Peter Verigin
(1860-1924)
Russischer Lebensreformer, Führer der Duchoborzen
Die christliche Gemeinschaft der Duchoborzen wurde - wegen Nichtanerkennung
der Autorität der führenden Kirche, des Staates und der anderen
Behörden - bekämpft und schließlich aus dem Kaukasus verjagt.
Sie handelten nach Gesetzen, die sie sich selbst gegeben hatten, streng
und unerbittlich, u.a. nicht töten, auch keine Tiere, vor allem nicht
zu Nahrungszwecken. Alkohol und Tabak ganz meiden: alles Hab und Gut untereinander
teilen, also Klassenunterschiede ablehnen. Nirgends bekamen sie Ruhe, weil
sie auch den Militärdienst verweigerten. Als sie einst die letzten vorhandenen
Waffen öffentlich verbrannten, da wurde dieses friedliebende Volk von
Kosakenschwadronen überfallen, zu Tode gemartert, verschleppt und ihre
Unterkünfte verbrannt.
Hier steht aber weder die politische, noch die religiöse Einstellung
zur Debatte, sondern das, was sie für die Lebensreform bedeuteten.
Leo Tolstoi - ein Gesinnungsfreund bezüglich des Vegetarismus - war
es, der schließlich zur Hilfe für dieses gepeinigte kleine Volk
aufrief. Das Ergebnis: die Erlaubnis zur Auswanderung der Duchoborzen nach
Kanada, wo sie freies Staatsland zugewiesen und völige Befreiung vom
Militärdienst zugesagt bekamen. Nur eins fehlte Ihnen noch: eine richtige
Führung zum Neuaufbau. Nach langem Bemühen erreichte die kanadische
Regierung die Freilassung Peter Verigins, der kurz vor dem großen Überfall
und der Verwüstung zum neuen Führer gewählt worden war, und
der in sibirischer Verbannung lebte. Wegen ihrer unglaublichen Anspruchslosigkeit
und durch ihren eisernen Fleiß gelang es den Duchoborzen, Weizenfelder
zu verwandeln. Die Frauen bauten selbst ihre Heimstätten und zogen zu
mehreren den Ackerpflug, während die Männer sich zu Straßenbauten
meldeten, um ihren Unterhalt zu verdienen.
Die ersten 50 Dörfer haben die Duchoborzenfrauen ganz allein gebaut.
Obwohl die Prärie fast gar keine der üblichen Baustoffe liefert,
haben sie haltbare Häuser, mit blühendem Prärierasen gedeckt,
errichtet. In amerikanischen Fachkreisen lautete das Urteil: Muster ländlicher
bodenständiger und zweckmäßiger Bauweise. Später erreichte
Virgin es mit ungewöhnlicher Tatkraft, daß Landmaschinen angeschafft
wurden und Ziegeleien usw. gebaut wurden. Doch bald entstanden Unstimmigkeiten,
weil sich die Duchoborzen weigerten, britische Untertanen zu werden und die
Grundstücke als persönliches Eigentum eintragen zu lassen. Nach
längerem Hin und Her ging ein kleiner Teil des Volkes auf die Bedingungen
der Regierung ein. Sechs Siebentel aber blieben standhaft und verloren daraufhin
nochmals (1907) ihr Land.
Verigin kaufte, um sich von der Regierung unabhängig zu machen, in
der weit günstiger gelegenen Provinz Kolumbien 6000 Hektar Land, meist
Urwald, auf seinen Namen und siedelte zunächst 2000 Duchoborzen zur
Urbarmachung des Waldes an. Aus den Weizenbauern sollten dem vegetarischen
Ideal Verigins gemäß Obstzüchter werden. Selbst lehrte er
sie das Veredeln, und binnen drei Jahren wurden die 6000 Hektar in die schönsten
Obstgärten Kanadas umgewandelt. Die Tatsache, daß dieses kleine
Volk auch seine Pflanzen und Tiere in seine naturgemäße Lebensweise
einbezog, ist ein Grund für das harmonische Zusammenleben dieser besonderen
Gruppe. Verigin baute ein Kraft- und Wasserwerk am Columbia-Fluß -
das größte des Landes - um die neuentstandenen Pflanzungen mit
den vielen Hunderttausenden von selbstgezogenen Apfel-, Kirsch-, Pflaumen-
und Birnenbäumen, unzähligen Beerensträuchern, Erdbeeren,
ausgedehnten Gemüse- und Weingärten bewässern zu können
und für die Siedlungen und Betriebe elektrische Energie zu erhalten.
