>>Die Indische

Gottesliebe<<

Verfasser: Walther Eidlitz

transzendentale Literatur
Index

 

Verlag OTTO WALTHER,

OLTEN und FREIBURG im BREISGAU

 

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort......................................................................

Erster Teil

Der Lebensstrom des Unvergänglichen

I Das Unvergängliche...................................................

II Die Mannigfaltigkeit im Unvergänglichen...................

III Das Spiel im Unvergänglichen.................................

IV Die Verzückung im Unvergänglichen.......................

V Fünf Wogen des Unvergänglichen............................

Zweiter Teil

Das Geliebteste Buch der Hindus

VI Das Bhagavata-Purana...............................................

VII Vyasa, der Weltenlehrer empfängt das Bhagavata-Purana.......

 

Dritter Teil

M A Y A

VIII Die Drei Ketten der Maya................................................

IV Das Land jenseits der Ketten..........................................

Vierter Teil

KRISHNA

X Krishna‘s Lächeln..........................................................

XI Krishna‘s Avatare ............................................................

XII Christus und die Avatare.....................................................

XIII Die Namen Krishnas ..........................................................

XIV Das Singen des Gottesnamens............................................

Fünfter Teil

SZENEN AUS DEM GÖTTLICHEN SPIEL

[nach dem Bhagavata-Purana und Padma-Purana]

XV Krishna unterweist seinen Freund Uddhava.......................

XVI Krishna und die jungen Kuhhirten..................................

XVII Krishna und die jungen Kuhhirtinnen................................

XVIII Der Rasatanz.................................................................... .

XIX Krishna und Radha, das göttliche Paar................................

XX Zuflucht bei dem göttlichen Paar......................................

Sechster Teil

DAS AUFLEUCHTEN DER

GOTTESLIEBE

XXI Der Weihekreis von Vrindavan .....................................

 

Siebenter Teil

DAS NEUE SPIEL

XXII Krishna Chaitanya..........................................................

 

ANHANG

Anmerkungen..........................................................................

Literaturnachweis...................................................................

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GOTT IST IMMERDAR Und ÜBERALL gegenwärtig. Gottes Gestalt ist ganz Fülle und Seligkeit. Durch Seine immerdar und überall gegenwärtige Kraft erkennt und erlebt Er sich selbst. Wenn Er oder einer Seiner Ewig-Beigesellten den Gottgeweihten erwählt, dann ergreift diese Kraft dessen Herz, dessen ewiges Selbst. Diese Kraft ist Gottesliebe. Sie ist die Kraft Gottes, Ihn zu erkennen, Ihn zu erleben und sich selbst - wo immer es sei - in ewig wachsender Verzückung von Ewigkeit zu Ewigkeit zu Gottes Freude hinzuschenken. Und der aus Ihm selbst stammenden selbstlosen Liebe ganz zu erliegen, eben das ist Gottes größte Seligkeit.

>> Priti-Sandarbha<< von Jiva Gosvami [etwa1513-1597]

 

Vorwort

Bekanntlich ist erst in den Jahren 1801 und 1802 im Abendland die erste Übersetzung der Upanishaden erschienen. Vorher war die große, wunderbare Welt der indischen Erfahrung des Unvergänglichen im Westen noch fast unbekannt. Auch die weite Welt des Buddhismus war noch verborgen. Seither haben sich eine große Anzahl europäischer und amerikanischer Gelehrter emsig bemüht, die alten indischen Urkunden zu erforschen, zu zergliedern, textkritisch zu analysieren und zu datieren. Ihr Werk füllt ganze Bibliotheken. Insbesonere mit der Advaita-Lehre des großen indischen Philosophen, Shankar-acharya, [etwa 800 Jahre nach Jesus Christus] hat sich die abendländische Indologie in solchem Ausmaß befaßt, daß die Mehrzahl der Menschen im Westen, die sich für indische Geistigkeit interessieren, bewußt oder unbewußt, Shankar-acharya‘s System, seine Deutung der Upanishaden für die indische Philosophie ansehen.

In den letzten Jahrzehnten hat man auch begonnen, sich mit den bedeutenden Lehrsystemen zu beschäftigen, die im Mittelalter der Philosophie Shankar-acharyas entgegengestellt wurden, mit der Verkündigung einiger Meister der indischen Gottesliebe [Bhakti], zum Beispiel Ramanuja [geboren:1027], Madhva [1199-1278] und so weiter. Doch eine der wesentlichsten Strömungen des uralten indischen Theismus, die Traditionsfolge der Gottesliebe, mit der sich Krishna Chaitanya [1486-1533] verband, ist seltsamerweise trotz einiger verdienstlicher Hinweise im Abendland bisher noch fast unbekannt geblieben. Nur ein ganz geringer Bruchteil der ungeahnt reichen Literatur dieser Bewegung ward bisher übersetzt.

Der Autor hatte sich ursprünglich die Aufgabe gestellt, auf Grund der zahlreichen Originalquellen in Sanskrit und Altbengalí eine Lebensgeschichte Krishna Chaitanyas zu schreiben, des Mannes, dessen Leben und Verkündigung in seinem Heimatland seit über vier Jahrhunderten >>der geheime Schatz Indiens<< genannt wird.

Doch als der Verfasser nach gründlicher Vorbereitung ans Werk ging, merkte er, daß es unmöglich ist, diesen erstaunlichen Lebenslauf einem abendländischen Leserkreis darzustellen, wenn nicht zuerst der geistige Raum anschaulich gemacht wird, in dem sich das Leben Krishna Chaitanyas und seiner Jünger abspielt. Es ergab sich die Notwendigkeit, die Gottesoffenbarung aufzuzeigen, die das Herz dieser Gottgeweihten bewegt und die Ströme der mehrtausendjährigen Tradition, in denen sie stehen und aus denen sie schöpfen.

So kam es zu dem vorliegenden Buch, das von der Indischen Gottesliebe im Sinne Krishna Chaitanyas handelt.

Dem Verfasser war vergönnt, sich nicht nur auf Buchwissen und Studium der Originaltexte und der mittelalterlichen Kommentare zum Bhagavata-Purana und anderer heiliger Schriften der Bhakti beschränken zu müssen; er durfte auch während seines vieljährigen wiederholten Aufenthaltes in Indien einigen hervorragenden Vertretern der Gottesliebe aus der Strömung Krishna Chaitanyas freundschaftlich nahekommen. In seinem Buche >>Bhakta, eine Indische Odyssee<<, Claaßen, Hamburg 1951, hat er über das menschliche Erleben dieser Jahre in Indien berichtet. Das Wort Bhakta bedeutet Gottgeweihter.

In der vorliegenden Schrift wird der Versuch unternommen, darzulegen, wie die Angehörigen der Strömung Krishna Chaitanyas seit Alters her das Unvergängliche erleben und wie sie den Inhalt der Veden und Upanishaden, der Bhagavadgita und Puranas, vor allem des Bhagavata-Puranas und anderer indischer heiliger Schriften auffassen.

Es handelt sich um eine der streng theistischen Traditionsfolgen [sampradaya] innerhalb der uralten, weitverzweigten religiösen Strömung der indischen Vaishnavas.

Das Sanskritwort vaishnava bedeutet: dem Vishnu [Vishnu] zugehörig, dem >>Allschauenden<<, >>Alltragenden<<, der als >>stiller Zeuge<<, in jedem Herzen weilt und der sich als Krishna offenbarte.

Das für Traditionsfolge angewendete Wort sam-pra-daaya kann folgendermaßen übersetzt werden: Unverfälscht, treu [sam] weiter [pra] geben [daaya]. Die indische Definition für eine derartige Traditionsfolge oder Sampradaaya lautet: >>Weitergeben wir jene Offenbarung, die einstmals von Gott selbst erteilt wurde. Und diejenigen, die in nie abreißender Kette die Offenbarung weiterleiten, sind große Meister, die nicht nur die treue Überlieferung der Wahrheit von ihrem Guru empfingen, sondern in ihrer eigenen Seele selbst immer wieder von neuem die Erfahrung der ewigen Wahrheit gemacht haben.<<

Der bedeutendste Vertreter dieser Strömung der indischen Gottesliebe, die im Lande "Gauda", dem heutigen Bengalen, zur größten Blüte gelangte, ist Krishna Chaitanya.

Was der Verfasser in langen Jahren des Lernens und Lauschens unter kundiger Führung von seinem Guru Swami Sadananda und dessen Freunden erfahren hat und was er sehr lückenhaft wiederzugeben versucht, weicht oftmals beträchtlich von den derzeitigen Anschauungen der modernen Religionswissenschaft ab.

Unter anderem wird zum Beispiel die übliche unter dem Einfluß Shankaracaryas entstandene Einteilung der Upanishaden in klassische und sektiererische innerhalb dieser Strömung keineswegs anerkannt +1 , ebensowenig die derzeit im Westen herrschenden Annahmen über die Entstehung und Datierung des sogenannten >>vedischen Schrifttums<<.

Die Inder sind kein Volk der Schrift. Obwohl die Kunst des Schreibens im indischen Kulturkreis sehr alt ist, wurde diese Fertigkeit durch viele Jahrhunderte, ja wahrscheinlich durch Jahrtausende, bloß für Handelsgeschäfte, Rechtsangelegenheiten und andere profane Zwecke angewendet. Doch die Geheimlehre vom Unvergänglichen wurde in Indien durch unübersehbare Zeit nicht schriftlich fixiert, sondern in mündlicher Überlieferung vom Mund des Gurus, des Geisteslehrers, zum lauschenden Ohr des Schülers weitergegeben.

Die Upanishaden und Puranas sind voll von Berichten, wie ein sehnsüchtig Strebender einen Guru aufsucht, von diesem in mannigfaltiger Weise geprüft wird und erst nach bestandener Erprobung als Schüler angenommen wird.

So wie die Bibel, das Alte und Neue Testament, durchrankt ist von der Aufzählung physischer Geschlechterfolgen, die von Adam bis zu Jesus von Nazareth führen, so sind die indischen heiligen Texte durchrankt von den Aufzählungen geistiger Geschlechterfolgen, von den langen Namenreihen aufeinanderfolgender Gurus und ihrer Schüler, die dann selbst wieder zu Gurus werden und das geheime Geistesgut ihrem vertrauten Schüler weitergeben..

Die am Schluß der Brihad-Aranyaka-Upanishad, der im Wald erteilten großen geheimen Unterweisung, angeführte Namenreihe zählt nicht weniger als zweiundfünfzig Namen aufeinanderfolgender Gurus auf.

An anderer Stelle derselben Upanishad wird der Schüler angewiesen, er möge nach dem Singen des Gayatri-Mantras die Namen der aufeinanderfolgenden Lehrer in der Gurufolge andächtig vor sich hinmurmeln ... So wichtig erscheint dem upanishadischen Seher, daß sich der Schüler jeweils mit der Macht der lebendigen Tradition verbindet, daß er in fünfmaliger feierlicher Wiederholung dort ausspricht: >>Sogar an einem trockenen Holzstumpf würden dadurch Zweige entstehen und Blätter daraus hervorsprossen<< [Brihad-Aranyaka Upanishad 6,3; 7-12].

Die Gurureihe dieser Upanishad, von denen eine aus frühester Vorzeit durch weite Zeiträume bis zu dem kastenlosen Jungen Satyakama Jabala führt, der dann selbst ein großer Guru wird, ist mit diesem nicht zu Ende. Sie verzweigt sich und führt durch weitere Jahtausende bis in unsere Tage. Auch die verschwisterten Gurureihen, deren Anfangsglieder in der Bhagavadgita und in den Puranas angeführt werden, leiten lückenlos weiter bis in unsere Zeit. Es wird behauptet, daß es in Indien seit dem vedischen Zeitalter niemals eine Generation gegeben habe, da nicht einige Gurus das Unvergängliche in all seiner Realität erlebten und ihren Schülern eröffneten.

Indien befindet sich heute in einem großen Umbruch. Seit der Verfasser im Frühjahr 1938 zum ersten Mal den Boden Indiens betrat, hat sich dort unerwartet viel verändert. Eine scheinbar unerschütterlich gegründete Ordnung, die noch an die Lebensweise des Mittelalters gemahnte, ist im Verlauf weniger Jahre in weiten Kreisen in die hektische Lebensart einer chaotisierten modernen Welt übergegangen mit all unserer Unruhe und Ratlosigkeit. Entwurzelt stürzen sich aufgeschreckte Menschenmassen in die Arme eines mißverstandenen Materialismus, Atheismus, Kommunismus. Andere werfen sich in die Arme wilden Aberglaubens. Ein Gott wird gesucht, der Brot gibt und Lippenstifte und freien Kinobesuch.

Auch über die Traditionsströme des uralten indischen Theismus türmt sich ein Schutt des Umbruchs, aber einzelne große Gurus leben und wirken noch. Deshalb wird hier der Versuch gewagt, ehe es vielleicht zu spät ist, einiges aus dem Leben der mündlichen Überlieferung darzustellen; doch nicht wie es üblich ist, von außen her kritisch und analysierend betrachtet; es wird vielmehr angestrebt, ein bisher wenig bekanntes Gebiet indischer Mystik derart darzustellen, wie es mit den Augen der indischen Seele gesehen wird.

Hie und da wird auf verschwisterte Stellen aus den Evangelien und aus dem Alten Testament und auf Worte von christlichen Mystikern hingedeutet. Es wird auch aufgezeigt, wie der indische Gottgeweihte auf die Evangelien hinblickt. Das geschieht aber keineswegs, um indische und christliche Mystiker gegeneinander auszuspielen und auch nicht, um die Unterschiede zu verwischen und die viel verbreitete Meinung zu bestärken, die mystische Erfahrung des Unvergänglichen sei überall die gleiche. - Die Gottschauung der indischen Bhakti kennt Erfahrungen, die der abendländischen Mystik fremd sind. -

Die angewendeten Assoziationen aus unserem Kulturkreis sollen bloß dazu helfen, dem Leser den Zugang zu dem ungewohnten Erleben der indischen Gottesmystik zu eröffnen.

Schon Betty Heimann hat in ihrem Werk >>Studien zur Eigenart des indischen Denkens<< +2 betont: >>Indien stellt den Indologen all und überall vor die verzweifelt schwere Aufgabe, sich von den geläufigen westlichen Denknormen zu lösen... Der übliche Forscherweg des Intellekts und der Logik führt nicht in das Herz der indischen Erfahrung und in die Erkenntnis des unvergänglichen Seins hinein, so wie es in den Berichten der Veden und Upanishaden geschildert wird.<<

Das Blickfeld des vorliegenden Werkes beschränkt sich auf die Krishna-Bhakti, die Gottesliebe, wie sie vorzugsweise im Bhagavata-Purana und in der Strömung Krishna Chaitanyas zu Tage tritt. Wenn von Gottgeweihten, von Bhaktas die Rede ist, werden fast ausschließlich Gottgeweihte in der Nachfolge Krishna Chaitanyas gemeint. Andere große Bereiche der Krishna-Bhakti und die Gottesliebe der vielen, die in Indien den EINEN, den Höchsten, als Rama, Shiva, als große Mutter und so weiter verehren, liegen fast jenseits des Horizonts.

In den Anfangskapiteln kommen manche ungewohnten Namen und Begriffe vor. Aber die Andeutung der Vielschichtigkeit einzelner Schlüsselworte der Sanskritsprache erwies sich als notwendig, um die Tiefe der später wiedergegebenen Texte aus der indischen Gottesliebe einigermaßen ahnen zu lassen.

Bei den Übersetzungen aus den Upanishaden habe ich bestehende Übertragungen zu Rate gezogen und nach Vergleichung mit dem Urtext teilweise angewendet +3. Die übrigen Übersetzungen aus der Bhagavadgita, dem Bhagavata-Purana und anderen Schriften der indischen Gottesliebe, vor allem der Literatur der Chaitanya-Bewegung, sind vom Verfasser.

Nur jemand, der selbst einmal sich bemüht hat, Sanskrittexte aus dem indischen Mittelalter in eine europäische Sprache zu übertragen, kann die Schwierigkeiten ermessen, die sich aus der Vieldeutigkeit des Ausdrucks ergeben. Zuweilen wurden zur Aufhellung des Sinns Stellen aus alten Kommentaren in Klammern eingefügt. Die Entstehung dieses Buches wäre nie möglich gewesen ohne die unschätzbare Hilfe und Mitarbeit meine Freundes und Lehrers, Swami Sadananda [Dr.phil.Ernst Georg Schulze]. Auch in den Jahren, da der Lehrer und Schüler räumlich getrennt waren, hat diese Hilfe nie ausgesetzt. Ungezählte Luftpostsendungen mit wertvollem Material sind in dieser Zeit aus Bengalen, Orissa und Benares zu mir nach Schweden gekommen. Sadananda sei hier von ganzem Herzen Dank gesagt. Und ebenso meiner Frau, die mir in all den Jahren unermüdlich und aufopferungsvoll als Mitarbeiterin beistand.

Diese Arbeit verdankt ihre Entstehung auch der stetigen Ermunterung und dem Vertrauen von Professor, Ernst Arbman, Stockholm. Auch ihm sei an dieser Stelle warmer Dank ausgesprochen.

Mein Dank gilt auch den vielen hilfreichen Menschen in den indischen Staaten Westbengalen, Orissa und Uttar-Pradesh, die mir während meines letzten Studienaufenthalts in Indien in mannigfaltiger Weise beistanden.

Bergslund, Schweden, Sommer 1955 W.E.

 

 

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Erster Teil

Der Lebensstrom des Unvergänglichen

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

sind Schlüssel aller Kreaturen,

wenn die, so singen oder küssen,

mehr als die Tiefgelehrten wissen,

wenn sich die Welt ins freie Leben

und in die Welt wird zurückbegeben,

wenn dann sich wieder Licht und Schatten

zu echter Klarhet werden gatten,

und man in Märchen und Gedichten

erkennt die ewgen Weltgeschichten,

dann fliegt vor einem geheimen Wort

das ganze verkehrte Wesen fort.

NOVALIS

 

Index

 

I. Das Unvergängliche

Die meisten Indologen und Religionswissenschaftler des Abendlandes sehen die upanishadische Lehre vom Unvergänglichen, vom Atman, wie sie auch in der Bhagavadgita und zahllosen indischen Urkunden zum Ausdruck kommt, als eine bloße Theorie und Spekulation an. Für die altindischen Seher aber, ebenso wie für manche hervorragende indische Philosophen unserer Tage, ist das Unvergängliche, der Atman, das Brahman keineswegs eine Theorie oder Spekulation. Auch wenn diese indischen Gelehrten in Oxford und Cambridge studiert und sich alle westliche Bildung unserer Zeit angeeignet haben, sehen sie doch in dem ewigen Atman eine lebendige Wirklichkeit, das Gewisseste des Gewissen, die Realität aller Realität, das SEIN alles Seins, die Wahrheit der Wahrheit [satyasya satya]. An allem und jedem mögen diese Denker zweifeln, aber gewiß nicht an der Existenz des ewigen Atman. Das Unvergängliche, der Atman, das Brahman ist für sie keine Theorie, sondern eine Erfahrung.

>>Nicht durch Reden, nicht durch Denken,

nicht durch Sehen erfaßt man Ihn.

“Er ist!” Durch dieses Wort wird Er

und nicht auf andere Art erkannt.<<

[Katha-Upanishad 6,12]

Die mit dem Verstand unbegreifliche Erfahrung des Atman zu machen, war zu jeder Zeit, zumindestens während der letzten drei Jahrtausende, und ist noch heute die drängende Sehnsucht zahlloser suchender Menschen in Indien. Noch imer beten und meditieren täglich Millionen Hindus voll Andacht die Worte des upanishadischen Sehers, die an das Unvergängliche gerichtet sind:

>>Aus dem Unwirklichen führe uns in die Wirklichkeit.

Aus Dunkelheit führe uns ins Licht.

Vom Tode führe uns zur Unsterblichkeit.<<

[Brihad-Aranyaka Upanishad 1,3,28]

In derselben Upanishad heißt es: >>Weil sie Ihn, den Atman, als ihre Heimat begehren, verlassen sie die Welt.<< [Brihad-Aranyaka Upanishad 4,4,22]. Weil ihnen die Erlangung des Atman wichtiger ist als alles Irdische, verlassen sie alles, was sich nur auf irdische Maßstäbe bezieht, verlassen sie Besitz, Heim, Familie ... Es ist ergreifend, in dem indischen Schrifttum aus Jahrtausenden das Ringen um das Unvergängliche zu verfolgen. Entsagung war stets der Weg der sehnsüchtigen Seelen. Das innerliche Loslassen alles dessen, was die Menschen auf der Erde lieben und was sie an die Erde bindet. >>Diejenigen, die aufgehört haben zu dürsten<< oder >>diejenigen, die nicht mehr irgend etwas für sich haben wollen<<, werden diese Sucher genannt. Auch das Wort >>Sannyasi<<, das heißt Verzichter, eine andere Bezeichnung für den hauslos schweifenden indischen Mönch, der sogar außerhalb des alle anderen bergenden religiös-sozialen Gesetzes steht, ist im Einklang damit. Die upanishadischen Worte:

>>Ohne Verlangen,

frei von Verlangen,

mit gestilltem Verlangen,

Atman sein Verlangen<<,

[Brihad-Aranyaka Upanishad 4,4;6]

bezeichnen Wegstufen ihrer Wanderung, dem Unvergänglichen zu. Es sind Stadien eines sich sacht aus den Bindungen des Irdischen herauslösenden und zur ewigen Wirklichkeit erwachenden Bewußtseins.

Die Sucher wandten ihren Blick nach innen. Sie blickten in tiefer Versenkung in den Grund ihrer eigenen Seele. Und da fanden sie Ihn, den >>Selbstleuchtenden<<, den >>Ewigwachen<<, >>den das Auge nicht sieht, aber der das Auge ds Auges ist<< und ohne den das Auge nimmer sehen könnte. Sie fanden Ihn, >> den das Ohr nicht hört, aber der das Ohr des Ohres ist<< und ohne den das Ohr nimmer hören könnte. Sie fanden Ihn, den der Menschengeist nicht erkennt, aber welcher der Geist des Geistes ist<< und ohne den der Geist nimmer erkennen könnte. Sie fanden den >>unerkannten Erkenner<<, den >>inneren Anschauer von allem<<. Sie fanden das SELBST, die ewige Selbstheit, die frei von aller Selbstsucht ist,den ATMAN.

Einer, der vor Jahrtausenden diesen inneren Weg zu Ende gegangen war, brach in die Worte aus:

 

 

>> Der ATMAN ist das von aller Unwissenheit und

Finsternis und Verblendung völlig befreite ICH.<<

(Nrisinha - Uttara - Tapaniya - Upanishad)

Als der Seher dann aus tiefer Versenkung auftauchend, den Blick nach außen wandte und um sich schaute, da erkannte er - mit der Kraft des Atman schauend - daß auch in der Außenwelt alles vom unvergänglichen Atman umhüllt und durchdrungen war. Das Unzerstörbare war der innerste unvergängliche Grund jedes Dings und jedes Wesens, jedes Staubkorns und jeder Sonne. >>Der ganze Weltraum ist darein eingewoben und verwoben<< sagt der Seher seiner Schülerin Gargi in der 'Brihad-Aranyaka Upanishad' [3,8;11].

Da die Sucher nach der ewigen Wirklichkeit das Unvergängliche im Grund ihres eigenen Selbstes fanden, nannten sie es das [wahre] Selbst [aatman]. Da sie das Unvergängliche auch als ein das ganze Weltall umfassendes Großes fanden, nannten sie es das Große das Brahman +4 .

Die in vielen Jahrhunderten indischer Geistesgeschichte immer wiederkehrende klassische Definition für das Brahman lautet: >>Weil es groß ist und weil es groß macht, wissen sie es als das höchste Brahman<<

[brihat-tvaad brihangatvaat ca tad brahma paramang viduhu. -

Vishnu Puraana 1, 12,57].

In knappen Sätzen, die man zuweilen die >> großen Worte<< [mahaa vaakyam] der Upanishad nennt, haben einzelne Meister der altindischen Geheimlehre versucht, die Beziehung des Unvergänglichen in der eigenen Seele zu dem großen Unvergänglichen, welches das ganze Weltall umhüllt und durchdringt, auszudrücken:

>>tat tvam asi<< : >>Das bist du!<< [jenes Unvergängliche, das bist du, das ist dein innerstes Selbst].

Ein Seher hat die gewaltige Gleichung aufgestellt:>>brahma-aatma-aikyam<<, das heißt: >>Das Brahman und der ATMAN sind eins.<<

Ein Seher verkündete: >>aham brahmaasmi<< - >>Ich bin - das Brahman.<<

Sowohl die Wissenssucher, die Jnanis, als auch die Gottgeweihten, die Bhaktas, sehen in den Aussagen der Upanishad nicht bloßes Menschenwort, sondern Offenbarung ewiger Wahrheit. Und doch scheidet die Deutung des vorgenannten und anderer grundlegender Worte der Upanishad den Strom der indischen Geistigkeit in zwei verschiedene Strombetten, so wie ein ins Wasser ragender gewaltiger Felsen eines Gebirges die Flut eines brausenden Stroms in zwei Arme teilt. Diejenigen Yogis, die gleich ihrem Meister Shankara-charya den Pfad des Wissens [jñaana] gehen, nehmen den vorgenannten Satz der Upanishad: >>aham brahmaasmi<< in seiner erschütternden buchstäblichen Bedeutung: >>Ich bin das Brahman<<. Sie sagen: >>Das wahre Ich-selbst [aatman] jedes Wesens ist vollkommen identisch mit dem Brahman<<. Als Aufgabe ihres Lebens sehen sie es an, sich der immerwährenden Identität ihres ewigen Selbstes mit dem allumfassenden Brahman, >>außer dem es nichts zweites gibt<< bewußt zu werden. Diese Jnanis erleben das Brahman als grenzenloses reines Bewußtsein, und sie betonen, daß das Brahman gestaltlos, eigenschaftslos, kraftlos, wirkenslos +5 ist.

Ihre Lehre beruft sich auf den Satz der Upanishad: >>Nicht gibt es Vielheit irgendwo<<. Sie sagen: Alle Vielheit von Dingen und Wesen, alle Vielheit von verschiedenen Seelen ist Täuschung. Die ganze Welt ist Täuschung. Auch die Zweiheit Mensch-Gott ist im Sinne Shankaracaryas eine erhabene Illusion.

Diese Jnanis streben danach, in das gestaltlose eigenschaftslose Brahman einzugehen und mit ihrem eigenen begrenzten Bewußtsein in das grenzenlose Bewußtsein, das Brahman genannt wird, zu versinken. Dieses Versinken bedeutet für sie Befreiung [mukti] von der Unruhe und der Wirrsal der Welt; die erstrebte Befreiung von dem brennenden Leid des endlosen Kreislaufs der Geburten und Tode.

Kennzeichnend für den Pfad und für das Ziel der Jnanis ist die folgende Upanishadenstrophe:

>>Wie Ströme rinnen und im Ozean

- aufgebend Namen und Gestalt - verschwinden,

so geht, erlöst von Name und Gestalt,

der Weise ein zum göttlich höchsten Geiste.<<

[Mundaka-Upanishad 3 ,2 ;28]

Shankaracarya betont: Ein Jnani, der das Ziel erreicht hat, er hat nicht Wissen, er ist Wissen.

Die Bhaktas, diejenigen, die sich Gott geweiht haben und deren Weg und Ziel Gottesliebe ist, erleben den vorhin zitierten Satz der Upanishad >>aham brahmasmi<< in grundlegend anderer Weise. Ihre Erfahrung ist:

>>Ich bin von der Natur des Brahman. Ich gehöre zum Brahman, zu dem Unvergänglichen, sowie der Sonnenstrahl zu der Sonne gehört.<<

Derartige Gleichnisse, wie Sonnenstrahl und Sonne, Funken und Feuer, Früchte und Fruchtbaum, die oft in der indischen Mystik vorkommen, aber durchaus nicht auf die indische Mystik beschränkt sind [vergleiche >>Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben<< Joh.15,5], weisen auf ein Mysterium hin, das für die Chaitanya-Bhaktas von zentraler Bedeutung ist.

Innerhalb der Kathegorie ATMAN offenbart sich ihnen eine ungeahnte Vielfalt:

>>Wahrlich auch im ATMAN ist wundersame

Mannigfaltigkeit<<

[aatmani eva caiva vicitrashca hi].

[Brahma-Sutras 2,1,28]

Innerhalb der Ruhe und des tiefen Schweigens des Atman, erleben die Bhaktas Spannung und Bewegung, erleben sie ein tief verborgenes, dramatisches Wechselspiel. Die Chaitanya-Bhaktas und auch andere Bhaktas sprechen von dem Mysterium acintya-bhedaa-bheda [bheda-abheda]. Das bedeutet: Ein unausdenkbares [acintya] Getrenntsein [bheda] und gleichzeitiges Nichtgetrenntsein [abheda] des individuellen Atmas vom ATMAN aller Atmas, des Strahls von der Sonne, der liebenden Seele vom geliebten Gott.

Große Lehrer des Vedanta haben im Lauf der Zeit in den blühenden Urwald der Upanishaden Schneisen und Straßen geschlagen und die vielen verschiedenen Aussagen über das Unvergängliche zu Systemen geordnet. Der philosophische Genius Shankaracarya hat derart ein mächtiges Lehrgebäude der Zweitlosigkeit [advaita-vaada] errichtet.

Jene Aussagen der upanishadischen Seher, die mit seiner Anschauung im Widerspruch standen, hat Shankaracarya vernachlässigt oder umgedeutet oder kurzerhand als >>vorläufige<< Unterweisung für die geistig Minderbemittelten hingestellt. Der Bhakta Madhva hat auf Grund derselben Upanishaden ein streng dualistisches System aufgestellt, die Upanishadenstellen mit dualistischer Tendenz hervorgehoben und die entgegengesetzten Aussagen umgedeutet, oder vernachlässigt. Der Bhakta Ramanuja hat die Vielfalt in der Einheit gesehen. Noch stärker als er hat Krishna Chaitanya den heimlichen Pulsschlag alles göttlichen vernommen und verkündet, die lebende Beziehung zwischen Vielheit und Einheit, die weder vollkommene Identität noch vollkommene Verschiedenheit ist. Es handelt sich hier nicht um ein System im gleichen Sinn wie bei den dualistischen oder monistischen Anschauungen, heben die Chaitanya-Bhaktas hervor, sondern um ein rückhaltloes >>ja<< zu der uns widerspruchsvoll erscheinenden Natur des Unvergänglichen, in dessen Fülle weder statische Identität, noch statische Dualität herrscht. Krishna Chaitanya, der es nicht ertrug, philosphische Darstellungen anzuhören, die das Reich des Unvergänglichen in starr monistischer oder starr dualistischer Weise einengten, hat die Dynamik [die dynamische Identität] innerhalb der wundersamen Mannigfaltigkeit des Atman offenbart.

Die folgende unergründlich tiefe Upanishadenstrophe, die von der göttlichen Fülle kündet und die der Guru in Indien oftmals singt, bevor er seinem Schüler eine der Upanishaden zu erklären beginnt, mögen als Leitmotiv auch für die Ausführungen des vorliegenden Buches dienen:

A U M

puurnam adaha puurnam idam puurnaat puurnam udacyate.

puurnasya puurnam aadaaya puurnam evaavashishyate.

>>Jenes ist die Fülle, dieses ist die Fülle.

aus der [unendlichen] Fülle ward

die [unendliche] Fülle hervorgebracht.

Auch wenn die Fülle die Fülle entläßt,

bleibt doch die [ursprüngliche] Fülle

[unvermindert] voll.<<

[Brihad-Aranyaka Upanishad 5 ,1,1]

Die Realität der Erfahrung jener, die wahrhaft den Pfad des Ynana-Yoga gehen, wird von den Gurus der indischen Gottesliebe in der Strömung Krishna Chaitanyas keineswegs geleugnet. Der Unterschied liegt darin, daß die ewige Wirklichkeit von den Jnanis gleichsam statisch und von den Bhaktas dynamisch erlebt wird.

 

II. Die Mannigfaltigkeit im Unvergänglichen

Die Upanishaden werden immer wieder durchhallt von dem Schrei: neti neti [na-iti na-iti], >>nicht so und nicht so!<< Weder dieses, noch dieses in der Sinnenwelt und in der Welt der menschlichen Gedanken ist der Atman, das Unvergängliche. - Auch in den Reden des Buddha kehrt die gleiche Feststellung zahllose Male wieder.

Der upanishadische Seher klagt: >>Die Worte weichen zurück vor Ihm und ebenso der Menschengeist, ohne Ihn erlangt zu haben<< [Taittiriya-Upanishad 2, 9]. Meistens haben sich die Seher damit begnügt, ihre Erfahrung des Unvergänglichen durch Negation anzudeuten, durch Ausscheidung alles dessen, was der Atman nicht ist. In den immer wiederkehrenden Kennzeichnungen: un-vergänglich, un-aussprechlich, un-ausdenkbar, un-befleckbar, liegt bereits die negative Formulierung, Abstoßen von allem Sinnenhaften, Abstoßen von allem, was mit Verstand und Vernunft und Logik erfaßbar ist. So sagt zum Beispiel die Brihad-Aranyaka Upanishad [3,8,8]: >>Das, was die Weisen das Un-vergängliche nennen, ist nicht grob, und nicht fein, nicht kurz und nicht lang, ohne Raum ... ohne Tod, ohne Furcht, ohne Inneres und ohne Äußeres.<<

Die Bhagavadgita, welche die Essenz der Upanishaden wiedergibt und die unter anderem eine große Belehrung über die verschiedenen Yogawege darstellt, die zum Un-vergänglichen führen, sagt in ähnlicher Weise über den Atman:

>>Er ist unzerstörbar. Niemand hat die Macht, diesen Unzerstörbaren zu vernichten. Das Schwert schneidet Ihn nicht. Das Feuer brennt Ihn nicht, das Wasser netzt Ihn nicht. Der Wind trocknet Ihn nicht aus. Nicht wird Er jemals geboren, noch stirbt Er jemals... Er ist immer Er selbst ... unausdenkbar.<<

[Bhagavadgita 2; 17,20 ,23 ,25].

Aber die in den Upanishaden und in der Bhagavadgita und den anderen Urkunden immer wiederkehrende Negation bedeutet keineswegs, daß die Erfahrung des Unvergänglichen (des Atman) nicht gemacht wurde. >>Diese Negation ist kein Bekenntnis der Unwissenheit, sondern nur ein Zusammenbruch aller Menschensprache vor der überwältigenden Erfahrung des Unvergänglichen.<< +6 Wenn der Atman sich offenbart, leuchtet Er mit einem solchen überweltlichen Lichte auf, daß alle Sinnenschau daneben erlischt.

Was ist der Atman?

Bevor wir weitergehen, ist es notwendig, das Wort Atman rein sprachlich klar zu erfassen. Fast jede esoterische Erklärung des Guru beginnt mit einer nüchternen sprachlichen Analyse der Schlüsselworte eines Textes, im Einklang mit der Einsicht der indischen Sprachgelehrten.

Schon eine sprachliche Betrachtung des Wortes Atman anhand der Wörterbücher läßt die Mannigfaltigkeit und Vielschichtigkeit dieses Ausdrucks erkennen. Seine Bedeutungsschichten reichen aus der Unendlichkeit des Unvergänglichen gleichsam im Schattenbild seiner zentralen Bedeutung bis tief in die Vergänglichkeit von Zeit und Raum hinein.

Die >>Wurzel<< +7 des Sanskritwortes 'aatman' ist die Silbe at, schreiten.

In dem Worte aatman liegt die Bedeutung: Alldurchschreiten, allerfüllen. Atman bedeutet selbst, das Selbst, auch das rückbezügliche Fürwort sich, mit dem der Mensch sich auf sich selbst bezieht. Atman ist in all seinen Bedeutungsschichten eine Bezeichnung für etwas, das jedem Menschen ganz nah und überaus lieb ist. Aber was sehen die Menschen als ihr Nächstes und Liebstes an?

Atman bedeutet im Bereich des Physischen unter anderem

a] den physischen Leib

b] die Lebenskraft [praana],

c] Gefühls- und Willens- und Gedankenleben,

auf sanskrit manas, auf englisch mind

Im Bereich des Unvergänglichen bedeutet das Wort Atman:

d] die individuelle Seele. Gemeint ist nicht das, was der Erdenmensch für

seine Seele hält, sondern das reine Ich oder Selbst, das der Erkenntnis

von Sinnen und Vernunft unerreichbar ist.

e] das Selbst des ganzen Weltalls, der Atman aller

Atmas, der höchste Atman [paramaatman].

f] das gestaltlose, eigenschaftslose Brahman [niraa-kaara-

nirvishesha-brahma].

g] Bhagavan, den überweltlichen persönlichen Gott.

Allen vier letztgenannten Schichten des Wortes Atman im Bereich des Unvergänglichen wohnt die Bedeutung inne: Der Atman ist reine Erkenntnis [cit]. Je nach seiner Wesensart wird der Mensch in Indien seinen physischen Leib oder sein Leben oder sein Manas oder seine individuelle Seele oder das Selbst des ganzen Weltalls, den Paramatman, oder das gestaltlose Brahman oder den gestalthaften personhaften Gott Bhagavan, als sein Nächstes und Liebstes, als sein Selbst, als das Selbst seines Selbstes ansehen..

Bhagavan [Krishna] spricht in der Bhagavadgita:

 

>>Ein Teil von mir

ward in der Welt der Lebewesen

zur Seele, zur ewigen.<<

[Bhagavadgita 15, 7]

In der Bhagavadgita wird der Vorgang gleichsam von Gott her angesehen, der sich selbst im Verlauf seiner ewigen Selbstentfaltung durch alle Stoffesverhüllungen, durch alle Wesen hindurch immer neu erkennt. Von den Menschenwesen aus könnte man die gleiche Erfahrung im Sinne der Bhakti etwa folgendermaßen aussprechen:

Wenn eine individuelle Seele - durch die Gnade Gottes - die Kraft erlangt, sich selbst anzuschauen, da erkennt sie sich nicht nur als ewigen Atman, sie erkennt auch, daß sie dem großen ATMAN [Gott] als ein unverlierbarer Teil zugehört. +8

Dieser große ATMAN ist nach der kühnen Formulierung der altindischen Grammatiker der Ablativ und Instrumental und Lokativ des Weltalls. Die Upanishad sagt über Ihn aus:

>>Aus dem diese Wesen geboren werden +9

durch das sie leben, wenn sie geboren sind +10

und in das sie nach dem Dahinscheiden wieder eingehen...<< +11

[Taittiriya-Upanishad Bhrigu-Valli 1]

Dieses große Unvergängliche wird von den Vaishnavas zunächst erlebt als der göttliche Weltengrund, als der väterlich der Welt zugekehrte Gott, als Vishnu, der im Urbeginn durch die bloße Kraft seines Blickes den ersten Anstoß zur Weltschöpfung gab. Die Strahlenkraft seines Blickes ward zur Gesamtheit der in die Welt hinabgesandten Seelen. Gemeinsam mit diesen Seelen, so wird berichtet, ist der große Vishnu [Mahaavishnu] selbst in den Bereich des Räumlichen und des Zeitlichen eingetreten. - Das Wort Vishnu wird abgeleitet von den beiden Sanskritwurzeln vish und vish, eintreten, durchdringen; aktiv sein. So ward Vishnu zum Alltragenden, Allschauenden, Allseitsantlitz, Allseits-Auge-Seienden, und er trägt und hält und behütet das Weltall und weilt in jedem Herzen als der innere Anschauer, als der stille Zeuge des leisesten Gedankens.

Vishnu, der Alldurchdringende,wird verehrt als der göttliche Herrscher des Weltalls [Jagannaatha, isha, ishvara]. Doch das unendliche Raumesweltall ist keineswegs Vishnus>>höchstes Reich<<.

Schon im Rigveda wird Vishnu als der >>Weithinschreitende<< gepriesen und wird als jener besungen, der wie ein springender Löwe in der Wildnis die >>drei gewaltigen Schritte<< tut. Die moderne westliche Religionswissenschaft deutet die drei gewaltigen Schritte Vishnus als drei Phasen des Sonnenlaufs. Die uralte Tradition der indischen Bhaktas weiß anderes zu berichten. Gemäß dieser Tradition handelt es sich bei den drei mächtigen Schritten Vishnus um ein Schreiten vom Bewußtseinszustand zu Bewußtseinszustand, aus dem Bewußtsein des sinnlich sichtbaren Erdumkreises in ein Bewußtsein des Kosmischen und noch weit darüber hinaus, in das reine Bewußtsein des Unvergänglichen hinein. Es ist auch ein Schreiten durch alle früher aufgezählten Bedeutungen des vielschichtigen Wortes Atman: von der irdischen Materie und dem irdischen Leben zum kosmischen Leben und zum kosmischen Denken und zum Paramatman und zum gestaltlosen Brahman und zu Bhagavan.

Den letzten Schritt Vishnus im Sinne der indischen Geheimlehre zu bedenken, darüber zu meditieren ist atemraubend. Es gilt, aus der Erfahrung des weltbezogenen Gottes in eine noch tiefere Schicht einzutreten, wo es keine vergängliche Welt mehr gibt.

Ein alter, sehr heiliger Mantra +12 des Rig Veda kündet von Vishnu‘s höchstem Schritt und von Vishnus höchstem Reich. Das ist ein Mantra, der seit etwa viertausend Jahren in Indien täglich von andächtigen Menschen vor jeder Mahlzeit, vor jeder Waschung, vor jedem Bad, ja vor jedem Trinken eines Schluckes Wasser meditiert, gemurmelt oder gesungen wird.

>>Jenes ist des Vishnu höchster Schritt.

[Jenes ist des Vishnu höchstes Reich.]

Immerdar schauen es die Weisen +13

wie ein im Himmel ausgebreitetes Auge.<<

[Rigveda 1, 22, 20]

In der vorstehenden Rigvedastrophe wurden die Sanskritworte paramam padam einmal mit höchster Schritt und einmal mit höchstes Reich übersetzt. Sie bedeuten beides. Auch in der indischen Gottschauung ist >>der Weg und die Wahrheit und das [göttliche] Leben<< eins

[vergleiche Joh. 14, 6].

Der indische Seher kann >>Vishnus höchstes Reich<<, zu dem der vorstehende Mantra die Pforte ist, in verschiedenartiger Weise erleben. Je nach dem Yogapfad, den der Strebende geht, je nach der Wegstrecke, von der er Ausschau hält, je nach dem Grad seiner Hingabe an das Unvergängliche, ist die Offenbarung der unendlichen göttlichen Fülle, die ihm zuteil wird. Betont muß werden, daß, gemäß indischer Vorstellung, nicht etwa der irdische Mensch das höchste Reich erschaut. Nein, der ATMAN schaut. Der ATMAN schaut durch jedes schauende Wesen hindurch sich selber an. Der ATMAN wird nicht erkannt, Er erkennt sich selbst. Der ATMAN ist wie ein göttliches Auge, das gleichsam in sich selbst hineinblickt und die unermeßlichen Tiefen der Mannigfaltigkeit Seiner Selbst erschaut.

