüchtig mühenden Seele Besitz und trägt sie zu
Gott empor.
Einer der häufigsten
Sanskritausdrücke für göttliche Gnade lautet bezeichnender Weise anugraha,
das bedeutet wörtlich: Ergreifen und immer wieder Ergreifen. Die esotherische
Rasalehre der Bhakti beschreibt das zarte überweltliche Geschehen, das sich
in den Tiefen der Seele vollzieht, folgendemaßen:
>>Wenn
das Herz im Ansturm der Gegenwart Gottes geschmolzen ist, wenn das Gemüt
[citta] [bis in die tiefsten Schichten des Unterbewußtseins] feucht geworden
ist, dann wird die im Herzen des Bhaktas immer vorhandene Liebe zu Bhagavan
in die Natur eines Rasas übergeführt, eines Rasas, der Gott, den Geliebten
erfreut<<; so schildert Rupa-Gosvami im >>Bhakti-Rasamrita-Sindhu<<
das Erwachen des Rasas.
An anderer Stelle
des gleichen Werkes heißt es:
>>Die wonnevolle
Liebe zu Bhagavan leuchtet hell im Herzen, weil der Bhakta schon in einem
früheren Leben ein Gottgeweihter, ein Liebender war und weil die Kraft der
Bhakti alle seine Mängel hinweggespült hat. Ganz s