Die Duchoborzen haben den Obstbau außerordentlich verbessert, den Obstabsatz
hervorragend organisiert und die Herstellung von Obstkonserven zu einem lohnenden
Erwerbszweig gemacht. Ihre Kleinkinder wurden zunächst ausschliesslich
mit Muttermilch genährt, dann bekamen sie Obst, Gemüse, Vollweizenbrot
und Honig, alles unbearbeitet und vollwertig. Dabei waren sie gesund und
fühlten sich wohl, was sich darin zeigte, daß sie - dem Beispiel
der Erwachsenen folgend - gern und viel sangen. Kinderchöre mit kleinen
Dirigenten entstanden. Auch betätigten sie sich schon als Imker. Die
kanadischen Lehrer liebten die Duchoborzenkinder sehr und erklärten
sie für ihre besten Schüler. Die Auffassungsgabe sei bei ihnen
besonders groß und sie hätten einen unbändigen Lerneifer.
Außerdem sei bei ihnen eine verblüffende Zucht und Selbstbeherrschung
festzustellen, sowie Freundlichkeit, Gehorsam und Hilfsbereitschaft. Die
Eltern bezeichneten die Erziehung ihrer Kinder so: Wir lehren sie lesen in
dem weiten Buche der unbestechlichen Natur, wir schärfen ihr Gewissen,
damit sie ihre eigenen Gesetzgeber werden, denn wir lieben unsere Freiheit
und Unabhängigkeit mehr "als den verkleideten Strohwisch eurer Zivilisation!"
Verigin sagte: "In unseren Gemeinschaftssiedlungen gibt es keine Alkoholwirtschaften,
keine Ärzte, keine Apotheken, keine Rechtsanwälte, und doch leben
wir ein glückliches, gesundes und tatkräftiges Leben. Wir befolgen
eine durch und durch schlichte, naturgemäße Lebensweise und strengsten
Vegetarismus mit eingeschalteten Fastentagen." Verigin selbst war ein echter
Vegetarier. Sein Versuch, bewußt das Leben eines ganzen Volkes auf rein
vegetarischer Grundlage aufzubauen, ist gelungen. Er hat dadurch die Richtigkeit
der pythagoräischen Lebensweise vor aller Welt bewiesen. Die oft geäußerte
Bemerkung "aber bei schwerer körperlicher Arbeit kann man nicht vegetarisch
leben" hat hier kein Gewicht mehr. Denn eine härtere Arbeit als die
der Duchoborzen gibt es kaum. Es ist gerade umgekehrt.
Der richtige Vegetarismus mit naturgemäßer Lebensweise und Verzicht
auf Alkohol, Tabak ermöglicht erst diese großen Leistungen!"
Dieser Lebensreformer hat sein Volk zum höchsten Stande körperlicher
und seelischer Gesundheit geführt. Verigin und die Duchoborzen brauchten
weder Satzungen, noch Vorschriften, noch ärztliche Vorträge, noch
Reklame, noch aufklärende Gesundheitsbücher. Nur ein großes
Buch kannten sie genau, das Buch, das der zivilisierten Welt fehlt, das Buch
der Natur!
Leider wurde Peter Verigin zu früh abberufen. Er hat - den Kopf voll
neuer Pläne - bei der Explosion eines Eisenbahnwagens sein Leben lassen
müssen. Das ganze Volk war erschüttert und untröstlich; für
alle Duchoborzen war es unfaßbar, ihr geliebtes Oberhaupt so früh
und auf diese Weise verlieren zu müssen. Noch vor seinem Tode plante
er eine neue Obstbausiedlung der 15.000 Menschen auf vegetarischer Grundlage
in dem für Obstbau sehr geeigneten Staat Oregon der USA. Dazu schrieb
der Lebensreformer Karl Bartes, Oranienburg-Eden, in der Zeitschrift "Der
Naturarzt": "Es ist nicht zweifelhaft, daß dieser geborene Führer
und ungemein praktische und tatkräftige Reformator auch diese Aufgabe
erfolgreich gelöst hätte."
Zum Schluß die Worte J. Elkintons, eines bekannten amerikanischen
Quäkers, über die Duchoborzen: "Je mehr ich diese durch und durch
ehrenhaften Männer und Frauen der Duchoborzen kennenlernte, desto tiefer
kam ich zu der Überzeugung, daß sie den echten Keim aller sittlichen,
sozialen und geistigen Reform in ihren Herzen tragen."