>>Mit diesem deinem [menschlichen] Auge kannst du Mich nicht sehen [wie Ich wirklich bin]<<, spricht Krishna In der Bhagavadgita zu seinem Schüler Aryuna [11,8]; >>Ich verleihe dir Mein göttliches Auge<<. Wenn man die vielen Zeugnisse vom Reiche Gottes in den indischen Offenbarungsurkunden betrachtet, ist einem zumut, als ob man in die Flut eines unergründlich tiefen Brunnens hinabblickte. Immer klarer wird die Offenbarung. Die Bhaktas sagen: Je nach dem Grade des sich Hingebens, des sich noch nicht rückhaltlos oder völlig rückhaltlos Hingebens an das Unvergängliche, taucht das aus sich selbst leuchtende ewige Reich auf, oder gar Er, indem das Reich gründet. Je nach der inneren Veranlagung der verschiedenen Gottsucher zieht gleichsam die Kraft ihrer übersinnlichen Liebe und Hingabe aus der Fülle der unendlichen Möglichkeiten der Gottheit jene Offenbarung hervor, nach der sich die einzelne Seele besonders sehnt: Gottes Gestaltlosigkeit oder Gottes Gestalt. In drei Upanishaden findet man die gleichlautende Strophe, die das Reich des Unvergänglichen zu beschreiben versucht; es ist das Reich dessen, von dem alles Schauen ausgeht und das im Rig Veda einem im Himmel ausgebreiteten Auge verglichen wird:

>>Dort leuchtet nicht die Sonne, noch Mond, noch Sternenglanz,

noch jene Blitze, geschweige irdisch Feuer,

IHM, der allein glänzt, nachglänzt alles andre;

die ganze Welt erglänzt von seinem Glanze.<<

[Katha-Upanishad 5, 15

Mundaka-Upanishad 2, 2;10

Shvetashvatara-Upanishad 6, 14]

Ein anderer Seher, der Seher der Isha-Upanishad, fleht, der Sonne zugewendet, hinter deren physischem Glanz er eine geistige Ursonne ahnt:

>>Mit einer goldenen Schale

ist das Antlitz der Wirklichkeit bedeckt;

o du Allernährer,

zieh die Schale weg vor der Schauung des Wahrheitssuchers,

der nach der heiligen Ordnung der Wirklichkeit strebt.

O du Einziger, der schaut...

schiebe Deine Strahlen fort.

Halte Deinen Lichtglanz zurück,

daß ich Deine lieblichste Gestalt schauen kann,

die göttliche Person...<<

[Brihad-Aranyaka Upanishad 5,15]

[Isha-Upanishad 15 und 16]

In der Bhagavadgita, derjenigen altindischen Offenbarungsurkunde, die von den Hindus aller noch so verschiedenen philosophischen und religiösen Strömungen als Gottes Wort betrachtet wird, tritt der höchste ATMAN, der Selbstleuchtende, dem alles andere nachleuchtet, gestalthaft hervor. Nicht ein upanishadischer Seher spricht nun. Er selber spricht, der Einzige, der wahrhaft zu schauen vermag. Es spricht der große Atman Bhagavan. Er selbst kündet von dem unvergänglichen Sein, wo die Sonne nicht leuchtet, noch der Mond, noch die Sterne, und Er nennt dieses Sein: Mein Reich.

Bhagavan spricht:

>>Ich bin die Grundlage des Brahman,

des Unsterblichen, Unvergänglichen,

der ewig dauernden heiligen Ordnung,

der vollkommenen, göttlichen Wonne.<<

[Bhagavadgita 14, 27]

Er, der in der Bhagavadgita singt, daß Er die Grundlage des Brahman ist, wird von den Bhaktas nicht als formlos erlebt, auch wenn er über alle irdischen Formen erhaben ist; nicht attributlos, auch wenn er über alle irdischen Eigenschaften erhaben ist; nicht kraftlos, sondern mit unendlicher Kraft [shakti] begabt, von der ein kleiner Teil das ganze Weltall trägt. Er hat Gestalt, eine Gestalt, die aus ewigem SEIN und reiner ERKENNTNIS und göttlicher WONNE [sat-cit-aananda] gebildet ist.

Ein indischer Seher namens Shridhar - ein Weiser, der von den indischen Jnanis und den indischen Bhaktas in gleicher Weise als einer der ihren angesehen wird -, erläutert in seinem altberühmten Kommentar zur Bhagavadgita die vorhin zitierten Worte Bhagavans: >> Ich bin die Grundlage des Brahman<<, und sagt:

>>Das Brahman ist Wonne [aananda], aber [Bhagavan] Krishna -so nennt er den personenhaften Gott-, Er ist dichte göttliche Wonne, Er ist Wonnegestalt [aananda-ghana] +14 .<<Das Begehren nach Befreiung, die Grundbedingung alles Strebens der Jnanis, der Wissenssucher, welche die ewige Wahrheit wissen wollen, ist für den Bhakta nicht das höchste Begehren. Die Erlangung des Brahman, des höchsten Zieles auf dem Ynanapfad, ist für ihn noch nicht der letzte Schritt.

Wer selbst hier noch nicht stehenbleibt, sondern noch weiter dringt, voll Sehnsucht zu lieben, zu dienen und sich liebend Gott hinzugeben, der erlangt höchste Bhakti, höchste Liebe zu Bhagavan. Am Schlusse der Bhagavadgita beantwortet Bhagavan Krishna die drängende Frage seines Schülers Aryuna, wie man Ihn wahrhaft klar erkennt und wie man zu Ihm und in Sein Reich gelangt:

>>Durch Bhakti kennt er Mich dem Wesen nach,

weiß wie Ich bin und wer ich bin.

Und wenn er Mich dem Wesen nach erkannt hat,

sogleich geht er dann in Mich ein.<<

[Bhagavadgita 18, 55]

Die letze Zeile der Strophe kann auch übersetzt werden:

>>Er geht ein in das Reich, das keine Raum- und Zeit-

scheidung kennt [tad anantaram]<<.

So wie ein Pilger von einem Vorberg aus, über vielen Waldkämmen höher und höher sich auftürmend, die von ewigem Schnee bedeckten Grate eines ungeheuren Gebirges zum ersten Mal erschaut und staunend vorerst mit den Blicken die weitere Wanderung vorwegnimmt, bevor sich wieder Wolken über das Gesichtsfeld senken, so haben wir in einer allerersten Vorschau einen flüchtigen Blick auf mehrere Aspekte der >>wundersamen Mannigfaltigket des Atman<<, getan, zuletzt einen schwindelnden Blick in das reich der göttlichen Liebe, der wahren Bhakti, durch die, wie die Bhagavadgita aussagt, erst das letzte Geheimnis des Atman klar erkannt wird: wie Gott ist und wer Er ist.

Es gibt ein anderes sehr wichtiges Quellenwerk der indischen Gottesliebe, genauer gesprochen, der Krishna-Bhakti, das uns im Verlauf der Schrift noch viel beschäftigen wird, und aus dem mehrere Kapitel und eine große Anzahl Schlüsselstrophen in Übersetzung gebracht werden. Der Titel dieser Bhakti-Urkunde lautet: Shrimad Bhagavatam und bedeutet: Das vom Reichtum heiliger Liebe [shrii] erfüllte und gänzlich Bhagavan hingegebene [Buch]. Im folgenden Text wird dieses Werk zumeist bloß das Bhagavatam genannt werden.

In einer der Schlüsselstrophen des Bhagavatam werden drei verschiedene Erfahrungen aus der Unendlichkeit und Mannigfaltigkeit des Atman zusammengefaßt:

1. Die Erfahrung jener Wahrheitssucher, die den Pfad des Ynana-Yoga gehen

- das Brahman,

2. die Erfahrung jener Yogis, die den Pfad des Raya-Yoga gehen,

der Paramatman,

3. die Erfahrung, das Ziel und die Zuflucht jener Gottgeweihten,

die von der göttlichen Liebe, der Bhakti, ergriffen worden sind -

Bhagavan, der überweltliche, personenhafte, geliebte Gott.

Die Strophe lautet:

>>Die Wahrheitssucher benennen die ewige Wahrheit

[tattvam], die zweiheitsloses Wissen ist,

[mit den drei Namen]:

BRAHMAN

PARAMATMAN

BHAGAVAN<< +15

[Bhagavatam 1, 2, 11]

transzendentale Lit. /   Index

 

 

 

III. Das Spiel im Unvergänglichen

Lila

Das Wort BHAGAVAN [bhagavaan, Stammform bhagavat] wird abgeleitet von der Sanskritwurzel bhaj; diese bedeutet unter anderem lieben, liebend dienen und sich liebend hingeben, Anteil an etwas haben, Erfahrung von etwas haben, sich freuen. Bhagavan, dem Zentrum alles Seins, strömt alle Liebe derer, die sich ihm geweiht haben, zu. Die Nachsilbe van [vat] bedeutet: Er besitzt diese Liebe. Und die, die an Gott zärtlichen Anteil haben, die Ihn in dem verborgenen göttlichen Spiel durch die Anmut und Schönheit ihrer liebenden Hingabe erfreuen dürfen, sie besitzen Ihn. Die Worte bhakta oder Bhagavata +16,der Gottgeweihte oder Bhagavatam, das Bhagavan geweihte Buch, oder Bhagavadgita, der Gesang Bhagavans, vor allem das Wort Bhakti +17, die liebende Hingabe, die Bhagavans eigene herrliche Kraft ist, all diese Worte stammen aus der gleichen Wurzel bhaj. Die üblichen Übersetzungsversuche für das Sanskritwort Bhagavan: zum Beispiel der Erhabene, der Herr, the Lord, wirken matt und unzulänglich, wenn man sie mit den lebendigen Kraftquellen der Liebe in dem Wurzelworte bhaj zusammenhält. Auch die vielen Bedeutungen des Wortes bhaga, das ebenfalls aus der Wurzel baj stammt und in dem Worte Bhagavan enthalten ist, zum Beispiel Heil, Schönheit, Allmacht, Lieblichkeit, Liebe, liebende Umarmung, sie sind alle Entfaltungen der Wurzel bhaj. Manchmal wird auch anderen höheren Wesen, die Diener Bhagavans sind, in denen die Liebe Bhagavans wirkt, wie zum Beispiel Brahma, dem Weltschöpfer, in den Texten der Beiname Bhagavan vorangesetzt. In dem Werke Bhagavatam wird ein Ausspruch Bhagavans über seine Bhaktas wiedergegeben, aus dem die Innigkeit der Beziehung zwischen dem personenhaften Gott und denen, die sich Ihm geweiht haben, hervorgeht.

Bhagavan spricht:

>>Die Bhaktas sind Mein Herz

und Ich bin das Herz der Bhaktas.

sie kennen nichts anderes als Mich

und Ich kenne nichts anderes als sie.<<

[Bhagavatam 9, 4, 68]

In dieser Strophe sehen die Gurus der Gottesliebe einen der vielen Hinweise auf das verborgene göttliche Spiel Bhagavans mit den Seinen, das in der Philosophie der Bhakti die Lila Bhagavans oder das >>Spiel in Gott<< genannt wird. Das Wort liilaa, das hier ganz vorläufig und unzureichend mit >>Spiel in Gott<< wiedergegeben wurde, ist ein fast unübersetzbares Sanskritwort, das wir aber in den folgenden Ausführungen über die indische Gottesliebe nicht entbehren können.

In den Sanskritwörterbüchern findet man für Lila unter anderem: Spiel, Sport, Liebesspiel ...

Schwebende Leichtigkeit und Beweglichkeit und Biegsamkeit und Spontaneität ist in diesem >>Spiel<< der göttlichen Liebe eigen. Es ist ein spontanes Wechselspiel, das frei ist von jeder irdischen Zweckgebundenheit.Es ist völlig frei vom zweckversklavten Denken der Erdenmenschen. Nur die ganz jungen Kinder zeigen auf Erden ein wenig vom Glanz der Spielfreude der Lila. Und die Bhaktas haben manchmal, um den Außenstehenden das unbegreifliche Wesen der Lila anzudeuten, diese mit dem spontanen Spielreigen unschuldiger heiterer Kinder verglichen.

>>Wie bloßes Tanzen ... ohne Abzielen auf einen Zweck+18.<<

heißt es in einem berühmten Kommentar über die Lila.

Dort wo der christliche Mystiker Eckhart über das Wesen Gottes aussagt:

>>Gott ist ohne warum<< ["sunder varumbe"] läßt er ein wenig vom Geheimnis der Lila ahnen.

Das >>Spiel in Gott<< geht nach der Überzeugung der Bhaktas in jenem Reich der Fülle vor sich, von dem die Upanishad sagt: >>Die Fülle ist oben, die Fülle ist unten.. Die Fülle ist im Westen, die Fülle ist im Osten. Die Fülle ist im Norden, die Fülle ist im Süden. Fülle ist diese ganze Welt<< [Chandogia-Upanishad 7, 25, 1]. Unmittelbar an diese Zeilen von der Fülle folgt in der Upanishad in völlig gleichem Wortlaut die Unterweisung über den Atman, den der Bhakta als Bhagavan, Gott erlebt:

>>Atman ist oben. Atman ist unten. Atman ist im Westen. Atman ist im Westen. Atman ist im Norden. Atman ist im Süden. Atman ist deine ganze Welt. Wahrlich, wer dieses sieht, dieses denkt, dieses erkennt, wer seine Freude im Atman hat, sein Entzücken im Atman hat, Wonne im Atman hat, der strahlt im SELBST, der hat unbegrenzte Freiheit in allen Welten ...<<

[Chandogya-Upanishad 7, 25, 2].

Nun wird in der Upanishad das Leben des Befreiten im Reich der Fülle angedeutet:

>>In solcher Weise erhebt sich der Vollberuhigte +19,

.....[der Begnadete]

aus diesem [irdischen] Leibe..

Und, das höchste Licht erlangend,

tritt er hervor in seiner eigenen Gestalt +20

Und er wandelt dort umher,

essend, spielend, sich ergötzend.<<

(Chandogya-Upanishad 8, 12, 2)

Der upanishadische Guru fügt hinzu:

>>Dem Atman, dem Alterslosen, dem Todlosen, dem Gramlosen,

der ohne Hunger [nach den Dingen dieser Welt] ist,

der ohne Durst nach den Dingen dieser Welt ist,

dessen Begehren nur nach der ewigen Realität geht,

dem soll man nachforschen.<<

( Chandogya-Upanishad 8, 7, 1)

Die Aufforderung des Gurus der Chandogya-Upanishad, nachzuforschen, wie das Dasein des Befreiten, des Begnadeten nach der Ablegung seines irdischen Leibes verläuft, wird in jenen Upanishaden (die Shankaracarya auswählte und im Sinne seiner Erkenntnis interpretierte und die man, ihm folgend, nun im Abendland die klassischen Upanishaden nennt, nur unvollkommn erfüllt. Aber das, was in den Hauptupanishaden nur angedeutet ist, das wird in anderen Upanishaden ausführlich dargestellt, zum Beispiel in der Sama-Rahasya-Upanishad. Es ist das Dasein des Befreiten, der zwar ohne Hunger und ohne Durst nach Irdischem ist, und dennoch im unvergänglichen Lichte begehrt, ewige Realität begehrt [satya-kaama] und der, wie es wörtlich heißt: >>umherwandelt und ißt und sich ergötzt und spielt<< - >>der Liebesspiel mit dem Atman hat<< +21.

Noch erschöpfender behandeln die Puranas, vor allem das große Bhagavata-Purana, dieses geheimnisvolle Thema. Am ausführlichsten wird in der unübersehbaren >>Rasa-Literatur<< der Chaitanya-Bewegung, die im Westen noch (relativ) unbekannt ist, von der Lila, dem göttlichen Spiele Bhagavans und der freien Seelen, vom Liebesspiel des ATMAN mit den Atmas berichtet.

Leider gibt es noch keine wissenschaftlichen Ausgaben dieser letztgenannten Sanskrittexte. Sie liegen nur in mit Bengalílettern gedruckten, schwer erhältlichen Folianten vor, die von Druckfehlern wimmeln und die selbst in Indien, außerhalb Bengalens erstaunlich wenig bekannt sind.

In diesen Urkunden der Chaitanya-Bhakti wird von großen Sehern und Dichtern die Lila von Bhagavan Krishna beschrieben:

Das Spiel in Bhagavans innerem Reich oder -wie es in den Texten heißt- das Spiel in Bhagavans zahllosen unendlichen Reichen ist tief verborgen. Der Vorhang, der das Mysterium der Lila dicht verhüllt, ist ein Vorhang aus blendendem Bewußtseinslicht, gestaltloses Brahman genannt.

Die Gurus in der Traditionsfolge der Chaitanya-Bhakti sehen das gestaltlose Brahman nicht als das Letzte an, sondern nur als eine Vorhalle Bhagavans. >>Halte dich nicht in diesen Vorhallen auf<<, mahnt der Bhakti-Guru ernst seinen Schüler. >>Denn dort erlischt das Köstlichste, die Gottesliebe. Und der wahre Krishna, Bhagavan in seiner ganzen Fülle, betritt diese Stätte nie.<< Das göttliche Spiel, die Lila, geht gemäß der Andeutungen des Bhagavata-Purana und Padma-Purana und gemäß den Schilderungen der Rasa-Schriften von Ewigkeit zu Ewigkeit vor sich. Es ist immer jung und frisch und neu. Es hat zahllose Aufzüge. Es wird gleichsam auf zahllosen Bühnen des bühnenreichen Gottes gleichzeitig gespielt, in Reichen überwältigender göttlicher Majestät und in Reichen süßester göttlicher Lieblichkeit. Der einzige Held des unendlichen Dramas der göttlichen Liebe auf allen Schauplätzen ist Gott, Bhagavan Krishna.

Die dramatische Spannung der Lila steigert sich ständig, weil selbst Gott der aus dem Brunnen seiner noch ungestalteten Unendlichkeit schöpft und schöpft, die Tiefe seiner Liebe und die Tiefe der Liebe der Ihm ewig Beigesellten nie ausschöpfen kann - obwohl Er, der EINE, in unendlich vielen Formen seiner Eigengestalt und ebenso seiner Mitspieler in allen seinen Reichen gleichzeitig da ist und spielt.

Doch es gehört zur Spontaneität des göttlichen Spiels der Selbstentfaltung Gottes, daß die Lila hie und da auch ins Reich des Meßbaren hinausflutet und für eine Weile nun im Umkreis von Zeit und Raum gespielt wird. Gott steigt zuweilen mit den Seinen zur Erde hinab. In den Urkunden wird dann berichtet: Einer der Avatare Bhagavans oder gar Bhagavan selbst in Seiner ganzen Fülle sei in der Welt der Sterblichen erschienen und über die Erde geschritten.

Die Geschichten vom Spiele Gottes im Erdenland dünken dem unkundigen Leser oder Hörer oftmals, irdischen Geschichten zu gleichen. Doch bedeutsam weisen die berühmten Brahma-Sutras des Badarayana-Vyasa, die von allen verschiedenen Richtungen der Vedanta-Philosophie als Autorität anerkannt werden, auf das Mysterium hin:

>>Wie in der Welt, aber nur lila.<<

[lokavattu liilaakaivalyam]

[Brahma-Sutras 2,1,13]

Kaivalyam, das Nur, ist eine oft vorkommende Bezeichnung für das unvergängliche statische Sein derer, die Befreiung gefunden haben, für das Brahman das jenseits aller Gestalt und Eigenschaft ist. Lila-kaivalyam jedoch ist im Sinne der Bhakti die Bezeichnung für das lebendig bewegte ewige Spiel liebender Seelen und des geliebten Gottes in der Dynamik der Lila. Es ist ein Reich ewiger Gestaltenfülle, doch ebenfalls über aller irdischer Gestalt.

Unermüdlich macht der Bhaktiguru darauf aufmerksam: >>Nur weil die irdischen Worte versagen, scheinen die Erzählungen von Gottes spielendem Tun mit Devas und Dämonen und Menschen und am Grund des Meeres und in der Totenwelt und in vergänglichen Himmelswelten und in Seinem eigenen unvergänglichen Reich oftmals irdischen Berichten zu gleichen.<< Doch der Guru hebt hervor: >>Wo immer Bhagavan auch spielt, dort ist Sein ewiges Reich, dort ist der Mittelpunkt alles Seins.<< Der Guru erläutert auch: >>Nur auf der Unzulänglichkeit der irdischen Sprache und der Relativität der Begriffe im Vergänglichen beruht es, daß man sagt: “Bhagavan steigt herab" oder “Bhagavan kehrt in Sein eigenes Reich zurück"; Bhagavan ist ja jener, “der kein Vorher und nachher hat, kein Oben und Unten; der aber das Oben und Unten und das Vorher und Nachher des Weltalls ist”. Bhagavan vereinigt in sich in wunderbarer Weise Gestalt und Gestaltlosigkeit, Ruhe und Bewegung.<< Das Vernehmen der Geschichten von Gottes Lila, wo sie sich auch immer begeben mag, >>wäscht Herz und Ohr und löscht alles Karma aus<<; so verkünden das Bhagavatam und andere Offenbarungsurkunden der Bhakti.

Von dem Reich, in dem sich das >>innere Spiel<< [antaranga-liilaa] begibt, wird später noch viel mehr berichtet werden. Der größte Teil des vorliegenden Buches handelt davon. Der Schauplatz dieses Spiels ist das >>höchste Reich<< zu dessen Pforte Vishnus letzter Schritt hinführt.

Dieses >>höchste Reich<<, in dem sich die innere Lila begibt, erstreckt sich durch alles Sein. Es erstreckt sich durch das Unvergängliche, aber auch, ungesehen, durch alles Vergängliche. >>Was unten ist, ist oben; und was oben ist ist unten<<, sagt bedeutsam die Katha-Upanishad.

Außer der in dem >>höchsten Reich<< vor sich gehenden inneren Lila, sprechen die Urkunden der Bhakti auch von einer äußeren Lila [bahiranga-liilaa]. Der >>vorletzte Schritt<< Vishnus, der alles kosmische Sein durchdringt, alles was im Bereich von Raum und Zeit ist, bis zu den fernsten Lichtnebeln noch unentdeckter Milchstraßen hin, führt zum Schauplatz dieses >>äußeren<< göttlichen Spiels.

Nach der Anschauung der Chaitanya-Bhakti sind es bloß die äußeren Aspekte Bhagavans, die als Brahma, der Weltenbildner, als Vishnu, der Welterhalter, als Shiva, der Weltzerstörer, diese äußere Lila beherrschen.

Alle diese drei genannten Gottesaspekte sind vereint in der majestätischen Offenbarung des persönlichen Gottes als Íshvara oder Ísha. >>Er ist der Herr des Alls, Er ist der Allwissende, Er ist der innere Lenker, Er ist die Wiege des Weltalls ... denn Er ist Schöpfung und Vergang der Wesen<< [Nrisinha-Uttara-Taapaniiya-Upanishad, erstes Khanda].

Die Isha-Upanishad, jene Upanishad, mit welcher der Guru in Indien seit Jahrtausenden traditionsgemäß die Unterweisung in die upanishadische Geheimlehre beginnt, hebt an: >>Von Isha, dem göttlichen Weltenherrscher, ist dieses ganze Weltall, alles, was sich bewegt und nicht bewegt, umhüllt, erfüllt, bewohnt, durchduftet...<<

Doch bei noch innigerer Versenkung wird, gemäß den Worten der Nrisinha-Uttara-Tapaniya-Upanishad, dieser allmächtige göttliche Weltenherrscher >>verschlungen<<. Er entschwindet im Bewußtsein eines noch tieferen göttlichen Lebens, das keinen Bezug zur Welt mehr hat. >>Gott Eigentlich<< offenbart sich. Er wird in der Upanishad: >>der Holde, der Tod des Tods<<, und von den Chaitanya-Bhaktas: >>Bhagavan in seiner ganzen Fülle<< genannt.

Die großen kosmischen Prozesse nie endender Weltauflösung, nie endenden Welterschaffens und Weltbehütens, das Schicksal der Welten, das Schicksal der Völker und Einzelwesen, dünken diesen Bhaktas nur ein Rahmen um das zentrale Geschehen des Innenlebens Gottes zu sein, vergleichbar mit dem schmalen Gürtel aufgeregter Meeresbrandung, die längs der Ufer die Unendlichkeit des Meeres umsäumt.

Die Auffassung, die sich in der Bhakti kundgibt und versucht, alles vom Bewußtsein Gottes aus anzusehen, ist extrem theozentrisch.

Der abendländische Mensch erschrickt. Denn der Gläubige im Westen ist zumeist gewohnt, Gott auf sich, auf die Welt zu beziehen. Von sich aus, vom Standpunkt seines eigenen Wohls und Wehs oder seiner nächsten Umgebung oder seines Volkes oder der “Menschheit” blickt er auf Gott hin, betet er zu dem Weltschöpfer und Weltenherrscher und Weltenrichter und Allerbarmer, ohne dessen Willen kein Sperling zu Boden fällt, zu Ihm, >>welcher die Welt so sehr geliebt hat, daß er Seinen einzigen Sohn herabsandte<< um sie zu erlösen.

Der Gedanke, daß Gott -ganz jenseits der Welt- auch ein Eigenleben führen könne, und daß es der Sinn wahrer Religion sein könne, Gott ohne Rücksicht auf eigenes Wohl oder Weh zu erfreuen, das kommt dem religiösen Menschen im Abendland kaum in den Sinn. Die hier angedeuteten Gedankengänge dünken ihm unziemlich, anstößig und phantastisch zu sein.

Und doch hat schon der christliche Mystiker Angelus Silesius [1624-1677] von einem Spiel der Gottheit gesprochen. Freilich meinte er vorzugsweise >>das äußere Spiel<<, das im Reich der vergänglichen Schöpfung und der Kreaturen vor sich geht, nicht das Spiel im >>Unerschaffenen<<.

Silesius sagt:

>>Dies alles ist ein Spiel, das sich die Gottheit macht.

Sie hat die Kreatur um ihretwill‘n erdacht.<<

[Cherubimischer Wandersmann]

Meister Eckhart [1260-1327] sprach von der >>nackten Wüste der Gottheit<<, von der unentfalteten Gottheit, die sich so hoch über dem weltbezogenen Gott erhebt, wie sich der Himmel über der Erde erhebt. Er ahnte etwas vom Wesen des gestaltlosen, eigenschaftslosen Brahman, von dem manche Upanishaden und Shankaracarya kündeten.

Jakob Böhme [1575-1624], der ungelehrte Mann, ahnte, wie in der Tiefe eines Bergwerks schwer nach Worten für das Unaussprechliche ringend: >>[So wie] die Kinder zusammenlaufen, so eins ein Spiel anhebt - Das ist noch ein Stück vom Paradies<< [Vierzig Fragen von der Seele, 10].

Und Nícolaus Cusanus [1404-1464], der nicht nur einer der tiefsten Mystiker der Christenheit, sondern auch einer der ersten Bahnbrecher unserer modernen Naturwissenschaft war, hat in dem holdseligen Lächeln und in dem zwecklosen spontanen Spiel unschuldiger Kinder einen Abglanz des inneren Lebens der Gottheit gesehen.

 

IV. DIE VERZÜCKUNG IM UNVERGÄNGLICHEN

Rasa

IN DEM FRÜHEREN Kapitel wurde eine Schilderung aus der Chandogya-Upanishad wiedergegeben, worin das Leben einer befreiten Seele beschrieben wurde, die alles Süchten nach Irdischem aufgegeben hat, in das unvergängliche Licht eingegangen ist, und von der doch gesagt wird, daß sie >>umherwandelt und sich ergötzt und ißt.<<

Was ißt der Befreite? - Ein Chaitanya-Bhakta wird ohne Zögern antworten: Der Befreite, der von Hüllen und Überdeckungen, Süchten und Bindungen befreite individuelle Atman ißt den Rasa des göttlichen Spiels, der Lila.

Um mit der dem Abendland ungewohnten Erfahrungs- und Vorstellungswelt vertraut zu werden, die mit dem Worte Rasa verbunden ist, müssen wir uns aufmerksam mit dem Ausdruck Rasa beschäftigen, so wie wir es früher mit den Worten Atman und Lila getan haben.

Auch Rasa ist ein fast unübersetzbares Sanskritwort. In den Wörterbüchern findet man dafür unter anderem folgende Übersetzungsversuche: Geschmack, Duft, Würze, Essenz, Flüssigkeit, Saft, der steigende Lebenssaft in den Bäumen, Fühlen, Liebe, Freude, Anmut, Schönheit, Entrückung, Verzückung, Extase...Rasa ist auch die Grundstimmung einer Dichtung, vor allem einer dramatischen Szene. Aber um zum Zentrum des vieldeutigen Wortes Rasa zu gelangen, müssen wir zur Wurzel dieses Wortes vordringen. Das Sanskritwort Rasa wird abgeleitet von der Wurzel ras: schmecken, erleben, fühlen, wahrnehmen. Die indischen Gammatiker erklären das Wort Rasa folgendermaßen:

a] Das, was geschmeckt, gefühlt, erlebt, wahrgenommen wird, ist Rasa

[rasyate = aasvaadyate iti Rasa].

b] [kausativisch] Das, was das Schmecken und so weiter verursacht, also

schmecken, fühlen, erleben, wahrnehmen macht, auch das ist Rasa;

[rasayati = asvadayati iti Rasa].

Ein weiteres Kennzeichen kommt noch hinzu:

c] >>Rasa ist Erstaunen<< und

d] Rasa verursacht Erstaunen, als ob etwas derart Wunderbares noch nie

vorher erlebt worden wäre, und

e] >>Rasa beinhaltet ein solches auf den Rasa-Konzentriert-Werden aller

Sinnes- und Geistesfunktionen, daß für andere Dinge ganz und gar

kein Interesse mehr übrig bleibt.<<

Es gibt eine sehr subtile Rasalehre der indischen weltlichen Poesie, die seit Kalidasa [etwa 500 nach Christus] die Kunst des indischen klassischen Dramas beherrscht.

Wenn zum Beispiel der König in Kalidasas Drama Shakuntala am Beginn des Stücks leidenschaftlich ein Reh verfolgt, da erleben die Zuschauer, so sagt die Rasalehre der indischen Poetik aus, den Rasa des Schreckens:

Wird es dem Reh gelingen, dem grausamen Jäger zu entgehen? Auf diesen Rasa sind alle Sinnes- und Geistesfunktionen konzentriert, alles andere Interesse ist ausgelöscht. - Das flüchtende Reh findet im Schoß des schönen Mädchens Shakuntala Zuflucht. Die Zuschauer sind Zeuge, wie beim unvermuteten Anblick der Holdseligen staunende Liebe im Herzen des Jägers erwacht, wie seine Sucht des Hetzens und Jagens ganz entschwindet. Die zutiefst anteilnehmenden Zuschauer erleben den Rasa eines die Seele weitenden fassungslosen Staunens und sie erleben auch den zauberischen Rasa des Erotischen. Im vierten Akt desselben Stücks ist Shakuntala genötigt den Frieden des heimatlichen Waldes zu verlassen. Schmerzlich nimmt sie Abschied von dem großen Weisen, der ihr Pflegevater ist, und von den Gespielinnen und von allen Bäumen und Sträuchern, um in die ferne Stadt zu gehen, um dem grausamen Jäger nachzufolgen, dem sie in der Heiligkeit der Waldeinsiedelei angetraut worden war, dessen Kind sie trägt und der sie draußen in der Welt vergessen hat.

Die Zuschauer erleben den Rasa des Mitleidens, den Rasa des >>gemeinsam mit einem anderen Weinens<< [anukrosha].

Derart spricht die indische [weltliche] Rasalehre noch von dem Rasa des Abscheus und dem Rasa des Zorns und dem Rasa des Heroischen und dem Rasa des Humoristischen, das heißt >>einer aufblühenden Heiterkeit, die das Herz öffnet<<.

Als Goethe das Drama >>Shakuntala<<, das oftmals als Schulbeispiel für die Rasas der weltlichen Poesie angewendet wird, im Jahre 1791 kennenlernte, da schrieb er die folgenden Verse nieder:

>>Willst du die Blüten des frühen, die Früchte des späten Jahres,

willst du was reizt und entzückt, willst du was sättigt und nährt,

willst du den Himmel, die Erde mit einem Namen begreifen,

nenn ich Shakuntala dich, und so ist alles gesagt.<<

Mit diesen Worten, >>reizt und entzückt, sättigt und nährt<<, hat Goethe ohne etwas von der indischen Rasalehre zu wissen, mit der Sicherheit des großen Dichters einige wesentliche Kennzeichen der Rasas in der indischen weltlichen Dichtung aufgezeigt.

Der deutsche Indologe Helmut von Glasenapp erklärt nach indischen Quellen den Rasa der weltlichen Poesie folgendermaßen: >>Der Rasa eines Gedichtes ist die Stimmung, die es in dem Hörer hervorruft. Die Gefühle, die ein Dichter darstellen will, finden gleichsam einen Widerhall in der Seele des Lesers, der sich für Augenblicke gewissermaßen mit dem Helden identifiziert und dadurch allen selbstischen Wünschen entrückt wird, ohne doch an dem, was jener erlebt und empfindet, direkt teilzuhaben. Es ist eine reine überpersönliche, unirdische Lust, die hier gekostet wird, vergleichbar dem Innewerden der Einheit des Ich mit dem Allgeist, das der Yogi auf dem Höhepunkt seiner religiösen Kontemplation erreicht. Nicht mit Unrecht sehen daher indische Philosophen in dem Rasa, der wenigstens für einen Augenblick das Denken über die Grenzen des eigenen Ich heraushebt, einen Widerschein des Göttlichen, und finden diese ihre Auffassung wieder in der heiligen Schrift, im Veda...<< +22

Der vedische Text, auf den hier angespielt wird, ist eine Stelle aus der Taittiriya-Upanishad, die ein berühmtes Zeugnis dafür darstellt, daß man schon in vedischer Zeit den überweltlichen Rasa kannte. In dieser Upanishad ist der Rasa die höchste Erfahrung eines langen mühsamen Yogawegs.

Die Upanishad berichtet, daß - wie so viele male vorher und nachher - ein suchender Mensch einen Guru aufsucht und diesen bittet, ihm den Weg zum Unvergänglichen zu weisen. Vor jedem Schritt, von Stufe zu Stufe läßt der Lehrer den Schüler immer erneut strenge Askese und Entsagung üben, ehe er Hüllen um Hüllen der Welt hinweghebt. Zuerst weist der Guru dem Schüler die weit ausgebreitete Sinnenwelt, welche die unwissenden Menschen für die einzige Wirklichkeit halten. Der Lehrer läßt den Schüler in der Meditation erfahren, daß die Stoffeswelt des ganzen Weltalls, einschließlich des eigenen Leibes, nichts als eine äußere Hülle ist, und zeigt ihm unter dieser vergänglichen Hülle die majestätische Sphäre des Lebens [praana]. Auf einer neuen Stufe läßt der Lehrer ihn dann in der Meditation erfahren, daß auch die mächtige Sphäre des Lebens nichts als eine Hülle ist. Und als auch diese Hülle weggehoben ist, zeigt er ihm die große Welt des menschlichen und des kosmischen Geistes [manas]. Dann führt er den Schüler, der immer wieder die Kunst des Verzichtens, des Loslassens üben mußte, noch weiter aufwärts und weiter nach innen, noch über die wunderbare Welt alles Denkens hinaus: zu einer Sphäre der unmittelbaren Erfahrung unendlicher Weisheit [vijñaana], die alle sichtbare Welt heimlich durchwebt und deren Grund ist.

In Bildern, die mehr als bloße Bilder sind, beschreibt der Guru der Taittiriya-Upanishad dem Schüler das Wesen des Menschen, das von dreifachen Hüllen befreit, gleichsam zu einem geflügelten Weisheitswesen geworden ist:

>>Gläubiges Vertrauen [shraddhaa] ist sein Haupt.

Die heilige Ordnung [rita] ist sein rechter Flügel.

Wahrheit [satya] ist sein linker Flügel.

Yoga ist sein Leib.

Sein Grund, sein Schwanz ist das große Bewußtsein [mahat].<<

[Taittiriya-Upanishad 2,4]

Manche Sucher, die so weit kommen, verweilen hier und glauben nun das letzte Ziel erlangt zu haben. Aber die Unterweisung der Upanishad ist mit diesem Schritt noch nicht zu Ende. Nachdem der Guru auch alle ewige Weisheit als einen Schleier erkannt und ihn losgelassen hat, offenbart ihm der Lehrer, daß als Grund unendlicher Weisheit ein noch tieferes Sein verborgen ist, das Reich der göttlichen Wonne und Liebe. Der Guru beschreibt dem Schüler das nun erschaute Wesen des Menschen und alles Seins. Abermals wählt er das Bild eines wunderbaren Vogels, der endlich sämtlichen Hüllen entfliegt:

>>Liebe [priyam] ist sein Haupt.

Freude [moda] ist sein rechter Flügel.

Große Freude [pramoda] ist sein linker Flügel.

Göttliche Wonne [aananda] ist sein Leib.

Sein Grund, sein Schwanz ist das Brahman.<<

[Taittiriya-Upanishad 2,5]

Der Guru fügt hinzu:

>>Wer vermöchte zu leben,

wer vermöchte zu atmen,

wenn dieses innere Leuchten

[dieser innere Himmel] der Wonne nicht wäre?<<

[Taittiriya-Upanishad 2,7]

Hier hält der Seher inne. Er hat ja auf dem Stufenweg mehrmals betont, daß vor dem letzen Grund alles Seins die Worte zurückweichen. Doch eins hat er noch über das Wesen des unvergänglichen Atman auszusagen vermocht:

>>Er [der Atman] ist Rasa.

Wahrlich, wer diesen Rasa erlangt hat,

ist einer, der göttliche Wonne hat.<<

[Taittiriya-Upanishad 2,7]

Schon in der weltlichen, also nicht einzig auf die Gottheit bezogenen Poesie, da wo die Kraft des Dichters und des Schauspielers die Rasas in dem Zuschauer hervorruft, sehen die Inder einen Abglanz des Göttlichen. Aber etwas noch viel Tieferes, eine völlig neue Dimension, nicht mehr bloß Abglanz, sondern die Fülle der Gottheit selbst wird von den Bhaktas in den Rasas des göttlichen Spiels und in den Rasadichtungen erlebt, die von diesem Spiele handeln.

Nun ruft nicht mehr die Kraft des Dichters und Schauspielers die Erschütterungen des Rasas hervor, sondern die Liebe des Bhakta, die aus Gott stammende Kraft der Liebe [prema-bhakti], bewirkt die Offenbarung Bhagavans. Die reale Begegnung läßt die Liebe des Bhaktas noch mehr aufflammen und zum Rasa werden. >>So steigert in wechselseitigem mannigfaltigem Spiel Liebe die Liebe und den Rasa.<<

Das, was in der Taittiriya-Upanishad als ein letzter Hochgipfel erscheint, zu dem ein zögernder Schritt emporgeführt hat, bevor dann der Weg abbricht und die Worte endgültig versagen, dort beginnt erst die eigentliche Lebenswelt der >>unverhüllten Bhakti<<, das unendliche Reich der Rasas des >>göttlichen Spiels<<. Die Philosophie der indischen Gottesliebe betont: Dieses Verborgene ist nie und nimmer erlangbar auf einem emporsteigenden Pfad [aaroha], nicht erlangbar auf Grund der eigenen Kraft der Meditation und Askese. Das innere Reich Gottes, so lehrt der Guru nachdrücklich, erschließt sich nur auf dem herabsteigenden Pfad [avaroha], dem Pfad der herabsteigenden göttlichen Gnade +23. Die gnadenvoll herabsteigende Freudenkraft [Hlaadinii-shakti], in der die Wonne der göttlichen Liebe mit göttlicher Erkenntnis vereint ist, ergreift von der sich sehnsüchtig mühenden Seele Besitz und trägt sie zu Gott empor.

Einer der häufigsten Sanskritausdrücke für göttliche Gnade lautet bezeichnender Weise anugraha, das bedeutet wörtlich: Ergreifen und immer wieder Ergreifen. Die esotherische Rasalehre der Bhakti beschreibt das zarte überweltliche Geschehen, das sich in den Tiefen der Seele vollzieht, folgendemaßen:

>>Wenn das Herz im Ansturm der Gegenwart Gottes geschmolzen ist, wenn das Gemüt [citta] [bis in die tiefsten Schichten des Unterbewußtseins] feucht geworden ist, dann wird die im Herzen des Bhaktas immer vorhandene Liebe zu Bhagavan in die Natur eines Rasas übergeführt, eines Rasas, der Gott, den Geliebten erfreut<<; so schildert Rupa-Gosvami im >>Bhakti-Rasamrita-Sindhu<< das Erwachen des Rasas.

An anderer Stelle des gleichen Werkes heißt es:

>>Die wonnevolle Liebe zu Bhagavan leuchtet hell im Herzen, weil der Bhakta schon in einem früheren Leben ein Gottgeweihter, ein Liebender war und weil die Kraft der Bhakti alle seine Mängel hinweggespült hat. Ganz still ist das Herz geworden, ganz frei von allem Begehren nach den Dingen der Welt, aber sehnsüchtig leuchtet es Gott entgegen und es ist voll leidenschaftlichem Begehren nach der Gemeinschaft mit anderen rasakundigen Bhaktas. Die Schönheit und der Reichtum eines solchen Bhaktas und sein einziges Leben ist nun seine Liebe [bhakti] zu den Füßen Bhagavans.Wenn die unverhüllte Liebe den Zustand von voll aufgeblühter Wonne erlangt hat, die so wundersam ist, daß sie den Bhakta in unfaßbar tiefes Erstaunen versetzt, dann wird diese Liebe rasahaft genannt.<<

Rasa wird also bewirkt durch die unmittelbare Erfahrung Gottes. Und Gott allein ist die höchste Erfahrung aller überweltlicher Rasas. Der Atman, die wahre Wesensgestalt des Bhakta, wird ganz und gar zu Rasa. Die Kraft der Gottesliebe die aus Bhagavan stammt, von ihm zum Bhakta strömt und von diesem in Verzückung zu Bhagavan zurückströmt, wechselseitig sich steigernd, ist ihrer Natur nach Rasa. Und Bhagavan selbst >>der Ursprung und das Ziel, die Zuflucht und Erfüllung aller Rasas<<, wird in der Chaitanya-Bhakti >>die Nektargestalt aller Rasas<< genannt. Mit dieser Benennung Gottes als Nektargestalt aller Rasas [akhila-rasaamrita-muurti] beginnt die erste Strophe der eben genannten umfangreichen Rasakunde von Rupa Gosvami, der >>Bhakti-Rasamrita-Sindhu<<.

Mit der sehr interessanten Rasalehre der indischen Poetik haben sich einige eurpäische Indologen bereits beschäftigt. Doch die das Leben des unvergänglichen Seins erhellende metaphysische Rasalehre der indischen Bhakti, die in der Chaitanya-Bewegung im sechzehnten Jahrhundert in Bengalen, Orissa und Vrindavan zur Hochblüte gelangte, ist meines Wissens im Abendland noch fast unbekannt geblieben.

Aber so wie man die Notenschrift und die Tonarten und die Grundzüge der Harmonielehre kennen muß, um mit Verständnis die Partitur einer Synfonie lesen zu können, muß man die Grundzüge der Rasalehre der Bhaktas kennen, um die Rasaliteratur der indischen Gottesliebe einigermaßen zu verstehen.

Ganz nebenbei wird in dieser Rasakunde auch eine Dramaturgie des Bhaktidramas gegeben, das ein Mysteriendrama im tiefsten Sinne ist, da es ausschließlich Szenen und Szenenfolgen aus dem göttlichen Spiel [liilaa] auf die Bühne bringt.

Die Offenbarungsdramen der Chaitanya-Bewegung waren nicht für Außenstehende bestimmt. Die Zuschauermenge bestand aus Bhaktas, aus Rasakundigen, die auch die leisesten Anspielungen des Stückes verstanden und deren Gottesliebe durch das Teilnehmen an den Begebenheiten der Lila zu mannigfaltigem Rasa entflammt wurde. Der Dichter des Stücks war ein Bhakta. Der Spielleiter war ein Bhakta, die Darsteller waren Bhaktas. In der Rasalehre der indischen weltlichen Dichtung wird aus künstlerischen Gründen streng gefordert, der Schauspieler dürfe auf der Bühne von keinem der früher genannten sieben Rasas der weltlichen Poesie, Schrecken und so weiter ergriffen werden, jedoch sollte er den Rasa kunstvoll imitieren. Der Schauspieler in einem Bhaktidrama, der ein Gottgeweihter ist, läßt sich hingegen in der Vergegenwärtigung Gottes und des göttlichen Spiels freudig vom überweltlichen Rasa überschwemmen und inspirieren.

Es wird berichtet, daß ein Bhakta-Schauspieler, der in einem Stück aus der Lila des göttlichen Avatars Rama dessen Vater darstellte, der den göttlichen Sohn ins Exil schickt, bei der Darstellung des in reuevoller Verzweiflung sterbenden Vaters wirklich starb.

Die ersten Dramen, die jemals in der wohllautenden Bengalisprache gespielt wurden - es ist eine Sprache, die heute von etwa siebzig Millionen Menschen gesprochen wird, wuchsen aus solchen Aufführungen der Lila Krishnas hervor. Krishna Chaitanya improvisierte in seiner Jugend mit seinen Freunden in seiner Geburtsstadt Nabadvip diese Stücke. Es gab keinerlei Manuskript, bloß die Rollen wurden von Chaitanya verteilt, die Handlung aus der inneren Lila war ja den Mitwirkenden wohl bekannt. Und die Kraft des Meisters, der oft die Hauptrolle spielte, beseelte die Mitwirkenden.

Die Zuschauer waren derart hingerissen, daß man in Bengalen noch heute, nach vierhundertfünfzig Jahren, von diesen Aufführungen spricht. Rabîndranâth Tagore und andere bedeutende bengalische Dramatiker aus unserer Zeit schöpfen aus der Bühnentradition, die damals mit Chaitanya anhob.

Ein junger Schüler Krishna Chaitanya, der später berühmt gewordene Dichter Kavi Karnapura schrieb in Form des zehnaktigen Sanskritdramas >>Chaitanya Chandrodaya<<, zu deutsch >>Der Mondaufgang Chaitanyas<<, eine der ersten zeitgenössischen Biographien seines Meisters. Darin wird im dritten Akt eine solche von Chaitanya und seinen Freunden freudig vorgenomene Improvisation eines Krishna-Dramas als ein Stück im Stück höchst lebendig auf die Bühne gebracht.

Einmal stand ich in Indien mit einem Bhakta am Strand des Puri, wo Chaitanya die zweite Hälfte seines Lebens verbrachte. Das offene Meer schäumte donnernd in hohen Wogenkämmen unablässig heran. Sinnend schaute mein Begleiter auf die sich wälzenden Wassergebirge; plötzlich sagte er: >>Die Wellen dieses Meeres sind nichts gegen die hohen Wogen des Rasameeres der Gottesliebe.<<

Alle Spielarten der Wogen im Ozeane der göttlichen Liebe zu beschreiben, würde die Kraft auch des größten Eingeweihten übersteigen. Der Philosoph und Dichter Rupa Gosvami hat es vermocht, im >>Bhakti-Rasamrita-Sindhu<< aus der Unendlichkeit des Rasa-Ozeans fünf verschiedenartige Wogenformen der Rasas in das innere Blickfeld zu rücken. Auch die Schilderung dieser fünf Hauptrasas, die immer gewaltiger aufsteigenden Wogengebirgen gleichen, sprengt schon fast das umfangreiche Werk. Um die letzte und höchste Rasawoge der indischen Gottesliebe klarer sichtbar zu machen, war Rupa Gosvami genötigt, ein neues Werk zu verfassen, >>Ujjvala-Nilamani<< [ujjvala-niilamani]. Dieses Wort bedeutet: der dunkelblau leuchtende Edelstein. Das ist eine Bezeichnung Bhagavan Krishnas.

Die früher aufgezählten Rasas der indischen weltlichen Poesie, die einem verfeinerten ästhetischen Genuß dienen: Schrecken, Staunen, Humor, Ekel, Heroismus, Mitleid ... fehlen in der esoterischen Rasalehre Rupas nicht, aber nun sind sie alle Gott zugeordnet und sind wie mitströmende oder entgegenströmende Wellen, die das Spiel der Hauptwogen begleiten, fördern oder hemmen.. Bei jeder Offenbarung Gottes kann Schrecken, Schaudern vor der göttlichen Majestät, im vertraulichen Spiel auch Heiterkeit und so weiter, mit aufwogen. Diese Rasas tragen zur >>Nahrung<< der Hauptrasas der Gottesliebe bei.

>>Alle Rasas sind wie Wellen in einem Ozean, die aufsteigen und wieder versinken. Der Ozean ist die Unendlichkeit der unverhüllten Gottesliebe. Die Rasas sind einzelne Aspekte der Wonne innerhalb des Meeres der göttlichen Liebe<< [Vorspiel zum dritten Akt des vorhingenannten Dramas >>Chaitanya-Chandrodaya<<]. Auch Rupa Gosvami war ein vertrauter Schüler Krishna Chaitanyas. Er hat, wie schon erwähnt, auf Geheiß seines Meisters, und wie der Autor in seinem Vorspruch betont, mit der Kraft, die Chaitanya in sein Herz gelegt hatte, die große Rasalehre >>Bhakti Rasamrita-Sindhu<< geschrieben und darin die verborgenen Gesetze des Rhythmus innerhalb des freien Spiels der Rasas aufgezeigt. Denn auch der Wogengang des spontanen Spiels Bhagavans und der Seinen im Reich des Unbegrenzten folgt geheimen rhythmischen Gesetzen. Man könnte von Harmoniegesetzen sprechen, die der überweltlichen ewigen Synfonie der Lila Gottes innewohnen, etwa so, wie ja auch in irdischer Kunst, etwa in freien Strömen einer Mozartsonate, Harmoniegesetze leben und das Anschlagen eines falschen Tones Schmerzen bereitet.

Der Titel von Rupas einzigartigem Werk, das in sieben Jahren hingebungsvoller Arbeit in der Waldeinsamkeit von Vrindavan verfaßt und im Jahre 1541 abgeschlossen wurde, ist kennzeichnend für die Unendlichkeit des Themas. Der Name des Buches bedeutet auf deutsch: >>Nektar-Ozean der Rasas der Gottesliebe<< [Bhakti-rasaamrita-sindhu].

Die vier Teile des Buches heißen: >>Ostteil, Südteil, Westteil, Nordteil<<. Die einzelnen Abschnitte der vier Teile des Buches werden nicht Kapítel genannt, sondern der Autor nennt sie charakteristischerweise: Wogen; also erste Woge des Ostteils im Rasameer der Gottesliebe, zweite Woge... und so weiter. Auch in den zahllosen Liedern der Gottgeweihten, die vielfach bereits zu Lebzeiten Krishna Chaitanyas entstanden sind und die noch heute vom Volke in Bengalen gesungen werden, ist oft von den >>Wogen des Ozeans der Rasas<< die Rede:

Da heißt es zum Beispiel:

>>Zuerst nur ein sanftes Wellenkräuseln -

und da gibt es noch ein Spiel

von irdischem Hoffen und Furcht und Zweifeln

und Sorgen.

Langsam werden es hohe Wellen.

Sie bedecken beide Ufer

und der Strömung kann man nicht mehr widerstehen.

Geheimnisvoll wahrlich sind die Wogen der Rasas

im Ozeane der Gottesliebe.<<

 

 

V. FÜNF WOGEN DES UNVERGÄNGLICHEN

DIE FÜNF Hauptrasas im Sinne Rupa Gosvamis sind:

1. DER RASA DES FRIEDENS

[shaanti-Rasa]

Das Meer der Liebe ist nicht immer in Wogen aufgewühlt. Es ist zuweilen spiegelglatt und klar. Der Shanti-Rasa erwächst aus der Erfahrung des unsäglichen göttlichen Friedens, der durch die untrügliche Gewissheit der Gegenwart Gottes entsteht. Im Shanti-Rasa wird die Wonne erlebt, Objekt der Gnade Gottes zu sein. Schon daraus geht hervor, daß es sich um den persönlichen Gott um Bhagavan, handelt und nicht um das gestaltlose Brahman. Denn das gestaltlose, wirkenslose Brahman, in dem es keine Subjekt-Objektbeziehung gibt, erweist keine Gnade. Aber die starke dynamische Ich-Du-Beziehung der übrigen überweltlichen Rasas fehlt noch im Shanti-Rasa. Neutralität und Gelassenheit ist diesem Rasa eigen. Und doch durchzieht der Rasa des Friedens als ein Grundgefühl heimlich die Wogen aller anderen Rasas, als die untrügliche Gewißheit, auch in der Nacht scheinbarer Gottferne im tiefsten Grund unverlierbar mit Gott verbunden zu sein. Der Shanti-Rasa erhält von innen her alle anderen Rasas des göttlichen Dramas der Liebe und bewirkt, daß der Bhakta sich auch in den Wogentälern tiefen Leids, welches in der Dramatik der Lila keineswegs mangelt, doch immerdar in Gott gegründet fühlt.

2. Der RASA DES DIENENS

[daasya-rasa]

Wenn die Gottesliebe anwächst und unwiderstehlich auf den geliebten Gott zuströmt, wird die Seele sich ihrer Ich-Du-Beziehung mit Ihm bewußt. Und dann, wenn sie Ihn in dem Reich, das nicht von dieser Welt ist, als ihren ewigen Herrn erkennt und sich selbst als den unermüdlichen freudigen Diener, dann erlebt die Seele die Verzückung des enthusiastischen Dienens, den Dasya-Rasa.

In ihren Hymnen flehen die Bhaktas zu Bhagavan: >>Gib mir Dienertum!<< >>Nimm mein Dienen [sevaa] an!<<

Auf die Frage nach dem wirklichen Sinn des Lebens, antwortet der Krishna-Bhakta in der Strömung Chaitanyas:

>>Es ist das Wesensgesetz jeder Seele,

Krishnas ewiger Diener zu sein.<<

[Chaitanya-Charitamritam, Madhya-Lila,20,108]

Noch mehr als der Rasa des Friedens ist auch die Wonne des Dienens, die Wonne, Ihn, den Einen, den Geliebten, durch hingebungsvollen Dienst erfreuen zu dürfen, der Unterton aller weiteren Rasas der Gottesliebe.

3. DER RASA DER VERTRAULICHEN GOTTESFREUNDSCHAFT

[sakhya-rasa]

Der göttliche Frieden und das Glück, Gott voll Enthusiasmus dienen zu dürfen, ist in Fülle enthalten in der noch höheren Rasawoge der vertraulichen Freundschaft mit Bhagavan. Der vertraute Freund ist Bhagavan noch viel näher als der ergebene Diener. Die Ich-Du-Beziehung ist noch lebhafter. Der Bhakta, der den Rasa der Freundschaft mit Bhagavan gekostet hat und der Gott als Freund erlebt, den er erfreuen darf, er weiß, daß alles, was man auf Erden Freundschaft nennt, bloß ein ärmliches verzerrtes Schattenbild des Rasas der Gottesfreundschaft ist. >>Bhagavan ist der einzige wahre Freund, den es gibt<<, sagt der Guru.

4. Der RASA Der ELTERLICHEN LIEBE

[vaatsalya-rasa]

Eine noch höher strömende Rasawoge, in der wieder der Rasa des unendlichen göttlichen Friedens und der Rasa des enthusiastischen Gottdienens und der Rasa der vertraulichen Gottesfreundschaft in ihrer Essenz mitfluten, ist der Rasa einer sich verschenkenden sorgenden Liebe, der man auf Erden die zärtliche Liebe einer hingebungsvollen Mutter zu ihrem Kind vergleichen kann. Aber wie schwach ist dieses Gleichnis. Das Sanskritwort vatsa in Vatsalya-Rasa bedeutet Kälbchen, Kind, auch Mutterbrust. So wie der Milchstrom, der sich in liebender Zärtlichkeit ergießen will, sobald der Blick der jungen Mutter auf ihr Kind fällt, so strömt die Liebe des Bhaktas dem göttlichen Kinde zu.

Dem Bhakta, dem die holde Offenbarung Gottes in Gestalt eines Kindes zuteil wird, dünkt das Gotteskind, das sein Ein und Alles ist, tausendmal herzerfreuener und liebebedürftiger als sein eigenes geliebtes Kind zu sein. Der Bhakta sieht in dem Gotteskind das einzige, wahre Kind, das Urbild alles Kindseins in der Welt.

Ein Schein der Erfahrung des Vatsalya-Rasas liegt in den Worten des abendländischen Dichters Novalis:

>>Er ist der Stern, er ist die Sonn;

er ist des ewigen Lebens Bronn,

aus Kraut und Stein und Meer und Licht

schimmert sein kindlich Angesicht.

In allen Dingen sein kindlich Tun,

seine heiße Liebe wird nimmer ruhn,

er schmiegt sich selber unbewußt

unendlich fest an jede Brust.

Ein Gott für uns, ein Kind für sich,

liebt er uns all herzinniglich.

[Novalis, Geistliche Gedichte]

5. DER HÖCHSTE DER RASAS

[shringaara-rasa]

In der folgenden sehnsüchtigen Strophe eines Bhakta kann man den Übergang vom Vatsalya-Rasa zum höchsten der Rasas, zum Shringara-Rasa wahrnehmen:

>>Wie noch nicht flügge Vögel nach der Mutter rufen,

wie junge Kälber nach der Muttermlch verlangen,

wie die Geliebte, die Verlassene, nach dem Geliebeten,

der in der Ferne weilt, sich sehnt,

so begehrt meine Seele, o Lotusäugiger,

Dich zu sehen.<< [Bhagavatam 6, 11, 26]

In den-Rasaschriften der Chaitanya-Bhakti liest man: Es ist geboten, den fünften und höchsten der Rasas, den Shringara-Rasa, als ein großes Geheimnis sorgfältig verborgen zu halten. Bhakti-Vinoda [1838 bis 1918], ein Bhaktiguru aus unserer Zeit, schreibt in seinem in Bengalisprache verfaßten Werk >>Jaiva-Dharma<< [das Wesensgesetz der Seele]: Es ist äußerst schwer, Adepten zu finden, die fähig sind, die reine überweltliche Extase des Shringara-Rasa zu erfahren. Auch der Shringara-Rasa hat eine ferne Entsprechung im groben Schattenbild der irdischen Beziehungen, und zwar in der Hingabe eines keuschen, treuen Eheweibs an den geliebten Gatten oder gar in der, alle irdische Gesetzesschranken überschreitenden ehebrecherischen Hingabe einer Liebenden zum Geliebten [parakiiiya-rasa]. Die Verletzung der Gattentreue galt im alten Indien und auch im Indien des Mittelalters als die allergrößte Schmach, und dennoch haben hervorragende Gurus der Bhakti kein anderes irdisches Gleichnis für die Intensität und Macht und Intimität dieses überweltlichen höchsten Rasas gefunden, als die Liebe eines Weibes, das sich in der Sehnsucht, den Geliebten zu beglücken, über alle Schranken der weltlichen Pflichten, Gebundenheit und Konvention achtlos hinwegsetzt. Es ist eine Liebe, die so stark ist, daß sie gern alle Schande der Welt auf sich nimmt.

Der Abstand zwischen dem groben und oftmals gar trüben Bild im Vergänglichen und dem Leuchten des Urbilds dieser Gottesliebe im Unvergänglichen ist fast unerträglich groß. Es ist, als ob das Licht des höchsten Himmels sich zu tiefst im schlammigen Algengrund eines Tümpels spiegelte.

Aufs nachdrücklichste wird in den Rasaschriften oftmals betont und vom Guru wird es eingeschärft, daß das primäre Kennzeichen eines jeden Rasas der unverhüllten Gottesliebe, aber ganz besonders des Shringara-Rasas, darin bestehe, daß die liebende Seele niemals Eigengenuß begehre. >>Ihre eigene Freude erlebt sie einzig im Glück des Geliebten +24 .<<

Leise verhüllte Andeutungen über die Offenbarung jener Liebe in dem unvergänglichen Reich, worin alle menschlichen Beziehungen zum Herrn, zum Freund, zum Kind und zum Geliebten urständen, finden die Bhaktas in den Upanishaden. Da wird alle Liebe zum Zentrum alles Seins, zum großen Atman zurückgeführt, wobei die Bhaktas in dem großen Atman dessen Offenbarung als Bhagavan sehen.

In der Upanishad belehrt ein Gatte seine Gattin über das Wesen der wahren Liebe:

>>Wahrlich nicht um des Gatten willen hat man den Gatten lieb, sondern um des Atman willen hat man den Gatten lieb. Wahrlich nicht um der Gattin willen hat man die Gattin lieb, sondern um des Atman willen hat man die Gattin lieb. Wahrlich nicht um der Söhne willen sind einem die Söhne lieb, sondern um des Atman willen hat man die Söhne lieb... Wahrlich nicht um des Weltalls willen hat man das Weltall lieb, sondern um des Atman willen hat man das Weltall lieb. Diesen Atman soll man sehen, soll man hören, soll man verstehen, soll man überdenken ... Fürwahr, wer den Atman gesehen, gehört, verstanden und erkannt hat, von dem wird diese ganze Welt gewußt [Brihad-Aranyaka Upanishad 2,4,5].<<

In der gleichen Upanishad wird bereits die Innewerdung des individuellen Atman, die noch nichts mit dem Shringara-Rasa zu tun hat, in einem bestürzend erotischen Bild geschildert:

>>So wie ein Mann in der Umarmung eines geliebten Weibes nicht mehr weiß, was innen und was außen ist, so ist dieser Mensch in der Umarmung des aus reiner Erkenntnis bestehenden Atman [Brihad-Aranyaka Upanishad 4,3,21]<<.

Der abendländische Leser erschrickt über die Sinnlichkeit solcher Gleichnisse. Er ist dazu erzogen worden, derartige Vergleiche aus dem sexuellen Gebiet in religiösen Schriften als in höchstem Grad unziemlich und ehrfurchtverletzend zu empfinden. Viele moderne Leser werden wahrscheinlich, um ihr Unbehagen abzulenken, diese Bilder nach psychoanalytischen Methoden zu deuten versuchen. Doch man kann, wenn man unbefangen ist, die kühnen erotischen Bilder aus den Upanishaden und den Rasaschriften auch anders ansehen, nämlich als schlichtes Zeugnis für die Realistik, mit der große indische Weise und Gottgeweihte -soweit es mit Hilfe irdischer Sprache überhaupt möglich ist- in Demut ihre übersinnlichen Erfahrungen des tief vertraulichen Umgangs der Seele mit Gott ihren auserwählten, vielfach erprobten Schülern mitteilten. - Auch bei Johannes vom Kreuz, Bernhard von Clairvaux und anderen christlichen Mystikern finden sich ähnliche Bilder.

Die Vorbedingung solcher Mitteilung war gemäß der alten Urkunden -was man im Westen allzu leicht vergißt- eine entspechende Seelenhaltung des Adepten, eine immer erneute Bewährung, eine innerliche Keuschheit bis in die Tiefen des Traumlebens hinein. Nicht umsonst findet man am Schluß der Bhagavadgita, welche Karma-Yoga, Jnana-Yoga und vor allem Bhakti-Yoga lehrt, die strenge Mahnung an den Schüler:

>>Du darfst es niemandem sagen,

der nicht ein Bhakta ist,

der nicht Askese übt

und der nicht zu dienen begehrt.<<

[Bhagavadgita 18,67]

Auch in jener Upanishad, unter allen noch erhaltenen Urkunden+25 das Wort Bhakti zum erstenmal voll und klar ertönt, finden wir eine ähnliche Mahnung, verbunden mit dem deutlichen Hinweis auf die Bhakti in einem früheren Weltalter. In der Shveta-shvatara-Upanishad, dort,wo am Schluß der ganzen Belehrung die Essenz der Unterweisung nochmals zusammengefaßt wir, mahnt der Guru seinen Schüler:

>>Das höchste Geheimnis des Vedanta

das in einem früheren Weltalter verkündet wurde,

darf niemand gelehrt werden,

der nicht inneren Frieden erlangt hat

und der kein würdiger Sohn,

und kein würdiger Schüler ist.

Denn die Reichtümer der ewigen Wirklichkeit,

die ausgesprochen wurden,

leuchten nur auf in einer großen Seele,

die höchste Bhakti zu Gott hat

und ebenso wie zu Gott auch zum Guru.

Nur in einer solchen großen Seele

leuchten sie auf.<<

[Shvetashvatara-Upanishad 6, 22, 23]

So wie in einem funkelnden Tautropfen die Sonne aufleuchtet, so leuchtet für einen Chaitanya-Bhakta die Fülle der Gottheit und der von ihr stammenden und auf sie bezogenen Gottesliebe in dem Worte Rasa auf, von dem die Taittiriya-Upanishad sagt, was schon im vorhergehenden Kapitel ausgeführt wurde:

>>Wer vermöchte zu leben,

wer vermöchte zu atmen,

wenn dieses innere Leuchten

[dieser innere Himmel]

der Wonne nicht wäre.<<

[Taittiriya-Upanishad 2,7]

>>Ohne Rasa vermag der Mensch nicht zu leben<<, bemerkte mein Lehrer Sadananda einmal in Indien. >>Aber weil der Mensch den Rasa dieses göttlichen Spiels kaum jemals findet, sucht er den Rasa im Irdischen, in irdischer Lust - und findet ihn doch letztlich nie.<< Sadananda verwies auf den schmerzlichen Aufschrei Nietzsches:

...Denn alle Lust will Ewigkeit,

will tiefe, tiefe Ewigkeit...

Und er fügte hinzu: >>Wo Lust ist, kann nie Ewigkeit gefunden werden; nur dort wo Liebe zum Ewigen ist, Liebe, die nichts weiß und nichts wissen will vom eigenen Glück, dort findet sich -der Intensität und Extensität nach- stetig bis ins Unendliche sich steigernd, Ewigkeit. Bhagavan als Diener oder als Freund oder als Liebenden zu erfreuen, SEINE Wonne steigern, auch wenn es eigenes Leid mit sich bringt, ist des Bhaktas einzige Freude. Und diese Freude ist so, daß sie nichts an ihrer Seite duldet und ganz und gar kein Interesse für irgend etwas anderes übrig bleibt.<<

 Index

 

 

 

Zweiter Teil

DAS GELIEBTESTE BUCH DER HINDUS

 

VI. DAS BHAGAVATA-PURANA

WENN DIE BHAGAVAD-GITA, EINE OFFENBAHRUNGSURKUNDE DER Krishna-Bhakti, im Abendland bekannt wurde, durch die englische Übersetzung von Wilkins [1785] und vor allem durch die lateinische Übertragung August Wilhelm Schlegels [1823], hat sie bei einer Reihe großer Geister staunenden Jubel hervorgerufen. Oftmals sind die Worte des deutschen Staatsmannes, Wilhelm von Humboldt zitiert worden: >>Es ist wohl das Tiefste und Erhabenste, das die Welt aufzuweisen hat. Ich las das indische Gedicht und mein beständiges Gefühl dabei war Dank gegen das Geschick, daß es mich habe leben lassen, um dieses Werk noch kennen zu lernen.<<

Seiher ist die Bhagavadgita in alle Kultursprachen der Welt übersetzt worden, und immer wieder haben große Persönlichkeiten der westlichen Hemisphäre in dem >>Gesang Bhagavans<<, eine geistige Heimat gefunden und geahnt, daß die Bhagavadgita mehr als eine große Dichtung sei. Ergreifend ist es, die erst kürzlich bekannt gewordenen Worte Simone Weils über die Bhagavadgita zu lesen. Für diese große französische Mystikerin, die einer der gedankenklarsten Menschen unserer Zeit war, bedeutete das Kennenlernen der Gita eines der wichtigsten Ereignisse ihres Lebens. In ihrer spirituellen Selbstbiographie schrieb sie etwa ein Jahr vor ihrem Tod:

>>Im Frühjahr 1940 las ich die Bhagavadgita. Seltsam. Als ich diese wunderbaren Worte von einem derartigen christlichen Klange las, die einer Inkarnation Gottes in den Mund gelegt werden, da geschah es, daß mich das kräftige Gefühl überkam, daß wir der religiösen Wahrheit sehr viel mehr schulden, als die Zustimmung, die man einer schönen Dichtung gewährt, eine Zustimmung von sehr viel kathegorischerer Art.<< +26

Ein Mann aus dem modernen Indien, dessen Namen jeder kennt und der sich gleich Simone Weil mühte, die Lebensnot der Mühseligen und Beladenen seines Volkes restlos zu teilen, Mahatma Gandhi, pflegte ein zerlesenes Exemplar der Bhagavadgita als eines seiner wenigen Besitztümer immer mit sich zu führen und auch stets mitzunehmen, wenn er aus politischen Gründen verhaftet und ins Gefängnis abgeführt wurde. Im Jahre 1925 schrieb Ghandi:

>>Ich finde einen Trost in der Bhagavadgita, den ich selbst in der Bergpredigt nicht erhalte. Wenn Enttäuschung mir ins Gesicht starrt und ich keinen einzigen Lichtstrahl mehr wahrnehmen kann, dann wende ich mich zur Bhagavadgita. Ich finde einen Vers hier und einen Vers dort und sogleich beginne ich zu lächeln inmitten von überwältigenden Tragödien -und mein Leben ist äußerlich voll von Tragödien gewesen-, und wenn diese keine sichtbaren, keine unauslöschlichen Narben hinterlassen haben, so danke ich das der Unterweisung der Bhagavadgita<< +27.

Zu meiner Betroffenheit sagte mir mein Lehrer Sadananda in Indien: >>Die Bhagavadgita ist bei all ihrer Größe doch nur eine Einleitung in die Philosophie der indischen Gottesliebe, der unverhüllten Bhakti, die man im Abendland noch gar nicht kennt.<<

Sadananda setzte fort: >>Die Bhagavadgita führt bis zu der hohen Stufe, auf welcher der Schüler es vermag, nicht mehr aus dem eigenen Willen, sondern aus dem göttlichen Willen heraus zu handeln und dadurch innerlich frei zu sein von aller zeitbedingten Gesetzesbindung. Die Bhagavadgita führt bis zum uneingeschänkten Zufluchtnehmen bei Gott, “bei den Füßen Bhagavans". Die Gottesliebe lebt in der Bhagavadgita, aber die Liebe ist noch nicht hell entflammt, der Rasa strömt noch nicht. Doch dort, wo die Unterweisung der Upanishaden abbricht und wo auch die Unterweisung Krishnas in der Bhagavadgita abbricht, auf jener Höhenlage fängt im Bhagavatam Krishnas zentrale Unterweisung über die göttliche Liebe an. - Und noch mehr: Krishnas innere Lila, sein rasahaftes Spiel mit seinen ewigen Gefährten, [parishada] wird im Bhagavatam offenbar.<<

Das Shrimad-Bhagavatam, das aus zwölf Büchern besteht und das achtzehntausend Strophen umfaßt, ist eines der Puranas. Von der Existenz der Puranas wird schon in den sogenannten ältesten Upanishaden [also nach der Anschauung der heutigen westlichen Religonswissenschaft etwa achthundert bis tausend Jahre vor Christus] berichtet. Die Puranas waren sehr altes Geistesgut, als sie, recht spät, in ihrer jetzigen Fassung niedergeschrieben wurden. Sie enthalten urtümliche Überlieferung. Das Sanskritwort puraana wird meistens übersetzt mit >>alte Kunde<<. In der Tradition der indischen Gottgeweihten wird das Wort Purana jedoch mit dem Sanskritwort puurna in Zusammenhang gebracht, das heißt >>Fülle<<, göttliche Fülle. Der Bhaktiphilosoph Jiva Gosvami aus dem sechzehnten Jahrhundert erklärt: >>Die Puranas wurden offenbart, um den unergründlich tiefen Sinn der Veden für gewöhnliche Sterbliche verständlich zu machen. Die Puranas haben ihren Namen daher, weil sie die Veden vollenden und erfüllen +28 .<<

Der deutsche Indologe Helmuth von Glasenapp gebraucht folgendes Gleichnis: >>Werden der Veda und die Tradition, die sich daran knüpft, mit den beiden Augen der göttlichen Weisheit verglichen, so sind die Puranas gleichsam das Herz der göttlichen Weisheit+29. Das Bhagavatam oder Bhagavata-Purana, dessen überragende Herrlichkeit in enigen anderen Puranas ehrfürchtig gepriesen wird, ist wahrscheinlich etwa fünfhundertfünfzig nach Jesus Christus schriftlich niedergelegt worden +30. Manche Indologen geben noch spätere Daten an, bis zum neunten Jahrhundert. Aber die >>verborgenen Wahrheiten<< sind bekanntlich in Indien, ehe sie schriftlich niedergelegt wurden, oftmals durch ungezählte Geschlechter mündlich treu weitergegeben worden.

Leider ist das Bhagavatam, das Hauptwerk der indischen Gottesliebe, in Europa noch erstaunlich wenig bekannt, obwohl schon Burnouf 1840 mit seiner französischen Übersetzung begann +31, die dann von anderen fortgesetzt wurde und 1898, also achtundfünfzig Jahre später, vollendet vorlag. Aber das Riesenformat dieser siebenbändigen Ausgabe hat die Menschen abgehalten, sich ernsthaft damit zu beschäftigen.

Die längst vergriffene englische Übersetzung des indischen Gelehrten S.Subba Rau ist kaum über Indien hinausgedrungen +32. Swami Prabhavananda hat in Amerika eine kleine Auswahl unter dem Titel "The Wisdom of God" herausgegeben, die aber sehr einseitig ausgewählt ist, der Gottesliebe wenig Raum gewährt und an mancherlei Interpolationen und Veränderungen leidet +33. Eine deutsche Ausgabe gibt es noch nicht. Das Manuskript einer ausführlichen Inhaltsangabe von Helmuth von Glasenapp ist leider beim Brande von Königsberg während des letzten Krieges zerstört worden.

Seit vielen Jahrhunderten ist das Bhagavatam das geliebteste Buch der Hindus. Fühzeitig ist es aus dem Sanskrit in alle indischen Volkssprachen übertragen worden. Noch heute ist das Bhagavatam jenes Buch, das mehr als zweihundert Millionen Hindus am nächsten steht. In vielen Häusern ist es das einzige Buch. Sowohl von den großen Weisen Indiens als auch von den Straßenkehrern und Kulis wird es sehr geliebt. Auch den Vielen in Indien, die nicht lesen und schreiben können, sind die Geschichten des Bhagavatam wohl vertraut. Sie sind ihnen zumindestens in ihrer Kindheit oftmals erzählt und vorgesungen worden. Frauen, die durch ein zeitbedingtes religiös-soziales Gesetz lange von dem Studium der Veden ausgeschlossen waren -in starkem Gegensatz zum vedischen Brauchtum selbst- und auch Angehörige der niedrigsten Kasten, sowie Kastenlose, sie durften stets das Bhagavatam hören und lesen. In größter Freigebigkeit stand dieses Werk, das die ganze Geheimlehre der vedischen Upanishaden zur Voraussetzung hat, immer einem jeden offen.

In dem alten Kulturland Orissa fand ich fast in jedem Dorf ein eigenes Haus, wo sich die armen Bauern, Männer und Weiber und Kinder, regelmäßig zu versammeln pflegen, um gemeinsam den Geschichten des Bhagavatam zu lauschen.

In der Tempelstadt Nasik, nahe der modernen Hafenstadt Bombay, wurde nicht nur in der Brahmanenfamilie, deren Gast ich jahrelang war, sondern auch in tausenden von anderen Häusern der Stadt während der Regenzeit das umfangreiche Werk von Anfang bis zum Ende andächtig gesungen. Zu diesem Gesang tanzten die Menschen in den Straßen, ja sie tanzten und sangen in den schäumenden Wellen des Flusses Godavari, während sie ihr kultisches Bad nahmen.

Vor kurzem hielt ich mich einen Monat in der Stadt Benares auf. Da saß ich jeden Abend nach meinem Bad im Ganges auf einer Stufe der vielen steilen Treppen, die zu dem heiligen Strom hinabführen; ich saß inmitten einer bunten Menschenmenge und war der einzige Europäer. Wir alle lauschten einem alten Mann, der auf einem Absatz der steinernen Treppen saß und in der Volkssprache das Bhagavatam erklärte.

Sadananda berichtete mir, daß dieser Greis vor vielen Jahren einmal auf den Stufen gesessen sei und das Bhagavatam meditiert habe. Als er die Augen aufschlug, merkte er voll Staunen, daß eine große Menschenmenge rings um ihn saß und ihm ehrfürchtig zuhörte. Er hatte in seiner Meditation selbstvergessen laut zu erzählen begonnen. Seither pflegte er dort zur gleichen Abendstunde alltäglich dem Volk das von ihm geliebte Bhagavatam zu erklären.

Es erwies sich im oftmaligen vertrauten Beisammensein mit ihm, daß dieser Swami ein hochgebildeter Mann war, der in Oxford studiert hatte, ein außerordentlich schönes Englisch sprach und gerne Shakespeare zitierte. Er war einst ein bekannter Rechtsanwalt gewesen, bevor er Ehre und Reichtum entsagte, um Bettelmönch zu werden und seine Heimat in dem ewigen Atman zu suchen. Ich habe seiner Unterweisung viel zu danken.

Das Bhagavatam birgt unergründliche Tiefen. In zahllosen Geschichten bringt es Berichte von der Schöpfung der Welt, vom göttlichen Behüten der Welt, vom göttlichen Zerstören der Welt und von immer wieder erneuter Schöpfung. Es erzählt ausführlich von den verschiedenen Weltaltern, vom goldenen Zeitalter der Wahrheit bis zum finsteren Zeitalter der Zwietracht, in dessen Bann wir heute leben. Es berichtet vom immer neuen Niedersteigen Bhagavans in die Welt in Gestalt seiner verschiedenen Avatare, Narasinha, Vamana, Rama und so weiter und schließlich vom Niedersteigen dessen, der die Avatare herabsendet, von Krishna selbst, >>der die Zuflucht von allem ist<<.

Wenn man sich mit dem Bhagavatam näher zu beschäftigen beginnt, so wird man allmählich gewahr, daß Pfade durch den anfangs verwirrenden Urwald diees Werkes leiten. Man wird gewahr, daß die meisten Lebensläufe, die da erzählt werden und die im Menschenland und in den Welten der Himmelswesen und den Welten der Dämonen und am Grund des Meers und im Totenreich ihren Schauplatz gaben, gleichsam Zweige und Sprossen eines gewaltigen Stammbaums sind. Durch endlose Zeiträume erstreckt sich der Baum, in dessen Krone hie und da wundersame Blüten aufbrechen, wenn einer der göttlichen Avatare in Erscheinung tritt.

Schließlich wird man gewahr, daß alles Wachstum des Baumes hinleitet zu einem auserwählten Elternpaar, zum Vater und zur Mutter Krishnas.

Die Geburt und das Aufwachen des holden Krishna-Kindes und das Spiel Krishnas mit den jungen Kuhhirten und Kuhhirtinnen im Vrindawalde, dem >>wo alles allem liebreich ist<<, wird im zehnten Buch, dem Herzstück des Bhagavatam, geschildert.

Das Hören dieser Geschichten >>wäscht Herz und Ohr<<, es löscht alles Karma aus, die Sünden zahlloser Lebensläufe. Diese Geschichten von Bhagavan sind >>der wahre heilige Badeplatz<<, sie erwecken in den Menschenherzen die göttliche Liebe, so heißt es. Eingewoben in diese zahllosen, spannenden Geschichten, denen nicht Menschliches und Allzumenschliches fremd ist, werden vielerlei Lebensziele, mancherlei Wege der Wunscherfüllung aufgezeigt. Es werden zum Beispiel in den einleitenden Büchern des Bhagavatam Gelübde angegeben, deren Einhaltung einer häßlichen Frau die ersehnte Schönheit schenken und dem jungen Mädchen den gewünschten Gatten und der kinderlosen Gattin die erflehte Nachkommenschaft, viele wohlgeratene Söhne. In enzelnen Geschichten wird dargestellt, wie man Reichtum, Macht, alles Erdenglück erlangen kann. Und dann wird -ohne jedes Moralisieren- höchst augenscheinlich gezeigt, daß der Bittende, der den großen Weisen oder den Avatar um vergängliche Gaben bat und sie erhielt, ein Tor war. Vorhänge werden weggezogen, ein verborgener Hintergrund wird aufgehellt und dem Sucher, der im Reich des Vergänglichen bis zum Überdruß seine bitteren Erfahrungen gemacht hat, wird ein Weg ins Unvergängliche gewiesen.

Auf diese Weise lehrt das Bhagavatam mancherlei Yoga, den Yoga des Werketuns, ohne selbstsüchtig die Frucht des Tuns zu begehren, den Karmayoga. Und es lehrt den Yoga der Weisheit, den Jnanayoga, welcher Befreiung [mukti] schenkt, die Erlösung vom Kreislauf der irdischen Lust und des irdischen Leids und vom Kreislauf immer neuer Geburten und schmerzvoller Tode.

Abermals wird ein Schleier weggehoben. Ein noch tieferer Hintergrund leuchtet auf. Es wird geschildert, wie einigen wenigen Begnadeten von Bhagavan, dem persönlichen Gott, die unverhüllte Bhakti geschenkt wird. Das ist jene Liebe, die Gottes eigene höchste Kraft ist, die von Ihm zu dem Bhakta strömt und von den Bhaktas zu Gott und durch die Er selbst sich immer tiefer erkennt. Diese unverhüllte Gottesliebe begehrt keinen Lohn für gute Taten, kein Himmelreich und auch nicht ewige Erlösung. Ein Gottgeweihter, der solche Liebe hat, begehrt bloß eines: immer mehr sich steigernde unselbstsüchtige Liebe zu Gott in alle Ewigkeit, um Ihn, den einzigen Geliebten, noch mehr erfreuen zu können.

Diese Liebe ist so mächtig, daß sie nichts an ihrer Seite duldet und für nichts anderes irgend ein Interesse übrig bleibt. Alles das, was die Menschen auf Erden bereits Liebe nennen: Liebe zum Heim, Liebe zum Freund, Liebe zu den Eltern und Liebe zum Kind, Liebe zwischen den Gatten, zwischen der Liebenden und dem Geliebten; all dies wird dem Gottgeweihten zu einem bloßen Abglanz der Liebe zu Gott, aus dem alle Liebe stammt und in dem auch alle irdische Liebe letztlich gründet.

Die Sanskritsprache hat eine Unmenge von Bezeichnungen für unser einziges Wort Liebe, für verschiedene Spielarten und Farben und Tiefenschichten der Gottesliebe, für die es in den europäischen Sprachen keine Ausdrucksmöglichkeiten gibt. Auch die beiden Worte eros und agape in der griechischen Sprache geben nur eine blasse Andeutung.

Die Tiefen der göttlichen Liebe findet der Bhakta vor allem im zehnten Buch des Bhagavatam, das die innere Lila Krishnas erzählt. Ein indischer Weiser aus dem frühen Mittelalter namens Shridhar, dessen Erklärung einer Schlüsselstrophe der Bhagavadgita schon angeführt wurde, schrieb auch einen berühmten Kommentar des Bhagavatam und erklärt darin, daß die ersten neun Bücher des Werks nur eine Art Einleitung darstellen und um des zehnten Buches Willen da seien. Wenn man das Bhagavatam verstehen will, darf man an den Kommentaren des Werkes nicht vorbei gehen. Denn die ganze Fülle und Tiefe des Bhagavatam beginnt erst aufzuleuchten, wenn man sich eingehend mit den zahlreichen, oftmals nur in Bengalilettern gedruckten Sanskritkommentaren beschäftigt, die von großen Bhakta-Gelehrten verfaßt wurden, welche ihre Kraft in liebendem Dienen der Erforschung dieser einzigartigen Offenbarungsurkunde gewidmet haben.

Für diese Männer, die in der nie abbrechenden Kette der Überlieferung [sampradaya]standen, wird gesagt: daß >>diese Meister der Bhakti nicht nur die treue Überlieferung der Wahrheit von ihrem Guru empfingen, sondern in ihrer eigenen Seele selbst immer wieder von neuem die Erfahrung der ewigen Wahrheit gemacht haben +34 <<. Einer in dieser Reihe, der bereits genannte indische Philosoph, Jiva Gosvami, der in der Nachfolge Krishna Chaitanyas im sechzehnten Jahrhundert die Gottesliebe verkündete, hat zum Beispiel die allererste Strophe des Bhagavatam im Lauf seines langen Lebens in einer Reihe von Schriften mehr als fünfzehnmal immer neu und in ganz verschiedener Weise erklärt und wie die Bhaktas sagen, immer neue Tiefen göttlicher Offenbarung darin aufgezeigt.

Ein anderer Meister derselben Traditionsfolge, die mit Brahma und Narada und Vyasa anhebt und durch die Jahrtausende zu Krishna-Chaitanya und Jiva Gosvami und weiter bis in unsere Tage führt, war Bhaktisiddhanta Saraswati.- In meinem Buch BHAKTA [Gottgeweihter] habe ich von diesem Mann erzählt, der seine Laufbahn als Professor der höheren Mathematik und Astronomie begann. Kurz vor seinem Dahinscheiden im Jahre 1937 sagte er einmal im Kreis seiner Schüler, zu denen mein eigener Lehrer Swami Sadananda gehört:

>>Wenn die Veden und Upanishaden und die Bhagavadgita und alles andere altindische Schrifttum verloren gegangen wäre und nur das Bhagavatam wäre bewahrt geblieben, so wäre in Wirklichkeit nichts verloren - abgesehen von den Lehren der altindischen Atheisten -, denn alles übrige ist in seiner Essenz im Bhagavatam enthalten.<<

Er verglich die Veden und Upanishaden der Rinde eines Baumes und das Bhagavatam mit dem Lebenssaft desselben gewaltigen Baumes.