Aus "Naturmedizin in Lebensbildern" von F. Asbeck,
Verlag Grundlagen und Praxis GmbH, Leer
Da die Duchoborzen zu Zeiten Verigins offensichtlich keine Apotheken, Rechtsanwälte
und Gastwirtschaften hatten, möchte ich darauf hinweisen, daß es
soziale Verhältnisse geben kann, die so funktionieren. Wenn es in unserer
Zivilisation ganz anders ist, so liegt es auch an Erziehungs- bzw. Einstellungsstrategien,
die überall öffentlich und privat gefördert und eingeübt
werden. Mein Plädoyer. Niemand bräuchte zu hungern oder in Armut
zu leben, wenn es viele Berufszweige nicht gäbe. Vielleicht wäre
sogar das Gegenteil der Fall. Wirtschaftliche und soziale Kräfte sind
entgegengesetzt, wenn Löhne und Preise die Werte der Mitmenschlichkeit
und der biologischen Grundlagen übergehen oder sogar vergewaltigen, z.B.
durch Konditionierung nach dem Motto: "Des Lied ich singe, wes Brot ich esse."
Wenn aber die biologischen Grundlagen für alle Menschen ausreichend sind,
und sie sind es bei vegetarischer Einstellung, und schonend behandelt werden,
sind sämtliche Schaffensweisen und Güter umsonst, bzw. nur Formen
der Gestaltung, aufgrund ausreichender Versorgung. Niemand bräuchte zu
darben, zu neiden, zu wetteifern ... jeder nach seiner Façon.
B. Brunn-Schulte-Wissing
Die Duchoborzen
Seit vielen Jahren bin ich
auf der Suche nach einer Glaubens- und Lebensgemeinschaft, der ich mich
anschließen kann, und die ohne Zerstörung, Quälerei, Ausbeutung
und Morden auskommt. Meine Suche ertreckte sich von den östlichen Religionen
bis zu den Hutterern und Amish-Gemeinschaften in Amerika. Lange blieb meine
Suche erfolglos. Vor wenigen Monaten stieß ich auf einen Text in "Der
Vegetarier" (1/94) über die Duchoborzen, und daß das Schicksal
dieses Volkes seit 1926 unbekannt ist.
Schon aus dem kurzen Text ging hervor, daß dieses Volk es ehrlich
meinte mit dem "friedlichen Leben". Ich wußte, daß sie aus Rußland
nach Kanada ausgewandert sind, und so machte ich mich in meinem Urlaub auf
nach Britisch Kolumbien.
In Vancouver angekommen, erfuhr
ich unschwer, wo sie heute leben, daß es drei Gruppen davon gibt
und gleichzeitig etwas über die jüngste Geschichte. Man sprach
über die Duchoborzen als von einer fanatischen, gewalttätigen
Sekte, die ihre eigenen Häuser anstecke, Bahnschienen und eine kleine
Brücke in die Luft gesprengt habe und nackt in der Stadt demonstriere.
Über die Gründe für diese Gewalttaten war man nicht informiert.
Von Vancouver aus ging meine
Reise 500 Meilen östlich bis Grand Forks. Dort gibt es eine Versammlungshalle
und ein Museum der Duchoborzen, in dem man interessantes über ihre Geschichte
erfahren kann.
Die heutigen Duchoborzen oder besser gesagt, eine seit Jahrzehnten angepaßte
Gruppe von ihnen, die Communities, unterscheiden sich von der übrigen
Gesellschaft nur noch durch ihre Folklore und dadurch, daß viele von
ihnen immer noch Vegetarier sind. Die andere Gruppe namens Fridomites, die
ihre traditionelle Lebensform zu bewahren versuchte, lebt abseits jeder Straße
in einem kleinen Dorf, etwa 10 Meilen südöstlich der Stadt. Dort
leben, anscheinend ungestört, an einem kleinen Fluß, Granby River,
in kleinen einfachen Häusern etwa 50 Familien mit sehr schön gepflegten
Gemüse- und Obstgärten.
Mit meinen ersten Fragen versuchte
ich, den Grund für die Gewalttaten Mitte der 60-er Jahre zu erfahren.
Die Duchoborzen lehnen jeglichen Fortschritt und jede Obrigkeit ab, somit
auch Landkauf, Grundsteuer, jede Autorität, staatliche Schulen usw.