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VII. VYASA, DER WELTENLEHRER,

EMPFÄNGT DAS BHAGAVATA-PURANA

MIT EINEM unvergeßlich mächtigen Akkord setzt das Bhagavatam ein:

>>Lasset uns über ihn meditieren,

von dem ausgeht

Heraustreten, Erhaltung und Auflösung

dieses Weltalls;

über den Höchsten,

den Wahren ...

der durch Sein eigenes Reich

immerdar die Gaukelei [der Maya] zurückweist;

über den Allwissenden,

den aus sich selbst Leuchtenden,

der im Herzen Brahmas, des ersten Dichters,

den Veda [das heilige Wissen], offenbarte;

[lasset uns über ihn meditieren].<<

[Bhagavatam 1, 1, 1]

Das ist der gleiche Klang wie in den Brahma-Sutras, welche die Weisheit der Upanishaden in kurzen Merkworten zusammenfassen. Das ist auch derselbe Klang wie in der Gayatri, dem uralten heiligen Mantra des Rig Veda [3, 62, 10], aus dem sich dem Mythus zufolge der Rig Veda, der Samaveda und der Yayurveda entfaltet haben. Die gleiche Optativ-Form >>dhiimahi<<, >>Lasset uns meditieren<<, die den Gayatri-mantra durchhallt, sie durchhallt auch feierlich die erste Strophe des Bhagavatam und deutet damit bewußt auf die Kontinuität hin, auf das Entspringen des Bhagavatam aus dem gleichen Urquell.

Das Bhagavatam ist der Inhalt einer ungeheuren Meditation. Was steigt dem indischen Bhakta aus dieser Meditation auf? Die Gottheit.

Das Panorama irdischen und kosmischen Geschehens, das in der Schauung des Bhagavatam ebenfalls sichtbar wird, ist nur wie ein schmaler Schattensaum um die Unendlichkeit des Ewig-Seienden, des einen Gottes, der sich in dieser Meditation dem Bhakta offenbart.

Im Bhagavatam selbt wird berichtet, wer der erste war, der diese Offenbarung erlangte. Es war Brahma, der Bildner des Weltalls. Es wird erzählt, daß jenes Wesen, dem bestimmt war, in einem neuen Weltenlauf das hohe Amt eines Brahma, eines Weltschöpfers zu übernehmen, nach endlos langer Weltennacht wie aus dem Schlaf zu neuem Bewußtsein erwachte; es war, bevor der Morgen eines neuen Weltenseins aufdämmerte.

Dunkel war um ihn. Brahma wußte nicht, wer er war, und wo er war. Er wußte nicht, daß er sich im Kelch eines Lotus befand, dessen Stengel aus dem >>Nabel<< Gottes, des Alldurchdringenden, wuchs. Sorgenvoll erhob sich Brahma und wanderte aufwärts in dem Lotuskelch tausende Jahre; er fand kein Ende. Sorgend kehrte er um und wanderte abwärts in dem Stengel des Lotus, tausende Jahre; er fand keinen Grund. Ermattet und kummervoll setzte sich Brahma hin, mit gekreuzten Beinen in Meditationshaltung. Als sein Sinn ganz still geworden war, vernahm er in seinem Herzen eine Stimme +35. Es war Bhagavan Krishnas Stimme. Brahma vernahm das ewige göttliche WORT. Das Wort gestaltete sich in seinem Herzen zu den sogenannten vier Urstrophen des Bhagavatam. Und diese gaben ihm die Kraft, das Weltall zu bilden.

Es wird erzählt, daß Brahma die Urstrophen, die er von Krishna selbst empfangen hatte, später seinem geistigen Sohn und Schüler Narada übermittelte. Und dieser gab sie dem Weltenlehrer Vyasa. In Vyasas Brust wuchs der Keim dieser Urstrophen zu dem großen Bhagavata-Purana oder Bhagavatam auf.

Der Name Vyasa ist in Indien hochberühmt. eines der größten Feste des Jahres, die Vyasapuyja [Verehrung Vyasas] ist ihm geweiht. Da wird Vyasa in jedem Haus, wo noch die alte Sitte herrscht, als der Weltenlehrer, der Weltenguru verehrt. Vyasa gilt als der Ordner der vier Veden und als Verfasser des ungeheuren Epos Mahabharatam, zu dem als kleines Zwischenstück die Bhagavadgita gehört. Er gilt auch als Urheber der Puranas und der Brahma-Sutras.

Im Bhagavatam wird berichtet, daß Vyasa am Ufer eines reißenden Bergstroms im Himalaya saß. Der Fluß wird in der Erzählung Sarasvati genannt, das bedeutet: Weisheitsstrom. Der alte Mann blickte vergrämt in die Wellen des Stromes der göttlichen Weisheit. Da kam ein Wanderer des Wegs. Sein Name war Narada. Die Gestalt des Narada hat die indische Volksseele viel beschäftigt. In Upanishaden und Puranas taucht seine Gestalt auf. Es heißt von ihm, daß er immerdar lebt als ein ewig Junger zu jeder Weltenzeit. In den Rasa der Gottesliebe versunken, spielt er auf seiner Laute, deren Ton in den Menschenherzen die unverhüllte göttliche Liebe erweckt. Er durchwandert alle Welten und sucht Wesen, die würdig sind, das größte Kleinod, das es gibt, den Schatz der Gottesliebe, zu empfangen.

Dieser Narada tritt auf Vyasa zu, so erzählt das Bhagavatam, und fragt ihn: >>Warum bist du so traurig?<< Und Vyasa der große Yogi, der unendliche Weisheit besitzt, antwortet: >>Ich habe keinen Frieden erlangt.<< Voll Demut bittet er:

>>Du, der du wie die Sonne rings um die drei Welten wanderst,

der du wie der große Atman, der innere Zeuge, alles erschaust,

o weise mir auf, was niedrig und schmutzig in mir ist,

der ich doch immerdar bade in dem höchsten Brahman.<<

[Bhagavatam 1, 5, 7]

>>Du hast deshalb keinen Frieden erlangt,<< erwidert Narada, >>weil du in deinen herrlichen Werken zwar sehr viel über Weisheit und Yoga und Gesetz, aber nicht genug von Bhakti und der Schönheit und Liebe Bhagavans erzählt hast.<< Narada gibt dem großen Seher den Rat, noch ein Werk zu verfassen, das vor allem die Lila Krishnas besinge.

In dem darauf folgenden Gespräch, das im ersten Buch des Bhagavatam wiedergegeben wird, enthüllt sich der Lebenslauf des Bhaktas Narada, wobei sich seine Lebensgeschichte nicht nur durch ein Erdendasein, sondern durch mehrere aufeinanderfolgende Erdenleben erstreckt, so wie es der indischen Weltanschauung entspricht.

Narada berichtet dem Vyasa, daß er in einem früheren Leben als Sohn einer armen Magd aufgewachsen war. Einmal, am Beginn der großen Regen, suchten einige Gottgeweihte in der Hütte seiner Mutter Schutz und verblieben mehrere Monate unter diesem Dach. Dem Knaben war es vergönnt, mit diesen Bhaktas zusammen zu leben. Er durfte ihnen in mannigfaltiger Weise dienen. Er durfte ihren gotterfüllten Gesprächen lauschen, er durfte lauschen, wenn sie täglich gemeinsam in freudiger Hingabe den Gottesnamen sangen. Er durfte ihnen die Speisen auftragen und war Zeuge, wie die Gäste vor Beginn jeder Mahlzeit das karge Gericht mit der Liebe wahrer Bhaktas Bhagavan als Opfer hinreichten. Erst nachdem sie die Speise Gott dargebracht und als Gabe Bhagavans zurückempfangen hatten, nahmen sie die Nahrung als göttliche Gnade [prasaada] andächtig zu sich. Und dem Knaben ward die große Gunst zuteil, sich von den Überbleibseln solcher geheiligter Opfermahlzeiten nähren zu dürfen.

Als die Gäste am Ende der Regenzeit die Hütte verlassen hatten und die Mutter bald darauf an einem Schlangenbiß gestorben war, machte sich auch der Knabe auf den Weg. Der Junge wanderte durch dichten menschenleeren Wald, tiefer und tiefer in eine innere Welt hinein. Dann setzte er sich unter einen Feigenbaum hin und meditierte, so wie er es von den Bhaktas gelernt hatte. >>Er meditierte in seinem Atman über den in seinem Atman stehenden großen ATMAN über Bhagavan, den Unausdenkbaren.<<

Demütig lauscht Vyasa, der große Weise, während Narada in seinem Bericht fortfährt:

>>Während ich über Seine Lotusfüße meditierte,

und mein Geist von Liebe völlig überwältigt war,

und meine Augen in großer Sehnsucht von Tränen

überschwemmt waren,

erschien in meinem Herzen langsam HARI +36,

Gott.

Fast zerbrach ich unter der Last unermeßlicher Liebe,

alles Haar auf meinem Leib war geträubt.

Ich schmolz +37 hin in die Flut der göttlichen Wonne.

Plötzlich sah ich nicht mehr...

Ich sah nicht mehr

jene Gestalt Bhagavans,

die alles Leid wegnehmende,

Ich mühte mich ab in der Verwirrung meiner Pein.

In meinem Begehren, Ihn zu sehen,

versenke ich wieder meinen Geist in mein Herz

und sah aus nach IHM.

Aber ich sah Ihn nicht.

Tief enttäuscht war ich,

wie ein von Krankheit überkommener.<<

[Bhagavatam 1, 6, 17-20]

Die Worte des Bhaktas Narada lassen den Vyasa, den Weisesten aller Weisen, eine ganz neue Erfahrung machen und er ahnt, was er trotz aller Weisheit bisher entbehrt hat, die spontane Gottesliebe.

Narada berichtet weiter:

>>Zu mir, der so sich mühte in der Einsamkeit,

sprach Er, der über der Reichweite aller Sprache ist,

mit unergründlich tiefer und doch milder Stimme,

als ob Er meinen Gram besänftigen wollte:

“Ach, in diesem Leib bist du nicht fähig, Mich zu schauen.

Den unreifen, unlauteren, schlechten Yogis

bin Ich nicht erschaubar.

Weil du es aber in deiner Liebe begehrt hast,

habe ich dir dieses eine Mal

Meine Gestalt offenbart, -

Langsam läßt solche Liebe zu mir

alle Finsternis im Herzen dahinschwinden.

Durch kurzen Dienst für die Seienden +38

entstand in dir tiefe Hinneigung zu Mir.

Du wirst abwerfen diesen verweslichen Leib

und zu Meinen Gefährten gehören.

Dein Geist wird in Mir gegründet sein.

Nirgendwohin wirst du abirren können.

Während Weltschöpfung und Weltzerstörung

wirst du die Erinnerung nicht verlieren,

[wirst du liebend Meine Gegenwart fühlen],

weil die Kraft Meiner Gnade dich ergreift."<<

[Bhagavatam 1, 6, 21-25]

Narada berichtet dem Vyasa noch, daß alles geschah, wie ihm von Gott verkündet worden war. Der Knabe wanderte durch die Welt, die wunderbaren Namen Gottes singend und der Stunde des Todes entgegenharrend. Und bald warf er seinen Leib ab. Und dann ward er, der in einem noch früheren Leben wegen eines Vergehens gestürzt war und in dem geschilderten Lebensweg als ein Junge aus niedriger Kaste früh verstorben war, in einem dritten Leben, am Morgen eines neu entstehenden Weltalls, als geistiger Sohn des Weltschöpfers Brahma wiedergeboren.

In Narada lebt kraftvoll der Dasya-Rasa, der Rasa des enthusiastischen Gottdienens,und der Sakhia-Rasa, der Rasa der Gottesfreundschaft. Welche Rolle Narada in dem verborgenen Drama Gottes aber inne hat, auch wenn er in irgend einem Lebenslauf zu stürzen scheint und er Gott zu verlieren glaubt und er Ihn sehnsüchtig wieder erringen muß, das wird in der vorletzten der wiedergegebenen Strophen enthüllt.

Narada gilt den Bhaktas als einer der >>ewigen Gefährten Gottes<<. Er ist ein Mitspieler in der Lila, des nie endenden Spieles der göttlichen Liebe [liilaa]. Ja, im Bhagavata-Purana kommt zum Ausdruck, daß Narada zu den Avataren der göttlichen Lila gehört.

Im Bhagavatam wird berichtet, daß Narada voll Barmherzigkeit dem vergrämten Vyasa die Kraft der Gottesliebe schenkte. Er gab an ihn die vier sogenannten Urstrophen des Bhagavatam weiter, die er selbst von seinem Vater Brahma, dem Weltenbildner, erhalten hatte.

Diese Urstrophen hatten Brahma Kraft gegeben, sein hartes Werk zu tun und nach Gottes Plan unser Weltall zu bauen. Nun gaben die gleichen Urstrophen dem Vyasa die Kraft, das von Narada geforderte, gottgeweihte Werk, das Shrimad Bhagavatam, mit allen Rasawogen in seiner Seele aufleuchten zu lassen.

Vyasa sang seinem Sohn Shuka das Bhagavatam vor. Und Shuka, der als eine ewig freie Seele sich seines Einsseins mit dem gestaltlosen Brahman immer bewußt war, er fand seine Wonne darin, das Bhagavatam, die Geschichten von dem personenhaften Gott, in die Welt hinauszusingen und den Menschen dadurch Bhakti zu schenken.

Im Bhagavatam wird erzählt, daß Shuka die Offenbarung von Krishnas göttlicher Lila einem König namens Parikshit gab, der ein gerechter Herrscher war, aber selbst in Schuld geriet und nun unter schwerem Fluch, den Tod erwartend, am Ufer des Ganges saß. Parikshit warf sich vor Shuka nieder und stellte flehend die Frage: >>Was soll ein Mensch tun, der unmittelbar vor dem Tode steht? ¿Was soll er hören? ¿Wessen soll er gedenken? Wen soll er verehren? Worüber soll er meditieren?

>>Die wesentlichste aller Fragen hast du gestellt<<, sagte Shuka. >>Der ganzen Welt zum Heil wird deine Frage werden.<< Und nun begann der Jüngling Shuka dem Todgeweihten von Krishna zu erzählen. Sieben Tage und Nächte berichtete Vyasas Sohn von Krishna.

>>Der grimmige Hunger quält mich nicht mehr, obwohl ich schon längst aufgehört habe, Speise zu mir zu nehmen<<, sagte Parikshit. >>Ich fühle keinen Durst mehr, obwohl ich sogar dem Genuß des Wassers entsagt habe, und ich sehne mich nach nichts, als immer mehr von Krishna zu hören. Ich trinke den Nektar, der aus deinem Munde tropft.<<

Im großen Kreise saßen ringsum am Ufer des Ganges die Rishis, die heiligen Urlehrer der Menschheit, und lauschten gemeinsam mit Parikshit ehrfürchtig, während der Jüngling in Verzückung die von göttlicher Liebe überströmten Geschichten des Shrimad-Bhagavatam dem König berichtete. Und die Rishis trugen die Kunde von der rasahaften Gottesliebe weiter, die das Lebenselement des Bhagavatam ist.

Schon ganz am Anfang des umfangreichen Werkes, in der dritten Strophe des ersten Kapitels, werden die Bhaktas aufgerufen, den Rasa zu kosten:

>>Trinkt, trinkt immer wieder den Rasa des Bhagavatam,

den Rasa, der unendlich ist,

ihr, die ihr kundig seid im Erleben des Rasa

und die ihr Rasas würdigen könnt;

ihr, die ihr von Liebe durchflutet seid..

Hier auf Erden, immer wieder und wieder,

o trinkt davon!

Es ist die süßeste Frucht vom Wunschbaum der Veden

- [des Baums, der alle Lebensziele gewährt]

vereinigt mit dem Nektar,

der von dem Munde Shukas stammt,

dem Rasa, der sanft zur Erde tropfte,

[von Guru zu Guru überliefert].<<

[ Bhagavatam 1, 1, 3 ] +39

Ein anderer Guru der Traditionsfolge fügte viele Jahrhunderte später hinzu:

>>Das Bhagavatam, die süßeste Frucht vom Baume der Veden, ist frei von Kernen und Schalen +40, ist reiner lauterer Rasa. Hier auf Erden schon ist dieser köstliche Rasa zu finden. Die Rasakundigen brauchen nicht zu warten, bis ihr Erdenleben zu Ende ist und sie nach dem Dahinscheiden völlig in die Realität des göttlichen Spiels, in die ewige Lila Krishnas hineingenommen werden.<<

Dem König Parikshit, welcher verzückt dem Bericht lauschte, wird der folgende Vers über Krishnas Lila, über das >>Spiel in Gott<< in den Mund gelegt:

>>Von den Befreiten,

von jenen, "die aufgehört haben zu dürsten",

wird das Bhagavatam immer wieder und wieder

begeistert gesungen.

Den Adepten ist es Arzenei

[für die Krankheit "Wandelwelt" ].

Und [selbst] das Herz und Ohr [der Unerweckten]

erfreut es.

Wer, außer einem Selbstmörder,

[einem Tierschlächter],

mag sich fernhalten davon!

[ Bhagavatam 10, 1, 4 ]

Vyasa, dem die Tradition die Autorschaft der Veden, Upanishaden, Puranas, Brahma-Sutras, des gewaltigen Epos, Mahabharatam, samt der Bhagavadgita, und auch des Bhagavatam zuschreibt, ist nicht der Name einer Person. Die Bezeichnung Vyasa ist der Name eines Amtes. So wie nach jeder Weltauflösung ein Brahma das kosmische Amt ausübt, ein neues Weltall zu bilden, so übt in jedem neuen Weltenlauf ein Vyasa gemeinsam mit seinen Mithelfern das erhabene Amt aus, den Veda neu zu vernehmen, immer tiefere Schichten des ewigen göttlichen Wortes [shabda-brahma] zu erlauschen und an seine Mitwelt, entsprechend deren Fassungskraft, weiterzugeben.

Von dem Wort, dem >>heiligen Wissen<< oder Veda, wird gesagt, daß es ungetrennt von Gott ist und daß es alldurchdringend und allerfüllend ist wie Gott selbst. Dieses Wort ertönt, ob eine Welt ist oder keine Welt ist.

Der Pfad der vedischen Offenbarung ist ein Pfad des inneren Hörens [shrauta-panthaa]. Es wurde schon darauf hingewiesen, daß Veda auch shruti genannt wird, das heißt, Hören, Ohr, Ton, wort. Es ein Hören, ein Vernehmen, das gleichzeitig Schauen ist. Die westliche Religionswissenschaft spricht von einem vedischen Schrifttum und von einer historischen Entwicklung dieses vedischen Schrifttums. Für manche Gruppen orthodoxer Brahmanen ist der Veda auf die Sammlungen des Rig Veda, Samaveda, Yayurveda, Atharvaveda beschränkt. Manche indische Traditionsfolgen, unter anderem auch die Chaitanya-Bhaktas, haben jedoch eine viel großzügigere Auffassung vom Veda.

Jede wesenhafte göttliche Offenbarung wird von ihnen als zum Veda gehörig angesehen; nicht nur die Offenbarungen der Urvergangenheit, sondern auch spätere Offenbarungen, die in fernster Zukunft einmal erfolgen mögen, sind in diesem Sinne Veda. Auch das Wort des wahrhaften Gurus, der das ewige WORT vernimmt und darin lebt, wird nach dieser Anschauung als Veda betrachtet und geehrt.

Der Veda ist nach dieser Auffassung auch keineswegs auf Offenbahrungen beschränkt, die in Indien erfolgen; jede echte Offenbarung des Unvergänglichen zu allen Zeiten und bei allen Völkern wird von diesen indischen Weisen und Gottgeweihten als Veda anerkannt.

Aber die göttliche Offenbarung hat vielerlei Grade der Klarheit. Klarheit und Getrübtheit der Schauung und des Hörens hängen ab von der Art der liebenden Hingabe, der restlosen oder noch nicht restlosen Hingabe an die Gottheit.

Die Überlieferung der Bhakti gemäß, hat Vyasa für die Gottabgewandten, die eigensüchtig dem Weltgenuß zugewandten Menschenseelen, zuerst den Werkteil des Veda, den Karma-Kanda, offenbart, die vielen hundert Hymnen an die Devas, an die Lenker der Naturkräfte, welche Regen und Reichtum und Nachkomenschaft und Gesundheit und Erdenglück schenken, auch Glück in einer jenseitigen Welt. Der Werkteil des Veda -aber auch die Werkteile in den heiligen Urkunden anderer Bekenntnisse- verkünden eine lohnbringende Religion. Wie Brunnen aus der Tiefe bricht es freilich in manchen Hymnen des Rig Veda auf: Weisheit vom Unvergänglichen, Kunde von dem EINEN. Im sogenannten Weisheitsteil des Veda [jñjaana-kanda], vollens in den Upanishaden, ward eine tiefere Schicht des göttlichen WORTES erlauscht und an jene ausgegeben, welche die Wahrheit wissen wollen. Es ist die Weisheit vom ATMAN, vom Brahman.

Auf den vorstehenden Seiten wurde, der Tradition der Bhakti folgend, dargestellt, daß Vyasa unzufrieden und vergrämt war auch mit dieser Offenbarung; und daß er, durch Narada mit der Kraft der Bhakti gestärkt, noch tiefer hineinlauschte in den innersten Grund des ewig ertönenden Wortes, in das Leben der göttlichen Liebe; und daß er nun vermochte, das Bhagavatam zu erlauschen und zu offenbaren, das Millionen von Menschen in Indien als Essenz des Veda gilt.

Als das Dunkel des finsteren Zeitalters der Zwietracht die Welt zu umhüllen begann, wurde nach dieser Auffassung die leuchtendste und wunderbarste Offenbarung ausgegeben.

Die Krishna-Bhakti lehrt: Das Bhagavatam ist genau wie Gott ewiglich da. Und immerdar tönt es: freilich nicht mit irdischen Ohren vernehmbar. Ob und in welcher Klarheit die Offenbarung vernommen wird, liegt nicht an dem WORT, sondern das liegt an der Art der Empfangsorgane, das hängt ab vom Grad der Gottabgewandtheit oder Gottzugewandtheit der Menschenseele und wie dicht der Wolkenschleier der Maya ist, der die Seele bedeckt.

Immerdar leuchtet die Sonne. Doch für uns Menschen auf der Erde wechselt Tag und Nacht - und goldenes Zeitalter und finsteres Zeitalter. In diesem Sinne ist die folgende Strophe zum Preise des Bhagavatam zu verstehen, die wohl im Verlauf der Überlieferung in das Werk selbst eingeflochten wurde:

>>Nach dem Krishna

in Sein eigenes Reich zurückgekehrt war

und mit Ihm die göttliche Wahrheit

und das heilige Recht

die Erde verlassen hatte,

ist nun im Kaliyuga,

im finsteren Zeitalter der Zwietracht,

dieses Bhagavata-Purana

wie eine Sonne aufgegangen.<<

[Bhagavatam 1, 3, 45 ]

Index

 

 

Dritter Teil

M A Y A

VIII. DIE DREI KETTEN DER MAYA

VYASA SITZT IN TIEFER EINSAMKEIT AM UFER des Weisheitsstroms und meditiert. Narada, der ewig Junge, ist weitergewandert, auf seiner Laute spielend, um noch andere Seelen zu suchen, die würdig sind, das größte Kleinod, das es gibt, den Schatz der Gottesliebe zu empfangen. In Vyasas Herzen erwachen die vier Urstrophen des Bhagavatam, die er von dem Bhakta, Narada erhalten hat, zu neuem Leben. Er meditiert über sie. Er meditiert über Krishna und über die Maya. Folgendermaßen wird Vyasas Schauung im Bhagavatam geschildert:

>>In seinem gesammelten lauteren Geiste

sah er durch Bhakti-Yoga

[durch die Kraft der erkennenden Liebe Gottes].

die göttliche Urgestalt.

Und er sah sie, die von Ihm abhängig ist,

doch ohne Ort und ohne Zuflucht in IHM,

die Maya.

Durch welche der Mensch verblendet wird,

daß er, der doch ewiger Atman ist,

seinen Leib für sich selber hält +41,

von Unheil dadurch überwältigt.<<

[Bhagavatam 1, 7; 4-5]

Das Sanskritwort, das hier mit Un-heil übersetzt wurde [anartha], bedeutet auch: das Un-wesentliche, den Mangel an ewiger Wirklichkeit. Es ist der Gegensatz zum Reichtum der ewigen Wirklichkeit [artha], den der Guru der Shvetashvatara-Upanishad nur jenem Adepten, der ein würdiger Schüler ist und der höchste Bhakti zu Gott hat, übermitteln darf. Anartha ist auch das schmerzliche Entbehren des göttlichen Seins, an dem die individuelle ewige Seele [jiivaatman] Anteil haben könnte und von dem sie durch das Walten der großen Maya abgetrennt worden ist.

In einer einzigen Strophe wird hier im Bhagavatam die Tragödie der Menschheit aufgezeigt: Der Sündenfall -so würde ein Christ sagen.- Das Verstrickt werden in die >>Unwissenheit<<, so sagen die indischen Jnanis. - Das Verstricktwerden in die Unwissenheit über sich selbst durch die Abwendung von Gott, so drücken es die Bhaktas aus.

Der ursprüngliche Zustand des Menschen wird wieder hergestellt durch bloße Beseitigung seiner Unwissenheit, behaupten die Ynanis. Ja, diese Unwissenheit, die Verblendung durch Maya, muß beseitigt werden, pflichten die Bhaktas bei; aber sie fügen hinzu: Die Verblendung der gottabgewandten Menschenseele kann nur überwunden werden durch willentliche Gottzuwendung mit Hilfe der Erkenntniskraft Gottes [cit-shakti]. Und nicht das Wissen der Wahrheit, sondern die immer mehr anwachsende Liebe zu Bhagavan ist der Weg und das Ziel.

Das Bhagavatam stellt dar, wie der unerträgliche >>Mangel am ewigen Sein<< geheilt werden kann.

>>Um das Unheil der Menschen zu heilen

durch unmittelbare Liebe zu Ihm,

der über aller Sinnesschau ist,

machte der Weise für die unwissenden Menschen

das Bhagavatam offenbar.<<

[Bhagavatam 1, 7,6]

Und an anderer Stelle im Bhagavatam heißt es noch deutlicher:

>>Für diejenigen, deren Geist geschäftig herumirrt,

die atman-los sind durch die Ketten der Maya,

machte Vyasa die Taten Gottes in der Welt offenbar.<<

[Bhagavatam 1,5,16]

Wenn wir an Hand des Bhagavatam die weite Wanderung antreten wollen, >>zu Ihm, der über aller Sinnenschau ist<<, und wenn wir das noch tiefer verborgene Geheimnis vom Rasa des göttlichen Spiels erahnen wollen, da müssen wir uns erst darüber klar werden, was die Maya für die Hindus bedeutet. Denn man kann nur dann über die Maya hinausgelangen, wenn man sie erkennt.

>>Schwer ist es, o Bhagavan, deine Maya zu überschreiten<<, klagen die Bhaktas, und die Wanderer auf anderen Yogapfaden klagen in ähnlicherr Weise. Eindringlicher als irgend ein anderes Volk auf Erden haben die Hindus den Weg zu dem Unvergänglichen gesucht und sich mit dem Wesen der großen Täuscherin, der Maya befaßt. Die Sucher erleben die Maya wie eine schwere Wolke, die über der Welt hängt und überall die Sicht verhüllt und die Pfade verwirrt. Gaukelei und >>Unwissenheit<< [avidyaa] wird die Maya deshalb oft genannt, weil sie die Dinge anders erscheinen läßt, als sie wirklich sind.

Befreiung aus der Verstrickung der Maya erflehen jene, die heute -ebenso wie vor Jahrtausenden- in Indien das bereits früher zitierte Gebet aus der Upanishad meditieren:

>>Aus der Unwirklichkeit führe uns in die Wirklichkeit.

Aus Dunkelheit führe uns ins Licht.

Vom Tode führe uns zur Unsterblichkeit.<<

[Brihad-Aranyaka Upanishad 1,3,28]

Der abendländische Mensch verknüpft mit dem Wort Maya meistens bloß die Bedeutung: Illusion, Täuschung. Aber das ist nur ein enger Ausschnitt aus der ungemein vielfältigen Vorstellungswelt die in dem indischen Jnani und Bhakta lebt, wenn er das Wort Maya vernimmt oder wenn er eines ihrer vielen Symbole sieht. Vor allem aber ist festzuhalten: die Inder sprechen selten von einer Maya schlechthin, sie sprechen in der Regel von der Maya Gottes. Bereits im Rigveda wird die Maya als die >>magische Kraft<<, als die geheimnisvolle unergründliche göttliche Macht bezeichnet. Es heißt zum Beispiel: >>Indra nimmt mannigfaltige Gestalten schnell durch seine Maya an<< [Rig Veda VI, 47,18]. Die Maya ist die Macht eines Höheren. Ein strenger Jnani, der große Denker Shankaracarya, gibt folgende Charakterisierung: >>Die Maya ist die Macht des göttlichen Weltherrschers +42 <<. Die gemeinsame Erfahrung beider Schulen, der Ynana-Strömung und der Bhakti-Strömung, wurde im Bhagavatam zusammengefaßt in der Formulierung: >>Die Maya ist verhüllend [aavarana] und wegschleudernd

[vikshepika] +43 <<.

Die Maya wirkt also zweifach. Sie verhüllt dem Menschengeist die ewige Realität und sie schleudert ihn weg von dem göttlichen Zentrum allen Seins. Die vom Zentrum alles Seins wegtreibende Kraft scheint unaufhaltsam zu sein. Ein indischer Freund verwendete einmal für das fortschleudernde Wirken der Maya ein Gleichnis aus der Physik. Er sprach von der Zentrifugalkraft und er gebrauchte das drastische Bild eines sogenannten >>Freudenrades<<, das er zu seiner Verblüffung an mehreren Vergnügungstätten in den Hauptstädten der westlichen Hemisphäre als beliebte Volksbelustigung vorgefunden hatte.

Ein Freudenrad ist bekanntlich eine große horizontale Radscheibe, auf der die Vergnügungslustigen möglichst nah dem Mittelpunkt Platz nehmen, worauf das Rad zu schwingen beginnt, und die Pärchen, auch wenn sie sich sträuben, bald hilflos durcheinandertaumeln und durch das Wirken der Zentrifugalkraft an den äußérsten Rand des kreisenden Rades geschleudert werden.

So wie die nach den Gesetzen der Mechanik wirkende Zentrifugalkraft lachende und kreischende Männlein und Weiblein in dem Vergnügungspark unwiderstehlich von der Nabe des Rades weg und zur Peripherie hintreibt, genau so unerbittlich schleudert nach der Vorstellung der Bhaktas die gewaltige Kraft der Maya alle Wesen, die nicht liebend dienen, sondern eigensüchtig genießen wollen, von dem Zentrum allen Seins, von Gott, fort. Die Mayakraft, welche die Menschen stößt und treibt, ist Begehren.Unter Begehren ist hier keineswegs bloß die Gier nach grobem Sinnesgenuß oder Geld oder Macht verstanden, sondern auch Begehren nach Ruhm, ja sogar das Dürsten nach Werk, nach Wissen, nach noch so verfeinertem ästhetischem Genuß. Und selbst der Durst nach dem Schwelgen in Gott und der ewigen Seligkeit in einem Himmelreich als Belohnung für gute Taten wird noch als ein eigensüchtiges Begehren angesehen.

Die Upanishad sagt:

>>Wer Wünsche noch begehrt und ihnen nachhängt, wird durch die Wünsche hier und dort geboren.<<

[Mundaka-Upanishad 3, 2, 2,]

Diese Upanishadenstelle deutet hin auf die alte indische Überzeugung, daß es wiederholte Erdenleben gibt: Wiederverkörperung in immer erneuten Daseinsformen, um die bisher noch nicht erfüllten Wünsche auszuleben, die bisher noch nicht getanen Taten zu tun, erlittene Unbill zu rächen und Unbill, die man selber verübt hat, zu sühnen. Die Vorstellung eines Karmagesetzes, das heißt, daß Taten [karman] immer neue Taten neues Schicksal, neues Leid in neuen Daseinsformen gebären, ist tief verwurzelt im Bewußtsein der Hindus. Auch vielen akademisch gebildeten modernen Menschen in Indien erscheint diese Vorstellung als eine Selbstverständlichkeit. Die Hindus sprechen von dem endlos kreisenden Rad des Samsara +44.

Der Saµsara ist nach der Definition der Bhaktas >>der Bereich, wo Durst herrscht<<. Die Kraft, die das Rad des Samsara ständig in Bewegung hält, ist die Mayakraft, die Kraft des nicht endenden Begehrens nach Genuß.

Die Jnanis und die meisten Yogis streben danach, alle irdischen Emotionen auszulöschen, um vom Rad der Lust und es Leids, das von der Maya in Bewegung gesetzt wird, abzustoßen.. Aber auch das fanatische Abstoßen von dem Rad in der Sucht nach Leidfreiheit, nach Erlösung [mukti], dünkt den Chaitanya-Bhaktas noch immer eine [wenn auch negative] Ausrichtung auf die Maya zu sein. In den Bhakti-Schriften heißt es wiederholt:

>>Wer weder zu sehr anhaftet an irdischen Bindungen, noch angeekelt vom Irdischen danach strebt, diesem zu entgehen, nur der ist fähig, wahre Gottesliebe zu erlangen; nur der ist imstande, die Erfahrung zu machen, daß allein unselbstsüchtige dienende Liebe zu Gott die höchste Seligkeit ist.<<

Brennendes Dürsten nach grobem oder feinem irdischem Genuß ist das wesentliche Kenntzeichen der Mayawelt. Dieser Durst kann im Bereich der Maya ganz und gar nicht gestillt werden, so sagen die Chaitanya-Bhaktas.

Wenn man der Maya in ihr rätselhaftes Auge zu blicken wagt, so ist es, als ob man in die Tiefe eines Meeres hinabstiege. Nicht bloß das Göttliche, auch das, von dem das Göttliche verhüllt wird, die Maya Gottes, hat verschiedene Tiefenschichten. Jede Schicht des Mayameeres hat eine andere Lichtbrechung, eine andere Farbe und einen anderen Grad von Trübe. In verschiedenen Tiefenschichten zeigt sich die Maya jeweils mit anderem Antlitz. In zahllosen Gestalten unter zahllosen Namen wird die große Maya in Indien abgebildet. Es gibt kaum ein Hindudorf, wo nicht ihr Tempel, der Tempel der Devi, der >>Göttin<< steht. Die Maya hat zahllose Aspekte. Einer der Aspekte der großen Maya ist die Kali, welcher blutige Opfer gebracht werden. Die Maya ist >>die große Mutter<<. Sie ist die Allgebärerin. Sie ist die Allvernichterin. Sie ist die Herrin alles Lebens. Sie ist die causa materialis des ganzen Weltalls. Sie ist die Weltallsenergie, die Urkraft aller Naturkräfte. Sie ist die Prakriti [prakriti], die allumschlingende Natur hinter aller sichtbaren Natur.

>>Natur. Wir sind von ihr umgeben und umschlungen - unvermögend, aus ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf... Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht... Sie freut sich an der Ilusion... Man gehorcht ihren Gesetzen auch wenn man ihr widerstrebt ... Jedem erscheint sie in einer eigenen Gestalt. Sie verbirgt sich in tausend Namen und Termen und ist immer dieselbe.<<

So schildert Goethe in hellsichtigem Erkennen jenen Aspekt der großen Maya, den die Inder Prakriti Natur nennen. Goethes Text >>Die Natur<< wurde im Jahre 1782 geschrieben, als man im Abendland noch kaum etwas von indischer Philosophie wußte. Die Maya ist so übergroß und ihr Atem ist den Erdenwesen so nah, daß sie Gott, dessen wunderbare Macht sie ist, den Menschen oftmals völlig verdeckt.

Das gesamte vierzehnte Kapitel der Bhagavadgita handelt von Gottes Maya. Dort wird sie Prakriti, Natur genannt. Bhagavan in Seinem Aspekt als Mahavishnu, als göttlicher Vater der Welt, spricht:

>>Die große Natur [prakriti] ist der Schoß.

In diesen Schoß senke Ich den Samen hinein.

Daraus entsteht die Geburt aller Wesen.

Was immer für Gestalten

in allen Schößen Geburt erlangen,

die Prakriti ist der große Schoß,

und Ich bin der samengebende Vater.<<

[Bhagavadgita 14; 3-4]

Auch die steinernen Bildsymbole, die dem Shiva und seiner Shakti geweiht sind [linga und yoni], die man in Indien millionenfach findet - oftmals in der Einsamkeit des Waldes und der Berghänge -, deuten hin auf den göttlichen Vater, der den individuellen Atman wie einen Samen in die dumpfe Natur hinabsendet. Die Deutung dieser Symbole als männliches Geschlechtsglied und weiblichen Schoß ist eine sehr vereinfachende Darstellung.

Kaum ist die Zeugung vollzogen, kaum ist der Geistsame der Atman, der ewig wache, in den Schoß der dumpfen Prakriti eingetreten, so offenbart sich in ihr ein dreifaches Kraftstreben. Es offenbart sich die Dreifalt der Gunas.

Das Sanskritwort guna bedeutet unter anderem: Strähne, Faden, Strick, Seil, Sehne, Kette, Fessel, Qualität, gute oder schlechte Qualität. Aus dem Gespinst der Gunas ist nach indischer Anschauung alles vergängliche Sein gewoben.

Um das Weben dieser Gunas anschaulich zu machen, soll zunächst von drei verschiedenen Bildgestalten der Maya berichtet werden, denen der Verfasser in Indien gegenüber getreten ist.

Als schwarze Bildgestalt steht die geheimnisvolle Maya in einer unterirdischen Felsenhöhle des Bergmassivs Abu, das sich am Rand der Wüste Rayputana erhebt. Nur wenige flackernde Lichter ärmlicher Kerzen, die von anbetenden Menschen auf den Felsboden geklebt worden sind, erhellen kümmerlich ihre schwarze Gestalt aus Stein.

Aus brandrotem Fels herausgemeißelt, sah der Verfasser eine riesenhafte Bildgestalt eines anderen Aspektes der gleichen Maya in einer Felsenkluft, die der brennenden Sonne offen liegt, inmitten eines öden, von Tigern durchschweiften Gebirges auf der Halbinsel Dekhan, in Südindien. Zehn in alle Weltrichtungen ausgestreckte Speere hält dort die Furchtbare in ihren zehn Händen. Ein Bhakta deutete dem Autor das beklemmende Bildwerk: >>In diese Speere stürzen solche Wahrheitssucher hinein, die sich mit unreinem Herzen und einem Rest von eigensüchtigem Begehren den Geheimnisssen der Gottheit nahen zu wollen.<<

Als >>milchweiße Göttin<< fand der Autor eine Gestalt der Maya in einem winddurchwehten Höhentempel über wasserdurchbrausten Waldschluchten in den Vorbergen des Himalaya. Nur mit einem einzigen lichten Schleier war die große Maya dort bekleidet, sie, die sich vielfach zu verschleiern pflegt.

Diese drei verschidenen Bildgestalten der Maya, in schwarzer und in roter und in weißer Farbe, deuten hin auf die Differenzieung ihres Wesens in eine Dreiheit +45, auf die drei Gunas der Maya, die in der indischen Philosophie und Religion eine wichtige Rolle spielen.

Jede der drei Gunas hat einen Namen. Sie heißen: Tamas, Rajas, Sattva. Seit alters her werden diesen drei Gunas drei verschiedene Farben zugeordnet, die den Farben der eben beschriebenen drei Bildgestalten entsprechen: dem Tamasguna, die schwarze Farbe, dem Rayasguna die rote Farbe, dem Sattvaguna die weiße Farbe.

Die Bhagavadgita sagt aus: >>Sattva, Rajas, Tamas, diese drei Gunas, aus denen die Prakriti besteht, sie binden den Unvergänglichen [Atman], sobald er einen Leib trägt [Bhagavadgita 14, 5].

Und weiterhin wird in dem gleichen Kapitel der Gita erläutert, wie die drei Gunas den Menschen binden: >>Das lautere leuchtende Sattva, das frei von Übel ist, bindet durch Anhaften an Glück und Anhaften an Wissen.

Die Natur der Rajas ist Leidenschaft, es ruft Durst und Anhaften hervor, es bindet die Seele, die in einem Leibe wohnt, durch Anhaften am Werk. Tamas ist aus Unwissenheit geboren. Es verblendet alle verkörperten Wesen durch Mißverstehen, Trägheit, Verschlafenheit.<<

[Bhagavadgita 14, 6-8]

Als Ergänzung der obigen Schilderung aus der Bhagavadgita soll noch die lebendige Darstellung der drei Gunas beigefügt werden, die der Ynana-Philosoph Shankaracarya in seinem berühmten Werk >>Viveka-Chudamani<< [Stirnjuwel der Unterscheidungskraft] bringt +46. Die Aussagen der Ynana-Philosophie und der Bhakta-Philosophie über die Maya stimmen zum größten Teil überein.

Shankaracarya lehrt:

>>Die Maya hat keinen Anfang. Sie ist die Macht des göttlichen Weltherrschers. Sie ist subtil und von den Sinnen nicht wahrnehmbar. Doch kann sie aus den Wirkungen, die sie hervorbringt, von den weisen erschlossen werden. Sie ist es, die dem ganzen Weltall Geburt verleiht... Sie ist weder Sein noch Nicht-Sein. Sie ist höchst erstaunlich. Ihre Natur ist unerklärlich.<<

>>Die Maya ist aus den drei Gunas zusammengesetzt, aus den Kräften, die als Rajas, Tamas und Sattva bekannt sind.<<

>>Rajas hat die Kraft des Projizierens. Seine Natur ist Aktivität. Durch die Macht des Rajas beginnt die Sinnenwelt, die in Maya eingehüllt ist, sich zu entfalten. Anhaften, Begehren, Habenwollen und ähnliche Qualitäten werden durch die Macht des Rajas verursacht ... Lust, Ärger, Zorn, Begierde, Überheblichkeit, Egoismus, Neid, Eifersucht und dergleichen Laster sind die schlimmsten Kennzeichen von Rajas. Wenn ein Mensch von Rajas überwältigt ist, verstrickt er sich in der Betriebsamkeit der Welt. Daher ist Rajas die Ursache von Bindung.<<

>>Tamas hat die Macht, die wahre Natur eines Dings zu verhüllen und es anders erscheinen zu lassen, als es ist. Tamas ist die Ursache davon, daß der Mensch immerwährend an das Rad des Samsara gefesselt ist. Tamas macht erst das Wirken des Rajas möglich. Ein Mensch mag noch so intelligent, klug und gelehrt sein, er mag die schärfste analytische Fähigkeit besitzen, wenn er von Tamas überwältigt ist, kann er das wahre Wesen des Atman nicht verstehen, auch wenn man es ihm lichtvoll auf verschiedene Art erklärt. Er hält die bloße Erscheinung, die ein Ergebnis der in ihm wirkenden Maya ist, für die Wirklichkeit, und so haftet er an Illusionen an. Ach, die verfinsternde Kraft des furchtbaren Tamas ist wirklich sehr groß.<<, so klagt Shankaracarya. Er fügt bei: >>Tamas hat noch folgende Kennzeichen: "Unwissenheit, Trägheit, Dumpfheit, Schlafsucht, Täuschung Verblendung, Stupidität. Ein Mensch, der unter dem Einfluß von Tamas ist, kann nichts vom Ewigen verstehen. Er ist wie ein Schlafwandler, wie ein bewußtloser Holzklotz."<< Folgendermaßen charakterisiert Shankaracarya den Sattvaguna: >>Sattva ist meistens mit den anderen Gunas gemischt und hat dann als Kennzeichen: Abwesenheit von Stolz, Reinheit, Zufriedenheit, Arglosigkeit, Strenge zu sich selbst; Wunsch, die heiligen Schriften zu studieren; gläubiges Vertrauen, liebende Hingabe, Dürsten nach Befreiung, Abneigung gegen die Dinge dieser Welt.<< - Soweit Shankaracarya.

Daß sogar das lichte Sattva, von dem Shankaracarya sagt, daß es zu dem götlichen Weltallherrscher Ishvara +47hinführe, auch zu den drei Fesseln der Maya gehört, ist vielleicht nicht unmittelbar einzusehen. Um seinen Schülern zum Verständnis des Wesens des Sattvaguna zu verhelfen, pflegte der indische heilige Ramakrishna [1836-1886] die folgende Geschichte zu erzählen +48:

>>Einmal ging ein reicher Mann durch einen Wald. Da fielen drei Räuber über ihn her und raubten ihm alles, was er besaß. Einer der Räuber sagte: “Was für einen Sinn hat es, diesen Mann leben zu lassen.” Und er wollte ihn mit seinem Schwerte töten. Der zweite Räuber hielt ihn ab und sagte: “O nein, was für einen Sinn hat es denn, ihn umzubringen. binden wir ihm lieber Hände und Füße und lassen wir ihn da liegen!” Die Räuber fesselten ihm Hände und Füße und gingen fort. Nach einer Weile aber kam der dritte Räuber heimlich zurück und sagte zu dem Mann: “Es tut mir wirklich leid. Ich will dich von deinen Banden befreien.” Als er ihn losgemacht hatte, sagte er: “Komm mit mir, ich will dich zu der Landstraße führen.” Nach langem Wandern erreichten sie die Straße, und der Räuber sagte: “Folge nur der Straße. Da drüben ist dein Haus.” Darauf sagte der Mann: “Herr, du bist sehr gut zu mir gewesen. Komm mit mir in mein Haus.” - “O nein”, antwortete der Räuber bestürzt, “ich kann nicht dorthin gehen. Die Polizei würde mich ausfindig machen."<<

Ramakrishna erklärt die Geschichte folgendermaßen: >>Der Wald ist die Welt. Die Räuber, die darin lauern, sind die drei Gunas: Sattva, Rajas, Tamas. Sie sind es, die dem Menschen die Einsicht in die Wahrheit rauben. Tamas will ihn völlig vernichten. Rajas bindet ihn an die Welt. Aber Sattva löst ihn von den Ketten des Rajas und des Tamas. Mit Hilfe von Sattva wird ein Mensch von Ärger, Zorn, und Leidenschaft frei. Sattva löst ihn auch von den Fesseln der Welt. Aber auch Sattva ist en Räuber. Sattva kann ihm nicht die letzte Erfahrung der Wahrheit geben, obwohl es ihm den Weg zum Reich Gottes zeigt. Sattva kann ihn nur auf den Pfad geleiten und ihm zeigen: “Dort geh hin, dort ist deine ewige Heimat." Selbst Sattva ist weit entfernt von der Erkenntnis des BRAHMAN.<<

Die drei Gunas werden in Indien zuweilen mit drei Dornen verglichen. Das Sprichwort sagt: Den finsteren Dorn Tamas, den du dir in den Fuß getreten hast, sollst du ausziehen mit Hilfe des Dornes Rayas. Den Dorn Rayas sollst du ausziehen mit Hilfe des Dornes Sattva. Aber auch den Dorn Sattva sollst du schließlich wegwerfen wie die andern, wenn er seinen Dienst getan hat, und sollst deiner Wege gehen.

Die drei Gunas werden auch mit dreierlei Ketten verglichen: Tamas einer eisernen Kette, Rajas einer silbernen Kette, Sattva einer goldenen Kette. Man sagt in Indien: Die Dämonen [Asuras] sind von Ketten aus Tamas gebunden. Die Menschen sind vorzugsweise von Ketten aus Rajas. Die lichtscheinenden Himmelswesen [Devas] sind von Ketten aus Sattva gebunden. Aber auch die goldene Kette aus Sattva ist eine Fessel.

Die heilige Schnur, die jeder Brahmane als Zeichen seiner Brahmanenwürde um Hals und Brust geschlungen trägt, ist aus drei Fäden geflochten. Diese drei Fäden bedeuten nebst vielem anderen auch die drei Gunas: Sattva, Rajas, Tamas.

Die drei Fäden sollen ihren Träger erinnern, den Gunas der Maya wach in die Augen zu blicken und sein wahres Wesen, das Atman ist, von der Maya nicht verhüllen zu lassen.

So durchwirkt, nach indischer Auffassung, das Mayaweben der Gunas das Kleinste und das Größte im Weltall. Die drei Gestalten der indischen Dreifaltigkeit: Brahma, Vishnu, Shiva werden als Verwalter der drei Gunas angesehen. Man nennt sie auch die drei Guna-Avatare. Mittels der starken Kraft Rajas erschafft Brahma die Welt. Mittels der harmonisierenden Kraft Sattva behütet Vishnu die Welt. Und wenn die Zeit der großen Weltauflösung gekommen ist, öffnet Shiva sein geheimnisvolles >>drittes Auge<< und mit der daraus hervorbrechenden finsteren Glut des Tamas verbrennt er die altgewordene Welt.

Die drei Zinken des Dreizacks, der Waffe Shivas, symbolisieren die drei Gunas. Als Träger des Dreizacks ist Shiva nicht nur der Verwalter des Tamas, sondern aller drei Gunas der Maya. Brahma, Vishnu, Shiva werden von den Chaitanya-Bhaktas als drei Asspekte des >>weltzugewandten Gottes<< angesehen. Sie sind Personen der >>äußeren Lila<<.

Gleichsam aus dreierlei Fäden, unzerreißbar wie Sehnen, ist das unsichtbare Netz der großen Maya geknotet. Es ist ein Netz, das über die ganze Welt und alle ihre Wesen geworfen ist und die Herzen aller Geschöpfe einschnürt, so daß der Mensch die Sicht verliert und nicht mehr weiß, wer er selbst ist +49.

In der Überlieferung der Chaitanya-Bhakti hat man die Weisheit der Zusammenhänge von Gott, Seele und Welt [Sambhandha-jñaana] in den sogenenannten zehn grundlegenden Strophen [dashaka-muulam] zusammenzufassen gesucht. In der sechsten dieser Strophen wird geschildert, wie die Maya als Magd Krishnas ihre schwere Aufgabe vollbringt, jene Seelen, die sich von Gott abgewendet haben, durch Herbeiführung leidvoller Erfahrungen in ihrem Läuterungsprozeß zu unterstützen. Die Strophe lautet:

>>Alle die Seelen,

die ihren Atman-Reichtum weggeworfen haben,

die sich von Krishna abgewandt haben

und bloß dem Eigenwohle ergeben sind,

sie werden von der Maya Gottes gezüchtigt:

mit dem Blendwerk der Guna-Ketten gefesselt.

Sie werden von ihr in Leiber gehüllt,

in feinere und gröbere Leibeshüllen.

Und mit einer Menge mühseligen Karmas beladen,

führt die Maya Gottes die Gestürzten

durch Himmel und Höllen des Samsara.<<

[Dashaka-Mulam 6]

In einer anderen Bhakti-Hymne, die Jagadananda einem Freund und Schüler Chaitanyas zugeschrieben wird, heißt es:

>>Wenn der Mensch sein Antlitz von Krishna abwendet,

dann entsteht Wille zur Lust;

Maya, die in der Nähe ist, ergreift und umarmt ihn.

Wie der Geist verstört wird, wenn ein Dämon Besitz ergreift,

ein solches Fühlen entsteht,

wenn der Mensch in den Krallen der Maya ist.

“Ich bin ein Diener Krishnas", das hat er vergessen.

Ein Sklave der Maya wird er und irrt endlos umher,

manchmal Halbgott, manchmal Dämon,

manchmal Herr, manchmal Knecht.<<

[Prema-Vivarta]

Eine der vier Urstrophen des Bhagavatam, die Vyasa von Narada empfing, kennzeichnet in lapidarer Kürze das Wesen der Maya:

>>Was außerhalb des Atman wahrgenommen wird

und nicht im Atman [in Gott] wahrgenommen wird,

das möge man erkennen als des Atman [Gottes] Maya,

wie Schatten und wie Finsternis.<<

[Bhagavatam 2, 9, 33]

Es ist hilfreich für das Verständnis, diese Urstrophe des Bhagavatam, die von der Maya handelt, und die in diesem Kapitel zitierten Aussagen der Bhagavadgita und Shankaracaryas, die alle von der Maya handeln, mit der Aussage eines Bhaktas aus unserer Zeit zu vergleichen, der mit der modernen Philosophie und Psychologie des Abendlandes wohl vertraut ist. Swami Sadananda charakterisiert das Geheimnis der Maya folgendermaßen:

>>Gottes Wunderkraft Maya bewirkt es, daß Raum und Zeit im Bewußtsein erlebt werden, ohne daß sie wirklich sind.<<

>>Im selben Augenblick, da die Maya aufhört, das Sein des Nicht-Seienden zu konstituieren, ist ja außer Gott gar nichts da.<<

>>Die Welt, wie sie uns erscheint, ist die Wirkung einer Hypnose. Was man mit den Sinnen messen kann, das Dreidimensionale, verdeckt den ATMAN, das Ewige.

IX: Das Land jenseits der Ketten

Unaufhaltsam scheint das Rad des Samsara zu sein. Unbesiegbar die hypnotisierende Mayakraft, die Gott verhüllt und die Menschenwesen von ihm fortschleudert; unzerreißbar scheint das Netz zu sein, das über die Welt und alle Wesen geworfen ist. >>Was führt aus dem Kerker der Maya hinaus?<<, seufzt in Indien der suchende Mensch und -entsprechend seiner inneren Herzensneigung- wählt er einen >>Pfad<<, zum Beispiel den Pfad des Yoga oder den Pfad des Jnana, oder er wird ergriffen von der Kraft der erkennenden göttlichen Liebe selbst, die sich äußert als Bhakti. Aber die indischen Eingeweihten wissen: auch Yoga und die Meditation des Jnanis und die Bemühungen des Bhaktas spielen sich zumeist in der Tiefe des Mayameeres ab, in Tiefenschichten, in die das göttliche Licht nur trüb und gebrochen herabdringt.

Ganz von fern, wie eine Sage, tönt die Kunde an den Sucher heran, daß es auch Yoga und Jnana und Bhakti gäbe, die über den Gunas sind.

An mehreren Stellen des Bhagavatam erteilt Bhagavan, der in die Mayawelt hinabgestiegen ist, ohne von ihr berührt zu werden, eine Unterweisung, wie man durch ungeteilte Bhakti zu Krishna über die Gunas der Maya hinausgelangen könne.

Bhagavan spricht:

>>Es gibt eine tamashafte Bhakti,

deren Antrieb ist, anderen weh zu tun,

aus Stolz, aus Eifersucht...

Es gibt eine rajashafte Bhakti,

um des Ruhms, um der Macht willen ...

Es gibt eine sattvahafte Bhakti,

die jene üben, die von ihrem Karma frei werden wollen

oder die Bhakti für ihre Pflicht halten ...

Aber die motivlose Bhakti zu Mir,

der höchsten göttlichen Person,

ist über den Gunas.<<

[Bhagavatam 3, 29; 8-12]

Im elften Buch des Bhagavatam wird das gleiche Thema nochmals aufgenommen und die Belehrung fortgeführt.

Bhagavan Krishna spricht zu seinem Freund und Schüler Uddhava:

>>Das Wissen vom absoluten BRAHMAN ist sattvahaft, das von Einbildungen gefärbte Wissen der Welt ist rajashaft, das Wissen von gemeinen Dingen ist tamashaft.

Das auf Mich bezügliche Wissen ist jenseits der Gunas.<<

>>Die Wohnung des Sattvahaften ist der Wald,

[die ungestörte Einsamkeit des Waldes].

Die Wohnung des Rasahaften ist das Dorf,

[das geschäftige, geschwätzige Dorf].

Die Wohnung des Tamashaften,

ist die Spielhölle, die Würfelbude.

Mein Reich aber ist jenseits der Gunas.<<

>>Das Vertrauen +50 in den Atman ist sattvahaft,

das Vertrauen auf Werketun ist rajashaft,

das Vertrauen auf Gesetzlosigkeit ist tamashaft.

Wer in liebendem Dienen auf Mich vertraut,

ist jenseits der Gunas.<<

>>Die Freude, die aus dem Atman entspringt, ist sattvahaft,

die Freude, die aus der Sinnenwelt entspringt, ist rajashaft,

die Freude, die aus Verwirrung und Schwäche

entspringt, ist tamashaft.

In Mir sich gründende Freude ist jenseits der Gunas.<<

>>Das Ergebnis aller dieser Gunas ist Bindung,

ist Umherirren im Samsara.

Wer diese Gunas besiegte,

weil er sich voll Bhakti mir hingab,

der erlangt Mein liebendes Leben.<<

[Bhagavatam 11; 25,24,27,29,32]

Die Tradition der Chaitanya-Bhakti sagt aus - und von den großen Gurus der Strömung bis in die Gegenwart wird der Inhalt dieser Aussagen immer neu erlebt und bestätigt -, daß der Mensch seinem Wesen nach an der Grenze zwischen zwei ungeheuren Reichen steht, zwischem dem Reich der Maya und dem Reiche Gottes. Er steht gleichsam an einer schwankenden Uferlinie [ta†a stha], da wo Wasser und Land einander berühren.

Der Mensch ist sowohl der von Gott fortschleudernden Kraft wie der zu Gottes Füßen hintragenden Kraft ausgesetzt. Er muß selber wählen. Er vermag zu wählen, da der individuelle Atman am freien Willen Gottes Anteil hat. Wendet sich der Mensch in seiner Sehnsucht nach liebendem Dienen zu Gott hin, so wird er vom Strome der erkennenden Liebe mitgerissen und getragen.

Oder aber die Seele wendet sch vom liebenden Dienen ab, von selbstsüchtigem Begehren überschattet. Und schon wird sie von den mächtigen Gunas der Maya umklammert und wird weggerissen in das Reich, >>wo Durst herrscht<< und wo eigennützig gemessen und abgeschätzt wird. In der Sucht, mit dem eigenen Wohl und Wehe als Maßstab, zu messen und abzuschätzen, sehen die Bhaktas ein Zeichen tiefster Lieblosigkeit. Sie sehen darin das Kennzeichen der von der Maya unterjochten.

Das Wort Maya wird in der indischen Sprachwissenschaft etymologisch abgeleitet von der Sanskritwurzel maa, messen, begrenzen, vergleichen, werten, abschätzen.

Die klassische Definition für Maya lautet: >>miiyate iti maayaa<<, auf deutsch: es wird gemessen, daher [heißt sie] Maya.

>>So wie es die Natur des Feuers ist, daß es brennt, so ist es die Natur der Menschenseele, daß sie liebt, Gott dienend liebt um Seinetwillen<<, sagte mir vor vielen Jahren mein Guru Sadananda in Indien. >>Der Funken, das ist die einzelne Seele. Das große Liebesfeuer, das ist Gott. So wie der Funken Zeugnis von dem Feuer ablegt, so legt die Seele Zeugnis von der Gottheit ab, dadurch, daß sie liebt. Die Seele ist verhüllt und hat ihre wahre Natur vergessen. Aber wenn der Atman von Gottes Kraft erfaßt wird und zu sich selber erwacht, und beginnt, Gott zu lieben und sich unendlich nach Ihm zurückzusehnen, dann gewinnt auch er allmählich wieder Anteil an dem Ewigen, an der Fülle, Lauterkeit, Freiheit des Ewigen. Dann hat der Mensch die Ketten der Maya abgeworfen und ist über den Gunas.<<

Sadananda fügte etwas anscheinend Paradoxes hinzu: >>Der gottabgewandte Mensch in der Welt dünkt sich frei und glaubt der Herr der Naturkräfte zu sein. Aber in Wahrheit ist er ein Sklave der Maya. Nur der Mensch, der sich ohne jeden Rückhalt Gott ausliefert und sich Ihm in dienender Liebe hingibt, ist wirklich frei, das heißt, frei von den Gunas der Maya.<<

Die Bhaktas werden nicht müde, in ihren Schriften das Wunder zu preisen, das sich ereignet, wenn der >>Knoten um das Herz<< gelöst wird und die Ketten der Maya schmelzen.

In der >>Brahma-Samhita<< jubelt Brahma, der Weltschöpfer, über die unfaßbare Gnade, daß Krishna-Govinda das sonst Unüberwindbare, das Karma Seiner Bhaktas völlig verbrennt. Brahma singt:

>>Ich verehre die urerste göttliche Person,

den Govinda,

der alle Wesen,

vom Himmelsherrscher Indra bis zur Ameise,

den Früchten ihres Karmas entsprechend,

ihrem Schicksal zuführt,

der aber das Karma derer völlig verbrennt,

die Ihm in Bhakti hingegeben sind.<<

[Brahma-Samhita 5,54]

Das Bhagavatam beschreibt das gleiche Wunder:

>>Es wird zerschnitten der Knoten des Herzens.

Alle Zweifel sind ausgerodet.

Es schwinden dahin alle Karmas,

wenn im Herzen, im Atman,

Gott geschaut wurde.<< [Bhagavatam 1, 2, 21] +51

Der Bhakta, den die Fesseln der Selbstsucht, die zäh wie Sehnen sind, nicht mehr binden, dem der Knoten [des Egoismus] um das Herz gelöst wurde, ihm offenbart sich statt der Dreifalt der Gunas nun eine Dreifalt ganz anderer Kathegorie. Ihm enthüllt sich SEIN-ERKENNTNIS-WONNE der Gottheit [sat - cit -aananda] in dynamischem Leben:

1. Das reine SEIN des Unvergänglichen [sat] enthüllt sich dem Bhakta als die Seins-Kraft Bhagavans, durch die Er Seinem eigenen Reich und Sich Selbst und Seinen ewigen Gefährten Gestalt verleiht. Diese Seins-Kraft Gottes wird Sandhini-Shakti genannt.

2. Die reine Erkenntnis des Unvergänglichen [cit] enthüllt sich in ihrem dynamischen Leben dem Bhakta als Erkenntniskraft Bhagavans. Sie wird Samvit-Shakti genannt.

Die reine Wonne des Unvergänglichen [aananda] enthüllt sich dem Bhakta als sich hinschenkende Kraft der Liebe, als Freudenkraft Gottes. Diese herrliche Kraft der göttlichen Wonne der Liebe wird Hladini-Shakti genannt [von hlaada: Freude].

Der Bhakta Jiva Gosvami gibt folgende Zusammenfassung:

>>Die Samvit-Shakti ist jene Kraft, mit der Gott sich selbst erkennt und auch andere Ihn erkennen macht. Die Hladini-Shakti ist jene Kraft, mit der Gott Seine eigene Wonne erlebt, und auch andere sie erleben macht, Er, der Selbst ganz Sein und Erkenntnis und Wonne ist, wirkliches SEIN.<<

[Jiva Gosvami, Priti-Sandarbha]

Das bereits mehrfach zitierte Dashaka-Mulam aus der Tradition der Chaitanya-Bhakti versucht in einem Preislied an Krishna die unaussprechliche Erfahrung zu schildern:

>>Gepriesen sei Er,

der immerdar in das Meer der Rasas getaucht ist

in Seinen Reichen,

die von der heiligen Seinskraft Gottes

leuchtend weiß gestaltet werden;

der immerdar der extatischen Wonne,

Seiner heiligen Freudenkraft hingegeben ist;

deren Mysterium

von der heiligen Erkenntniskraft Gottes

offenbar gemacht wird.

[Dashhaka-Muulam 4]

>>Ein Mensch, der das erfahren hat<<, erläuterte mein Lehrer, >>mag weiter in seinem Leibe auf der Erde leben; die anderen mögen kaum eine Veränderung in seinem Dasein bemerken. Und doch gibt es für ihn kein Karma mehr. Alles ist für ihn zur göttlichen Lila geworden. Mit seinem Atman ist er nun, unausgesetzt dienend, liebend einzig der Lila Gottes hingegeben. Die Welt ist für ihn nur ein Ort, um von Ihm zu künden, über Ihn zu singen, über Ihn zu meditieren - bis die Hüllen des irdischen Leibes von dem Bhakta abfallen und er gänzlich in das Reich der ewigen Lila eingeht.<<

Im vorhergehenden Kapitel >>MAYA<< war bloß von dem Aspekt der Maya als der täuschenden Kraft, die Rede gewesen, die das Unvergängliche verhüllt und die Menschenseele von Gott fortschleudert.

Doch der Begriff Maya ist sehr weiträumig und hat gleich dem Begriff Atman mehrere Bedeutungsschichten, die aus dem Unvergänglichen bis ins Schattenbild des Vergänglichen hinabreichen. Die täuschende gunahafte Maya, die aus der Kraft des Begehrens gebildet ist und uns etwas vorspiegelt, was gar nicht wirklich existiert, das ist nur eine der Bedeutungen des Wortes Maya.

Es gibt ein berühmtes Sanskritwörterbuch der Synonyme, verfaßt von Amara-Sinha, einem Zeitgenossen des Dichters Kalidasa. Dieses Werk, das in Indien nunmehr seit fünfzehnhundert Jahren in Gebrauch ist, enthält die folgenden vier Haupbedeutungen für das Wort Maya:

1. Maya ist die Kraft, die etwas als wirklich erscheinen läßt,

was gar nicht ist; die also vortäuscht, vorspiegelt.

2. Maya ist gestaltende Kraft, [shakti] ganz im allgemeinen.

3. Maya ist Gottes selbsteigene Kraft,

[svaruupa-shakti, cit-shakti, aatma-maayaa, yoga-maayaa].

4. Maya ist die göttliche Kraft der Gnade.

Gemeinsam für alle Schichten des Begriffes Maya ist die Bedeutung Kraft [shakti].

Beim Studium der Texte bedarf es zuweilen langen demütigen Lauschens und echter Hingabe, um zu erkennen, von welchem Aspekt der großen Maya jeweils die Rede ist.

So wie im verschneiten Hochgebirge die helle Sonne blendend strahlen kann, während sich am Hang gleichzeitig Nebelschwaden wälzen, und es unten im Tal, unterhalb der niedrigen Wolkendecke, gleichzeitig heftig regnen mag, so daß der Wanderer je nach seinem Standort eine ganz verschiedene Wirklichkeit erlebt; derart erleben die Menschen je nach ihrem jeweiligen geistigen Standort und ihrer Bewußtseinslage und je nach ihrer inneren Ausrichtung eine ganz verschiedene Wirklichkeit.

Der Guru erläutert: >>Die geistige Umwelt eines Menschen, der völlig in der Mahamaya, im Reich des Meßbaren, gründet, kann einer Steinwelt verglichen werden. Wie scharfsinnig ein solcher Mensch auch rechnet und mißt und mit Ultramikroskopen und Teloskopen das Kleinste und das Größte erforscht und seinen abschätzenden, rechnenden Blick den physikalischen und biologischen und psychologischen Gesetzen zuwendet, er hat stets die Wolkendecke der Maya rings um sich. Wohin er auch blickt, in die Außenwelt oder in sich selbst, in seine eigenen Gedankenbilder und Begierden und Leidenschaften und Träume, er erlebt bloß Ausdrucksformen der aus den drei Gunas bestehenden, täuschenden und vorspiegelnden Maya.<<

Der Guru zitiert die bereits angeführten Worte Shankaracaryas: >>ein Mensch mag noch so intelligent und klug und gelehrt sein, er mag die schärfste analytische Fähigkeit besitzen - wenn er von Tamas überwältigt ist, kann er das wahre Wesen des Atman nicht verstehen, auch wenn man es ihm lichtvoll auf verschiedene Art erklärt.<<

Der Bhaktiguru fährt fort: >>Ein Mensch, der zwar in der Unwissenheit [avidyaa], in der Maya gründet und daher seine vergängliche Persönlichkeit für sein wirkliches Wesen hält und sein ewiges Wesen, den Atman, noch gar nicht kennt, der aber doch seinen Blick sehnsüchtig dem Unvergänglichen zuwendet, er erlebt eine vergängliche Welt, die vom Göttlichen getragen und geordnet ist. Er ahnt den weltbezogenen Gott, den göttlichen Weltengrund, den Vater des Weltalls. Er nennt Ihn zum Beispiel Paramatman oder Vishnu, den Alltragenden, Allschauenden. Ein solcher Mensch lebt gleichsam in einer golddurchlegten Steinwelt.

>>Ein Mensch, der alle Eigensucht aufgegeben hat, bis auf den subtilsten Egoismus, die Sucht nach Leidfreiheit und nach Befreiung [mukti] und der die beseligende Erfahrung seines ewigen Einsseins mit dem gestaltlosen, eigenschaftslosen Brahman gemacht hat, er erlebt wieder eine andere Wirklichkeit, die schon jenseits der Gunas liegt. Ein solcher Mensch erlebt gleichsam einen blendenden Goldschein.

>>Eine Seele, die auch der Sehnsucht nach Befreiung entsagt hat und nichts mehr begehrt als Liebe und immer mehr Liebe zu Bhagavan, um Bhagavan in alle Ewigkeit noch mehr erfreuen zu können, ein solcher Gottgeweihter weilt im Reich der “unverhüllten Bhakti". Ein solcher Bhakta erlebt, ganz unabhängig von seinem Schicksal, das grenzenlose lautere Gold der Lila Bhagavans.<<

Der Bhaktiguru fährt fort: >>Alle diese angedeuteten Erfahrungen der “Wirklichkeit” haben zahllose Unterstufen und Zwischenstufen. Jeder dieser Höhenlagen eignet eine gerade dieser Bewußtseinsstufe entsprechende Weltanschauung, Religion und Philosophie. Und jeder Sucher, auf welcher dieser Stufen er auch seinen Standort hat, ist davon überzeugt, daß einzig seine Weltanschauung der Wirklichkeit entspreche und daß es keine andere Wirklichkeit gebe.<<

Der Guru faßt die Unterweisung zusammen: >>Der Wunderkraft Gottes, der Maya in jeder ihrer Bedeutungen, eignet die Fähigkeit, daß sie je nach dem Grade des “Unwissens”, des “Wissens” oder der Bhakti jedem Einzelnen die ihm entsprechende Wirklichkeit zum Erleben entgegenhält +52.<<

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Vierter Teil

K R I S H N A

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X. KRISHNAs Lächeln

>>Hold, hold ist Krishnas Gestalt.

Hold, hold, hold ist sein Antlitz.

Aber sein honigduftendes süßes Lächeln,

es ist Holdheit der Holdheit. Oh, hold, hold!

[Bilvamangala, Krishna-Karnamritam]

>>Der göttliche Held Krishna, aus dem Epos Mahabharatam und der Bhagavadgita ist nur ein Teilaspekt Krishnas. Der wahre Krishna ist ein tiefes Mysterium<<, so heißt es in der Tradition der Krishna-Bhakti. Der Guru setzt fort:

>>Krishnas Gestalt, Krishnas Antlitz, Krishnas Lächeln bedeuten den Chaitanya-Bhaktas das heimliche Zentrum alles Seins und aller Gottesreiche.<<

Immerdar weilt Krishna mit seinen Ewig-Beigesellten [parishada] im Seinem inneren Reich der göttlichen Lieblichkeit. Dort ist Er in aller seiner Fülle >>Gott Eigentlich<<.

Der innerste Kreis dieses Reiches ist die geheimnisvolle Sphäre, wo die Fülle der Gottheit sich Selbst ansieht, erkennt und liebt und sich durch sich Selbst -in unausdenkbarer Steigerung- immer tiefer erlebt.

Was sich auch in dieser göttlichen Fülle [puurnam] vollzieht, ist ein Geschehen im ewigen SEIN [sat], das von Raum und Zeit und Materie ungetrübte ERKENNTNIS [cit] ist, voll göttlicher WONNE [aananda].

Der Quell aller Wonne ist Krishnas >>dichte Wonnegestalt<<, die >>Nektargestalt aller Rasas<<.

In diesem innersten Reich, das >>die weiße Insel<< [shveta-dviipa] oder Goloka genannt wird, ist Krishna in nie endendem rasahaftem Spiel Seiner eigenen Freudenkraft und Erkenntniskraft hingegeben, die Gestalt angenommen hat. Mit Ihr, mit Radha, kostet Er ewiglich den tief verborgenen Shringara-Rasa. Man könnte das vielfältige dramatische Spiel des >>göttlichen Paares<< Krishna-Radha, das eine Zweiheit und doch eine Einheit ist, der ewigen Liebe des Urmännlichen zum Urweiblichen vergleichen.

Viel ist voll Andacht und Keuschheit in Indien über dieses Urgeheimnis meditiert worden, und oft ist es mißverstanden worden, in Indien und im Abendland. Doch der Dichter Novalis [1772-1801] singt in einem seiner >>Geistlichen Lieder<< die der Krishna-Bhakti erstaunlich verwandten Worte:

>>Wenige wissen das Geheimnis der Liebe,

fühlen Unersättlichkeit

und ewigen Durst ...

Im himmlischen Blute

schwimmt das selige Paar.<<

[Abendmahlshymne]

Um das göttliche Paar [yugalam], das dem Shringara-Rasa hingegeben ist, schwingen die vielfachen Reigen der Lila, so heißt es in den Rasaschriften. Rings um Radha und Krishna schlingt sich der Rasatanz der Gopis. Auf vielen indischen Bildern wird dieser Reigen des höchsten Rasas dargestellt, und in einem der späteren Kapitel wird davon ausführlich berichtet werden.

Mit anderen ewigen Gefährten kostet Krishna, der in ewiger Gegenwart in vielen Reichen lebt, indessen den holden Rasa der elterlichen Liebe. Und mit anderen Gefährten kostet Krishna gleichzeitig den inneren Rasa der vertraulichen Gottesfreundschaft. Und mit wieder anderen Gefährten erlebt Er den Rasa ihres enthusiastischen Gottdienens und gemeinsam mit anderen Gefährten erfüllt Ihn der Rasa des unendlichen göttlichen Friedens.

In allen Reichen der göttlichen Lieblichkeit ist Krishna gleichzeitig gegenwärtig. Überall kostet Er den Rasa jenseits von Zeit und Raum.

Die Rasaschriften schildern, daß Krishna - ohne daß die Fülle des Spiels der göttlichen Lieblichkeit in den Reichen des Mysteriums Fascinosum gemindert wird- indessen auch, umgeben von anderen ewigen Gefährten, in Reichen erhabener Gottesmajestät thront. In diesen Reichen, so erklären die Bhaktas, wird die milde und süße Lieblichkeit Krishnas zurückgehalten und die göttliche Allmacht, die göttliche Kraft und göttliche Gewalt herrscht. In diesen Reichen der Gottesmajestät trägt Krishna den Namen Narayana. Dort wird das Misterium Tremendum in ganz ausschließlicher Stärke wahr.

Eine in den Rasaschriften und Puranas oftmals angewendete Bezeichnung für alle die genannten Gottesreiche ist : >>Höchster Himmelsraum<< [para-vyoman] oder aber auch Vaikuntha. Vaikuntha bedeutet >>Ohne Bruch<<. Denn die Zeit zerbricht dort nicht, wie bei uns, in jedem Augenblick schmerzlich in Vergangenheit und Zukunft. Glück und Leid folgen dort nicht aufeinander, göttliche Wonne [aananda] ist der Untergrund jedes Leids.

Ein Name, der ausschließlich der Spähre der göttlichen Lieblichkeit zukommt -und dem wir später oft begegnen werden- ist Vraja [abgeleitet von der Sanskritwurzel vraj, schreiten]. Vraja ist das >>Land<<, wo man in alle Ewigkeit vorwärtsschreiten kann, ohne jemals an ein Ende zu kommen.

Das Licht, das alle Reiche der ewigen Gegenwart erleuchtet und von dem unsere Sonne, unser Mond und unsere Sterne nur ein Abglanz sind, geht aus von Krishnas Gestalt, von Krishnas lieblichem Antlitz, von Krishnas honigduftendem süßen Lächeln.

Eine in den Anfangskapiteln dieses Buches bereits zitierte Upanishadenstrophe, wird in der Traditionsfolge der Chaitanya-Bhaktas auf Krishnas inneres Reich, den >>Höchsten Himmelsraum<<, bezogen:

>>Dort leuchtet nicht die Sonne, noch Mond, noch Sternenglanz,

noch jene Blitze, geschweige irdisch Feuer.

IHM, der allein glänzt, nachglänzt alles andre:

die ganze Welt erglänzt von Seinem Glanze.<<

[Katha-Upanishad 5,15,

Mundaka-Upanishad 2,2,10

Shvetashvatara-Upanishad 6,14]

Die Propheten singen:

>>Ich bete die "weiße Insel" an,

Das Geistesland, das Goloka genannt wird ...

Jedes Wort dort ist Lied,

jeder Schritt ist Tanz ...

Und Zeit, die hier so schmählich uns enteilt,

geht dort nie fort, nicht einen Augenblick.

Nur wenige Weise, die auf Erden wandeln,

kennen dies Land.<<

[Brahma-Samhita 5,56]

Die Bhaktas sagen: Dort, wo alles aus Atman gewoben ist, lebt Krishna ohne Bezug auf die Welt, Sein inneres Leben als >>Gott Eigentlich<<.

Doch es begibt sich, daß in Krishnas majestätischem Aspekt Narayana der Wille aufsteigt, es sei eine Welt der Lebewesen in Raum und Zeit!

Da tritt >>Gott Eigentlich<<, ohne daß Seine Fülle und Seine vielfältige Lila in einem Seiner zahllosen ewigen Reiche gemindert wird, mit einem Teilaspekt Seiner Selbst aus dem >>Höchsten Himmelsraum<< in den >>Ozean aller Ursachen<< hinaus, der die Ewigkeit umspült.

Ein Teil von >>Gott Eigentlich<< wird zu >>Gott Weltbedacht<<. Nun trägt Er den Namen Mahavishnu, der große Vishnu, >>der im Ozean aller Ursachen ruht<< [karanodaka-shaayii-vishnu]. Von Ihm singen die Seher:

>>So wie durch offene Fenster

sonnenbeleuchtete Staubströme fluten,

so fluten durch die Poren Mahavishnus

zahllose Universen aus und ein.

Wenn Mahavishnu ausatmet, entstehen die Welten.

Wenn Er einatmet,

vergehen die Welten.

Aber nie ist ein Ende des Weltvergehens

und Weltentstehens.

Denn nie hört Mahavishnu auf, zu atmen.<<

[nach Bhagavatam 10,14,11]

Mahavishnu blickt, wie schon ausgeführt wurde, die ferne Maya an, und dies ist der erste Anstoß zu aller Schöpfung in Raum und Zeit.

In einer der klassischen Schriften der Chaitanya-Bewegung wird berichtet, daß ein Teil Mahavishnus noch tiefer hinabsteigt, ohne daß Seine ursprüngliche Fülle gemindert wird. Er blickt die Maya nun nicht mehr bloß von ferne an. Er tritt in sie ein, freilich ohne von ihr berührt oder befleckt zu werden. Er wird zum Vishnu, der im >>Ozean aller Samen<< ruht [garbho-daka-shaayii]. Dieser ist der Herr der Maya. Er, der große ATMAN, ist der Träger und Erhalter sämtlicher Universen. Aus Seinem >>Nabel<< wächst der Lotus hervor, in dessen Kelch vor beginn der neuen Weltschöpfung der Weltbildner Brahma zu neuem Leben erwacht und in seiner Meditation die Stimme Gottes vernimmt, die zu den Urstrophen des Bhagavatam wird.

Vishnu steigt noch tiefer hinab, ohne daß die Fülle dessen, von dem Er ausgeht, gemindert wird. Er tritt in jedes einzelne Weltall ein und wird in jedem Weltall zum >>Vishnu, der im Milchmeer ruht<< [kshirodaka-shaayii]. Er ist Weltenherrscher, Weltenrichter und Er weilt in jedem Herzen als Zeuge des leisesten Gedankens. Er wird in der Brahma-Samhita als Herr des Karma gepriesen:

>> ...der das Schicksal jedes Wesens,

vom Himmelsherrscher Indra bis zur Ameise,

den Früchten der früheren Taten entsprechend,

seinem Ziele zuführt.<<

Wenn Vishnu in Seine eigene Tiefe blickt, so blickt er in Krishnas unergründliche Gottestiefen. Krishna in Seinem Aspekt als Vishnu ist es, der nach Anschauung der Chaitanya-Bhaktas die Gestalten der Avatare in die Welt der Zeitlichkeit hinabsendet.

Index

 

XI. KRISHNAS AVATARE

Krishna-Vishnus Herabsteigen in Gestalt Seiner Avatare ist eine Entfaltung der Gottesmajestät bis in den Bereich der Welt. Doch tief innen in dieser Majestät der göttlichen Avatare erkennt der Krishna-Bhakta entzückt mitten in der Welt wieder das Mysterium der göttlichen Lieblichkeit und aus der Tragik der Welt schimmert ihm nun das Lächeln Krishnas entgegen. In dem Dichtwerk Gita-Govinda, einer der wenigen Rasadichtungen, die im Abendland schon bekannt geworden sind, kommt das zum Ausdruck. Bevor wir aber dieses Werk der indischen Gottesliebe betrachten, das aus dem gleichen Wurzelgrund wie das Bhagavatam entsprossen ist, müssen wir uns ein wenig mit den Avataren beschäftigen. Denn man kann den indischen Volksglauben und auch den Gita-Govinda kaum verstehen, wenn man nicht eine Vorstellung davon hat, was die Avatare Gottes den Hindus bedeuten. Die Berichte vom Wirken der Avatare erfüllen seit Jahrtausenden das Denken und Trachten, das tägliche Brauchtum, die Sprichwörter und die Volkslieder und die Literatur und Kunst der Hindus.

Der indische Glaube bis auf unsere Tage ist durchwoben vom Erleben der Vielfalt in der Einheit und der Einheit in der Vielfalt, wie es schon im Rigveda mehrfach angedeutet wird:

>>Nur ein Feuer ist es, das vielfach entzündet wird, nur eine Sonne durchdringt das All; nur eine Morgenröte durchscheint diese ganze Welt. Fürwahr das Eine hat sich zu dieser ganzen Welt entfaltet<<

[Rigveda 8,58,2].

Das Bhagavatam spricht von zehn großen Avataren, an anderer Stelle von zweiundzwanzig Avataren; in der unmittelbar darauffolgenden Strophe ist von zahllosen Avataren Bhagavans die Rede:

>>Die Avatare Haris

- der Wohnung des ewigen Seins -

sind wahrlich zahllos;

gleichwie von einem See,

der niemals austrocknet,

tausende Ströme ausfluten.<<

[Bhagavatam 1,3,26]

Was ist nun ein Avatar? Der Ausdruck avataara bedeutet wörtlich: Der Herabsteigende [ava-tarati heißt: er steigt herab]. Das Wort Avatar wird abgeleitet von der Sanskritwurzel t¸: ein Meer kreuzen, überkreuzen, über einen Ozean hinübersegeln, bis zum Ende gehen, vollkommen meistern, retten. Das Substantiv tara, das von dieser Wurzel kommt, bedeutet Floß, Boot, Fähre; taara ist ein Name Vishnus; taara bedeutet das gestaltlose Brahman und auch das heilige Urwort, AUM, aus dem alles geworden ist. Die Vorsilbe ava im Worte avataara fügt die Zielrichtung hinzu: herab. Man sagt: Der Avatar ist eine Gestalt, die aus der Fülle Gottes in die Welt der Sterblichen herabsteigt, um jene, die bei Ihm Zuflucht nehmen, wie ein rettendes Floß zum jenseitigen Ufer des Meeres der Wandelwelt hinüberzutragen.

Es wurde oft versucht, das Wort Avatar mit Retter, Heiland, Erlöser zu übersetzen. Das sind aber nur ganz vorläufige Bezeichnungen.

Im Sinne der Gotteserfahrung der Bhakti wird das Wesen der göttlichen Avatare und deren Beziehung zu Bhagavan, von dem sie ausgehen, in der bereits früher in ganz anderem Zusammenhang zitierten vielschichtigen Upanishadenstrophe ausgesprochen:

>>Jenes ist die Fülle, dieses ist die Fülle.

Aus der Fülle ward die Fülle hervorgebracht.

Auch wenn die Fülle die Fülle entläßt,

bleibt doch die Fülle voll.<<

[Brihad-Aranyaka Upanishad 5,1,1]

>>Jenes<< in der obigen Strophe deutet der Bhakta als Bhagavan in seiner ganzen Fülle; >>dieses<< deutet er als Avatar, den Bhagavan in die Welt aussendet. In sehr berühmten Strophen der Bhagavadgita spricht Krishna selbst das Wesen der Avatare aus. +53:

>>Obwohl Ich der Ungeborene bin,

obwohl Ich der ewige ATMAN bin,

obwohl Ich Gottherr aller Wesen bin;

so trete Ich doch in der Welt in Erscheinung,

gebietend über alle Natur +54,

durch die Macht Meines göttlichen Willens +55.

Wann immer Verfall der Weltordnung ist,

wann immer Aufsteigen des Unrechtes ist,

dann zeug ‘ Ich Mich Selbst +56,

dann gieß‘ Ich Mich aus +56,

dann sprech ‘ Ich Mich SELBST, den ATMAN aus +56,

o, Aryuna.

Zur Errettung der Guten +57,

zur Vernichtung der Bösen,

zur Wiederherstellung der heiligen Ordnung,

tret ‘ Ich ins Dasein.

in jedem Weltalter.<<

[Bhagavadgita 4,6-8]

In der Rasa-Dichtung, Gita-Govinda von Jayadeva wird Krishna als Krishna-Keshava dafür gepriesen, daß Er in Gestalt von zehn großen Avataren in die Welt des Vergänglichen hinabsteigt.

Jayadeva singt:

>>Durch die Wasser der Weltauflösung

trägst Du den Veda,.

mühelos wie auf einem gezimmerten Floß.

Sieg Dir, Sieg Dir, Hari, Gotherrscher;

Keshava, der in Fischgestalt kam.<<

>>Auf Deinem Rücken, der sich weithin dehnt,

trägst Du die Erde, die Alltragende.

Sieg Dir, Sieg Dir, Hari, Gotherrscher;

Keshava, der als Schildkröte kam.<<

Keshava ist ein Name Krishnas.

Der verborgene Gott, Keshava-Krishna, wird in zehn Seiner äußeren Aspekte gepriesen. Gleich mächtigen Fresken zieht in der Avatarhymne dieses Dichtwerkes der Reigen der göttlichen Avatare vorüber. Man glaubt durch alle Zeiten, durch alle Räume zu schreiten, man glaubt, die ganze Welt zu umwandeln, wenn man dem göttlichen Tun der Avatare folgt, das in Jayadevas Strophe nur in knappen Worten angedeutet wird, und das sich aber in den Erzählungen der Puranas in großem Reichtum enthüllt.