Herr Sorokin, der Sprecher der Gruppe, erzählte mir: Meine Kinder
versteckten sich zwei Monate im Wald, um nicht von den staatlichen Organen
aufgegriffen zu werden. Eines Nachts, kurz nach Mitternacht, drang die Polizei
mit Waffengewalt in die Häuser, verwüstete die Wohnungen, griff
die schulpflichtigen Kinder des Ortes auf und transportierte sie für
sechs Jahre fort von ihren Familien zur Umerziehung in eine Schule. Seit
dieser Zeit ist die Gruppe auf der Suche nach einem Land, das sie aufnimmt,
in dem sie ihre Lebensart praktizieren können.
Während seiner Regierungszeit kam Herr Gorbatschow zu den Duchoborzen,
rehabilitierte sie und gab ihnen Land unweit von Moskau bei einer Stadt namens
Tula.
Die Duchoborzen sind das einzige
mir bekannte vegetarisch (d.h.vegan) lebende Volk aus Europa, vielleicht
sogar aus der westlichen Welt, das seit Jahrhunderten besteht. Mit ihnen
über Gründe für die vegetarische Ernährung zu sprechen,
ist schwierig, man / frau reagiert eher so, als ob wir einen "normalen Menschen"
fragen würden, warum er keine Menschen ißt.
Die Geschichte der Duchoborzen begann Ende des 17.Jahrhunderts. Der Name
Ducho-bor bedeutet Geisteskämpfer. Wegen ihrer pazifistischen, jede
Obrigkeit ablehnenden Grundeinstellung wurden sie über Jahrhunderte
verfolgt und mußten ihre Siedlungsgebiete verlassen. Sie zogen von
der Ukraine über Grusien bis in den Kaukasus. Sie lehrten ein Leben
in Frieden und Wahrheit im einfachen Glauben an Jesus Christus. Bald gaben
sie ihr Eigentum ab, vernichteten ihre Schußwaffen und nahmen
lieber Verfolgung auf sich, um nicht das Gebot "Du sollst nicht töten"
zu brechen. Sie lehnten ab die Autorität des Zaren, der orthodoxen
Kirchen und der Regierung. Mit Hilfe von Leo Tolstoi durften 9000 von ihnen
Rußland verlassen (im Jahre 1898), wobei 12000 im Kaukasus verblieben.
Die Ducho-borzen oder Tolstoyans, wie sie in Kanada genannt werden, kamen
nach Quebec, dann siedelten sie in Saskatchewan und später in British
Kolumbien.
Sie arbeiteten und lebten zusammen in ihrer Community. Sie benutzten keine
Tiere für die Feldarbeit (abgesehen von bestimmten Gruppen), halten
aber eine Milchkuh oder Ziege für Kleinkinder. Sie haben keine Kirchen,
keine Bücher oder festgeschriebenen Regeln. Die Bibel benutzen sie als
Argument gegen die anderen und messen ihr weniger Bedeutung zu als dem "lebendigen
Buch", das jeder in sich trägt. Sie streben an, nach einem inneren
Gesetz zu leben und sich schrittweise der geistigen Vollkommenheit zu nähern
und dem "Königreich auf Erden". Jesus ist Gottes Sohn, wie wir alle
Gottes Kinder sind. Durch
Jesus sprach Geist-Gott, er lebte und starb und ist auferstanden in den
Herzen der Nachfolger. Gott-Geist wohnt im Menschen und offenbart sich jedem,
der ihn sucht. IHM zu folgen, bedeutet, Gott Leben zu geben. Aus diesem Grunde
brauchen wir keine Institutionen, Priester, Kirchen, Gesetze, Gerichte usw.
Sie schwören nicht und lassen sich nicht taufen. Sie heiraten nicht
und meinen, die Liebenden sollen nur so lange zusammenbleiben, wie sie sich
lieben und schätzen.
Um das kommunale Leben der Duchoborzen kennenzulernen, versuchte ich, gleich
nach meiner Rückkehr aus Kanada nach Moskau zu reisen, was sich als
problematisch erwies, da man für eine Reise nach Rußland eine
Einladung braucht. Deshalb möchte ich auf diesem Wege mit Rußlandreisen
vertraute Menschen um Rat bitten. Wer über die Duchoborzen mehr erfahren
möchte, möge sich an mich wenden.
(Von Waldemar
Mutschmann, Fliederweg 5, 23909 Ratzeburg, Tel. 04541/ 7385,
erschienen im "Vegetarier", Heft 2/95, Seiten 66-67.)