Man wird Zeuge von Gottes Wirken auf Erden in Gestalt eines gewaltigen Wesens mit dem Haupt eines Ebers, das die Erde mit seinen hauern aufhebt aus der Vernichtungsflut. Man wird Zeuge von Gottes Wirken als Geistlöwe Narasinha, der mit seinen >>diamantenen Klauen<< den Vorhang der verhüllenden Maya aufreißt. Man wird Zeuge von Gottes Tun auf Erden als Rama mit der Axt, >>der wegnimmt die Sünden der Welt<<. Man wird Zeuge von Gottes Lila als Königssohn Rama und man folgt den heiteren Scherzen von Krishnas älterem Bruder Balarama.

Auch Buddha ist in diesem Avatarpreislied einer der zehn großen Avatare Gottes, von denen jeder einen anderen Rasa offenbart. Im leise lächelnden Antlitz des meditierenden Buddha, wie er in zahllosen Bildwerken der buddhistischen Kunst dargestellt wird, vermag man zum Beispiel den Rasa des unendlichen göttlichen Friedens [shaanti-rasa] zu erahnen.

Jayadeva singt:

>>Du veurteilst die Opfergebote des Veda,

weil Dein Herz in Mitleid schmolz

vor dem Schlachten der Tiere.

Sieg Dir, Sieg Dir, Hari, Gottherrscher,

Keshava, der als Buddha Gestalt annahm.<<

In der zehnten Strophe wird in einer Vorschau der Avatar Kalki gepriesen, >>der in Zukunft kommen wird<<. Kalki >>schwingt Sein Schwert wie einen Kometen<< über den Heeren der Barbaren. Durch das Schwingen dieses Lichtschwerts wird die Finsternis des Kali Yuga zerteilt und ein Tor aufgebrochen in ein neu anhebendes Zeitalter der Wahrheit [satya-yuga]. Die elfte Strophe dieses Avatarpreisliedes, von Jayadeva faßt die vorhergehenden zehn Strophen zusammen und jubelt:

>>Sieg Dir, Sieg Dir, Hari, Gottherrscher,

Du Keshava,

der Du zehnfache Gestalt annimmst.<<

[Gita-Govinda 1,5-16]

Zu beachten ist, diese majestätischen Strophen von den Avataren Gottes sind nur ein Rahmen um die eigentliche Handlung der Dichtung Gita-Govinda. In diesem Prolog wird die >>äußere Entfaltung<<, das weltzugewandte Tun des Einen geschildert, der - während Seine Avatare mächtig in der Welt wirken, mit Seinem eigenen Wesen völlig in Sein inneres Spiel in dem Reich der göttlichen Lieblichkeit versunken ist.

Doch nicht nur die Avatare, auch Krishna, der Avatarín, [derjenige, von dem die Avatare ausgehen], steigt einmal in Seiner ganzen Fülle herab. Dies geht aus dem Gita-Govinda und dem Bhagavatam und anderen Puranas und den Rasaschriften eindeutig hervor. Und Krishna nimmt Sein ganzes Reich und Seine ewigen Gefährten mit sich. Für die Dauer eines Menschenlebens wird die Krishna-Lila nun auf Erden gespielt: im Umkreis der Königsstadt Mathura [Honigstadt] und im Hirtenland des Vrindawaldes [Vrindaa-vana], auch Gokula oder Vraja genannt.

Im Königsland ist dann Krishna der Herr aller Kraft. Alle Shaktis sind Ihm untertan. Alle Dämonen werden von Ihm bezwungen. Das Unmögliche ist eine Leichtigkeit für Ihn. In der Krishna-lila, im Königsland erleben die Bhaktas die Gottesmajestät und Pracht des Mysterium Tremendum auf Erden.

Im benachbarten Hirtenland jenseits des Flusses Yamuna, erlebt der Bhakta das Mysterium Fascinosum, das liebliche Geschehen der inneren Krishna-Lila mit allen ihren Rasas.

Das kleine Krishnakind weint. Yashoda, die Ziehmutter im Hirtenland, hat das Kind bestraft, weil es Butter gestohlen hat. Doch aus den dicken Tränen, die über die schmutzigen Wangen des Kindes herunterkollern, leuchtet dem Bhakta Krishnas Lächeln entgegen. Aus den derben Späßen Krishnas mit Seinen Freunden, den übrigen Hirtenjungen, strahlt dem Bhakta Krishnas Lächeln entgegen. In der schmerzlichsten Verzweiflung der Trennung, wenn Krishna und Radha im dunklen Wald einander suchen, finden die Bhaktas, die sich in die innere Lila vertiefen, Krishnas beseligendes Lächeln. Dieses Lächeln erhellt die Welt. Dieses Lächeln ist das innerste Licht. Alles Licht von Sonne, Mond und Sternen ist nur ein Abglanz dieses Lächelns. Der Krishna-Bhakta erlebt in der Lila im Erdenland noch viel inniger und lebendiger als aus den Schilderungen des >>Höchsten Himmelsraums<< das Mysterium Fascinosum.

Dies muß man im Bewußtsein haben, wenn man Rasaschriften, zum Beispiel den Gita-Govinda, liest, wo auf die Schilderungen der erhabenen Taten der göttlichen Avatare plötzlich ein bittersüßes Hirtenlied zu folgen scheint. Man muß bedenken, daß der Bhaktadichter Jayadeva sein Werk vorzugsweise für Bhaktas verfaßt hat, die den überweltlichen Rasa des göttlichen Spiels zu kosten und zu würdigen verstehen. Ebenso wie in der dritten Strophe des Bhagavatam die rasakundigen Bhaktas aufgerufen werden: >>¡Trinkt den Rasa...<<, so spricht auch Jayadeva in der dritten Strophe des Gita-Govinda diejenigen Bhaktas an, deren Gottesliebe zu Rasa hell entflammt ist. Er will ihnen neue Tiefen, neue Szenen aus dem nie endenden Spiel der göttlichen Liebe im Erdenland enthüllen. Jayadeva singt leise das Geheimnis ins Ohr des Bhaktas:

>>Wenn dein Herz in der liebenden Vergegenwärtigung Harís

von Rasa durchflutet ist,

wenn du zu den göttlichen “Spielen”

neues Entfaltungsspiel sehnsüchtig begehrst,

dann vernimm die Verse

von dem lieblichen zarten Geliebten.

Vernimm den Fluß der Rede Jayadevas.<<

[Gita-Govinda 1, 3]

Es ist wiederholt versucht worden, den Gita-Govinda in europäische Sprachen zu übertragen. Berühmt ist die Übersetzung des deutschen Dichters, Friedrich Rückert. Doch es ist kennzeichnend für die Ahnungslosigkeit des Abendlandes, den indischen Rasatexten gegenüber, daß Rückert, der ein ausgezeichneter Sanskritist und ein sprachgewaltiger Übersetzer war, in seiner vielgerühmten Übertragung sowohl die vorstehende Schlüsselstrophe über den Rasa, wie auch die früher wiedergegebenen Strophen zum Preis der Avatare und zahlreiche andere wesentliche Verse des Werkes einfach weggelassen hat. Er bekennt selbst, daß er das tat, weil er den Inhalt dieser Strophen nicht verstand und - weil sie ihm unheimlich waren. Infolge dieser Verstümmelung der Gita-Govinda ist von der tiefreligiösen Schauung eines Krishna-Bhaktas, die von der äußeren Lila zur inneren Lila hinleitet, bloß eine scheinbar sehr sinnliche Liebesgeschichte übriggeblieben, die zwar auch als als Torso den Leser entzücken kann, aber gründlich mißverstanden werden muß +58.

Die innere Lila Krishnas, das Spiel des >>göttlichen Paares<< Radha-Krishna, das tief verborgen ist, ob es sich nun im Reiche Goloka im >>Höchsten Himelsraum<< oder im Lande Gokula, im Vrindawald auf Erden begibt, ist der Hauptinhalt des Dichtwerkes >>Gita-Govinda<<. Diese Rasaschrift ist eine der großen Rasadichtungen der Menschheit. Aber sie gilt den Krishna-Bhaktas nicht nur als eine Dichtung, sondern als die Offenbarung eines Gottgeweihten, der in seinem Herzen das innere Spiel des göttlichen Paares geschaut hat und es wagt, diese Lila in irdischen Bildern zu beschreiben. Denn >>alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis...<<

Der scheinbar irdische Schauplatz des göttlichen Spiels darf nicht irreführen, so wird immer wieder betont. Herabsteigen und Hinaufsteigen sind nur relative Begriffe, geprägt in der Welt der gunahaften Maya. Für Gott, den immerdar Seienden, den Alldurchdringenden, Allerfüllenden, gibt es kein Oben und kein Unten, gibt es keine zeit- räumlichen Dimensionen. Und Er ist gleichzeitig das Kind, der Knabe, der Hirtenjüngling, der Held, der königliche Herrscher, ebenso wie Er in zahllosen Seiner ewigen Reiche gleichzeitig gegenwärtig ist und >>spielt<<. Seine Kindgestalt und Seine Unbegrenztheit sind in Ihm keine sich ausschließenden Gegensätze. Die Gesetze der von täuschender Maya durchwobenen irdichen Logik gelten für Ihn nicht. Er ist über den Gunas.

Ein Bhakta, dem durch die Kraft der >>unverhüllten, undurchborten Gottesliebe<< alle Schleier durchsichtig geworden sind, macht eine Erfahrung, die noch weit über die Avatarlehre der Bhagavadgita hinausgeht. Er erlebt: Der Avatar tut nichts >>um zu...<< +59. Der Avatar spielt. In spontaner Spielfreude tut er die wunderbaren Taten Seiner Lila und erlebt Tiefen des Glücks und des Leids, die über alle Erfahrungen der Erdenwesen hinausgehen. Ganz nebenbei wird dabei Menschenleid gelindert und durch Heilung des Übels der Gottabwendung die gestörte Weltordnung wiederhergestellt und die gefallene Menschheit der Erlösung nähergeführt.

Das göttliche Spiel ist niemals >>als ob<<; das Spiel ist tiefer Ernst. Es gibt viele Hindus, die sich scheuen, den Schlußteil des Epos Ramayana von Valmiki zu lesen, weil diese Schilderung der Lila Ramas von fast unerträglicher Tragik durchzittert ist. Schon lange bevor die schmerzliche Handlung des letzten Teiles einsetzt, wird man Zeuge, daß der große göttliche Avatar Rama weint und schreit und verzweifelt klagt, als ihm seine geliebte treue Gattin Sita, die ihm freiwillig ins Exil gefolgt war, geraubt wurde. Vergebens sucht er lange die Geraubte - und doch ist Er gleichzeitig der Allwissende, der Allmächtige, so wird es geschildert.

Im Bhagavatam wird dargestellt, wie der göttliche Knabe Krishna vergebens seine Hirtenfreunde und eine Herde geraubter Kälber sucht - obwohl Krishna gleichzeitig der Allwissende, der Allmächtige genannt wird.

Der mittels Logik unüberbrückbare Widerspruch in derartigen unmittelbar aufeinanderfolgenden Aussagen in der Schilderung der göttlichen Lila deutet keineswegs auf Einfalt und mangelnde Gedankenkraft derjenigen hin, welche die Lila schildern. Die Aufzeigung solcher Widersprüche gehört der gleichen Methode an, die in den Upanishaden angewendet wird. Dort wird zum Beispiel ausgesprochen: >>Das Unvergängliche ist das Kleinste des Kleinen und das Größte des Größten<<, um darauf hinzuweisen, daß das Unvergängliche weder groß noch klein ist. Es ist überhaupt außerhalb des Räumlichen. Es ist über Wissen [vidyaa] und Unwissen [avidyaa]. In ähnlicher Weise deuten die Seher der Bhakti, wenn sie die Lila Bhagavans beschreiben, die dem Verstand und der Logik unzugängliche Tiefe der Lila an.

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XII. CHRISTUS und die AVATARE

WENN EIN indischer Bhakta die Evangelien liest und besinnt, so findet er im Erdenwandel Jesu Christi Wesenszüge, die dem Erdenwandel mancher Avatare verschwistert sind. Der Bhakta ist geneigt, ehrfürchtig von einer >>Christus-Lila<< zu sprechen, deren unergründliche göttliche Spannweite er ahnt, wenn ihm scheinbar widersprechende Aussprüche des Heilands entgegenkommen, der einmal feierlich verkündet: >>Ich und der Vater sind eins [Joh. 10,30]<<, und bald darauf am Kreuze hängend, verzweifelt zu dem göttlichen Vater klagt: >>Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du mich verlassen? [Matth. 27,46].

Es ist sehr aufschlußreich, den Erdenwandel Jesu Christi mit den Augen eines Bhaktas anzusehen. Der indische Gottgeweihte wird diesen Lebenslauf als eine Offenbarung des großen ATMAN im Zeitlichen auffassen. Und die Christusworte: >>Ich bin<< - >>Ich bin<< - >>Ich bin es<<, die auf das göttliche ICH BIN hinweisen und immer wiederkehren bis zu der Gerichtszene, vor dem Hohepriester, der erschreckt über die vermeintliche Lästerung sein Kleid zerreißt, geben dem Bhakta den Schlüssel zu diesem heiligen Leben.

Bei einer derartigen Betrachtung werden auch die Unterschiede und die vielen Ähnlichkeiten der Anschauung des Christentums über Jesús von Nazareth und der indischen Avatarlehre sichtbar.

Ein wesentlicher Unterschied liegt darin, daß der Christ die Einmaligkeit und Einzigartigkeit des Christusgeschehens nachdrücklich betont, während das Bhagavatam, wie wir wissen, von zehn, von zweiundzwanzig, von tausenden, von zahllosen Avataren Gottes spricht. Auch weiß der Hinduismus nicht nur von Avataren, >>welche die Erde beglücken<<, sondern auch von Avataren Gottes, die in ganz anderen Welten und Bewußtseinsreichen wirken.

Doch auch für den Bhakta steht stets bloß ein Avatar inmitten des Blickfeldes. Bloß einem Avatar schenkt er seine ganze Liebe. Von den anderen Offenbarungen weiß der Bhakta wohl, aber sie stehen ferner, gleichsam am Rande seines Blickfeldes. Von den Krishna-Bhaktas werden diese anderen Avatare als Diener, als Bhaktas der geliebten Zentralgestalt erlebt.

Bekanntlich gibt es in Indien außer den Krishna-Bhaktas auch Narayana-Bhaktas, Rama-Bhaktas, Shiva-Bhaktas, Bhaktas des Narasinha, Anbeter der >>Großen Mutter<< und so weiter. Die eine göttliche Urgestalt offenbart sich in wundersamer Mannigfaltigkeit. Jeder Avatar, jeder Aspekt des Höchsten kann zu einem Tor werden, durch das der Bhakta sich dem EINEN naht.

>>In welcher Weise die Menschen bei Mir Zuflucht nehmen, in solcher Weise liebe Ich sie... Allüberall wandeln die Menschen auf dem Pfade zu mir<<, spricht Krishna in der Bhagavadgita [4,11].

Shiva, auch Mahadeva, der große Gott genannt, der Weltzerstörer, der die morschgewordene Welt verbrennt, um Platz für eine neue Schöpfung zu bereiten; der Gott der Yogis, der den Schleier der Maya von ihren Augen hinwegzieht, damit sie die ewige Wirklichkeit schauen können, diesen erleben die Shiva-Bhaktas als Bhagavan, als höchstes Wesen. Ein Meer von Liebe und ein Meer von Liedern strömt dem EINEN unter Anrufung Shivas zu. Die Krishna-Bhaktas hingegen erleben Shiva als einen hohen Diener Krishnas, einen Guna-Avatare Krishnas, in dem Krishnas Kraft wirkt.

In den indischen Basaren kann man für billiges Geld Farbendrucke von Shiva kaufen. Auf diesen Bildern wird häufig dargestellt, wie der heilige Gangesstrom in leuchtendem Bogen vom Haupt des meditierenden Shiva ausgeht, um, herabsinkend, alle Welten zu läutern. Auf anderen Basardrucken aus dem Bereich der Krishna-Bhakti nimmt man wahr, daß das Wasser des Lebens, das später zum Ganges wird, eigentlich von Krishnas Füßen springt. Von Krishnas >>Lotosfüßen<< strömt der Quell auf Shivas Haupt und von dort weiter hinab durch die Lichtwelten der Devas zur dunkeln Erde; und die Erde Indiens benetzend und läuternd, sinkt es schließlich hinab bis in die Reiche der Unterwelt, um auch diese zu segnen. -

In einzelnen Puranas wird berichtet, daß Shivas herrliches >>Haus<<, der Berg Kailas im Himalaya, innen ganz von Fresken ausgekleidet sei, strahlende Bilder aus der Krishna-Lila. Es wird erzählt: Immer sitzt Sada-Shiva, das heißt der Immer-Selige, in diesen Hallen und meditiert in tiefster Inbrunst über die innere Lila des ewig jugendfrischen Krishna im Hirtenland.

Im Padma-Purana heißt es, daß Krishna selbst Seinen geliebten Bhakta Sada-Shiva in die heiligen Geheimnisse dieser Lila einweiht. In der Tradition wird auch erzählt, daß Krishna dem Shiva die Gunst gewährt, Türhüter des innersten Spiels sein zu dürfen. Vom Reigen des Rasatanzes abgekehrt, bewacht Shiva das Tor, daß kein Unberufener dem Misterium nahe.

Für den Rama-Bhakta wiederum ist Shiva ein Diener des Höchsten, also ein Diener Ramas.

Oftmals sah ich, wenn ich in der Wildnis des Himalaya oder anderer Landschaften Indiens einsam wanderte, die beiden Silben des Gottesnamens Ra-ma mit leuchtend roter Farbe wieder und wieder in liebevoll geformten großen Schriftzeichen auf die Rinde mächtiger Baumstämme des Waldes oder auf Felsenwände gemalt.

Wenn mir ein Wanderer auf dem menschenleeren Pfade entgegenkam, grüßte er mich, den Fremden, mit den Worten: >>Rama! Rama!<< Ich antwortete freudig mit dem Gruß: >>Rama! Rama!<<. Das Sanskritwort Rama ist nicht nur der Name des Avatars, es bedeutet auch: Freude, Freudegeber. Ein Rama-Bhakta aus unserer Zeit war Mahatma Gandhi. Der Gottesname Rama lebte ständig auf seinen Lippen. Während er sich als junger Advokat in Südafrika mühte, die Lage seiner entrechteten Volksgenossen zu verbessern, glaubte ein fanatischer Mohamedaner, daß Gandhi die Inder an die Engländer verraten habe, und schlug ihm hinterrücks mit einem Ziegelstein auf den Kopf. Blutend sank Gandhi zusammen. Bevor er in Ohnmacht fiel, hatte er noch Kraft, den Namen Rama! Rama! zu rufen.

Als der in der ganzen Welt verehrte und bewunderte Greis vor wenigen Jahren von einem anderen Fanatiker, einem orthodoxen Hindu, ermordet wurde und unter dessen Schüssen sterbend zusammensank, da hörten die Menschen, die ihn schreckerstarrt umstanden, den letzten Ausruf des Mahatma. Niederstürzend öffnete Gandhi die Arme weit, dem Mörder zugewendet, und rief: Rama! Rama!

Für die Krishna-Bhaktas ist, wie wir aus dem Avatarpreislied Jayadevas wissen, der göttliche Avatar Rama einer der zehn großen Avatare Krishnas.

Die mannigfaltige indische Avatarlehre -mit Krishna als Zentrum alles Seins- ist am klarsten und umfassensten von Krishna Chaitanya dargestellt worden. Im Chaitanya Caritamritam wird ausführlich die große Unterweisung wiedergegeben, die Chaitanya im Jahre 1515 in Benares seinem vertrauten Jünger Sanatana gab.

Aus der Unterweisung, die Sanatana damals empfing, stammt die folgende Aussage über die Beziehung der Avatare zu dem ewigen Urquell, von dem sie ausgehen, dem Avatarin:

>>Urlicht und Kerzen.

Kein Unterschied in der [Licht-] Substanz,

nur in der [Licht-] Stärke.<<

(Brahma-Samhita 5,46)

(Chaitanya-Charitamritam Madhya-Lila

20. Kapitel, Sanatana-Shiksha)

Man vergleiche damit die folgende Aussage aus dem Credo des Konzils von Nicäa, worin die Beziehung des göttlichen Sohns zum göttlichen Vater gemäß dem Glaubensinhalt des Christentums charakterisiert wird:

>>Licht vom Licht,

Gott von Gott.<<

Die beiden zitierten Aussagen über den göttlichen Heiland des Christentums und über die Avatare Gottes im Hinduismus sind von einer bestürzenden Verwandtschaft. Obwohl es in den kaum zählbaren Urkunden der Chaitanya-Strömung viele Hinweise auf Berührungen mit dem Islam und dem Buddhismus gibt, findet man darin nicht den leisesten Hinweis auf irgendeine Berührung mit Vertretern des Christentums. Man kann also kaum von einer äußeren Beeinflussung sprechen, wohl aber von einem Erschauern des gleichen Urbilds.

In Sarnath, nahe der alten Stadt Benares, an der Stätte, wo Buddha nach seiner Erweckung die erste große Predigt hielt, erhebt sich ein großer buddhistischer Tempel, der in neuerer Zeit mit Hilfe von Spenden aus Japan erbaut wurde. Alle Wände der hohen Tempelhalle sind mit in hellen Farben strahlenden Fresken eines japanischen Malers geschmückt. Treu nach den alten Berichten hat dieser den Erdenwandel Buddhas dargestellt. Als ich von Bild zu Bild schritt, erschrak ich beinahe über die Ähnlichkeit der Lebensgeschichte Buddhas, des >>Vollkommen-Erwachten<< mit der Lebensgeschichte Jesu Christi: Da war der uralte Mann, der beseligt das heilige Kind anblickt und der, gleich dem Greise Simeon aus dem Lukasevangelium zu jubeln scheint: >>HERR, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren ....denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.[Lukas 2: 29, 30].

An einer anderen Stelle der gleichen Bilderwand sieht man die Versuchung Buddhas durch den Bösen, der dem Vollendeten vergebens alle Herrlichkeit und alle Reiche der Welt verheißt. Die Szene gleicht dem Vorgang, der im Evangeium berichtet wird, da wo Satan ein halbes Jahrtausend später Jesus versucht, als dieser nach der Jordantaufe und vor dem Verkündigen seiner frohen Botschaft in der Wüste >>bei den Tieren<< weilt.

Noch auffallender ist die Ähnlichkeit zwischen der Geburtsgeschichte Jesu und der Geburtsgeschichte Krishnas. In einem ärmlichen Stall der Stadt Bethlehem [Brothaus] wird, wie das Evangelium erzählt, in tiefer Nacht das Jesuskind geboren, von einer jungfräulichen Mutter, die das Kind vom heiligen Geist empfangen hat. Von Hirten wird das göttliche Kind angebetet. Ein böser König, der sich Prophezeiungen zufolge von diesem Kind in seiner Herrschaft bedroht glaubt, trachtet ihm nach dem Leben und läßt die Neugeborenen in der Stadt Bethlehem (er-)morden. Aber Jesus wird von seinen Eltern rechtzeitig in ein anderes Land in Sicherheit gebracht.

In einem finsteren Kerker der alten Stadt Madhura [Honigstadt] wird, wie das Bhagavatam erzählt, in tiefer Nacht das Krishnakind geboren. Der Vater, namens Vasudeva, hat das Gotteskind in seinem Geiste [manas] empfangen. Wörtlich heißt es im Bhagavatam:

>>Der ATMAN des Alls trat in den Geist Vasudevas ein.<< Vasudeva überträgt das Kind in den Geist [manas] der jungen Mutter Devaki, daß sie nun hell erstrahlt und das düstere Gefängnis von dem Licht, das von ihr ausgeht, erleuchtet wird:

>>Nun trug sie in ihrem Geist [manas]

den ATMAN aller Atmas.

Jene Devaki war nun die Wohnung dessen geworden,

der aller Welten Wohnung ist.<<

[Bhagavatam 10,2,19]

Ein böser König, namens Kamsa, trachtet dem Neugeborenen nach dem Leben, weil er sich, Prophezeiungen zufolge, von diesem Kinde bedroht glaubt. Er will es ermorden, ebenso wie er Krishnas sieben vorgeborene Brüder ermorden ließ. Aber auf den Schultern des Vaters, der den Strom Yamuna durchwatet, wird das Krishnakind aus dem Königsland in das Hirtenland hinübergetragen. Dort wächst der vielgeliebte Knabe unter Kuhhirten und Kuhherden fröhlich auf.

Die Gemeinsamkeit der Berichte über die Geburt Krishnas und die Geburt Jesu bezieht sich nicht nur auf die äußeren Vorgänge. Die Mystiker des Hinduismus und des Christentums kennen in gleicher Weise die Geburt des göttlichen Kinds im inneren Herzen. Nahe verwandt ist auch die Erfahrung des göttlichen WORTES bei beiden großen Religionen.

Ein Hindu, der den vedischen >>Pfad des Hörens<< [shrauta-panthaa] folgt, wird voll einstimmen in den Prolog des Johannesevangeliums, da ja der Veda ebenso wie das Christentum vom göttlichen WORTE kündet, aus dem alles geworden ist.

Gläubige Christen und gläubige Hindus können in gleicher Weise bezeugen:

>>Am Anfang war das WORT,

und das WORT war bei Gott,

und Gott war das WORT ...

und es hat unter uns gewohnt.<<

Aber nun klafft ein Unterschied auf. Der Hindu vermag nicht in die bedeutsame Verkündigung des Johannesevangeliums einzustimmen:

>>Und das WORT ward Fleisch.<<

Eine derartige Feststellung stünde im Widerspruch zur Vedanta-Philosophie, zur indischen Erkenntnis des Unvergänglichen, sowohl nach Auffassung der Bhaktas, als auch der Jnanis. In einer grundlegenden Aussage der Bhagavadgita [2,16] wird dargelegt, daß niemals das Unvergängliche, das wahrhaft Seiende zum Vergänglichen, zum Nicht-Seienden werde; und niemals das Vergängliche, das Nicht-Seiende zum Wahrhaft-Seienden. - Jede Inkarnation, das heißt Fleischwerdung des Unvergänglichen, jede Vergottung des vergänglichen physischen Menschen ist gemäß dieser Erkenntnis ausgeschlossen.

Wenn in Werken über indisches Geistesleben und in Übersetzungen aus dem Sanskrit, so wie es häufig geschieht, für das Auftreten des Avatars der Ausdruck Inkarnation [Fleischwerdung] angewendet wird, so ist das ungenau und irreführend. Das Unvergängliche, das sich offenbart, wird nach der indischen Avatarlehre nicht Fleisch, und umkleidet sich nicht mit Fleisch.

Freilich muß man sich hüten, beim Studium der indischen Texte nun in den naheliegenden umgekehrten Irrtum zu verfallen, daß der Leib des Unvergänglichen, des Avatars, der sich offenbart, ein Scheinleib sei, etwa so wie die Doketisten, die zu den christlichen Gnostikern gehörten, den gekreuzigten Christus ansahen.

Die Chaitanya-Bhaktas sind gewiß: der >>Leib<< des Avatars, der sich offenbart, ist viel realer, als wäre er aus Fleisch und Blut, viel realer als alles, was wir gewohnt sind, Wirklichkeit zu nennen; wirklicher als alles, was wir mit Händen betasten, mit Instrumenten messen können. Der >>Leib<< des Avatars ist gemäß der Avatarlehre Krishnas Chaitanyas SEIENDES SEIN [vaastava vastu] von der gleichen Kathegorie, wie das, was die Upanishad >>die Realität aller [empirischen] Realität [satyasya satya] nennt.

Der volle Avatar hat nach dieser Anschauung überhaupt keine Stoffeshüllen, er ist ausschließlich ATMAN. Nicht nur seine Seele und sein Geist, nicht nur sein Gedanken-, Gefühls- und Willensleben, auch sein Leib, seine Glieder, seine Sinnesorgane und so weiter sind ATMAN +60. Dadurch entzieht sich das Wesen und das Tun des Avatars vollkommen den Gesetzen der irdischen Logik.

Daß die Menschen den Avatar -oder den göttlichen Heiland-, dem sie begegnen, wenn er auf Erden wandelt, nicht in seinem wahren Wesen erkennen, liegt nach Anschauung der Bhaktas an dem Staub der gunahaften Maya, der die Augen bedeckt. Die scharfen Kristallkörnchen der Eigensucht sind in die Augen und die Seele gedrungen, so wie es das tiefsinnige Märchen von Andersen berichtet. Und nun ist alle Sicht verzerrt, so daß von den mehr oder minder gottabgewandten Erdenmenschen der Avatar als ein Mensch ihresgleichen erlebt wird und der göttliche Heiland als >>der beste, der edelste der Menschen<< und so weiter.

In der Bhagavadgita spricht Krishna:.

>>In Yogamaya eingehüllt, bin Ich nicht jedem offenbar.

Nicht kennt Mich die betörte Welt, den Ungebornen, Ewigen.<<

[Bhagavadgita 7,25]

Nur Atman vermag den ATMAN zu erkennen, nicht das Fleischesauge oder die Vernunft, wohl aber das von der göttlichen Kraft Bhakti durchdrungene Auge. Im Erdenwandel Jesu Christi finden die Bhaktas eine Bestätigung ihrer Anschauung, zum Beispiel in der Szene vor Cesarea-Philippi. Da steht der Apostel Petrus vor Jesus und blickt Ihn an und ruft plötzlich aus: >>Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!<<. Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: >>Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern Mein Vater im Himmel << [Matth. 16;16,17].

 

XIII. DIE NAMEN KRISHNAS

Das Wort Krishna wird etymologisch abgeleitet von der Sanskritwurzel krish, an sich reißen, zerreißen, wie der Pflug die Erde aufreißen, überwältigen, anziehen. Krishnas Kraft reißt an sich, zerreißt die verhüllende Maya, reißt wie ein Pflug die Herzensträgheit auf, überwältigt, zieht an.

Das Wort akarshana-shakti, Anziehungskaft, die herrliche Gnadenkraft Gottes, die den Bhakta zu den Füßen Bhagavans hinzieht, kommt aus der gleichen Sanskritwurzel >>krish<<. Das Wort akarshana bedeutet auch Magnet.

>>So wie die Sonne mit ihrer physischen Anziehungskraft die Erde und die Planeten anzieht und um sich kreisen läßt, so zieht Krishna, "die einzige Sonne aller geistigen Bewußtseinswelt", mit Seiner unendlichen Schönheit die Atmas aller Wesen an. Die Kraft, mit der physische Massen einander anziehen, nennt man Gravitationskraft oder Schwerkraft. Die Kraft, die zwischen ATMAN und Atman wirkt, die Kraft, mit welcher der große ATMAN [Gott] den Atman im Menschen anzieht und mit welcher auch der Atman im Menschen Gott anzieht, wird Gottesliebe oder prema genannt +61.<<

Das bloße Aussprechen eines der vielen Namen Krishnas entflammt in dem indischen Gottgeweihten die immer in ihm vorhandene Liebe zu dem EINEN. Die vielen Namen Krishnas offenbaren dem Bhakta immer neue Aspekte der Unendlichkeit Gottes und des göttlichen Spiels. Krishnas verschiedene Namen helfen denen, die sich ihm geweiht haben, über ihren geliebten Gott zu meditieren.

Schlägt man im Wörterbuch nach: Krishna [krishna], so findet man dort unter anderem die Bedeutung schwarz, dunkel, dunkelblau. Die gleichen Farbenangaben findet man für einen anderen uralten Krishnanamen: Shyama [shyaama]. Das tiefblaue Leuchten der Krishnagestalt ist viel besungen worden. Krishna wird in den Rasaschriften der >>blau leuchtende Edelstein<< [ujjvala-niilamani] genannt. Ujjvala-Nilamani ist auch, wie schon erwähnt wurde, der Titel des tief esotherischen Werks von Rupa-Gosvami, das eine Fortsetzung der Rasalehre Bhakti-Rasamrita-Sindhu darstellt und einzig und allein von den Vezückungen des Shringara-Rasas handelt.

Krishnas dunkelblaue >>Farbe<< ist keine Farbe, die man mit den Augen wahrnehmen kann, keine Farbe, die der Welt angehört, betonen die Bhaktas. Doch, um den Außenstehenden eine Andeutung zu geben, haben jene Seher und Gottgweihten, die in ihrem inneren Herzen eine Offenbarung Krishnas erlangten, Seine >>Farbe<< immer wieder dem dunkelleuchtenden feuchten Glanze einer aufsteigenden regenschweren Gewitterwolke am Beginn der Regenzeit verglichen, die sich ausgießt, hinschenkt, um die verdorrende Erde zu erquicken.

Die Hintergründe der verschiedenen Gottesnamen, die unermeßlichen Welten, die vor dem Bhakta aufsteigen, wenn der eine oder andere dieser Namen genannt wird, sind dem abendländischen Menschen schwer zugänglich. Der Mensch im Westen stößt sich an den Widersprüchen und Gegensätzen, die auftauchen, wenn man von Namen zu Namen wandert. Denn weite Wege muß der menschliche Verstand oft gehen, um von dem einen Aspekt Gottes zu dem anderen Aspekt Gottes zu gelangen, von denen die Namen Krishnas jeweils künden.

Es sei versucht, einige Hinweise auf einzelne Gegensatzpaare von Krishnanamen zu geben, in denen der Bhakta Zeugnisse der Fülle jenes Einen sieht, der alle auf Erden unvereinbaren Gegensätze in Sich harmonisch vereinigt.

Einer der vielen Namen Krishnas ist Adhokshaja +62 [adhokshaja = adhas aksha-ja]. Dieser Name Gottes bedeutet: >>Unter sich das Sinnengeborene<<. Das Sanskritwort für Auge in diesem Namen [aksha] vertritt die fünf Sinne und den Menschengeist [manas], der in indischer Philosophie oft als der sechste Sinn bezeichnet wird. Der Name Adhokshaja bedeutet also: Er hat die Sinnenwelt und die Welt des menschlichen Geistes unter sich gelassen. Krishna verschmäht es, sich von den menschlichen Sinnen und dem menschlichen Verstand erfassen zu lassen. Wenn ein Mensch bloß mit Vernunft und Logik, messend und abschätzend, die göttlichen Geheimnisse erbeuten will, dann zieht sich die Gottheit zurück und die Vernunft erbeutet nur das Meßbare, die Welt der gunahaften Maya.

Es gibt einen anderen Namen Krishnas, der anscheinend das Gegenteil von Adhokshaja aussagt: Hrishikesha [hrishiika-iisha] +63. Das heißt, Herr der Sinne. Hrishikesha ist derjenige, dem der Krishna-Bhakta alle Erfahrungen seiner Sinne und seines Geistes als eine Opfergabe liebend hinbreitet. Alles, was der Bhakta mittels seiner Sinne sieht, hört, riecht, schmeckt, ertastet; alles was er mit der Vernunft erkennt, das wird Hrishikesha, dem Herrn der Sinne, liebend dargebracht.

Krishna wird im Bhagavatam manchmal Ajita, das heißt, der Unbesiegbare genannt + 64. Doch Krishna ist auch jener, der von der Liebe seiner Bhaktas besiegt wird und dieser Liebe untertan ist. Er wird ja auch Damodara [daamodara] +65 genannt. Man könnte diesen Namen volkstümlich übersetzen, >>Strick um den Bauch<<. Der Name erinnert an die im Bhagavatam geschilderte Begebenheit aus Krishnas Spiel im Hirtenland, da er als kleiner Knabe Butter gestohlen und den Affen und der Katze zu fressen gegeben hatte, worauf Ihn die Mutter zur Strafe mit einem Strick um den Leib an einen schweren Mörser binden wollte. Man muß die Geschichte recht verstehen: Krishna spielt hier nicht etwa die Rolle eines Kindes. Krishna ist in der Lila mit seiner Mutter immer ein wirkliches Kind, das Urbild alles Kindseins. Wenn die Mutter drohend mit dem Stecken kommt, laufen Ihm die Tränen der Angst die Wangen herunter. Zur Strafe will sie Ihn binden. Aber das Kind will sich nicht binden lassen. Sogleich macht Krishnas unermeßliche Kraft, die Yogamaya, die immer bereit ist, Krishnas Willen auszuführen, Seine göttliche Majestät und Macht [aishvaryam] offenbar. Und siehe, der Strick, mit dem das Kind gebunden werden soll, erweist sich stets als zu kurz. Und so viele neue lange Stricke die Mutter auch hinzuknotet, der Strick ist immer -zum Gelächter der herbeigelaufenen Nachbarinnen- um zwei Fingerbreiten zu kurz. Aber nun wird das Kind gewahr, daß der Mutter der Schweiß herunterrinnt, daß sie, durch die Anstrengung bis zum letzten, an der Grenze ihrer Kraft ist. Aus Mutterliebe, um das Kind recht zu erziehen, hat sie es ja strafen wollen. Gehorsam läßt sich Krishna nun binden, von ihrer Liebe überwältigt. Bhagavan ist immer denen untertan, die ihn lieben.

In den Rasaschriften wird die Begebenheit der Lila, die Krishna den Namen Damodara gab, noch in anderer Weise erzählt. Die Szene spielt sich nun nicht mehr im Bereich des Rasa der elterlichen Liebe [vaatsalya-Rasa] ab, sondern im Bereich des Shringara-Rasa. Der jugendfrische sechzehnjährige Knabe wird von den Gopis, die Ihn im Spiel überwunden haben, fest mit Blumenketten gebunden.

Er, der Allmächtige, dessen unergründliche Gottesmajestät von den größten Yogis nicht ermessen werden kann, läßt sich von jenen binden, die Ihn bis zur Selbstverzehrung lieben. Krishna führt in der Bhagavadgita, im Bhagavatam und so weiter, oftmals den Namen Aja, das heißt der Ungeborene. Dieser Name weist darauf hin, daß er, der große ATMAN [Gott], genau so wenig wie der individuelle Atman eines Menschen, eines Tieres und so weiter, geboren wird oder stirbt. Und dennoch wird im Bhagavatam, wie schon angedeutet wurde, ausführlich erzählt, was sich alles begab, als das Krishnakind auf Erden >>geboren<< wurde.

Mit großer Sorgfalt und tief hineinleuchtend in verhüllte Sphären, werden im Bhagavatam jeweils Krishnas verschiedene Namen angewendet. Diese bedachtsam gewählten Gottesnamen können dem hingebungsvollen Leser wie Leuchttürme sein, welche die Richtung weisen und ihm helfen, den Standort einer Begebenheit zu erkennen und dadurch schwerverständliche Textstellen aufzuhellen. Denn es gibt Namen, die der inneren Lila, und andere Namen, die der äußeren Lila zugehören.

Namen wie Paramatman oder Vishnu werden von den Chaitanya-Bhaktas als zur äußeren Lila gehörige Namen Krishnas bezeichnet. Ich fragte einmal meinen Guru: >>Warum nennen sich Krishna-Bhaktas, die ausschließlich dem inneren Spiel Krishnas zugewendet sind Vaishnavas? Das bedeutet doch: Vishnu zugehörig; Vishnu, der doch als ein äußerer Aspekt Krishnas gilt.<< Der Lehrer antwortete: >>Aus Bescheidenheit nennen sich diese Bhaktas nach dem äußeren Aspekte Krishnas.<<

Über diesen Namen Vishnu ist schon im Rigveda meditiert worden. Dort heißt es:

>>Ihr Sänger,

sprechet kundig Vishnus Namen aus.<< +66

[Rigveda 1,156,3]

Die folgende Strophe des Rigveda von der großen Geburt Vishnus wird von den Chaitanya-Bhaktas auf die >>Geburt<< Krishnas auf Erden und Seine Lila im Hirtenland bezogen.

Der Seher des Rigveda singt:

>>Wer den alten und neuesten Gottherrscher [iisha],

Vishnu, dem die Frauen lieb sind, liebt,

wer Seine, des Großen, große Geburt verkündet,

der soll an Ruhm selbst den Genossen übertreffen.<<

[Rigveda 1,156,2]

Von Krishnas Spiel im Hirtenland aus gesehen, erscheint dem Bhakta alle Entfaltung von Vishnus Herrlichkeit nur als ein äußerer Aspekt des Höchsten. Und sogar die unendliche Gottesmajestät Narayanas - der mit Krishna eins ist - dünkt dem Chaitanya-Bhakta nur ein äußerer Gottesaspekt zu sein. Und der Gottesname Narayana [Meer, Heim, Haus aller Wesen], wird zu einem der äußeren Namen Krishnas.

Ein von Chaitanya besonders geliebter Schüler fleht in seiner Hymne >>Unterweisung des eigenen Gemüts<< um die Kraft, Narayana und dessen herrlichem Reich der Gottesmajestät entsagen zu können. Dieser Bhakta fleht in der Hymne:

>>O mein Geist,

schleudere fort alles Dorfgeschwätz über das Nicht-Seiende,

das dir gleich einer Hure alle Herzensweisheit raubt.

Lausche auch nicht der Einflüsterung der Tigerin Mukti,

die deinen ganzen Atman verschlingen will.

Entsage sogar der Liebe zu Narayana,

die dich in den “Höchsten Himmelsraum” entführen will.

O mein Geist, verehre liebend in Vraja

die beiden, Radha und Krishna +67,

die dir den Edelstein der Gottesliebe

deines innersten Selbstes schenken.<<

[Raghunathadasa, Manahshiksha 4]

Zur Lila des göttlichen Paares Radha-Krishna, von der Raghunathadasa sehnsüchtig spricht, geleitet der Krishnaname Govinda hin. Es ist der geliebte Name, welcher der Rasadichtung, Gita-Govinda den Titel gibt. ”Go-vinda” bedeutet: >>Der die Kühe Wissende<< oder auch: >>der den unendlichen Gesichtskreis [go-cara] Wissende<<. Denn die Kühe, die Krishna weidet und melkt und die er liebevoll beim Namen ruft, sind, so erlebt es der Bhakta, in Krishnas innerem Reich die Urgestalten der Upanishaden, die aus ihren Eutern Meere der Gottesweisheit fließen lassen. In solcher Weise wird die Lila in der Brahma-Samhita und anderen Bhakti-Urkunden dargestellt.

So wie ein Hirtenjunge einen Kranz frischer Waldblumen in seinem Haar trägt, so trägt Krishna-Govinda alle die Welten in seinem Haar, wenn Er in Seinem Reiche spielt. Schon in der ersten Strophe des erhaltenen Bruchstücks der Brahma-Samhita und in den meisten weiteren Strophen dieses Gesangs wird Krishna als Govinda gepriesen, der Knabe Govinda, welcher der Grund aller Welten ist.

>>Der höchste Gottherrscher Krishna,

die Gestalt aus SEIN-ERKENNTNIS-WONNE,

der Ursprungslose,

der Ursprung von allem,

Govinda

[ist] die Ursache aller Ursachen.<<

[Brahma-Samhita 5,1]

Wenn ein abendländischer Mensch diese Strophe liest und besinnt, haftet seine Aufmerksamkeit vorzugsweise staunend an der ungeahnten göttlichen Majestät, mit der Krishna gekennzeichnet wird: höchster Gottherrscher, Ursache aller Ursachen, Ursprung von allem, selber ursprungslos. Aber das Herz des Chaitanya-Bhaktas läuft vor allem hin zu dem Namen Govinda, der ebenfalls in dieser Strophe ertönt. Alle Allmacht Krishnas, die aus dieser Anfangsstrophe des fünften Gesangs der Brahma-Samhita majestätisch aufglänzt, ist für den Bhakta nur der äußere Rahmen, deutet bloß hin auf das äußere Spiel, das die Gottgeweihten dieser Strömung nur wenig interessiert. Weitere geliebte Namen aus der inneren Lila, die im verborgensten Reich des >>Höchsten Himmelsraums<< und mit noch größerer Dramatik im Erdenland, in Vraja gespielt wird, sind: Gopinatha, Herr der Gopis +68, der Kuhhirtinnen<<, und Gopijana-Vallabha, Geliebter der Gopis. Und Krishna hat im Hirtenland noch viele andere Namen von hintergründiger Bedeutung.

Krishna wird zum Beispiel Kamadeva, das ist der [transzendente] Liebesgott, genannt, auch Manmatha-Manmatha +69, das ist der Liebesgott des Liebesgottes. Er heißt auch Madana-Mohana. Madana bedeutet: Er macht trunken vor Seligkeit, weil Er da ist, Mohana bedeutet: Er macht verzweifelt bis zum Tod, weil Er der liebenden Seele entschwunden ist. Diese Doppelnatur des transzendentalen Liebesgottes, der zu höchst beseligt, aber auch tiefste Qual bereitet, kann sich bei immer mehr anwachsender Liebe in verschiedenen Intelligenzgraden enthüllen, von der ersten Gottsoffenbarung angefangen, da sich Gott einer erwachenden Seele zuneigt und ihr wieder entschwindet +70, bis zu Radhas göttlichem Wahnsinn. In einem früheren Kapitel wurde bereits der Krishnaname Keshava [keshava] genannt, der auch in der Bhagavadgita und im Gita-Govinda vorkommt. Dieser Name wird unter anderem gedeutet als: der Schöngescheitelte, der Lockige. Man findet aber auch die Deutung: Ka Ísha [iisha], Herr über Brahma, den Weltenbildner. Ka ist ein Name Brahmas.

In der unverhüllten Bhakti weist der Name Keshava hin auf Krishnas unsägliche Schönheit. - >>Wenn du noch Wert legst auf Freundschaft und Liebe zu irgend einem irdischen Wesen, dann sieh Krishna-Keshavas Bildgestalt nur ja nicht an!<<, mahnt der Bhaktadichter Rupa Gosvami: In die Form einer scheinbaren Warnung kleidet er eine Aneiferung, sich mit dem ganzen Wesen Krishna-Keshava hinzugeben.

Die Bezeichnung Hari, die in Verbindung mit dem Krishnanamen Keshava alle Strophen des Avatarpreisliedes des >>Gita-Govinda<< durchtönt, ist ein Name, der zahllose Aspekte der Gottheit umfaßt. Indra, der Herrscher der Sinnenwelt, die man mit den Sinnesorganen [indriiya] wahrnehmen kann, wird im Rigveda zuweilen als Hari angerufen. Shiva, der Weltzerstörer, wird Hara genannt. Auch Krishna im Königsland und Krishna im Hirtenland und ebenso Krishna Keshava im innersten Reiche Goloka wird als Hari gepriesen. Das Wort Hari stammt von der Sanskritwurzel hri, wegziehen, stehlen +71 [harati, er zieht weg]. Hari bedeutet der Wegzieher, der Dieb. In einer Bhaktihymne heißt es von Krishna:

>>Durch Seine zauberische Schönheit

stielt Hari das Herz Seiner Bhaktas.<<

Der Verfasser hörte in Indien auch die folgende Krishnahymne singen:

>>Das dreifache Leid alles Leblosen und alles Belebten

nimmt Hari hinweg.

Durch Seine göttliche Herrlichkeit

stielt Hari das Herz aller Welten.

Durch Seine göttliche Lieblichkeit

stielt Er das Herz Seiner Avatare...<<

Die Hymne geht noch weiter und berichtet: Auch Haris eigenes Herz wird von jemandem gestohlen, von Radha. Sie, die Vielbesungene, wird im Hirtenland als eine Gopi namens Radha offenbar. Radha wird auch Haraa, die Wegzieherin von Krishnas Herzen genannt.

In den vielen Mantras und Hymnen und Liedern, in denen das >>göttliche Paar<< Radha-Krishna angerufen wird, lautet die immer wiederkehrende Vokativform des Wortes Hari auf Sanskrit Hare [oh, Hari, oh, Krishna!]. Aber auch die Vokativform von Haraa [Raadhaa] lautet Hare [Oh, Raadhaa!. So wird die Einheit Krishnas und Radhas, des männlichen und des weiblichen Aspekts der einen Gottheit, auch im Sprachlichen angedeutet.

Man sagt von Hari [Krishna] daß Er dem Bhakta, der sich Ihm völlig hingibt, alles wegzieht: Hari zieht ihm den Boden weg, auf dem er steht. Er nimmt ihm Besitz, Ehre, Gesundheit und Leben weg - um sich ihm dafür in Seine ganzen Fülle selbst zu schenken. Eine darauf bezügliche Bhaktistrophe lautet:

>>Mag das Leben eines Bhaktas

auch nur Leid und Leid und Leid gewesen sein,

in Wahrheit ist es höchste Wonne gewesen.<<

Eine andere noch geheimnisvollere Strophe deutet an, daß es Gottesliebe >>ohne jeden Betrug<<, das heißt >>ohne jedes Genießenwollen<<, also wahre, ganz unverhüllte Gottesliebe, gar nicht auf Erden im Vergänglichen gebe. Die Strophe schließt:

>>Denn wer vermöchte mit solcher Liebe [preman]

auf Erden zu leben!

Die Bedeutung dieser Worte ist keineswegs negativ. Es wird darin in nur leichter Verhüllung angedeutet, daß jener, in dem solche göttliche Liebe lebt, in Wirklichkeit gar nicht >>auf Erden<< weilt, sodern in Krishnas innerem Reich.

Ein anderer tiefsinniger Krishnaname ist Mukunda. Dieser Name wird zumeist gedeutet als Muktigeber, als derjenige, der Befreiung [mukti] vom leidvollen Kreislauf der Geburten und Tode schenkt. Aber als ein Narr gilt den Caitanya-Bhaktas ein jeder, der Krishna, welcher die göttliche Fülle selbst ist, um etwas anderes bittet, als um Liebe und immer mehr Liebe zu Ihm in alle Ewigkeit. - Der Name Mukunda bedeutet für die Bhaktas: Er, der es bewirkt, daß Mukti gar gering geschätzt wird.

In dem Lehrbuch der >>unverhüllten, undurchborten Bhakti<<, dem Bhakti-Rasamrita-Sindhu von Rupa Goswami, wird berichtet, daß Krishna dem Anfänger auf dem Pfad der Bhakti verhältnismäßig bald Befreiung [mukti] anbietet. Dem Adepten wird nun eine schwere Probe zugemutet. Ganz spontan muß der Bhakta die Kraft aufbringen, selbst die Befreiung vom Leid der Wandelwelt [saµsaara] zurückzuweisen. Das ihm erreichbare Eingehen in das >>zwieheitslose gestaltlose Brahman<<, in dem alles Leid und alle Dualität erlischt, würde ja auch ein Erlöschen der spontanen Liebe zu Gott bedeuten und eine Verneinung Gottes selbst. Es würde auch eine Verneinung der Liebe zu den Menschen bedeuten, deren wahres ewiges Wesen - ob sie es nun wissen oder nicht wissen - doch immer in Gott gegründet ist.

Ein Chaitanya-Bhakta sagte mir einmal: >>Wer [mit seiner Liebe] die Wurzel des Baumes [Gott] bewässert, von dem werden auch alle Zweige und Blätter und Blüten des Baumes, alle Wesen, erquickt und erfrischt.<< Derselbe alte Bhakta, der in Benares am Gangesufer allabendlich das Bhagavatam zu erläutern pflegte, gab einmal zur allgemeinen Freude eine sehr urwüchsige Erklärung des Gottesnamens Mukunda. Er sagte fröhlich: >>Der Name Mukunda bedeutet: “Jener, der auf Mukti spuckt.”<<

Im Bhakti-Rasamrita-Sindhu wird dasselbe etwas weniger volkstümlich ausgesprochen. Da heißt es:

>>Wie scheue Dienerinnen, die sich nicht zu nahen wagen, warten Mukti und die acht großen Yogazaubermächte [siddhi] dem Gottgeweihten, der diese Stufe erlangt hat, auf. Doch der Bhakta achtet ihrer nicht mehr,

als seien sie Gras.<<

Auch eine im Bhagavatam mit nur geringen Abweichungen mehrmals wiederkehrende Strophe deutet auf die verhältnismäßige Geringwertigkeit der bloßen >>Befreiung<< hin. Ein hoher Gottgeweihter fleht unmittelbar vor seinem Tod zu Krishna:

>>Nicht den Herrscherthron des Weltschöpfers Brahma,

nicht Gewalt über die ganze Erde,

nicht die Herrschaft über die schätzestrahlende Unterwelt,

nicht die acht großen Yogazaubermächte,

auch nicht Mukti,

das Nichtwiederkehren der völlig Befreiten,

nichts begehre ich, o Gott,

was mich abtrennt von Dir,

[von der Liebe zu Dir].<<

[Bhagavatam 6,11,25; auch 10, 16, 37]

Dieser Bhakta fügt noch die folgende Bitte hinzu, die seinen wahren Standort in der Lila, seine Zugehörigkeit zum Rasa der vertraulichen Gottesfreundschaft erkennen läßt:

>>Aber laß mich Freundschaft zu Deinen Bhaktas haben,

wenn ich durch mein Karma,

[die fortwirkene Kraft meiner eigenen Taten]

im Rad des Samsara

[von Leben zu Leben]

dahingewirbelt werde.<<

[Bhagavatam 6,11,27]

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XIV. DAS SINGEN DES GOTTESNAMENS

EINE UNS Europäern ganz unfaßbare Liebe wendet sich im Bhaktikult dem Namen Krishna zu. Oftmals hörte ich in Indien singen:

>>Der Name Hari nimmt die Sünden hinweg,

auch wenn ein verfinstertes Gemüt Seiner gedenkt.

Auch wenn man unwillentlich in ein Feuer greift,

so brennt ja das läuternde Feuer.

Der Gottesname offenbart das Wesen Bhagavans,

Seine Gestalt aus SEIN und ERKENNTNIS und WONNE.

Er nimmt die Unwissenheit weg, den Schleier der Welt,

so wird der Name Hari überliefert.<<

Im Skanda-Purana [prabhaasa-khanda] findet sich der gleiche Jubel über die Wunderkraft des Gottesnamens. Da heißt es in einem Heilspruch über den Namen Krishnas:

>>Süß, süß ist dieses Lichte, Heilbringende,

von allen Vedenschlingpflanzen die süßeste Frucht:

göttliches SEIN, reine ERKENNTNIS.

Wer Ihn auch nur einmal singt mit Vertrauen

oder auch achtlos,

den erlöst Er gewiß ...

der Krishna-Name.<<

Die Liebe der Bhaktas zu den Krishnanamen wird erst verständlich, wenn man weiß, was die theistische indische Mystik unter dem Namen Gottes eigentlich versteht. Die Bhaktas sagen:

>>Alle Worte der menschlichen Sprache gehören der Welt der Maya an; aber der Gottesname, vom Mund eines wahren Gottgeweihten ausgesprochen, ist über den Gunas.<<

Gemäß der alten Überlieferung sind die akustisch vernehmbaren Laute des Gottesnahmens nur die äußere schattenhafte Hülle des Namens. Eine Strophe aus dem Padma-Purana, das wahrscheinlich im neunten Jahrhundert nach Christus aufgezeichnet wurde, gibt Auskunft über die Anschauung, der Bhaktas über den Gottesnamen:

>>Der Name [Gottes] ist rein geistige Substanz.

Seine Gestalt ist der Rasa der Bewußtwerdung Krishnas.

[Der Name ist göttliche] Fülle:

lauter, ewiglich frei von Materie,

weil der Name Gottes von Gott nicht verschieden ist.<<

Ein Guru der Chaitanyabewegung aus unserer Zeit, ein Gottgeweihter namens Bhakti-Vinoda erklärte die vorstehende Strophe des Padma-Purana über den Gottesnamen folgendermaßen:

>>Der lautere Gottesname ist rein göttliche Erkenntnis. Er stammt nicht aus dem Weltal der Materie. Wenn der Mensch in seiner lauteren, von der Maya unverhüllten Gestalt gründet, dann wird er fähig zum lauteren Aussprechen des Gottesnamens. Solange der Mensch von der Maya gebunden ist, kann er den wahren Namen Gottes nicht aussprechen. Er spricht nur den “Schatten des Namens” aus. Aber sobald durch die Gnade der Freudenkraft Gottes [hlaadinii-shakti] der innere ewige Mensch erwacht, vollzieht sich der “Aufgang des Namens”, das heißt der wahre Name Gottes geht wie eine Sonne in der Seele auf.<<

>>Der Gottesname steigt wie gleichsam herab wie ein Avatar und er tanzt auf der von Bhakti geläuterten Zunge. Dieser Name ist nicht akustische Lautgestalt. Aber zur Zeit des Tanzes wird er für die Unerwachten in Gestalt von akustisch vernehmbaren Lauten offenbar.<<

>>Der Name Krishnas und Krishna selbst sind identisch. Es besteht kein Unterschied zwischen den beiden. Der lautere Krishnaname schenkt die unverhüllte Gottesliebe [preman].<<

>>In dem Grade, wie der Schüler ohne Vergehen [aparaadha] den heiligen Namen singt, schmilzt seine Ichsucht [ahankaara] und offenbart sich ihm der NAME, offenbart sich ihm die Gottheit, die Gestalt der unendlichen Rasa.<< [Soweit Bhakti-Vinoda.]

Mein Lehrer Sadananda, welcher der gleichen Traditionsfolge wie Bhakti-Vinoda angehört, fügte hinzu: >>Der Name als solcher kann von der irdischen Zunge genauso wenig ausgesprochen werden, wie Gottes ewige Gestalt von irdischen Augen gesehen werden kann.

Nur Gottes Kraft Bhakti [reines cit], die im Bhakta wirkt, vermag den Namen wirklich auszusprechen - und dann wird die Identität von Namen und Gott erlebt: Gott hat nicht Name, Er ist Name. In Gottes Reiche sind Sein geistiges Bild, Sein Name und Sein Wesen eins. Jede der ewigen Gestalten Seiner Lila ist ein Name Gottes. Der Name Gottes hat die ungeahnte Kraft, dem zur wirklichen Liebe erwachten Bhakta - Gott selbst zu schenken.<<

In mehreren Bhaktiströmungen, vor allem in der Strömung Krishna-Chaitanyas, ist das Meditieren und Murmeln und Singen des Krishnanamens das Zentrum ihres Kultes und ihres Lebens. In Hymnen, welche die Vaishnavas zum Ruhme des göttlichen Namens singen, preisen sie den Namen, daß Er von Krishna nicht verschieden ist und daß Er Krishnas Gestalt, göttliche Herrlichkeit und göttliche Lieblichkeit und Krishnas vielfältige Lila gnadenvoll offenbare. Es gibt ausführliche Anweisungen für die Bhaktas, die von Schülern Chaitanyas herstammen, in welcher Seelenhaltung der Krishnaname und die Mantras +72, die damit zusammenhängen, meditiert und gesungen werden sollen; Krishna Chaitanya ermahnt seine Jünger:

>>Demütiger als ein Grashalm,

ausdauernder als ein Baum,

nicht Ehre erwartend, sondern anderen Ehre erweisend,

so soll man immerdar den Namen Haris singen.<<

[Shikshashtakam 3]

Methodisch werden die Vergehen [aparaadha] angeführt, die der Adept beim Singen des Namens achtsam vermeiden müsse. Das Sanskritwort für diese Vergehen gegen die Heiligkeit des Namens, vor denen man auf der Hut sein muß, lautet apa-raadha. Die Bhaktas sagen: jedes solcher Vergehen führt weg [apa] von Radha +73, weg von Gottes Freudenkraft und Erkenntniskraft.

Doch alle Regeln und Gebote sind für die Anfänger auf dem Pfad bestimmt, die noch in der durch Gesetze geregelten Bhakti [vidhi-bhakti] leben. Diese führt, nach der Anschauung der Chaitanya-Bhaktas, zu Gott in seinem majestätischen Aspekt, zu Narayana. Die lautere Bhakti [shuddha-bhakti], die in das innere Spiel Krishna und Radha hineinführt, ist über allen Regeln. Sie lebt in jedem Augenblick in der dramatischen Spontaneität des göttlichen Spiels. Es gibt freilich auch manche Bhaktas, die sich ihr ganzes Leben lang mühen und plagen, immerdar pflichtgemäß den Namen Gottes singen, aber deren Tun doch vergeblich ist, deren Herz >>trocken<< bleibt. Solche Bhaktas werden gleichnishaft >>Lastenträger [bhara-grahin]<< genannt, zum Unterschied der erlesenen Gruppe jener Bhaktas, welche die Essenz ergreifen [saara-grahin]. Saara‘ [von sri, fließen] ist das Gegenteil aller Trockenheit; es ist Fluten des göttlichen Lebensstromes, es ist Rasa.

In Bhaktischriften wird hervorgehoben, daß auch der mit irgendwelchen selbstsüchtigen Motiven gesungene Name alles schenke, was der Singende begehrt. Dann schenkt der Name Macht, Reichtum, Lust, Kinder, Erdenglück, Gesundheit, Sieg über die Feinde, er schenkt alle die >>täuschenden Gaben<<, sogar Mukti, Befreiung schenkt er; aber den Rasa der reinen Gottesliebe schenkt er nicht.

Doch auch dafür gibt es keine starren Regeln und Gebote. Es wird betont, daß die Gnade des Namens auch dem Unwürdigen gegenüber, über alles Maß ist. Die Überzeugung, daß die Gottesnamen erlösende Macht haben, sogar wenn sie mit unerwachter Seele, als bloßer >>Schatten des Namens<< sehnsüchtig ausgesprochen werden, durchtränkt noch heute den indischen Volksglauben. Deshalb benennt man die Kinder in Indien gerne mit Gottesnamen. Wenn ich mit Sadananda in der Vorbergen des Himalaya wanderte und wir Kinder trafen, pflegten wir sie zu fragen, wie sie heißen. Und die Knaben, vergnügte schmutzige Rotzjungen, hießen zu meiner Verblüffung fast immer Rama oder Krishna oder Balakrishnna [der Knabe Krishna] oder Purushottama [höchste göttliche Person] oder Bhagavan oder Narayana oder Gopala oder Govinda und so weiter. Und die Mädchen hießen Lakshmi [das ist die göttliche Macht Narayanas, zur weiblichen Gestalt geworden] oder Vishnupriya [die Geliebte Vishnus], oder sie trugen Namen der Gopis und hießen Lalita, Vishakha, oder zum mindesten hießen sie Sarojini [heiliger Lotus] oder man rief sie mit Namen der heiligen Ströme Indiens: Ganga, Yamuna und so weiter, die in ihrer Urgestalt als Dienerinnen Krishnas in seinem eigenen Reiche gelten. Alle Ströme und Flüsse in Indien haben weibliche Namen. Man gibt den Kindern in Indien deshalb Namen Gottes oder von ewigen Gespielen Gottes, so erklärte man mir, damit dadurch den Kindern und auch den Eltern und Geschwistern und Verwandten und Bekannten Gelegenheit gegeben werde, im täglichen Umgang immer wieder die läuternden und die Seele erweckenden Gottesnamen auszusprechen und zu hören. Wohl jeder Hindu kennt die Geschichte aus dem Bhagavatam [6;1. und 2. Kapitel], die von dem entarteten Brahmanen, Ajamila handelt. Ajamila, der eine Hure geheiratet hatte und diese Frau und deren Sippschaft, die er in sein Haus genommen hatte, über Recht und Sitte entscheiden ließ, hatte einen kleinen Sohn, der den Namen Narayana trug. Als Ajamila im Sterben lag, sah er voll Grauen, wie drei furchtbare Männer, die Schlingen in den Händen hielten, an sein Bett traten und Miene machten, ihn zu binden und ihn fortzuschleppen, um ihn an den bösen Ort zu führen, der ihm gemäß seiner Taten gebührte. Es waren die Boten des Todesgottes Yama. In Todesnot rief der Sterbende seinen kleinen Sohn, der in der Nähe spielte; er rief aus tiefem Herzen: >>Narayana<<! Kaum hatte er diesen Namen ausgesprochen, als drei andere Männer, Boten Narayanas, ebenfalls an sein Bett traten und den finsteren Knechten Yamas Einhalt boten. Ayamila durfte weiterleben und in der Lebensspanne, die ihm noch geschenkt wurde, allmählich ein wahrer Bhakta Narayanas werden.

Hinweise auf die Macht des Gottesnamens finden sich in den Religionen vieler Völker. In einem Papyrus der einundzwanzigsten altägyptischen Dynastie [1100 vor Christus] findet sich zum Beispiel ein Kapitel darüber, wie Isis den heilbringenden verborgenen Namen Re erlangt. Der Bericht beginnt:

>>Kapitel über den göttlichen Gott, der aus sich selbst wurde, der Himmel und Erde erschuf, Lebensatem und Feuer, Götter und Menschen..., für den Ewigkeiten wie Jahre sind, Ihn mit den vielen Namen, dessen Namen die Götter nicht kennen...<< +74 .

Doch man muß gar nicht bei den alten Ägyptern oder Sumerern oder in der jüdischen Geheimlehre, der Kabbala oder im Chassisismus oder Suffismus oder in verschollenen Kulturen forschen; man braucht nur im Alten oder Neuen Testament zu blättern, um zahllose Aussagen über den Gottesnamen zu finden, der als so mächtig angesehen wurde, daß er nicht zum Nichtigen ausgesprochen werden durfte. Von der Begebenheit an, da Gott auf dem Berge Horeb dem Moses seinen Namen offenbarte: >>ICH BIN DER ICH BIN<< [2.Mose 3,14] +75, bis zum letzten Buch der Heiligen Schrift, bis in die geheime Offenbarung Johannis, erhellt das Feuer des geheimen Gottesnamens die ganze Bibel.

Es ist nicht die Aufgabe dieser Schrift, die ungezählten Stellen in der Bibel aufzuzeigen, wo vom Namen Gottes die Rede ist. Doch aufmerksam gemacht sei wenigstens auf die erste Bitte des Vater-Unser >>Geheiligt werde Dein Name!<< und auf den Gottesfrieden schenkenden Priestersegen, mit welchem >>der Name Gottes auf die Kinder Israels gelegt wird<< [4.Mose 23-27]. Es sei auch hingewiesen auf den 148. Psalm aus den Psalmen Davids, der ein majestätisches Preislied des Gottesnamens darstellt, worin die ganze Schöpfung aufgerufen wird, den Allmächtigen in Seinem Aspekt als Weltschöpfer und Welterhalter zu preisen.

>>Lobet im Himmel den Herrn, lobet Ihn in der Höhe.

Lobet Ihn, alle seine Engel, lobet Ihn, all sein Heer.

Lobet Ihn, Sonne und Mond, lobet Ihn alle, leuchtende Sterne.

Lobet Ihn, ihr Himmel, allenthalten und

die Wasser, die oben am Himmel sind.

Sie sollen loben den Namen des Herrn ...

Lobet den Herrn auf Erden, ihr Wale und alle Tiefen,

Feuer, Hagel, Schnee und Dampf, Stürme, die Sein Wort ausrichten.

Tiere und alles Vieh, Gewürm und Vögel,

ihr Könige auf Erden und alle Völker, Fürsten und

alle Richter auf Erden,

Jünglinge und Jungfrauen, Alte mit den Jungen!

Sie sollen loben den Namen des Herrn,

denn allein Sein Name ist hoch.<<

[Psalm 148]

Luther übersetzt hier umschreibend den Gottesnamen mit : der Herr. Das jubelnde Volk auf den Tempelstufen sang den Namen, wie man annimmt, in anderer Umschreibung: Adonai, der Ewige. Doch aus altjüdischer nachbiblischer Tradition ist ersichtlich, daß die zum Aussprechen des Gottesnamens Befugten den verborgenen Namen des ewigen Selbstes: ICH BIN DER ICH BIN [IHV, Jahve, Jehova ...] in den Gesang der Chöre hineinflochten +75.

Auch das >>hohepriesterliche Gebet<<, das Jesús nach dem letzten Abendmahl im Kreise seiner Jünger spricht, bevor er in die Nacht hinausgeht, klingt -in seltsamem Einklang mit der indischen Bhakti- in eine Verkündigung der Heilsmacht des Gottesnamens aus. Hier wird sichtlich nicht bloß der der Welt zugekehrte Aspekt des allmächtigen Gottes gepriesen, wie in dem eben wiedergegebenen Psalm, sondern jener, der >>nicht von dieser Welt ist<<, spricht zu seinen Jüngern, die, wie er sagt, >>nicht von dieser Welt sind<<, von der überweltlichen Liebe, mit welcher der göttliche Vater den göttlichen Sohn >>liebte, ehe denn die Welt ward<< [Joh 17,24]. Und dann fährt der Heiland fort:

>>Und Ich habe ihnen Deinen Namen offenbart [o Vater] und Ich will Ihn weiter offenbaren, auf daß die Liebe, mit der Du Mich liebest, in ihnen sei und Ich in ihnen<<[Joh. 17,26].

Diese feierliche Zukunftsverkündigung der liebeschenkenden Macht des Gottesnamens sind die letzten Worte, die Jesus Christus im Kreise seiner Jünger spricht. Die Bibel kündet an vielen Stellen von der Macht und Heiligkeit des Gottesnamens +76. Das Verständnis dafür ist im Abendland großenteils geschwunden. Auch die gläubigen Christen lesen in der Regel darüber hinweg +77.

Für die indischen Bhaktas bedeutet der Gottesname auch heutzutage eine lebendige Wirklichkeit. Sie sind überzeugt davon, daß alle Kraft und Macht Gottes in den Gottesnamen enthalten ist, so wie es Krishna-Chaitanya verkündete, und daß die Gottesnamen in das Reich der ewigen Liebe hineinführen. Noch immer singt man in Bengalen das Lied von Bhakti-Vinoda:

>>Sing den Namen Gottes, sing den Namen Gottes,

sing den Namen Gottes, o mein Bruder!

Den Namen Gottes hat herabgebracht,

Chaitanya, der Goldene ...

Unser Leid hat er gesehen.

Außer den Namen Gottes,

gibt es keinen Reichtum irgendwo ...<<

Mahatma Gandhi erzählt bekanntlich in seiner Selbstbiographie Experiments with Truth, daß er ein sehr furchtsames Kind war und daß ihm das Singen eines Gottesnamens, des Namens Rama, für immer von aller Furcht befreit habe.

Der Verfasser war Zeuge, wie Gandhi kurz vor seinem Tod, auf einem Platz in einem Arbeiterviertel der modernen indischen Großstadt Bombay, gemeinsam mit Arbeitern, Männern, Weibern und Kindern, etwa fünfzigtausend Kastenlosen, einen Gottesnamen sang. Gandhi tat das in seinen letzten Lebensjahren regelmäßig öffentlich mindestens jede Woche, wo er auch immer weilte. Seine Absicht war, durch das Singen eines Gottesnamens den Atman in allen diesen Erniedrigten zu erwecken. Das Meditieren und Murmeln und Singen des Gottesnamens wird im Bhagavatam ausdrücklich als der Kult des Kaliyuga hingestellt, des finsteren Zeitalters der Zwietracht, in der wir leben. Da heißt es:

>>Was im Zeitalter der Wahrheit [im goldenen Zeitalter]

durch Meditation über Vishnu erlangt wurde,

was im darauffolgenden Zeitalter durch Darreichung von Opfern,

was im nächsten Zeitalter durch Kult im Tempel erlangt wurde,

das erreicht man im finsteren Zeitalter der Zwietracht

durch Preisgesang +78 des Gottesnamens.<<

[Bhagavatam 2,3,52]

Im zwölften Buch des Bhagavatam, in dem Schlußteil des großen Werkes, wird die Bedeutung des Singens des Gottesnamens nochmals hervorgehoben:

>>Im Kaliyuga, in der Vorratskammer aller Übel,

gibt es doch eine große Herrlichkeit;

durch Ruhmpreislied des Namens Gottes

erlangt man das Höchste:

Gemeinschaft mit den Muktas Krishnas.<<

[Bhagavatam 12,3,51]

Diese >>Muktas Krishnas<< sind jene Bhaktas, von denen Krishna im Bhagavatam [9,4,67] sagt, daß sie nicht die verschiedenen Arten der Mukti suchen, sondern nur die Liebe zu Ihm +79.

Krishna-Chaitanya pflegte seinen Jüngern viele Male die folgende Strophe vorzusingen:

>>Außer dem Namen Haris,

außer dem Namen Haris,

wahrlich außer dem Namen Haris

gibt es keine Zuflucht,

gibt es keine Zuflucht,

gibt es wahrlich keine Zuflucht,

im Kaliyuga.<<

[Brihad-Naradiya-Purana]

In einer der wenigen Originalstrophen, die von Krishna-Chaitanya überliefert sind, singt der Meister den Preis des Gottesnamens folgendermaßen:

>>Der Name Gottes reinigt den Spiegel des menschlichen Gemütes.

Er löscht das furchtbare Waldbrandfeuer der Wandelwelt aus.

Er öffnet wie Mondlicht den Lotus alles Guten im Menschenherzen.

Er ist das Leben der lieben Frau Weisheit.

Er läßt den Ozean der göttlichen Wonne immer mehr anwachsen.

Jede Silbe im Namengesang

läßt die Fülle des Nektars der Ewigkeit kosten.

Der Gottesname badet den ganzen Atman.

Zu höchst gepriesen sei das Singen des Krishnanamens.<<

[Shikshashtakam 1]

Die Hymne sagt aus, daß durch das Singen des Gottesnamens das Unvergängliche im Menschen, dessen Wesen Atman ist, wieder unverhüllt hervortritt.

Die Bhaktas der Strömung Chaitanyas singen heute noch:

>>Der Krishnaname ist nicht erfaßbar durch irdische Sinne.

Doch wenn ein Mensch in der Sehnsucht nach liebendem Dienen,

das Antlitz seiner Seele Gott zuwendet,

dann offenbart sich +80 der göttliche Name von selbst

auf der Zunge des Singenden.<<

Es wurde versucht, das Sanskritwort sphurati in dieser Strophe mit >>offenbart sich<< zu wiederzugeben. Aber diese Übersetzung erschöpft den Inhalt dieses Wortes in keiner Weise. Man könnte ebenso übersetzen: >>Der Name leuchtet, der Name tanzt auf der Zunge des Singenden.<<

Krishna Chaitanya selbst betonte: >>Das Singen des Gottesnamens ist nicht an bestimmte Tageszeiten und Ritualien gebunden.<< Für seine Zeitgenossen, von denen die meisten tief verwurzelt waren in der tausendjährigen Orthodoxie des Brahmanismus, war das eine revolutionäre Botschaft, die seine Schüler singen ließ:

>>Es siegt, es siegt die Wonnegestalt des Krishnanamens.

Aufgehört hat für mich äußeres Gesetz

und Betrachtung und Kult.

Ich habe Ihn empfangen, den Rasa-Nectar des Gottesnamens,

der den Lebewesen Befreiung schenkt.

Der Name ist nun einzig mein Schmuck und mein Leben.<<

Eine große Hymne Rupa Goswamis, in der alle Vielfalt der Lila Krishnas quillt und glänzt, gipfelt in folgenden Zeilen:

>>Du, Krishnaname, bist das jauchzende Fest der Bewohner von Gokula.

Du bist die Wiederbelebung der Laute Naradas.

Du, Krishnaname, offenbare Dich tanzend und leuchtend ...

voll Rasa auf meiner Zunge immerdar!<<

Die Laute Naradas, deren Ton die Gottesliebe in den Wesen wiedererweckt, ist gleich der Flöte Krishnas, die sie widertönt, kein Musikinstrument aus physischem Stoff. Es ist Naradas Seele, die tönt. Bhagavan Krishna selbst spielt auf der Laute Seines Bhaktas Narada. Alle zwölf Bücher des Bhagavatam, auch alle Begebenheiten, Gespräche und Unterweisungen aus dem Bhagavatam, die in den folgenden Kapiteln in Nacherzählung oder Übersetzung wiedergegeben werden und die zumeist von der inneren Lila handeln, sind durchklungen von dem Namen Gottes. Rupa Gosvami singt in seinem Krishnadrama, >>Vidagdha-Madhava<<:

>>Ich weiß nicht, aus was für Nektarströmen

das Silbenpaar Krishna entstanden ist.

Wenn dieses Paar im Munde tanzt,

so wünscht man sich tausende Münder zu haben.

Wenn es ins Ohr hineingeht,

so wünscht man sich millionen Ohren zu haben.

Und wenn dieses Paar ins Herz hineinsinkt,

da löscht es alle Sinnenwelt aus.<<

[Vidagdha Madhava, erster Akt]

Der alte Swami, der am Gangesufer von Benares dem Volk das Bhagavatam erläuterte, erklärte seinen Zuhörern in schlichter Weise, warum man immerzu den Namen Krishnas singen solle. Er sagte: >>Es ist sehr wichtig, daß wir im Todesaugenblick nicht von Panik ergriffen werden, und auch daß wir uns da nicht anklammern an das, was wir auf Erden lieben, an Weib, Kind, Haus, Besitz. - Wenn wir täglich den Namen Krishnas singen, wird das eine starke Hilfe, sodaß wir uns auch in der Todesstunde Seiner und Seines göttlichen Spieles erinnern können.<<

Er sang die an Krishna gerichtete Strophe des blinden Bhaktadichters, Bilvamangala, die von der Sterbestunde handelt:

>>Wenn die Stunde der Abreise herannaht,

dann geh Du mir voran,

den die Gopis an ihren Brüsten nicht halten konnten,

und erfülle mit den Tönen deiner Flöte mein Ohr.<<

[Krishna-Karnamritam-

Der Nektar der Unsterblichkeit für das Ohr]

Index

 

 

Fünfter Teil

 

Szenen aus dem Göttlichen Spiel

[Nach dem Bhagavata-Purana und dem Padma-Purana]

 

XV. Krishna unterweist seinen Freund Uddhava

IN DER TRADITION DER INDISCHEN GOTTESLIEBE lebt die Anschauung, daß die Bhakti wie eine Blume durch die Zeiten aufwuchs und sich in verschiedenen Weltaltern immer mehr entfaltete. Ihr Same ward eingesenkt noch vor der Weltschöpfung, als Brahma, der Bildner der Welt, in seinem Herzen die Urstrophen des Bhagavatam vernahm und er von Bhagavan selbst die Initiation empfing und die Macht erhielt, die Welt zu bilden, >>ohne von der finsteren Rajaskraft überwältigt zu werden<<.

Zur Zeit Vyasas wuchs der Keim zum Schößling auf. Auch diese Szene wurde bereits geschildert. Narada, der Sohn Brahmas, gab die Urstrophen an den vergrämten Vyasa weiter und verlieh damit dem großen Weisen die Initiation in die Gottesliebe. Hingebungsvoll ward dann weiterhin der Schößling der Bhakti von Vyasas jungem Sohn Shuka gehegt.

Unmittelbar vor Einbruch des finsteren Zeitalters bildete sich die holde Knospe der Bhakti. Es war die Zeit, da Krishna mit Seinen ewigen Gefährten zur Erde niederstieg. Nach indischer Tradition ist das etwa fünftausendeinhundert Jahre her.

Doch erst im Mittelalter, elfhundert oder zwölfhundert Jahre nach Christus, zur Zeit der großen Verkünder der Bhakti: Ramanuja [geboren 1027], Madhva [1199-1278], Nimbarka, Vishnusvami, begann sich die Knospe der Bhakti zur Blüte zu öffnen. Und - so fügen viele indische Gottgeweihte hinzu - zur Zeit Krishna Chaitanyas entfaltete sich die Blüte der Bhakti zu ihrer ganzen Fülle.

An der Hand des Bhagavatam und an Hand späterer noch weniger bekannter Urkunden der indischen Gottesliebe kann man das Sprossen und allmähliche Aufblühen der Blume Bhakti verfolgen.

Nochmals wollen wir für einen Augenblick zurückkehren zu dem dämmernden Morgen der Welt, da Bhagavan den Samen der ewigen Liebe in das zeitliche eingesenkt und in den Urstrophen sein göttliches ICH BIN ausspricht.

Brahma sitzt im Kelch des Lotus, der aus dem >>Nabel<< des >>Alldurchdringenden<< [vishnu] entspringt. Doch Brahma weiß nicht, wer er ist und wo er ist. Vergebens ist er tausende Jahre emporgewandert; er hat kein Ende gefunden. Vergebens ist er tausende Jahre abwärts gewandert; er hat keinen Grund erspäht. >>Finsternis ist um ihn, von Finsternis bedeckt<<, so wie der Sänger des Rigveda diese Dämmerstunde vor der Schöpfung beschreibt. Da durchhallt den Brahma ein lautloser Anruf: >>Meditiere!<< Und gehorsam setzt er sich hin mit untergeschlagenen Beinen und versinkt in inbrünstige Meditation [tapas +81], wie ihm befohlen ward, bis er die Stimme Gottes vernimmt, die sein inneres Herz erleuchtet.

Gott spricht im Herzen des ersten Sehers, des ersten Dichters [aadi-kavi]:

>>Empfange das höchst verborgene

Wissen von Mir

das in unmittelbarer Erfahrung erlebt wird.

empfange noch überdies das Geheimnis ...:

Wie ICH BIN,

wie Mein ewiges SEIN beschaffen ist;

Meine Gestalt,

Meine Eigenschaften

und Meine Taten.

Die Innewerdung Meines Wesens

werde dir durch Meine Gnade zuteil.<<

[Bhagavatam 2,9;30,31]

Das Gotteswort, das Brahmas Herz durchtönt, schließt unmittelbar an eine uns wohlbekannte Strophe aus der Bhagavadgita an, wo Bhagavan am Ende seiner Unterweisung die große Belehrung über das Unvergängliche mit den Worten zusammenfaßt:

>>Durch Bhakti kennt er Mich dem Wesen nach,

weiß wie ICH BIN und wer ICH BIN ...<<

[Bhagavadgita 18,55]

Das Wort, >>wie ICH BIN<< ertönt nun auch im Bhagavatam. Doch das, was in der Gita Abschluß war, wird im Bhagavatam zum Beginn neuer Offenbarung. >>Es ist eine ewige Offenbarung<<, so erklärt der Guru, >>die der göttlichen Stimme, dem göttlichen Wort, das alldurchdringend und ewig wie Gott selbst ist, immer innewohnt, die aber nicht jedem Seher in gleicher Tiefe enthüllt wird.<< Bhagavan verheißt dem Brahma, dem ersten Seher, die Offenbarung Seiner Gestalt, Seiner Eigenschaften und Seiner Taten, das heißt Seiner inneren und äußeren Lila. Und er verheißt ihm überdies die Offenbarung des Geheimnisses der rasahaften göttlichen Liebe.

Brahma erlebt zuerst die tiefe statische Ruhe des großen ATMAN, der Sein ewiges ICH BIN ausspricht. So wie der Geschmack des Meeres salzig ist - und wohin man auch immer taucht im Meer, ist Salzgeschmack - so ist die erste Offenbarung Gottes, die sich dem Brahma in der nachstehenden ersten Urstrophe des Bhagavatam eröffnet, krafterfüllte, helle Selbstheit, Ichheit, ATMAN.

Bhagavan spricht:

>>ICH wahrlich am Uranfang war,

nichts anderes war,

[keine Schöpfung war],

nur das Höchste, über Sein und Nicht-Sein +82.

Und nachher,

[während der Dauer der Schöpfung]

BIN ICH

[und nichts außer Mir].

Und was am Ende bleibt,

[nach der Weltauflösung],

auch das BIN ICH.<<

[Bhagavatam 2,9,32]

Während sich schon Brahmas Arme mächtig zu regen beginnen und er, erleuchtet von der Erkenntnis Gottes, anhebt, in dem >>lichtlosen Gewoge<< Himmel und Erde zu bilden und mittels der Rajas-Kraft Wesen zu schaffen, vernimmt er nur dämmernd die weiteren Worte Bhagavans, die allen Zeitenlauf umspannen und umwölben.

Brahma, der >>aus dem Selbst Geborene<< [svayam-bhuu], ist so überwältigt von der ihm zuteil werdenden Erfahrung der göttlichen Selbstheit, daß er die noch verhülltere Offenbarung der Lila, die ihm ebenfalls zuteil wird, anfangs kaum zu fassen vermag.

Bhagavan spricht:

>>O du erster Seher,

Wesen um Wesen wirst du hervorgehen lassen,

und doch wird der Rajasguna, der sündenvolle,

dich nicht binden können,

weil dein Geist an Mich gebunden ist.

Oh, du, Ordner der Welt,

Ich bin der ATMAN aller Atmas.

ICH BIN der Geliebteste von allen Geliebten.

Um Meinetwillen wird der irdische Leib

durch alles, was zum Leib gehört, geliebt.

Deshalb möge frohe Liebe zu Mír

[in dir und in allen Wesen] erwachen.<<

[Bhagavatam 9;35,42]

Das Sanskritwort rati ist hier höchst unvollkommen mit >>frohe Liebe<< übersetzt worden. Rati ist in diesem Zusammenhang einer der sehr zahlreichen Ausdrücke für die verschiedenen Spielarten und Lichttiefen im unermeßlichen Meere der Gottesliebe, wofür es in den Sprachen des Westens, wie schon erwähnt, keine Entsprechung gibt. In dem Wort rati liegt neben der Bedeutung >>lieben<< auch die Bedeutung sich freuen und >>freudig spielen<<. Die hohe Stufe der Gottesliebe, die man mit rati bezeichnet, wird von Rupa Gosvami dem >>Morgenrot vor dem Aufgehen der unverhüllten Liebessonne<< [preman] verglichen.

Soweit führt die Unterweisung in die Gottesliebe, die Krishna im dritten Buch des Bhagavatam dem Brahma gibt. Aber die Belehrung wird vergessen im Laufe der Geschlechter. Viele Weltalter vergehen. Gott hat Zeit. Er ist der Herr der Zeit. Auch nach indischer Anschauung sind für ihn Tausende von Jahren wie ein Augenblick.

Erst im elften Buch des Bhagavatam nimmt Krishna den goldenen Faden wieder auf und setzt in einem Gespräch mit seinem Freund Uddhava die Unterweisung in die Gottesliebe fort, die er dem Weltschöpfer Brahma zu geben begonnen hatte. Mit sehr schlichten Worten fürt er den Schüler ins Wesenhafte hinein.

Uddhava, der Freund Gottes, hatte von Krishna Belehrung in mancherlei Yoga empfangen: Unterweisung in dem Yoga, der die Vereinigung des reinen Ichs [aatman] mit dem Selbst des ganzen Weltalls [paramaatman] lehrt und dadurch Macht über alle Weltenkräfte gibt; Unterweisung in Karmayoga, den Yoga der selbstlosen Werke, der das Herz läutert; Unterweisung in den Jnanayoga, den Yoga der Weisheit, der das Bewußtsein des Einsseins des Ichs mit dem eigenschaftslosen Brahman verleiht und dadurch frei macht vom Kreislauf der Geburten und Tode). Uddhava, der noch vielerlei andere Belehrung empfangen hat, ist verwirrt und wendet sich in seiner Ratlosigkeit nochmals an seinen Freund und Lehrer Krishna. Er fragt:

>>Die Wissenden sprechen von vielen Wegen, die zu dem Köstlichen führen.

Ist einer davon der Hauptweg? ... Du hast doch von dieser Bhakti gesprochen.<<

(Bhagavatam 11,14;1,2)

Nun ist das Stichwort gegeben. Krishna antwortet:

>>Im Verlauf der Zeit, in der Weltauflösung, ist das WORT +83, der Veda, verloren gegangen.

Es wurde von Mir am Anfang +84 dem Brahma verkündet und auch des WORTES Wesensgesetz +85 den Geist in Mich zu versenken.

Von Brahma wurde es seinem erstgeborenen Sohn, dem Manu verkündet.

Und von Manu empfingen es die sieben Seher der Urzeit +86 und von diesen Vätern die Söhne, die Devas und Dämonen ...  und Menschen ...

Aber deren Natur und Charakter ist jeweils verschieden aus Rajas und Sattva und Tamas entstanden ... +87 ; entsprechend ihrer Mayanatur

sind ihre mannigfaltigen Aussagen: “Das ewige Recht‘‘, sagen die einen, “Ruhm‘‘, die anderen.

“Wahrheit‘‘, “Zügelung‘‘, “Gelassenheit‘‘, “Geistesruhe‘‘.

Andere sagen: “der eigene Besitz‘‘, “Herrschermacht‘‘, “Entsagung‘‘, “Genuß‘‘.

Andere sagen: “Askese‘‘, “das Spenden von Gaben‘‘, “Beherrschung des aus- und eingehenden Atems.‘‘

Und diese alle werden in Welten geboren, die einen Beginn und ein Ende haben, aus Karma gebildet, mit Leid am Ende, in Finsternis weilend,

mit erbärmlichen Freuden, dem Gram hingegeben.

Aber wer Mir hingegeben íst, abhängig von nichts in der Welt, dessen Freude in Mir, dem ATMAN besteht, wie kann er über irdische Dinge

noch irgendwelche Freude empfinden?

 

Wer nichts mehr für sich haben will, der Gezügelte, der von Frieden Erfüllte, dessen Seele den Einen in allem erkennt, der in Mir nur seine Befriedigung findet,

für den sind alle Weltgegenden voller Glück.

Nicht wünscht er die Herrlichkeit des Weltschöpfers Brahma, oder des Himmelsherrschers Indra, oder Herrschaft über alle Erde, oder Gewalt über die Reiche der Unterwelt, weder Yogamacht noch Nie-Wiederkehren der völlig Befreiten. - Er wünscht nur das eine, sein ganzes Wesen Mir hinzugeben; sonst wünscht er nichts. -

Sie, die nicht irgend etwas für sich haben wollen, doch deren Herz entbrennt in sehnsüchtiger Liebe zu Mir, voll heiterem Frieden diese Großen, voll barmherziger Güte zu allen lebenden Wesen, sie nur erfreuen sich Meines Glücks des Wunschlosseins; die ungestillten Geister voll Begierde kennen es nicht.

Auch wenn Mein Bhakta seine Sinne noch nicht zügeln kann, und von den Sinnesdingen angefallen wird, so wird er doch, kraft seiner mutvollen Bhakti, von der Sinnenwelt meistens nicht überwältigt.

So wie ein wohlentflammtes Feuer das Brennholz zu Asche verzehrt, so verzehrt die Bhakti, die Mich als Ziel hat, alle Sünden und alles Unglück.

Yoga, Erkenntnis und rechtes Tun, Studium der Veden, Askese, Entsagung gewinnt Mich nicht derart, wie die wunderbar gewaltige Bhakti zu Mir.

Durch ungeteilte Bhakti und durch gläubiges Vertrauen werde Ich ergriffen,

Ich, das geliebte innere Selbst der wirklich Seienden.

Unerschütterliche Bhakti zu Mir rettet sogar den Hundeesser [den tiefsten Paria] vor der Wiedergeburt.

Tugendüben und Wahrhaftigkeit, voll Barmherzigkeit, und auch Weisheit durch Askese gestärkt läutert eine Seele nicht völlig, die entblößt ist von der Bhakti zu Mir.

Wie soll ohne glückschauerndes Haaresträuben, ohne Schmelzen des Herzens, ohne sanftes Niedertropfen von Freudentränen der Geist geläutert werden.!

Des Bhaktas Stimme stockt und sein Herz schmilzt, zuweilen schreit er maßlos und lacht zuweilen, ohne Scham singt er begeistert laut Meinen Namen und tanzt.

Der von Meiner Bhakti Ergriffene läutert die Welt.

So wie Gold ins Feuer geworfen, seine Beschmutzung verbrennt und seine wahre Natur wiedererlangt, so schüttelt der Atman durch liebende Hingabe an Mich die finsteren Folgen seiner Karmas ab, die ihn wie Ketten, an immer neue Erdenleben binden - und liebend hat er Teil an Mir.

So wie ein krankes Auge durch Anwendung eines heilenden Öls die zarten Stoffe immer klarer sieht, so wird der Atman immer mehr geklärt, wenn er den lieblichen Geschichten von Mir lauscht und wenn er Meine Namen singt.

Das Herz, das über Sinnendinge meditiert, das haftet an den Sinnendingen an.

Das Herz, das sich wieder und immer wieder in Liebe Meiner erinnert, das schmilzt in Mich hinein.

Wenn einer den Nektar der Unsterblichkeit trank, was soll er noch zu trinken begehren!

Wenn ein Wissenssucher Mein göttliches Wesen weiß, was soll er noch zu wissen begehren!

Was Weisheit, Werk und Yoga und Beruf und Richteramt und was vierfältiges Lebensziel der Menschen ist:

- die heilige Ordnung und Besitz und Lust und selbst Befreiung +88, du Lieber, alles das bin ICH für dich.

Wenn der Sterbliche aufgegeben hat alle Wege des Karmas und sein Selbst Mir hinzugeben begehrt, dann wird er sich des todlosen Seins bewußt

und hat Anteil durch Mich, gemeinsam mit Mir am Leben des ATMAN.<<

[Bhagavatam 11,14; 3-27. 11,29; 32-34]


Die uralte Überlieferung des Veda wird in diesen Kapiteln der sogenannten Uddhavagita des Bhagavatam, vom Blickpunkt der Bhakti aus betrachtet. Die verschiedenen Schichten und Schalen des Veda, des >>heiligen Wissens<< der Hindus, werden durch Krishnas Unterweisung durchsichtig. Das, was in dem Veda, soweit er erhalten ist, den größten Raum einnimmt - die Opferhymnen, das Beten um Lohn, um Schutz, um Sieg, um Gesundheit, um Kinder und Besitz -, der >>Werkteil des Veda [karma-kaanda]<< wird als Verkrustung und Verzerrung der ursprünglichen Offenbarung aufgezeigt. Die Uroffenbarung der göttlichen Liebe ward verschattet und durchdrungen von den Gunas der Maya.

Sogar Yoga und >>Weisheit durch Askese gestärkt<<, wird hiervon nicht ausgenommen; und wieder wird betont, das selbst Befreiung [mukti] nicht das höchste Ziel der wahren Bhaktas ist.

Nun taucht unter den mehr äußeren Schichten des heiligen Wissens das Reich der göttlichen Liebe auf. Im Unvergänglichen ruht gleichsam Wasser über Wasser. Und jede der Sphären, die auftaucht, ist eine Unendlichkeit, außer der es nichts zu geben scheint.

Krishna spricht zum Beispiel von der Unendlichkeit des göttlichen Friedens. Alle irdischen Emotionen haben aufgehört; alles Leid und alle Freude über Irdisches ist erloschen. Da dringt aus dem Unbekannten ein ganz neuer Ton heran. Keine abgeklärte Ruhe herrscht nun mehr für jenen, der sich der neuen Woge des Rasas überläßt.

Von glückschauerndem Haaresträuben, vom Schmelzen des Herzens, vom sanften Niedertropfen der Freudentränen spricht Krishna. Das sind gewiß körperliche Symptome, aber für den rasakundigen Bhakta bedeuten sie äußerliche Anzeichen für Vorgänge im Atman, sie sind Anzeichen dafür, daß durch Erleben des unfaßbar Erstaunlichen, nämlich der Lila Bhagavans, das Herz >>geschmolzen<< ist und der Rasa zu fluten begonnen hat +89. Die Rasalehre sagt aus, daß die Emotionen im Atman so mächtig geworden sind, daß sie den ganzen Leib ergreifen, daß zum Beispiel >>nicht nur der Atman tanzt<<, sodern der ganze Leib zu tanzen beginnt +90, oder daß der Leib des Bhaktas vor Wonne erstarrt, oder im Leid des göttlichen Spiels ohnmächtig zu Boden sinkt.

Mit unnnachahmlicher Klarheit und Präzision werden in der Rasakunde von Rupa Gosvami, dem schon oft erwähnten Bhakti-Rasamrita-Sindhu, die körperlichen Symptome, die übernatürliche Geschehen im Atman abspiegeln, von äußerlich recht ähnlichen Symptomen, die nur Zeugnisse religiös-sentimentaler Ekstase im Manas sind,+91 abgegrenzt.

Die esotherische Rasalehre betont, daß nur ein Mensch, dessen Atman erwacht ist, zwischen den äußeren Anzeichen überweltlichen Rasas und den Anzeichen eines klinischen Falls von Epilepsis oder Hysterie eindeutig und klar zu unterscheiden vermag. Der abendländische Mensch, der vom Atman nichts weiß, der den fundamentalen Unterschied der Kategorie Atman und Manas nicht kennt, steht ratlos.

Und doch fällt von der Rasalehre der Chaitanya-Bhakti ein erhellendes Licht zum Beispiel auf das Erlebnis des Saulus vor Damaskus. Überwältigt von der jähen Erfahrung des Unvergänglichen - ein Bhakta würde sagen: überwältigt von der Erfahrung des Unvergänglichen in Gestalt eines Avatars, der ihn, seinen Atman anruft - ertarrt Saulus‘ Leib, so daß er wie tot vom Pferde sinkt. Drei Tage lang ist er blind für allen Anblick der Sinnenwelt. Er wird ein völlig neuer Mensch, der fortab einen neuen Namen trägt und der, von der gewaltigen Kraft des Überweltlichen ergriffen, staunend bekennt: >>Nicht ich, sondern Christus lebt in mir.<<

Der Gottgeweihte auf dieser Stufe ist wie eine Pforte, durch welche die überweltliche Kraft der göttlichen Liebe [bhakti] in die Welt des Meßbaren einbricht. Von jenem Bhakta, der von der Kraft der übernatürlichen Liebe und vom Rasa derart ergriffen wird, daß die irdische Welt für ihn völlig versinkt, sagt Krishna in Seiner Unterweisung des Uddhava:

>>Ein solcher Bhakta läutert die Welt.<<

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XVI. Krishna und die jungen Kuhhirten

[die Gopas]

KRISHNA SPRICHT in der Bhagavadgita :

>>Höher als die Asketen und als die Weisen [jñaanii], höher als alle, die Werke tun und opfern, ist der Yogi. Deshalb sei ein Yogi, o Arjuna.

Doch von allen Yogis, die mit dem inneren Selbst zu Mir gegangen sind, erscheint mir jener am vollkommensten, der Mich voll Vertrauen liebt.<< [Bhagavadgita 6;46,47] Uddhava kann man zu jenen glücklichen Seelen rechnen, die Krishna hier besonders hervorhebt. Nebst aller Weisheit und allem Yoga hat er von Krishna auch noch die Kraft der Bhakti empfangen. Die in jedem Herzen schlummernde Gottesliebe ist von Krishna in ihm wieder erweckt worden.

Aber es gibt Bhaktas, die noch viel inniger zu Gottes Spiel gehören als selbst Uddhava. Es sind dies Bhaktas, deren lautere Gottesliebe >>niemals durch Wissen verhüllt und durchbort war<<. Wer sind diese Bhaktas? Um sie kennen zu lernen, muß man aus dem Königsland, wo Krishnas Freund Uddhava Minister eines mächtigen Reiches ist, eine Wanderung unternehmen. Man muß den Strom Yamuna, den Strom der echten religiösen Extase, durchqueren und hinübergehen in das Land jenseits des Stromes, in das Hirtenland Gokula oder Vraja, in den Vrindawald, da wo Krishna gemeinsam mit Seinem Bruder Balarama bei den Hirten und Hirtinnen aufwächst und seine glückliche Kindheit verbringt. Die von den Menschen in der Welt vergessene Gottesliebe, an die sogar Uddhava erst durch Belehrung wieder erinnert werden muß, ist den jungen Kameraden Krishnas im Vrindawald, den Gopas, von Ewigkeit her unverlierbar eigen. Vertrauliche Gottesliebe ist ihr Wesen. Sie müssen sie nicht erst erlernen, sie müssen nicht darum ringen. Im Bhagavatam werden die heiteren, unbefangenen Spiele der jungen Gopas eingehend geschildert. Gemeinsam mit Krishna laufen die Knaben im Wettlauf mit dem Schatten der fliegenden Vögel. Sie tanzen mit den wilden Pfauen. Sie packen Affen bei den Schwänzen, lassen sich von ihnen die Baumkronen hinaufziehen. Sie lachen ihre eigenen Spiegelbilder im Wasser an. Sie machen Spaß mit ihrem Echo.

>>So spielen sie gemeinsam mit Bhagavan<<, berichtet das Bhagavatam, >>mit Ihm, der die höchste Gottheit ist und in dem die Weisen die höchste Wonne des Brahman erleben.<< In höchster Vertraulichkeit lieben die Gopas Bhagavan und spaßen mit Ihm, den sie für ihresgleichen halten, für einen Hirtenjungen wie sie. Und Bhagavan ist glücklich darüber.

In der schon wiederholt erwähnten Lebensgeschichte Krishna-Chaitanyas, dem Chaitanya-Charitamritam, die von dem uralten Bhakta Krishnadasa verfaßt wurde, wird eine Frage erörtert, welche die Bhaktas viel beschäftigt: was ist der innerste Beweggrund, daß Krishna aus seinem eigenen Reich zur Erde niedersteigt? Das Wegnehmen der Last der Erde und das Töten der Dämonen und das Unterweisen der Menschen ist es nicht, ist nur ein akzidentielles Tun, wird festgestellt. Im vierten Kapitel des ersten Bandes des Werkes, das wie ein vielverzweigter neuer Ast aus dem blühenden Baum Bhagavatam hervorwächst, läßt der Autor Krishna selber darüber sprechen:

>>Die ganze Welt ist erfüllt vom Wissen um Meine göttliche Majestät [aishvarya-jñaana]<<, sagt Krishna. >>Doch in einer Liebe [prema], die durch den Schauer vor Meiner Majestät gestört ist, finde ich keine Freude. Wenn man Mich für den erhabenen, allmächtigen Gott [ishvara] ansieht und sich selber für armselig, so gelange Ich nicht in den Bann einer solchen Liebe. Je nach dem liebenden Fühlen des Bhaktas begegne Ich ihm; das ist Meine Natur [prabhava]: .. “Mein Kind, mein Freund, mein ein und alles” - wer in diesem Sinne lautere Hingabe [shuddha-bhakti] zu Mir hegt, wer sich selbst für groß hält und Mich für gleich oder geringer, der hat die Liebe [bhaava], von der Ich überwältigt werde ... Die Mutter bindet Mich mit Stricken, weil sie mich für ihr Kind hält und äußerst abhängig von ihrer Obhut, und sie zärtelt Mich und nährt Mich. Die Gopas haben lautere Freundschaft zu Mir und klettern auf Meine Schultern und rufen: “Was bist du schon?” “Du und ich sind gleich.” Und wenn die Geliebte, wenn Radha in Entrüstung Mich schilt, so stielt das Mein Herz [manas] mehr als alle vedischen Hymnen.<<

>>ICh will hinabsteigen und diese lautere Bhakti mitbringen und mannigfaltiges Spiel treiben. Es wird eine Lila werden, die ... nicht einmal in Vaikuntha in Erscheinung tritt und die Mich selbst in Verzückung bringt.<< - Soweit das Chaitanya-Charitamritam.

Das zehnte Buch des Bhagavatam erzählt in den ersten neunundvierzig Kapiteln ausführlich viele Geschichten aus der Kindheit und Jugend Krishnas auf Erden, die seit über tausend Jahren immer von neuem das Entzücken des Hindus bilden und in moderner Zeit nicht verblaßten. Sie sind Gegenstand zahlreicher Krishna-Filme geworden, die jahrelang in den indischen Kinos gespielt werden.

In diesem unschuldvollen Sein von Vraja oder Gokula gibt es freilich auch Gefahren. Indra, der Himmelskönig, ist empört. Alle seine Diener, die Winde, die Sturmwolken sendet er aus, um das Hirtenvolk zu vernichten, welches es wagte, auf Anstiften des Knaben Krishna einen anderen statt seiner als den großen Gott der Welt zu verehren.

Regen rauscht. Donner dröhnt ununterbrochen. Sturm peitscht den Wald und seine Bewohner, Menschen und Vieh. Hagel schmettert nieder. Angstvoll suchen die Gopas und Gopis bei Krishna Schutz.

Krishna lächelt. Und so wie ein Knabe im Spiel mühelos einen Schirmpilz ausreißt und hochhebt, so hebt er den weit sich erstreckenden Berg Govardhana empor. Und alle die Hirten, die alten und jungen, die Männer und Frauen, die Knaben und Mädchen und alle ihre Kuhherden und Habseligkeiten und ihre Wagenburg, sie finden sieben Tage und Nächte lang sicheren Schutz unter dem Schirm des Berges, den Krishna heiter über ihnen hält. Vergebens prasselt Indras Donnerkeil all die Zeit auf die Flanken des Govardhana nieder, keiner geht verloren, der sich unter Krishnas Schutz begeben hat.

Oftmals sendet auch der böse König Kamsa Dämonen über den Strom hinüber, um das göttliche Kind zu vernichten, von dem er sich noch immer bedroht fühlt. Er schickt zum Beispiel die furchtbare Dämonin Putana aus. In Gestalt einer freundlichen Frau naht sie sich einschmeichelnd und reicht dem durstigen Krishnakind ihre Brust; und dann fliegt sie mit Ihm brausend in die Luft empor. Eifrig trinkt Krishna, krallt Seine zarten Händchen um die vergifteten Brüste, daß die Dämonin vor Schmerz laut aufheult und, wie ein riesiger Felsblock zu Boden schmettert, ihre grauenhafte Dämonengestalt enthüllend. Das Kind bleibt völlig unbeschädigt. Tot liegt der Leib der Furchtbaren da; aber sie selbst ist erlöst, ihr ewiges Wesen ist zum Bhakta geworden. Krishna hat Putana begnadet. Krishna hat von ihren Brüsten getrunken. Und wer würde durch solche Berührung nicht erweckt und von seiner Mißgestalt befreit werden.

So erlöst Krishna mancherlei Dämonen, die Ihn vernichten wollten. Er tanzt auf den tausend Häuptern der grauenerregenden Kaliya [einer Verkörperung der Brutalität], die aus dem Ozean in den Strom Yamuna eingedrungen ist und mit ihrem Gift die leuchtenden Wasser befleckt und verfinstert hat, so daß niemand mehr in Gokula darin zu baden wagt. Auch dieser Dämon wird erlöst; darf als Bhakta heimkehren in den Ozean, aus dem er kam. Auf seinem Leib trägt er fortab das Zeichen der Unversehrbarkeit. Krishnas holde Füße haben ja auf ihm getanzt. Keiner von allen Dämonen kann den Freunden Krishnas, die unter Seinem Schutz stehen, etwas anhaben. Aber die immer neu hereinbrechenden Gefahren, die das Krishnakind bedrohen, erhöhen die dramatische Spannung dieser Lila. Die Schrecknisse rufen in Krishnas Mutter und Vater, in Seinen Freunden und Freundinnen immer neue Liebesströme zu Ihm hervor, zu Ihm, welcher der >>Unbesiegbare<<, der >>Allmächtige<<, der >>Ungeborene<<, der >>Ewige<< ist, den sie aber durch das Wirken von Krishnas Yogamaya für ein schutzbedürftiges Kind halten, das sie sorgsam behüten müssen. Rasa des Schreckens wird in ihrer Liebe erweckt, wenn das Krishnakind in Gefahr gerät. Rasa der Heiterkeit und Rührung wird in dem wissenden Zuhörer erregt, wenn berichtet wird, wie das junge Kind, das eben höchster Todesgefahr entronnen zu sein scheint, zur Abwehr kommenden Unheils in umständlich - feierlicher Zeremonie von den Eltern und Verwandten und Freunden an zwölf Stellen seines zarten Leibes mit heiliger Asche und Sandelpaste gesalbt wird, um den Knaben zwölf verschiedenen Aspekten des einen Gottes zu weihen - dessen ganze Fülle Krishna selber ist!

Alles, was sich in diesem >>Hirtenspiel<< begibt, ist für den Bhakta ein transparentes Geschehen, das sich in verschiedenen Tiefenschichten immer neu und anders erschließt. In die Wogen der Yamuna, in die leuchtenden, blauen Wogen der höchsten religiösen Ekstase, muß jeder eintauchen, der den geheimen Sinn der Lila verstehen will. Aber kein romantisches Gefühlsschwelgen ist gemeint, sondern eine heilig-nüchterne Ekstase, um ein Wort Hölderlins zu gebrauchen. Diese Ekstase der Gottesliebe ist gemäß der Rasalehre der Chaitanya-Bhakti überweltlich.

Jeder Dämon, der von Krishna erschlagen und durch die Berührung mit dem Göttlichen gleichzeitig erlöst wird, bedeutet eine zur Gestalt gewordene finstere Macht im Herzen des Bhaktas selbst. Es sind dämonische Mächte, die den Gottsucher auf dem Liebesweg gleich Wegelagerern überfallen und die das Gotteskind, das im inneren Herzen des Gottgeweihten geboren werden soll, erwürgen und ersticken wollen. Der Dämon Putana ist zum Beispiel ein Pseudoguru, der dem Gottsucher freundlich naht und ihm seine mit Lügen und Halbwahrheiten gemischte verderbliche Lehre darreicht.

Der gewaltige Dämon Agha, den Krishna erschlägt und erlöst, ist eine Verkörperung der Lieblosigkeit, die den Anfänger leicht bedrängt und überwältigt, solange er noch nicht erfahren hat, daß die ausschließliche Liebe zu Bhagavan und die liebende Güte zu den Mitmenschen grundsätzlich nicht verschieden sind. Krishna sieht, wie Seine Kameraden, verblendet in ihrer übermütigen Sicherheit, geradewegs in das aufgesperrte Maul dieses riesenhaften Dämons hineinwandern. Schon sind alle von Aghas Rachen verschlungen worden. Aber Krishna folgt den Freunden nach, und steigt in den finsteren Schlund des Dämons hinein. Das Bhagavatam erzählt, daß der göttliche Knabe im Leibesinnern des Unholds zu immer gewaltigerer Größe anwächst, so daß Aghas grauenhafter Leib, >>Kot und Harn absondernd<<, von innen zersprengt wird.

Es wird anschaulich berichtet, wie der Dämon, in den Krishna eingetreten ist, nun seine finstere Gestalt abwirft. Agha steht in seiner unverhüllten Gestalt als Atman da, >>alle Weltgegenden überstrahlend<<, und dann geht er vor aller Augen in Krishnas Lichtglanz ein.

Diese Ereignisse, die Gefahren, welche die jungen Gopas bedrohen, und ihre wunderbare Errettung, und die Vernichtung und gleichzeitige Erlösung des Dämons Agha, hat Brahma, der Weltenbildner, staunend von seinem hohen Sitz wahrgenommen. Nun setzt die neue Szene ein, die hier in Übersetzung wiedergegeben sei:

Index

 

DIE MORGENDLICHEN SPIELE

>>Nachdem Krishna die Hirten der Kälber vor dem Tode im Maule des Dämons Agha bewahrt hatte, brachte er sie an das sandige Flußufer [der Yamuna] und sagte: “Lieblich ist, Freunde, der Yamunastrand. Er gibt in Fülle das, was wir zu unseren Spielen brauchen. Er hat zarten, feinen kristallklaren Sand, schwarze Bienen summen, angezogen vom Duft der entfalteten Lotusblüten. Die Vögel zwitschern und anmutige Bäume am Ufer fangen den Nachhall dieser Melodien auf. Hier können wir unsere Mahlzeit einnehmen. Die Sonne steht schon hoch am Himmel. Wir und die Kälber sind hungrig. Nachdem sie in der Nähe getränkt worden sind, können sie gemächlich grasen.” “So sei es”, sagten die Knaben und tränkten die Kälber und schlossen sie auf einem frischen, grünen Weideplatz ein. Dann öffneten sie ihre Schlingen und aßen voller Freude zusammen mit Bhagavan.

Die Knaben aus Vraja saßen mit weit offenen, leuchtenden Augen, den Blick Krishna zugewendet, in vielen Reihen im Kreise um ihn herum. Sie saßen mit Krishna im Haine zusammen, wie die Blütenblätter um den Stempel eines Lotus +92. Einige Knaben wollten ihren Erfindungsgeist zeigen und machten aus Blumen, Blättern, Borken oder flachen Steinen [allerhand] Teller und genossen ihre Speisen. Alle zeigten einander, wie lieblich ihr eigenes Essen sei, lachten und brachten einander zum Lachen und verzehrten ihre Vesper gemeinsam mit Krishna. “Der [göttliche] Genießer der Opfer”, der im Spiel ein Knabe war, aß, während die himmlische und irdische Welt zuschaute. Er saß inmitten Seiner guten Freunde, sie zum Lachen bringend ... Zwischen Leib und Gewand trug Er Seine Flöte, das Horn und den Bambusstock trug er unter Seinem linken Arm, in Seiner linken Hand barg Er Reis, mit Sauermilch vermischt, und Früchte. ... Während die Hirtenknaben also aßen und mit ihrem ganzen Wesen völlig in Krishna versunken waren, liefen die Kälber aus Gier nach Gras in einen entfernten Wald.

Als Krishna sah, daß die Freunde von Furcht erfüllt waren, sagte Er, der von der Furcht des Weltalls gefürchtet wird:

“Freunde, hört nicht auf zu essen. Ich will die Kälber hierherbringen.”

Also sprach Bhagavan Shri Krishna. Und mit Seiner linken Hand voll Essen, ging Er, um auf Bergen, in Höhlen und dunklen Wäldern nach den Kälbern zu suchen.

[Brahma, der Schöpfer,] der Lotusgeborene, der schon vorher höchst verwundert gewesen war, als er von seinem Himmel aus die Vernichtung [und gleichzeitige Erlösung] des Dämons Agha durch Krishna gesehen hatte, führte [während Krishna auf der Suche war] sowohl die Kälber als auch ihre Hirten von ihrem Ort irgendwo anders hin, weil er noch einen weiteren lieben Beweis der Größe des Herrn sehen wollte, der durch [Krishnas] Maya als ein Knabe erschien. Als Krishna weder die Kälber noch die Freunde am Sandufer fand, suchte Er überall im Walde nach ihnen. Krishna, der Allwissende, sah die Kälber und Hirten nirgendwo im Walde; da wußte Er sofort, daß dies ein Werk Brahmas war.

Nun gestaltete Krishna, der wahre Herr und Urheber des Weltalls, sich selbst zu beiden [zu Kälbern und Hirten], um Brahma und den Müttern [den Müttern der Kälber und der Knaben] Freude zu bereiten.

Der “Ungeborene” formte sich vielfältig zu den zierlichen Gestalten der Hirten und Kälber, mit ihren Händen und Füßen, ihren Stöcken, Hörnern, Flöten ... ihrem Schmuck und ihrer Kleidung, mit dem Charakter, den Eigenschaften, den Namen, der Haartracht und dem Alter eines jeden einzelnen, mit dessen Vorliebe zu bestimmtem Essen und Spiel. So wurde der “Allgestaltige” Verkörperung des Wortes, daß Alles in der wahren Welt aus Vishnu besteht, von Vishnu durchdrungen ist.

Krishna, der ATMAN des Alls, ging [in das Hirtendorf] nach Vraja hinein, Er als ER SELBST war Kühe und Kälber, und umgeben von Hirten, die ER SELBST war, spielte Er Spiele mit sich selbst ... Er brachte die Kälber getrennt in die Ställe, in die sie gehörten, und wurde in jedem Haus, das er betrat, der ATMAN des Hauses.

Die Mütter erhoben sich schnell beim Tone der Flöte und schlossen die Knaben fest in ihre Arme; und sie gaben dem höchsten Brahman +93, das sie für ihre Söhne hielten, den nektargleichen, trunken-machenden Trank der Milch, die jäh aus ihren von zärtlicher Liebe [sneha+94] überschwellenden Brüsten träufelte. Jeden Abend nach Beendigung Seiner anderen Spiele kam Maadhava +95 [Krishna] nach Haus und erfreute die Mütter mit seinen Spielen, und die Mütter [in jedem Haus] herzten und kosten Ihn, massierten, badeten und salbten Ihn, zogen Ihm neue Kleider an, hängten Ihm Schmuckstücke um, malten Ihm schützende Zeichen aus Sandelpaste auf die Stirn [zwischen die Augenbrauen] und gaben Ihm zu essen.

Und die Kühe eilten schnell in die Ställe und mit lautem: Muuhh riefen sie ihre eigenen Kälber [die ebenfalls Krishna waren] und gaben ihnen Milch und beleckten sie.

Schon früher hatten die Hirtenfrauen und auch die Kühe mütterliche Liebe zu Ihm; aber nun wurde ihre Liebe noch stärker, denn diesmal war Krishna scheinbar ihr natürliches Kind. Und schon früher hatte Hari zu ihnen kindliche Zuneigung, weil sie Ihn mehr liebten als ihre eigenen Kinder; aber nun kam noch der Reiz des neuen Spiels dazu, daß Er wirklich ihr Kind war.

Die zärtliche Liebe der Bewohner von Vraja zu den Knaben wuchs in diesem Jahr von Tag zu Tag an, wie nie zuvor, sich ins Unermeßliche steigernd [es war aber ihre Liebe zu Krishna].

So spielte Er ein Jahr lang im Wald und in Vraja, als Hirte der Kälber und in Gestalt von Kälbern und Hirten. Er selbst [der Atman] hütete durch sich selbst [den Atman] sich selbst [den Atman].

Einst ging Er, der Ungeborene, mit seinem Bruder Balarama, die Kälber hütend, durch den Wald. Fünf oder sechs Tage fehlten noch zu einem vollen Jahr. Da sahen die Kühe, die weitab auf der Höhe des Berges Govardhana weideten, die einjährigen Kälber, die nun in der Nähe von Vraja grasten.

Als die Kühe die Kälber gesehen hatten, wurden sie von Liebe ganz überwältigt und vergaßen ihr eigenes Wesen und liefen hastig - es sah aus, als ob sie nur zwei Beine hätten, weil sie in wilden Sprüngen je ein paar Beine zusammen aufsetzten, mit hocherhobenen Schwänzen und im Springen zusammengezogenem Leib, daß Nacken und Höcker zusammenstießen - mit lautem Gebrüll und von Milch triefenden Eutern nach Vraja. Sie kümmerten sich nicht um die Hirten, die ihnen auf ihren Wegen nicht folgen konnten.

Als sie mit den Kälbern unten in der Nähe von Vraja zusammentrafen, gaben sie ihnen, obwohl sie schon neue Kälber hatten - denn ein Jahr war ja bereits vergangen -, Milch aus ihren Eutern zu trinken und beleckten alle ihre Glieder, als ob sie sie [vor Freude] auffressen wollten.

Die Hirten waren beschämt und wütend zugleich, da ihr Bemühen, die Kühe zurückzuhalten, erfolglos war. Aber als sie auf mühevollen, schwergangbaren Wegen endlich herangekommen waren, sahen sie zugleich mit den Kälbern die Knaben.

Beim Anblick wurde ihr Herz vom Rasa der Liebe [preman] überschwemmt. eine vollkommen neue frische Liebe [anuraaga] war entstanden. Ihr Ärger war dahin. Sie nahmen die Knaben hoch, umschlangen sie mit ihren Armen und rochen an ihren Köpfen; und das erfüllte sie mit höchster Freude.

Dann gingen die älteren Hirten wieder fort. Nur langsam und mit Mühe trennten sie sich von den Knaben, deren Umarmung soviel Freude für sie war, daß sie in Erinnerung daran in Tränen ausbrachen.

Balarama beobachtete staunend die dauernd zunehmende und sich steigernde Liebe [preman] [aller Wesen] von Vraja zu den Kindern, die doch längst schon entwöhnt waren, und da er den Grund nicht wußte, dachte er darüber nach.

Wie sonderbar! Die unerhörte Liebe [preman] der Vrajabewohner zu ihren Kindern nimmt zu, als ob diese Kinder der Atman, das Selbst von allem wären. Welche Zaubermacht, welche Maya ist das? Woher kommt sie? Von Devas, Menschen oder Dämonen? Es ist wohl die Maya meines Herrn [Krishna], eine andere [Maya] vermochte mich doch nicht zu täuschen. Während Balarama so nachdachte, sah -er mit dem Auge der Weisheit, daß alle Kälber und Knaben Krishna waren... [Er sagte zu Krishna] “Du selbst bist das Licht [Du selbst trittst in Erscheinung] in diesen mannigfaltigen Erscheinungen. Sage mir klar, wie sich das alles verhält.” Bhagavan erzählte die ganze Begebenheit und Balaram verstand...

Nach einem kurzen Zeitraum - einem Augenblick für Brahmas, des Weltbildners eigene Schätzung - kam Brahma auf die Erde und sah den spielenden Hari, und alles, wie es vor einem Jahre war +96.

[Er blickte auf die Knaben und Kälber, die er das ganze Jahr über verborgen hatte, und überlegte:] Alle die vielen Knaben und Kälber, die im [Hirtenlande] Gokula waren, sie schlafen auf dem Bette meiner Maya bis jetzt und haben sich noch nicht erhoben.

Doch von wo kommen diese anderen her, die nicht von meiner Maya betört wurden - es sind ebensoviele, und seit einem Jahr spielen sie zusammen mit Vishnu! Also dachte Brahma lange über diese Widersprüche und Unterschiede nach, aber er vermochte in keiner Weise zu erklären, welche die wahren [Knaben und Kälber] waren und welche nicht.

Als er so [Vishnu, den Alldurchdringer] den Wahnfreien, den, der das All betört, betören wollte, wurde er selbst durch seine eigene Maya betört. - Wie das Nebelhafte in der Nacht nur dunkel erscheint und von sich aus nichts in Dunkelheit hüllen kann, wie der Leuchtkäfer nur ein unsichtbares Fünklein in der Tagessonne ist, so vernichtet Krishnas Maya das Herrschertum eines jeden, der sie auf den großen ATMAN anwenden will [der die Grundlage aller Maya ist]. Als Brahma hinschaute, wurden in eben diesem Augenblick [plötzlich] alle Kälber und Hirten als tiefdunkelblaue, in Goldgewänder gekleidete Gestalten gesehen.

Mit vier Armen; Muschel, Rad, Keule und blauem Lotus in ihren Händen, Kronen auf ihren Häuptern, Ohrringen, Perlenhalsketten, Waldblumenkränzen. Sie alle trugen [Krishnas] Zeichen, Shrivatsa [auf der Brust], Armringe am Oberarm, muschelähnliche, juwelenverzierte Armspangen am Unterarm, Hüftgürtel und Lendenschnüre, und strahlten in diesem Schmuck [Krishnas].

Von Kopf bis zu den Füßen waren ihre Gestalten von zarten frischen Tulasi-Kränzen bedeckt, die ihnen sehr fromme Menschen dargebracht hatten.

Durch ihr leuchtend weißes Mondscheinlächeln, durch ihre Morgenrötefarbenen Seitenblicke waren sie Ursache und Erfüller der Sehnsucht ihrer Bhaktas... Von Brahma [dem Schöpfer] bis zum Unbelebten wurden sie auf verschiedenartigste Weise durch Tanz, Gesang und andere Formen des Gottesdienstes verehrt... Alle, die da angebetet wurden, waren personhafte Gestalten, aus einer Essenz von unendlichem göttlichem Sein und göttlicher Erkenntnis und göttlicher Wonne. Ihre Größe ist selbst den Sehern der Upanishaden unzugänglich.

So sah Brahma dieses eine Mal in ihnen allen das Allerhöchste BRAHMAN, durch dessen Licht dieses ganze bewegliche und unbewegliche Weltall erleuchtet wird. Brahma wurde durch den Einfluß der Kraft der göttlichen Majestät stumm und still wie eine [steife] Puppe auf dem Altar einer Dorfgöttin. Die Heftigkeit seines Erstaunens und seiner Neugierde hatte ihn ganz verwandelt. Seine elf Sinne waren völlig außer Tätigkeit versetzt.

... Da Brahma unfähig war, zu erkennen [was sich dem Wesen nach vollzog], sagte er: “Was ist das?" und war völlig verwirrt. Der Höchste, der Ungeborene [Bhagavan Krishna] wußte [wie es mit Brahma stand], und verbarg den Schleier seiner Zaubermacht. Da erwachte Brahma wie aus Todesschlaf und erlangte sein Außenbewußtsein wieder. Mit Mühe öffnete er die Augen und sah sich und die Welt.

Der nach allen Seiten sich umschauende Brahma sah den Vrindawald von unerschöpflicher Fülle von Bäumen und allerlei Nahrung für die Menschen, den Wald, in dem alles allem liebreich ist.

Dort waren jene, die von Natur aus böse Feinde waren, -Wild und Menschen- Freunde. Der Aufenthalt des “Unbesiegbaren" verursachte diese Liebe, und entflohen waren von dort Haß und Gier.

Da sah Brahma, der die Herrschaft über alle Sinnenwelt besitzt, daß Krishna die Rolle eines Kindes in der Familie der Kuhhirten spielte. Unergründlich war Krishnas Weisheit; und doch suchte Er, wie vorher, nach den Kälbern und den Gefährten, und hatte, wie vorher, noch eine handvoll Essen in der Faust. Als Brahma Ihn [Bhagavan] sah, stieg er eiligst von seinem Schwan herunter, warf seinen Leib wie einen goldenen Stab auf die Erde, berührte mit den Spitzen seiner vier Kronen die Lotusfüße [Bhagavans] und salbte sie mit dem Freudenstrom seiner Tränen.

Er erhob sich und warf sich immer wieder von neuem nieder, mit seinem Haupt die Lotusfüße Krishnas berührend. Immer wieder und wieder erinnerte er sich der von ihm erschauten Größe Krishnas.

Dann erhob er sich langsam, wischte seine Augen, schaute den Befreiungsgeber [Mukunda] an und senkte sein Haupt, legte die Handflächen zum Gebet aneinander, und demütig-ehrfurchtsvoll und gesammelt pries er [Bhagavan] mit zitternder und stockender Stimme.<<

[Bhagavatam 10, Kap.13]

Schwindelnd vor der Tiefe des unbegreiflichen göttlichen Spiels, ahnt Brahma, daß diesem gnadenvollen Augenblick des Schauens sein ganzes Leben zugeströmt ist, seit er im Lotuskelch die Urstrophen vernahm. Geblendet von der Gottesmajestät Krishnas, hinter welcher doch zuweilen - fast unbegreiflich -Krishnas göttliche Lieblichkeit aufdämmert, preist Brahma den wahren Herrn aller Maya.

Während ihn von allen Seiten in wehem Geschrei das Leid der gottabgewandten Geschöpfe umtönt, die er gebildet hat, preist Brahma die wunderbare Macht der Gottesliebe, der Bhakti, vor der auch die höchste Weisheit verdämmert. Voll Mitleid blickt er in die Welt der täuschenden Maya hinein. Und wieder sieht er mit von Tränen verschleiertem Blick die Gestalt, das Antlitz, das liebliche Lächeln des Knaben Krishna, welcher der Grund aller Welten ist. Brahma singt:

>>Ich verneige mich preisend vor Dir,

dem Preis gebürt.

Du, dessen Leib der Regenwolke,

dessen Kleid den Blitzen gleicht,

dessen Antlitz leuchtend glänzt,

im Schmuck der Gunjablüten hinterm Ohr

und der Pfauenfeder;

Du, mit dem Waldblumenkranz,

des Hirtenkönigs Sohn ...

Du, mit der Hand voll Mundvorrat

und dem Stock und dem Horn und der Flöte,

Du mit den zarten heiligen Füßen,

der Du heilige Liebe selber bist

[und dem die heilige Liebe gehört].

Aus dem Kelch unserer Sinne trinken wir hier

[im Vergänglichen]

immer wieder und wieder

den süßen Nektar,

den Rasa, der von Deinen Lotusfüßen tropft.

O, Gott, nur wer ein Stäubchen Gnade

von Deinem Lotusfüßepaar empfangen hat,

nur der weiß von der Glorie Bhagavaans

kein anderer, wie lang er auch forscht.

Denn diese Wandelwelt ist nicht wirkliches SEIN.

Es ist traumbildgleich,

aller Weisheit leer

und voll schwerem, schwerem Leiden. -

In Dir jedoch, o Du Unendlicher,

in Deiner Gestalt

aus Ewigkeit und Weisheit und Wonne

gründet sie, die Welt.

Aus Deiner Maya steigt sie auf,

und sinkt wieder in sie hinein.

Und deshalb erscheint die Welt als wirkliches Sein,

[weil sie in Dir gründet].

Der EINE, der Uranfang, das bist Du.

Was außerhalb von Dir erschaut ward,

das ist Maya.

Wie wardst Du doch zu Deinen vielen Freunden

und zu den Kälbern, die in Vraja weiden?

Wie wardst Du zu den Gottgestalten, den vierarmigen

von allen Welten angebetet, auch von mir.

Und zu den vielen Welten wardst Du auch ...

Doch auch das zweitlose Brahman bist Du.

O maßloses Glück, o maßloses Glück

der Bewohner von Vraja,

deren Freund das ewige höchste Brahman,

die Fülle der höchsten Wonne ist.

O höchst gesegnet sind die Frauen von Vraja

- und die Kühe von Vraja.

Der Nektar ihrer Muttermilch ward

voll Wohlbehagen von Dir getrunken,

als Du, Alldurchdringer,

die Gestalt von Kälbern und Knaben annahmst,

wo doch zu Deiner Zufriedenstellung,

alle Opfer der Welt

bis zum heutigen Tage nicht ausreichen.

O unbeschreibliches Glück,

wer hier im Wald von Gokula Geburt finden konnte

als ein noch so niedriges Wesen.

Wer baden könnte im Staub der Füße der Gopis,

deren ganzes Leben Mukunda ist.<<

[Bhagavatam 10,14; 1,3,22,18,32,31,33]

Brahmas größter Hymnus an Krishna, der im Urtext neununddreißig Strophen umfaßt, erhebt sich vom preisenden Dienen im Dasya-Rasa, einem Rasa, dem der Weltschöpfer selbst angehört, bis zum Ahnen der Wonne vertraulicher Gottesfreu